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 AMB 2004, 38, 47b 

„Anti-Aging” - die unerfüllbare Sehnsucht nach der ewigen Jugend


„Anti-Aging” ist eine aus den USA kommende und sich in steigendem Maße auch in Europa ausbreitende Bewegung mit dem Ziel der Krankheits- und Beschwerden-Prophylaxe in der zweiten Lebenshälfte. Das Ziel, die „Lebensqualität” alternder Menschen durch Ermutigung zu einer gesunden Lebensweise und Ernährung und ggf. durch Früherkennung und Behandlung alterstypischer Erkrankungen zu verbessern, ist positiv. Dies deckt sich weitgehend mit den Anliegen der prophylaktischen „Schulmedizin”. Der Begriff „Anti-Aging” ist allerdings illusionär. Die Zeit kann man nicht aufhalten, sondern allenfalls das Auftreten alterstypischer Beschwerden hinauszögern.

In Deutschland gibt es einige vernünftige und selbstkritische Ärzte, die sich mit der Medizin des Alterns beschäftigen. Die Mehrzahl der „Anti-Aging”-Ärzte reitet jedoch leider auf einer unerfreulichen Modewelle, die mit unseriöser Werbung und Methodik viel Geld verdienen will. Typisch hierfür ist der Hinweis darauf, daß mit zunehmendem Alter die Konzentration bestimmter Hormone im Blut systematisch abnimmt oder der Bedarf an Spurenelementen und Vitaminen als Bestandteile antioxidativer Systeme zunimmt. Ohne daß saubere Studienergebnisse über den Erfolg der Substitution solcher Hormone oder der Supplementierung der angeblich defizitären Spurenelemente oder Vitamine vorgelegt werden, wird den an „Anti-Aging” interessierten Menschen mit Defizit-Berichten Angst gemacht, um das Geschäft anzukurbeln. Tatsache ist, daß die Blutkonzentration mancher Hormone, z.B. Wachstumshormon und Dehydroepiandrosteron (DHEA), im höheren Alter - beginnend aber schon im 4. Lebensdezennium - deutlich abnimmt (1). Die „Substitution” mit dem Ziel der Wiederherstellung jugendlicher Werte hat aber keinen positiven körperlichen Effekt. Alte Menschen reagieren z.B. auf die Gabe sehr kleiner Dosen von Wachstumshormon sogar mit unangenehmen Nebenwirkungen (s.a. 2). Auch kann das Wachstum latenter Tumore gesteigert werden.

In den auch für Laien bestimmten Zeitschriften, z.B. „Anti-Aging News” (Graz) werden in die meist unausgewogenen Darstellungen durch bekannte „Anti-Aging”-Spezialisten geschickt (oder auch plump) Reklamen für abenteuerliche „Anti-Aging”-Mittel ohne jede bewiesene positive Wirkung eingebaut. Bestell-Listen liegen der Zeitschrift bei. Oft erkennt man auch nicht, was wissenschaftliche Berichterstattung und was Werbung ist. In Berlin kassiert z.B. ein besonders rühriger „Anti-Aging”-Spezialist für einen Basis-Checkup von mehreren Tagen Dauer zwischen 1800 und 2000 EUR und wirbt hierfür in den „Anti-Aging News”. Die Werbung findet in Form eines Gesprächs mit einem 51-jährigen Schlagersänger statt, der seine „Anti-Aging-Bilanz” folgendermaßen zusammenfaßt: „Spaß-Schub, lockerer und Leistung auf hohem Niveau”. Das erreicht er mit täglich 50 Minuten Sport (wogegen nichts einzuwenden ist), DHEA 50 mg, einem hochdosierten Multivitaminpräparat und Testosteron 250 mg (dies hoffentlich nicht täglich, denn 250 mg retardiertes Testosteron alle 2-3 Wochen i.m. ist die Substitutionsdosis beim kompletten Hypogonadismus des Mannes).

Über die möglichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen der unkritisch und über viele Jahre angewandten „Hormonersatz-Therapie” bei Frauen nach der Menopause haben wir uns mehrfach und umfassend geäußert (3-5).

Wer einmal in den USA einen „Anti-Aging”-Store besucht hat, der kann nur wünschen, daß es bei uns nicht ganz so schlimm kommt. Inzwischen sind in Deutschland erfreulicherweise auch die Medizin-Journalisten sehr kritisch geworden. Es ist zu hoffen, daß die an sich vernünftige Idee der Gesundheitsvorsorge im Alter (z.B. durch mehr körperliche Aktivität, gesunde und vitaminreiche Ernährung, Früherkennung echter Hormondefizite oder anderer erfolgreich behandelbarer Erkrankungen) nicht weiter durch unseriöse Mediziner und durch die absatzorientierte Industrie desavouiert wird. Für die seriöse Prävention von Krankheiten, Beschwerden und Leistungsabfall im höheren Alter sollte nach einem anderen als dem ins Zwielicht geratenen Begriff „Anti-Aging” gesucht werden.

Literatur

  1. AMB 1997, 31, 44.
  2. AMB 2003, 37, 55.
  3. AMB 2001, 35, 17 und 71b.
  4. AMB 2002, 36, 7b; 67 und 68.
  5. AMB 2003, 37, 77a.