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 AMB 2015, 49, 96DB01 

Prognose: In fünf Jahren wird jeder zweite Mensch auf der Erde mindestens ein Arzneimittel täglich einnehmen


Das IMS Institute for Healthcare Informatics ist ein börsennotiertes Marktforschungsinstitut, das die Entwicklungen im Gesundheitssektor beobachtet und bewertet. Seine Kunden sind neben pharmazeutischen Unternehmern (pU) und Gesundheitsökonomen auch potenzielle Investoren und Portfoliomanager (1). IMS hat im November unter dem Titel „Gobal Medicines Use in 2020 – Outlook and Implications“ seine Einschätzung der Entwicklung des weltweiten Arzneimittelmarkts in den nächsten fünf Jahren veröffentlicht. Der Bericht kann kostenfrei von der Webseite des IMS heruntergeladen werden (2).

 

Demnach wird der weltweite Arzneimittelverbrauch in den nächsten fünf Jahren um etwa 25% zunehmen, da einem deutlich größeren Teil der Weltbevölkerung als heute Arzneimittel zur Verfügung stehen werden. Dabei wird der Verbrauch von Original- und Spezialpräparaten in den sog. „Developed Markets“ (z.B. USA, Kanada, Japan, Südkorea, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien) weiterhin sehr viel höher liegen als in den sog. „Pharmerging Markets“ (z.B. China, Brasilien, Indien, Russland), in denen überwiegend Generika und „Over the Counter“ (OTC)-Präparate eingenommen werden. Nach der Prognose von IMS werden im Jahre 2020 mehr als die Hälfte der Menschheit – und nicht ein Drittel wie heute – mindestens ein Medikament täglich einnehmen.

 

Während der Arzneimittelverbrauch in Europa nur gering ansteigt (v.a. in Osteuropa), soll sich entsprechend der Voraussage von IMS die Menge verkaufter Arzneimittel allein in den vier Ländern China, Indien, Indonesien und Brasilien mit seinen insgesamt 3,2 Milliarden Menschen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. In den „Pharmerging Markets“ werden 2020 vermutlich zwei Drittel aller Arzneimittel weltweit verkauft und der Anteil patentfreier, generischer Arzneimittel wird in diesen Märkten etwa 92% betragen. Demgegenüber wird in den „Developed Markets“ der Anteil der Generika in fünf Jahren voraussichtlich ca. 82% betragen und nur 18% werden auf Originalpräparate mit Patentschutz, patentfreie Originalpräparate und Biosimilars entfallen.

 

Angesichts des „Ablebens der klassischen Blockbuster“ zur Behandlung der Volkskrankheiten im letzten Jahrzehnt (3) und klaffender Patentlücken haben sich global agierende pU für eine strategische Neuausrichtung im Bereich Forschung und Entwicklung entschieden. Aus ökonomischen Gründen, aber auch angesichts der demographischen Entwicklung, haben sie ihre Forschungsaktivitäten inzwischen auf Bereiche konzentriert, in denen die Patientenbedürfnisse noch nicht durch existierende medikamentöse Therapien abgedeckt sind („unmet medical need“) und deshalb lukrative Märkte vorhanden sind (z.B. onkologische und rheumatologische Erkrankungen, Virusinfektionen wie HIV und Hepatitis C, ZNS-Erkrankungen). Gleichzeitig haben pU versucht, die infolge der Patentlücken sinkenden Umsätze durch teilweise exorbitante Preise für neue Spezialpräparate (z.B Onkologika; 4) zu kompensieren. Trotz dieser Strategieänderung werden voraussichtlich 2020 nur noch 2-3% der weltweit abgegebenen Medikamente neue Wirkstoffe sein (Zulassung nach 2010). Bei diesen patentgeschützten, meist sehr teuren Arzneimitteln handelt es sich nach Einschätzung von IMS ganz überwiegend um Spezialpräparate, die nahezu exklusiv in den „Developed Markets“ verkauft werden und deren Anteil in den „Pharmerging Markets“ nur etwa 0,1% beträgt.

 

Die globalen Ausgaben für Arzneimittel werden nach den Prognosen des IMS in den nächsten fünf Jahren um etwa 30% steigen – auf dann bemerkenswerte 1,4 Billionen US-$ pro Jahr. Zum Vergleich: die weltweiten Ausgaben für Rüstung betragen aktuell 1,8 Billionen US-$, Tendenz sinkend (5). Ob diese Umsatzprognose real ist oder nur potenzielle Investoren anlocken soll, ist derzeit schwer zu beurteilen. Die Prognose des IMS zeichnet jedoch einen Weg vor, der unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen stellen wird. Die prognostizierten Umsatzzuwächse sollen mehrheitlich (63%) in den „Developed Markets“ durch die teuren Spezialpräparate generiert werden. Deren Anteil an den Gesamtausgaben soll von aktuell 26% auf 36% steigen und nur 12% in den „Pharmerging Markets“ ausmachen. Für die in Bezug auf die Arzneimittelausgaben „Top 5“-Länder in Europa (Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien) werden Umsätze in Höhe von 180 bis 190 Milliarden US-$ vorausgesagt – somit eine Steigerung von knapp 40 Milliarden US-$ gegenüber 2015. Dabei wird Deutschland mit etwa 57 Milliarden US-$ weiterhin der im Umsatz deutlich führende Arzneimittelmarkt in Europa sein.

 

Darüber hinaus wird aber auch mit therapeutischen Fortschritten bei einigen vernachlässigten Erkrankungen gerechnet, insbesondere bei Infektions- und Tropenerkrankungen. Diese begrüßenswerte Entwicklung wird aber nicht durch die klassischen Investoren, sondern vor allem durch philanthropische Forschungsförderung und -förderer erzielt.

 

Neben den beschriebenen Zuwächsen im Arzneimittelmarkt rechnet das IMS in den kommenden Jahren auch mit erheblichen Veränderungen in der Art und Weise, wie Krankheiten behandelt werden. Die wichtigsten Stichworte hier sind Präzisionsmedizin, E-Health und diverse technologische Hilfsmittel zum Krankheitsmanagement.

 

Fazit: Die Pharmabranche ist weiter auf Wachstumskurs. Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu Arzneimitteln, insbesondere in den Schwellenländern und dort vor allem zu Generika. Es bleibt zu hoffen, dass diese Arzneimittel auch rational eingesetzt werden – die Erfahrung aus den letzten Jahren lässt uns allerdings daran zweifeln. In Westeuropa stagniert der Arzneimittelabsatz, aber die Ausgaben nehmen erheblich zu (um 25-45%). Dies liegt vor allem an den teils exorbitant teuren, neuen Spezialpräparaten, insbesondere in der Onkologie, Rheumatologie und Infektiologie. Bei Gesamtumsätzen von über 1 Billion US-$ pro Jahr zählt die Pharmabranche unverändert zu den lukrativsten Branchen für Investoren überhaupt. Rücksichtnahme auf unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem ist bei diesen Investoren sicher nicht zu erwarten.

 

Literatur

  1. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/IMS_Health Link zur Quelle (Zugriff am 26.11.15).
  2. http://www.imshealth.com/en/thought-leadership/ims-institute/reports/ global-medicines- use-in-2020 Link zur Quelle
  3. Cutler, D.M.: N. Engl. J. Med. 2007,356, 1292. Link zur Quelle
  4. AMB 2015, 49,40DB01. Link zur Quelle
  5. Wirtschaftswoche 13. April 2015. Link zur Quelle