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 AMB 2016, 50, 57 

DER ARZNEIMITTELBRIEF im 50. Jahrgang


Im Januar 1967 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitschrift, und mit dieser sind es bisher 596 Ausgaben, alle im Westkreuz Verlag. Der Gründer und erste Herausgeber des ARZNEIMITTELBRIEFS, der Berliner Internist Herbert Herxheimer schrieb 1970 im Spiegel (1) zur Notwendigkeit einer Industrie-unabhängigen ärztlichen Fortbildung u.a. Folgendes: „Es ergibt sich, dass die gesamte medizinische Presse … durch die massenhaften Anzeigen der pharmazeutischen Industrie … unterhalten wird und dadurch von ihr mehr oder weniger abhängig ist. Ist es verwunderlich, wenn sich im Contergan-Prozess herausstellt, dass die Veröffentlichung von schädlichen Nebenwirkungen in einer Zeitschrift zurückgestellt wurde? … Dazu kommt, dass … die großen Fortbildungskongresse … immer mehr von der pharmazeutischen Industrie abhängig werden …. Es lässt sich vermuten, dass die pharmazeutische Industrie zu den meisten Kongressen und Tagungen erhebliche finanzielle Beiträge leistet, aus denen zum Beispiel die Reise- und Unterhaltskosten der Vortragenden bezahlt werden. Auch die Preispolitik der Industrie bedarf der Nachprüfung. Für viele Substanzen, deren Patent abgelaufen ist, gibt es gleichwertige … Präparate“.

 

Scheinbar hat sich an der zugrundeliegenden Problematik der Beeinflussung in den zurückliegenden 50 Jahren wenig geändert. Allerdings haben sich durch neue Medien die technischen Möglichkeiten fortentwickelt, und die Methoden der Beeinflussung sind breiter und subtiler geworden. Heute sind über 5.000 medizinische Journale in PubMed gelistet, und täglich erscheinen dort über 100 neue Studien. Es gibt zwar Regeln und Versuche von Kontrollen (Peer-review-Prozesse, Deklarationen von Interessenkonflikten) für diese Publikationen, sie werden aber immer wieder umgangen. Da die Originaldaten aus den Studien oft von pharmazeutischen Unternehmern als vertrauliches Firmeneigentum betrachtet werden, können sie mitunter nur sehr mühsam von unabhängigen Experten überprüft werden. Der ökonomische Druck auf die Hersteller ist weiterhin sehr hoch. Marketingabteilungen sowie Investoren haben das Sagen. Auch heute sind deshalb Manipulationen bei der Planung und Durchführung von Studien und der Präsentation von Ergebnissen an der Tagesordnung. P.A. Ioannidis schreibt in einem sehr lesenswerten Aufsatz zur Krise der evidenzbasierten Medizin, es sei ein Kardinalfehler, der Industrie die Beweisführung für den Wert ihrer eigenen Produkte zu überlassen (2). Diesem Fehler entgegenzuwirken, ist Aufgabe von Herausgebern medizinischer Zeitschriften, von Fachgesellschaften und ärztlichen Fortbildungsorganisationen. Daher müssen diese Institutionen unabhängig sein von der Industrie. Leider ist oft das Gegenteil der Fall, und viele Ärzte finden nach wie vor nichts Anrüchiges daran, wenn ihre Fortbildung von der Industrie organisiert wird. Hier ist ein grundsätzlicher Sinneswandel notwendig - heute mehr denn je. Auch die Zulassungsbehörden und Institutionen des Health Technology Assessment, wie z.B. das IQWIG oder die Ludwig Boltzmann Gesellschaft spielen eine sehr wichtige Rolle bei der Wahrheitsfindung, dem Verbraucherschutz und dem Schutz vor Profitsteben der pharmazeutischen Unternehmer.

 

Nochmals sei Herxheimer aus dem Jahre 1970 zitiert: „So kann es nicht mehr weitergehen. Wir Ärzte können nicht weiter in einer Atmosphäre leben, in der die Psychologie des "Weißen Riesen" herrscht, der jeden Tag durch einen noch weißeren Riesen abgelöst wird. Die Technik des kaufmännischen Wettbewerbs darf nicht unbeschränkt auf die Arzneimittel übertragen werden, die die Krankheit bekämpfen sollen und bei deren Anwendung objektive Maßstäbe angelegt werden müssen.“

 

Auch DER ARZNEIMITTRELBRIEF kann nicht alle „weißen Riesen“ (ein viel und aggressiv beworbenes Waschmittel aus den 70er und 80er Jahren) studieren und alle Fehler und störenden Einflussfaktoren in den Publikationen erkennen. Wir sehen unsere Aufgabe vielmehr darin, die vorhandenen Informationen zu einzelnen Therapien aus der kritischen Sicht von unabhängigen, erfahrenen, klinisch tätigen Ärzten zu beurteilen und für unsere Leser im Sinne der Fortbildung aufzubereiten.

 

Wir möchten unser Jubiläum zum Anlass nehmen, allen Leserinnen und Lesern für ihr Vertrauen und oft jahrzehntelange Treue zu danken. Zugleich möchten wir Sie zu unserem Symposium zum Thema „Arzneimittelinnovationen: Nutzen, Schaden, Profit“ am 15.10.2016 um 10.00 Uhr ins Kaiserin-Friedrich-Haus, Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin-Mitte einladen.

 

Literatur

  1. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44418334.html Link zur Quelle
  2. Ioannidis, J.P.: J.Clin. Epidemiol. 2016, 73, 82 Link zur Quelle . Vgl. AMB 2016, 50, 32DB01. Link zur Quelle