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DER ARZNEIMITTELBRIEF – Jahrgang 2018

 

Im zurückliegenden Jahr sind 91 Artikel im Arzneimittelbrief erschienen. Gemessen an der Anzahl der Artikel lagen die Schwerpunkte in der Arzneimitteltherapiesicherheit (18), der Infektiologie/Impfungen (12), der Kardiologie (11), Gerinnungshemmung (10), Neurologie (8), Hypertonie (8) und Diabetes/Endokrinologie (6).

Inhaltlich haben wir uns mehrfach mit zwei Skandalen beschäftigt, die auf erhebliche Sicherheitsprobleme in unseren Arzneimittelmärkten hindeuten. Es handelt sich um die immer noch nicht hinreichend geklärten Fälle mit verunreinigtem Valsartan und weiteren Sartanen (1) sowie der Reimport von wahrscheinlich gefälschten Krebsmedikamenten durch einen brandenburgischen pharmazeutischen Unternehmer und Großhändler, offenbar über mehrere Jahre und unter den Augen der regionalen Aufsichtsbehörden (2).

Der Hauptgrund für das ganz offensichtlich zunehmende Risiko, an gefälschte Arzneimittel zu gelangen, dürften die immer weiter steigenden Preise für patentgeschützte Arzneimittel sein. Solange ein Gramm eines Arzneimittels über hundertmal teurer ist als ein Gramm Gold werden kriminelle Netzwerke weiter aktiv sein und Medikamente stehlen und fälschen. Von den 34 neuen Wirkstoffen, die 2017 neu auf den Markt gekommen sind, kosteten 24 mehr als 20 000 Euro im Jahr (3). Nach allem, was zu lesen ist, wird in Europa, Nordamerika und Japan auch 2019 kräftig weiter an dieser Preisspirale gedreht. Andere Gründe als eine weitere Profitmaximierung für die Besitzer der pharmazeutischen Unternehmen sind für uns nicht erkennbar. Als Reaktion auf diese Preissteigerungen kommt es zu immer komplizierteren Maßnahmen zur Preisregulierung durch Politik und Sozialversicherungen. Zu einer nachhaltigen Eindämmung der Kosten haben die vielen Regeln jedoch nicht geführt.

 

In den letzten Jahren wurden auch große Teile der Arzneimittelproduktion in behördlich schwerer kontrollierbare Billiglohnländer verlagert. Die Vertriebsketten von dort bis in die heimischen Märkte sind häufig intransparent, es gibt unzureichende Qualitäts- und Identitätskontrollen und offensichtlich überforderte Landesbehörden, die für die Überwachung der Arzneimittelsicherheit zuständig sind. Mittlerweile werden vermutlich mehr als 80% der in Europa verkauften patentfreien Arzneimittel in China und Indien produziert. Die containerweise eingeschifften Wirkstoffe werden von den Zulassungsinhabern nur noch in Tablettenform gepresst, ausgezeichnet, verpackt und als europäisches Produkt verkauft. Größere Lagerbestände gibt es nicht mehr, allenfalls noch bei den Zwischenhändlern. Wenn dann in einer Fabrik in China, die sich auf Sartane spezialisiert hat und von der nahezu alle heimischen Generikahersteller ihre Wirkstoffe beziehen, die Produktion wegen gravierender Qualitätsmängel einstellen muss, dann sind gleichzeitig fast alle Zulassungsinhaber in Europa betroffen und kurzfristig keine dieser Arzneimittel mehr lieferbar.

Aus unserer Sicht ist die nahezu vollständige Verlagerung der Wirkstoffproduktion in Billiglohnländer außerhalb der EU nicht nur ein Risiko für die Qualität unserer Arzneimittel, sondern auch für die Arzneimittelversorgung und Arzneimittelsicherheit insgesamt. Daher sollten verstärkt Anstrengungen unternommen werden, die Produktion von Generika wieder nach Europa zurückzuholen.

 

Sehr gerne werden neue Arzneimittel mit dem Attribut „innovativ“ beworben. Tatsächlich bringen diese „innovativen Medikamente“ häufig gar keinen oder nur einen geringen therapeutischen Fortschritt (4). Dass „innovative“ Arzneimittel auch große Gefahren bergen können, zeigte der Fall des monoklonalen Antikörpers Daclizumab. Dieser war zur Behandlung der schubförmig verlaufenden Form der Multiplen Sklerose zugelassen und musste im März wegen schwerer autoimmunbedingter Meningoenzephalitiden wieder vom Markt genommen werden (5). Zwei Jahre zuvor wurde Daclizumab noch mit der „Goldenen Tablette“ als das „innovativste Produkt“ in der Neurologie ausgezeichnet (6).

 

Im Oktober hat das Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) der europäischen Arzneimittelbehörde empfohlen, alle Chinolon-Antibiotika der ersten Generation vom Markt zu nehmen und die Anwendung der Fluorochinolone aus Sicherheitsgründen nur noch auf ausgewählte Indikationen zu begrenzen. Grund dieser für den Versorgungsalltag weitreichenden Entscheidung sind die schon lange bekannten und teilweise schwerwiegenden Nebenwirkungen der Chinolone auf Muskeln, Gelenke und das Nervensystem (7).

Im vergangenen Jahr gab es auch mehrere ernstzunehmende Signale für Nebenwirkungen bei weiteren häufig verwendeten Arzneimitteln. So verdichten sich die Hinweise auf ein erhöhtes Hautkrebsrisiko unter Hydrochlorothiazid-Diuretika (8) und auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko unter dem neueren Harnsäurersenker Febuxostat (9). Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, zu welchen Arzneimitteln in der EU gerade ein Risikoverfahren läuft, dem sei das „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ empfohlen, das von den beiden deutschen Bundesoberbehörden (BfArM, PEI) vier Mal jährlich als Print- und Online-Version herausgegeben wird (10). Dort werden Arzneimittel, die derzeit intensiver beobachtet werden aufgelistet..

 

Wir haben 2018 an den Beispielen direkte orale Antikoagulanzien sowie Methotrexat erneut auf die Gefahren von Medikationsfehlern hingewiesen (11, 12). Mittlerweile gibt es Empfehlungen zum sichereren Umgang mit den direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) und einen einheitlichen Ausweis für DOAK-Patienten, der nicht von den Herstellern, sondern einer neutralen Institution, der European Heart Rhythm Association (EHRA) kommt und kostenlos von deren Webseite heruntergeladen werden kann (13, 14).

 

Ein Hauptartikel im Februar 2018 beschäftigte sich mit der Immuntherapie des Multiplen Myeloms (15). Die Therapie mit monoklonalen Antikörpern wird in Zukunft immer wichtiger, besonders in der Onkologie und der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen (z.B. in der Rheumatologie, Gastorenterologie und Dermatologie). Daher müssen wir lernen, mit diesen neuartigen Medikamenten und deren Risiken umzugehen.

Der Hauptartikel im März 2018 befasste sich mit der medikamentösen Erstbehandlung schwerer unipolarer Depressionen (16). Eine große Metaanalyse kam 2018 zu dem Ergebnis, dass Antidepressiva bei mittelschweren und schweren Episoden einer unipolaren Depression wirksamer sind als Plazebo. Die Effektstärke wurde jedoch nur als moderat bewertet, und es wurden – anders als dies in den Hochglanzbroschüren versprochen wird – keine speziellen Klasseneffekte bei den verschiedenen untersuchten Wirkstoffen identifiziert. Einmal mehr wurde auch klar, dass die Aussagekraft der Ergebnisse dadurch eingeschränkt wird, dass 90% der durchgeführten Studien mit Antidepressiva ein mittleres oder hohes Risiko für Verzerrungen haben.

Der Hauptartikel im Dezember beschäftigte sich mit dem Sinn und Unsinn pharmakogenetischer Tests. Hierfür wird unter dem Überbegriff „Präzisionsmedizin“ sehr viel geworben und versprochen. Den (ökonomischen) Nutzen dürften aber derzeit in erster Linie noch die Hersteller dieser Tests haben (17).

 

Wir hoffen, mit unserer Themenauswahl Ihre täglichen Bedürfnisse gut abzudecken, freuen uns aber auch über Kritik und konstruktive Anregungen. Seit Oktober 2018 gibt es einen regelmäßigen Newsletter, den Sie über unsere Webseiten abonnieren können (www.der-arzneimittelbrief.de bzw. www.der-arzneimittelbrief.at). Hier werden Sie über die Inhalte der neuen Ausgabe informiert und bleiben so auf dem Laufenden.

Literatur

  1. AMB 2018, 52, 55. AMB 2018, 52, 57.
  2. AMB 2018, 52, 82.
  3. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Arzneimittelausgaben?aid=201009
  4. Ludwig WD: „Entwicklung neuer Wirkstoffe: Wie definieren wir Innovationen und erkennen substanziellen therapeutischen Fortschritt?“ https://leibnizsozietaet.de/kolloquium-zu-ehren-des-80-geburtstages-von-mls-prof-dr-peter-oehme-zum-thema-historisches-und-aktuelles-zur-arzneimittelforschung-broschuere/
  5. AMB 2018, 52, 44.
  6. https://pharma-trend.com/zinbryta/
  7. AMB 1997, 31, 48. AMB 2000, 34, 49. AMB 2018, 52, 87.
  8. AMB 2018, 52, 84.
  9. AMB 2018, 52, 28.
  10. https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/_node.html
  11. AMB 2018, 52, 41.
  12. AMB 2018, 52, 34.
  13. AMB 2018, 52, 17.
  14. AMB 2018, 52, 41.
  15. AMB 2018, 52, 09.
  16. https://www.escardio.org/static_file/Escardio/Subspecialty/EHRA/publications/English-EHRA-NOAC-card-A5.pdf
  17. AMB 2018, 52, 89.