{"id":1514,"date":"2002-06-01T12:07:00","date_gmt":"2002-06-01T10:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/die-beziehung-zwischen-arzt-und-industrie"},"modified":"2002-06-01T12:07:00","modified_gmt":"2002-06-01T10:07:00","slug":"die-beziehung-zwischen-arzt-und-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/die-beziehung-zwischen-arzt-und-industrie\/","title":{"rendered":"Die Beziehung zwischen Arzt und Industrie"},"content":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anla\u00df, dem sog. \u00c4rzte-Bestechungsskandal, m\u00f6chten wir auf ein aktuelles Positionspapier zum Umgang von \u00c4rzten mit der Industrie aus der Sektion Innere Medizin des American College of Physicians hinweisen (Ann. Intern. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11874314&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>136<\/b>, 396<\/a>). Ausgangspunkt dieser Stellungnahme war die Beobachtung, da\u00df Art und Umfang des Einflusses der Industrie im Gesundheitswesen in den vergangenen Jahren stetig zugenommen haben. Insbesondere durch die sich sehr stark entwickelnden Bereiche Biotechnologie, Pharmakogenetik und E-Health (Medizindienstleistung im Internet und anderen elektronischen Medien) werden die Verbindungen zwischen \u00c4rzten und Industrie immer enger. Die Firmen und deren Repr\u00e4sentanten sind heute in vielen Bereichen unverzichtbare Partner, nicht nur in Forschung und Weiterbildung, sondern auch in der Betreuung komplexer Therapien. Diese enge Verbindung zwischen \u00c4rzten und Industrie impliziert jedoch zwangsl\u00e4ufig eine Abh\u00e4ngigkeit und Beeinflussung (Bias) bei \u00e4rztlichen Beurteilungen und Handlungen.<\/p>\n<p>Ziel der Publikation war es, den \u00c4rzten Richtlinien zu geben, mit deren Hilfe sie richtig, d.h. nicht zum Schaden ihrer Patienten und nicht zum eigenen Schaden, mit der Industrie umgehen k\u00f6nnen. Einleitend werden die vier ethischen Grunds\u00e4tze einer professionellen \u00e4rztlichen Arbeit genannt, die nicht durch die Beziehungen zur Industrie gef\u00e4hrdet sein d\u00fcrfen. 1. \u00c4rzte m\u00fcssen im besten Interesse der Patienten handeln (Benefiz). 2. \u00c4rzte m\u00fcssen Patienten vor Schaden bewahren (Nonmalefiz). 3. \u00c4rzte m\u00fcssen Patienten und deren Willen respektieren und einen aufgekl\u00e4rten Konsens anstreben (Autonomie). 4. \u00c4rzte m\u00fcssen die dem Gesundheitssystem zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel problembezogen auf alle Patienten verteilen (Gerechtigkeit).<\/p>\n<p><b>Position 1: Es wird \u00c4rzten generell davon abgeraten, Geschenke, Einladungen, Reisen und finanzielle Unterst\u00fctzungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen.<\/b> Dabei ist es oft schwierig, zwischen kleineren Aufmerksamkeiten und unangemessenen Geschenken zu unterscheiden. Als allgemein akzeptierte und ethisch vertretbare Geschenke gelten: billige B\u00fcrowaren (Kugelschreiber, Kalender), billiges Fortbildungsmaterial (einfache Fachb\u00fccher und Patientenbrosch\u00fcren) und Einladungen zu Fortbildungsveranstaltungen mit moderater Verk\u00f6stigung (Imbi\u00df, Getr\u00e4nke). F\u00fcr die Unterscheidung zwischen angemessenen und unangemessenen Geschenken k\u00f6nnen einige Fragen sehr hilfreich sein:<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p>Was w\u00fcrden meine Patienten \u00fcber die Annahme des Geschenks denken? Was w\u00fcrde die \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber denken? W\u00fcrde es mir etwas ausmachen, wenn diese Verbindung \u00fcber die Medien publik gemacht w\u00fcrde? Die Antworten auf diese Fragen sind gut erforscht. So finden es Patienten in aller Regel nicht richtig, da\u00df \u00c4rzte Geschenke von der Industrie annehmen. Dabei werden kleinere \u201dAufmerksamkeiten\u201d, wie Kugelschreiber, Medikamentenproben und Sonderdrucke als unbedenklich angesehen. Dagegen werden Dinge f\u00fcr die private Nutzung, wie Radios oder Kaffeemaschinen sowie Einladungen zum Essen bzw. zu Reisen, abgelehnt, weil vermutet wird, da\u00df diese Zuwendungen die \u00e4rztlichen Entscheidungen beeinflussen und die Kosten im Gesundheitswesen steigern.<\/p>\n<p><i>Was k\u00f6nnte der Hintergedanke der Industrie f\u00fcr das Geschenk sein? <\/i>Die Schaffung einer sog. Geschenkebeziehung bezweckt die Verankerung des Gebers im Ged\u00e4chtnis des Nehmers. Dadurch entsteht eine gewisse Verpflichtung, das Geschenk zu erwidern. Dies gilt im \u00fcbrigen auch f\u00fcr \u00fcberlassene Probepackungen von Medikamenten, die, wenn an Patienten weitergegeben, bei diesen schnell eine Markenpr\u00e4gung verursachen. Ein wirtschaftlicher Schaden kann dadurch entstehen, da\u00df den Patienten dann auf deren Wunsch die gleiche Marke weiter verordnet wird, obwohl auch g\u00fcnstigere Pr\u00e4parate mit gleicher Wirksamkeit zur Verf\u00fcgung stehen. \u00dcbrigens werden die Probepackungen zu etwa einem Drittel von \u00c4rzten selbst oder ihren Angestellten oder Angeh\u00f6rigen konsumiert. Auch die gerne verteilten Hochglanzbrosch\u00fcren f\u00fcr \u00c4rzte und Patienten, Gratis-Software oder kostenfrei angebotene Patientenschulungen sind in nahezu allen F\u00e4llen reine Werbung. Solche Materialien d\u00fcrfen niemals als alleinige Informationsquelle von \u00c4rzten akzeptiert werden.<\/p>\n<p><i>Was w\u00fcrden meine Kollegen \u00fcber die Geschenkannahme denken? Was w\u00fcrde ich \u00fcber meinen eigenen Arzt denken, wenn er ein solches Angebot ann\u00e4hme?<\/i> Alle \u00c4rzte werden schon fr\u00fch w\u00e4hrend ihrer Ausbildung an die Geschenke der Industrie gew\u00f6hnt. Medizinstudenten erhalten von der Industrie Lehrmaterial und medizinische Ger\u00e4tschaften unentgeltlich und werden zu Fortbildungsveranstaltungen eingeladen. Diesen Angeboten steht an den Universit\u00e4ten nur selten eine fundierte Ausbildung \u00fcber medizinethische Standards gegen\u00fcber. Die meisten \u00c4rzte zweifeln an der Angemessenheit der Geschenkepraxis. Im Idealfall nehmen \u00c4rzte keine Werbungsgeschenke an, die das \u00e4rztliche Urteil beeinflussen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><b>Position 2: \u00c4rzte, die feste finanzielle Beziehungen mit der Industrie unterhalten, entweder als Forscher, Redner, Berater, Investoren, Miteigent\u00fcmer, Partner, Angestellte o.a., d\u00fcrfen dadurch ihr objektives klinisches Urteil nicht beeinflussen lassen. Alle \u00c4rzte m\u00fcssen solche Beziehungen bei klinischen Forschungsprojekten und Publikationen offenlegen.<\/b> Die Verbindung zwischen klinisch t\u00e4tigen \u00c4rzten und der Industrie sind f\u00fcr den medizinischen Fortschritt unabdingbar. Etwa die H\u00e4lfte der medizinischen Forschungsgelder in Deutschland sind sog. Drittmittel-Gelder der Industrie. Diese engen materiellen und inhaltlichen Verbindungen erzeugen unzweifelhaft einen Interessenkonflikt und gef\u00e4hrden das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen Patient und Arzt.<\/p>\n<p>Wenn \u00c4rzte z.B. als Privateigent\u00fcmer medizinischer Einrichtungen fungieren, dann h\u00e4ngt ihr wirtschaftlicher Erfolg unmittelbar auch von ihren medizinischen Entscheidungen ab. Es ist unethisch, wenn \u00c4rzte z.B. im Rahmen einer Belegarztpraxis zu medizinischen Eingriffen raten, nur um daraus einen finanziellen Nutzen zu ziehen. Es ist ebenfalls unethisch, eine Vereinbarung einzugehen, die beinhaltet, da\u00df das Einkommen eines Arztes an die Zahl seiner Zuweisungen gekn\u00fcpft wird. Wenn \u00c4rzte an Einrichtungen zuweisen, an denen sie finanziell beteiligt sind, dann m\u00fcssen sie dies den Patienten gegen\u00fcber offenlegen und auch Alternativen benennen.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p>\u00c4rzte, die ausbilden und\/oder forschen, um das wissenschaftliche und professionelle Wissen zu erweitern, k\u00f6nnen auch eine leistungsbezogene Aufwandsentsch\u00e4digung (angemessenes Vortragshonorar, Reisespesen) von der Industrie annehmen. Dem Auditorium oder den Lesern sollen diese Zuwendungen jedoch zur Wahrung der Objektivit\u00e4t mitgeteilt werden. Der Inhalt der Vorlesung soll vom Vortragenden und nicht vom Sponsor bestimmt sein. Wenn \u00c4rzte f\u00fcr die Industrie beratend t\u00e4tig sind oder Vortr\u00e4ge halten oder Texte verfassen, m\u00fcssen sie ihre Unabh\u00e4ngigkeit wahren. Die Quelle der gegebenen Information sollte stets angegeben werden. Unethisch ist, wenn sich \u00c4rzte daf\u00fcr bezahlen lassen, ihren Namen unter Publikationen der Industrie zu setzen, die allein dazu verfa\u00dft wurden, die \u00d6ffentlichkeit zu manipulieren (\u201dto manage the press\u201d).<\/p>\n<p>Forschungsarbeiten sowie Anwendungsbeobachtungen zu neuen Medikamente k\u00f6nnen dazu beitragen, deren Nutzen und Risiken besser zu verstehen. Sie dienen also den Grunds\u00e4tzen des Benefiz und des Nonmalefiz. Die \u00c4rzte m\u00fcssen jedoch sicherstellen, da\u00df der Forschungsinhalt relevant und die Durchf\u00fchrung ethisch vertretbar ist. \u00c4rzte d\u00fcrfen nicht an Studien teilnehmen, deren alleiniger Inhalt es ist, ein Produkt besser auf dem Markt zu positionieren. \u00c4rzte haben zur Wahrung der Patientenautonomie die ethische Verpflichtung, ihre finanziellen Vorteile durch eine Anwendungsstudie den teilnehmenden Patienten mitzuteilen. Die Aufwandsentsch\u00e4digung mu\u00df ad\u00e4quat zur erbrachten Leistung und dem Zeitaufwand sein. Eine Entlohnung f\u00fcr das alleinige Rekrutieren von Patienten f\u00fcr eine Studie (\u201dfinder\u00b4s fees\u201d), die dann ausschlie\u00dflich von einer Firma durchgef\u00fchrt wird, ist inakzeptabel. Schlie\u00dflich m\u00fcssen \u00c4rzte, die an solchen Studien teilnehmen, daf\u00fcr Sorge tragen, da\u00df es keinen \u201dPublikationsbias\u201d \u00fcber das Studienergebnis gibt. In den abgeschlossenen Vertr\u00e4gen mu\u00df also stehen, da\u00df die Studienergebnisse \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen und da\u00df auch negative Studienergebnisse nicht unterdr\u00fcckt werden k\u00f6nnen. Wenn trotzdem von der Firma solche Anstrengungen unternommen werden, dann sind die \u00c4rzte dazu verpflichtet, diese Manipulationsversuche den entsprechenden Aufsichtsbeh\u00f6rden mitzuteilen.<\/p>\n<p>Auch die Nutzung moderner elektronischer Medien (Internet, CD-Rom mit Vortr\u00e4gen oder Expertensystemen etc.) mu\u00df von \u00c4rzten kritisch beobachtet werden. Die Gesundheitssysteme werden in Zukunft noch st\u00e4rker von diesen elektronischen Medien Gebrauch machen, die von der Industrie in starkem Ma\u00dfe gesteuert und beeinflu\u00dft werden. Angesichts der explosionsartigen Vervielf\u00e4ltigung dieser technisch erreichbaren Informationsm\u00f6glichkeiten, die als klinische Datenquelle, Patientenforum und vieles mehr dienen, wird es zunehmend wichtig sein, aus der Flut von Informationen jene heraus zu filtern, die unabh\u00e4ngig von kommerziellen Interessen und relevant sind. \u00c4rzte, die im Internet pr\u00e4sent sind, tragen die Verantwortung f\u00fcr den Inhalt und die Links, die auf ihrer Website stehen.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> In der genannten Publikation unternimmt eine amerikanische medizinische Fachgesellschaft den Versuch, allen \u00c4rzten ethische Richtlinien an die Hand zu geben, wie sie den unverzichtbaren inhaltlichen und materiellen Umgang mit der Industrie regeln k\u00f6nnen, ohne dabei ihre Unabh\u00e4ngigkeit zu verlieren und trotzdem ihre Verpflichtungen gegen\u00fcber Patienten und Gesellschaft erf\u00fcllen. Neben den eindeutigen gesetzlichen Bestimmungen gibt es in Deutschland auch vergleichbare Verhaltenskodizes (Berufsordnung, Kodex Medizinprodukte, Gemeinsamer Standpunkt zur strafrechtlichen Bewertung der Zusammenarbeit zwischen Industrie, medizinischen Einrichtungen und deren Mitarbeitern). Die Entwicklung und \u00dcberwachung des Einhaltens solcher Regeln ist eine ganz vordringliche Aufgabe der Standespolitik. Die unabh\u00e4ngige Arzneimittelinformation, wie sie z.B. von unabh\u00e4ngigen Arzneimittel-Zeitschriften gegeben wird, ist ein ganz wesentlicher Bestandteil derartiger Bem\u00fchungen.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anla\u00df, dem sog. \u00c4rzte-Bestechungsskandal, m\u00f6chten wir auf ein aktuelles Positionspapier zum Umgang von \u00c4rzten mit der Industrie aus der Sektion Innere Medizin des American College of Physicians hinweisen (Ann. Intern. Med. 2002, 136, 396). 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