{"id":1779,"date":"2014-03-17T14:02:52","date_gmt":"2014-03-17T14:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/?p=1779"},"modified":"2014-03-17T14:02:52","modified_gmt":"2014-03-17T14:02:52","slug":"carbamazepin-hypersensitivitaet-ist-durch-gentest-vorauszusagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/carbamazepin-hypersensitivitaet-ist-durch-gentest-vorauszusagen\/","title":{"rendered":"Carbamazepin-Hypersensitivit\u00e4t ist durch Gentest vorauszusagen"},"content":{"rendered":"<p>AMB 2011,\u00a0<strong>45<\/strong>, 46<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Carbamazepin-Hypersensitivit\u00e4t ist durch Gentest vorauszusagen<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Reaktionen auf Arzneimittel sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen sind besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW). Ein Teil dieser \u00dcberempfindlichkeit ist genetisch bedingt. Arzneimittelbedingte Hautreaktionen (SSR: serious skin rashes), Lebersch\u00e4digungen (DILI: drug induced liver injuries), interstitielle Nephritiden, Rhabdomyolysen, QT-Zeit-Verl\u00e4ngerungen, Angio\u00f6deme, aber auch Beeintr\u00e4chtigungen der Blutbildung scheinen eine genetische Determinante zu haben. Wenn sich diese Veranlagung im Vorfeld einer Arzneimitteltherapie bestimmen lie\u00dfe, k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise einige dieser teils lebensbedrohlichen Komplikationen vermieden werden. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber Carbamazepin (C). C wird nicht nur als Antikonvulsivum, sondern auch bei bipolaren Erkrankungen und chronischen neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Es ist eines der am h\u00e4ufigsten verordneten Arzneimittel aus der Gruppe der Antikonvulsiva.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vertr\u00e4glichkeit von C ist durch eine geringe therapeutische Breite und viele m\u00f6gliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingeschr\u00e4nkt. UAW sind entsprechend h\u00e4ufig, besonders zu Beginn der Therapie. Es wird daher empfohlen, unter C-Therapie regelm\u00e4\u00dfig Blutbild, Nieren- und Leberfunktion sowie den C-Spiegel zu bestimmen. Au\u00dferdem sollen sich die Patienten wegen der Gefahr einer Photosensibilisierung vor starker Sonnenbestrahlung sch\u00fctzen. Sie m\u00fcssen zu Beginn und im Laufe der Therapie \u00fcber m\u00f6gliche UAW genau aufgekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem sind Hypersensitivit\u00e4tsreaktionen unter C. Milde Formen, wie z.B. ein makulopapul\u00f6ses Exanthem, treten bei 5-10% der Patienten auf. Schwere Formen mit Fieber, Eosinophilie, Hepatitis (DILI) und Nephritis sind selten, jedoch mit einer Letalit\u00e4t von bis zu 10% behaftet. Besonders schwere Formen der Hypersensitivit\u00e4t sind das Stevens-Johnson Syndrom (SJS) und die Toxische epidermale Nekrolyse (TEN). Etwa 1-6 von 10.000 Exponierten erkranken, ein Drittel der Patienten mit TEN sterben. Bei Asiaten treten SJS und TEN wesentlich h\u00e4ufiger als bei Europ\u00e4ern auf (ca. 2\/1000). Ein bestimmter Genotyp (HLA-B*1502 Allel) hat sich als ein wichtiger und hochsensitiver Pr\u00e4diktor f\u00fcr SJS und TEN erwiesen. In einer chinesischen Studie waren 7,7% von \u00fcber 4800 Patienten, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden mit C behandelt werden sollten, Tr\u00e4ger dieses Genotyps. In einer prospektiven Interventionsstudie wurde diesen kein C, sondern eine alternative Substanz verordnet. Ein SJS und eine TEN traten daraufhin nicht mehr auf (1).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung wird das HLA-B*1502 Allel seltener gefunden (ca. 2%). Trotzdem treten Hypersensitivit\u00e4tsreaktionen wie makulopapul\u00f6se Exantheme, Hypereosinophilie und Organreaktionen \u00e4hnlich h\u00e4ufig auf wie bei Asiaten, was den Verdacht nahelegt, dass auch andere Gene disponierend f\u00fcr UAW wirken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer genomweiten Assoziationsstudie an europ\u00e4ischen Patienten wurde daher nach weiteren Genen f\u00fcr eine C-Hypersensitivit\u00e4t gesucht (2). Eine Gruppe aus Liverpool analysierte hierf\u00fcr das Blut von \u00fcber 4000 mit C behandelten Patienten, die in einem britischen Zentrum (Univ. Liverpool) und mehreren kollaborierenden europ\u00e4ischen Zentren (EPIGEN Konsortium) erfasst wurden. Hierunter befanden sich auch 145 Patienten, die unter C eine Hypersensitivit\u00e4tsreaktion entwickelten: 106 ein makulopapul\u00f6ses Exanthem, 27 eine generalisierte Reaktion (Fieber, Beteiligung der Leber oder eines weiteren Organs oder h\u00e4matologische Abnormalit\u00e4ten) und 12 mit SJS. Diese 145 Patienten und 3987 Kontroll-Patienten wurden auf merkmalsassoziierte \u201esingle-nucleotide polymorphisms\u201d (SNP) untersucht. Bei diesen Analysen konnte eine starke Beziehung zwischen einer MHC-Region auf Chromosom 6 (HLA-A*3101 Allel) und einer generalisierten Reaktion festgestellt werden: 40% der Betroffenen, aber nur 4,9% der Kontrollen, hatten diese genetische Variante (Odds ratio\u00a0=\u00a0OR: 12,4; 95%-Konfidenzintervall\u00a0=\u00a0CI: 1,27-121,03). Auch das Auftreten eines makulopapul\u00f6sen Exanthems (22%\u00a0vs.\u00a04%; OR:\u00a08,33; CI:\u00a03,59-19,36) und eines SJS (42%\u00a0vs.\u00a04%; OR:\u00a025,93; CI:\u00a04,93-116,18) war jeweils signifikant mit dem Vorhandensein des HLA-A*3101 Allels assoziiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Basis dieser Befunde wurde berechnet, dass der Nachweis eines HLA-A*3101-Allels eine Spezifit\u00e4t von 96% und eine Sensitivit\u00e4t von 26% f\u00fcr die Vorhersage einer Hypersensitivit\u00e4tsreaktion unter C hat. Bei einer gesch\u00e4tzten Pr\u00e4valenz von 5% in Europa erh\u00f6ht ein positives Testresultat die Wahrscheinlichkeit auf 26% und senkt ein negatives Testergebnis die Wahrscheinlichkeit auf 3,8%. Ganz ausschlie\u00dfen l\u00e4sst sich eine Hypersensitivit\u00e4tsreaktion also mit der Genotypisierung nicht. Trotzdem lie\u00dfe sich das Therapierisiko deutlich mindern. Die Autoren berechnen, dass bei Europ\u00e4ern 83 und bei Asiaten 56 Patienten getestet werden m\u00fcssen, um eine Hypersensitivit\u00e4tsreaktion zu vermeiden. Die FDA hat mittlerweile eine Genotypisierung vor Beginn der Therapie mit C vorgeschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b>\u00a0Der Nachweis bestimmter Genotypen ist hochsignifikant mit dem Auftreten einer Hypersensitivit\u00e4tsreaktion unter Carbamazepin assoziiert. Durch eine Genotypisierung vor Therapiebeginn k\u00f6nnen Risikopatienten identifiziert und schwere UAW durch die Wahl einer sichereren Therapiealternative vermindert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol>\n<li>Chen, P., etal.: N. Engl. J. Med. 2011,\u00a0<b>364<\/b>, 1126.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&amp;db=PubMed&amp;list_uids=21428768&amp;dopt=Abstract\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" alt=\"Link zur Quelle\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/_images\/link.jpeg\" width=\"11\" height=\"11\" border=\"0\" \/><\/a><\/li>\n<li>McCormack,M., et al.: N. Engl. J. Med. 2011,\u00a0<b>364<\/b>, 1134.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&amp;db=PubMed&amp;list_uids=21428769&amp;dopt=Abstract\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" alt=\"Link zur Quelle\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/_images\/link.jpeg\" width=\"11\" height=\"11\" border=\"0\" \/><\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Schlagworte zum Artikel:<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Schlagwort.aspx?S=Arzneimittel,\" target=\"_self\">Arzneimittel,<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Schlagwort.aspx?S=Carbamazepin,\" target=\"_self\">Carbamazepin,<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Schlagwort.aspx?S=Medikamente,\" target=\"_self\">Medikamente,<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Schlagwort.aspx?S=Stevens-Johnson-Syndrom,\" target=\"_self\">Stevens-Johnson-Syndrom,<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Schlagwort.aspx?S=Toxische%20epidermale%20Nekrolyse,\" target=\"_self\">Toxische epidermale Nekrolyse,<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verl\u00e4ssliche Daten zu Arzneimitteln<\/strong><\/p>\n<p><strong>DER ARZNEIMITTELBRIEF<\/strong>\u00a0informiert seit 1967 \u00c4rzte, Medizinstudenten, Apotheker und Angeh\u00f6rige anderer Heilberufe \u00fcber Nutzen und Risiken von Arzneimitteln.<\/p>\n<p><strong>DER ARZNEIMITTELBRIEF<\/strong>\u00a0erscheint als unabh\u00e4ngige Zeitschrift ohne Werbeanzeigen der Pharmaindustrie. Er wird ausschlie\u00dflich durch seine Leserinnen und Leser, d. h. durch die Abonnenten, finanziert. \u00a0Wir bitten Sie deshalb um Verst\u00e4ndnis, dass wir aktuelle Artikel nur auszugsweise ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gutepillen-schlechtepillen.de\/pages\/abo-einzelperson.php\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\"Gute Pillen - Schlechte Pillen ist ein ganz besonderes Projekt.\" alt=\"GPSP_Banner_AMB_01_2013\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/GPSP_Banner_AMB_01_2013.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Abonnement-Einzelnutzer-Studenten.aspx\"><img decoding=\"async\" title=\"Was bringt DER ARZNEIMITTELBRIEF speziell f\u00fcr Studentinnen und Studenten und den Beginn des Berufslebens?\" alt=\"2_Studi_Banner_AMB_NEU\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/2_Studi_Banner_AMB_NEU.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/isdb.aspx\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"DER ARZNEIMITTELBRIEF als Mitglied im ISDB\" alt=\"DER ARZNEIMITTELBRIEF als Mitglied im ISDB\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/ISDB_Banner_AMB.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Abonnieren.aspx\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Sie k\u00f6nnen den ARZNEIMITTELBRIEF in 4 Preiskategorien abonnieren:\" alt=\"Sie k\u00f6nnen den ARZNEIMITTELBRIEF in 4 Preiskategorien abonnieren:\" src=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/1_ABO_Banner_AMB_NEU.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Arzneimittel, Hypersensitivit\u00e4t gegen Carbamazepin durch Gentest vorherzusagen *Carbamazepin, Hypersensitivit\u00e4t durch Gentest vorherzusagen *Medikamente, Hypersensitivit\u00e4t gegen Carbamazepin durch Gentest vorherzusagen *Stevens-Johnson-Syndrom, Hypersensitivit\u00e4t von Carbamazepin durch Gentest vorherzusagen *Toxische epidermale Nekrolyse, Hypersensitivit\u00e4t von Carbamazepin durch Gentest vorherzusagen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AMB 2011,\u00a045, 46 &nbsp; Carbamazepin-Hypersensitivit\u00e4t ist durch Gentest vorauszusagen &nbsp; Reaktionen auf Arzneimittel sind sehr unterschiedlich. 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