{"id":1882,"date":"2002-11-01T12:06:00","date_gmt":"2002-11-01T11:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/irrefuehrende-werbung-in-der-zweiten-und-dritten-welt"},"modified":"2002-11-01T12:06:00","modified_gmt":"2002-11-01T11:06:00","slug":"irrefuehrende-werbung-in-der-zweiten-und-dritten-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/irrefuehrende-werbung-in-der-zweiten-und-dritten-welt\/","title":{"rendered":"Irref\u00fchrende Werbung in der Zweiten und Dritten Welt"},"content":{"rendered":"<p>Vom 19.-21. September 2002 trafen sich die Herausgeber der unabh\u00e4ngigen Arzneimittel-Informationsbl\u00e4tter in Dubrovnik. Sie sind seit 1986 in der International Society of Drug Bulletins (ISDB) zusammengeschlossen, der auch DER ARZNEIMITTELBRIEF angeh\u00f6rt. Die Mitglieder sind in ihrer Informationspolitik nur der Gesundheit der Patienten verpflichtet und nicht dem Umsatz der Pharmaindustrie und nicht dem Wohlergehen der Versicherungen oder sonstiger Kostentr\u00e4ger. Das ist der wesentliche Inhalt der Satzung der ISDB. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Redaktionen mu\u00df z.B. dadurch gew\u00e4hrleistet sein, da\u00df die Zeitschriften keine Pharmawerbung drucken.<\/p>\n<p>Auch anl\u00e4\u00dflich der diesj\u00e4hrigen Vollversammlung wurde \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Kampagnen in allen Teilen der Welt berichtet; aus Deutschland berichtete unter anderen ein Inder, Gopal Dabade, der zur Zeit beim PHARMA-BRIEF der BUKO Pharma-Kampagne hospitiert. Er hat die Vermarktungsstrategien deutscher Arzneimittelhersteller in der Dritten Welt untersucht und stellte vier Beispiele vor:<\/p>\n<p>Die Bayer AG verkauft in Indien ein St\u00e4rkungsmittel &#8222;Bayer\u2019s Tonic&#8220;. 15 ml sollen 2 mal am Tag eingenommen werden bei Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit und in der Erholungsphase nach Krankheit oder Operation. Auf der Packung ist eine Flasche (300 ml) mit einem Schnapsgl\u00e4schen daneben abgebildet. Und das ist auch richtig so, denn 15 ml des Tonikums enthalten neben 12 mg einer Leberfraktion, 506 mg Natriumphosphat, 178,5 mg eines Hefeextrakts auch 1,65 ml Alkohol, so da\u00df sich eine Alkoholkonzentration von 10,5% ergibt. Urspr\u00fcnglich war das Pr\u00e4parat auch f\u00fcr die Behandlung von Kindern vorgesehen. Als Ergebnis der Intervention der Pharma-Kampagne wurde jetzt auf die Verpackung gedruckt: Keep out of reach of children. Aber verkauft wird das \u201dMedikament\u201d noch immer von dem seri\u00f6sen Pharmariesen. Die Flasche ist ziemlich teuer: sie kostet 40 Indische Rupien. Das ist ungef\u00e4hr der Tagesverdienst eines Landarbeiters. Man k\u00f6nnte daf\u00fcr 1 kg Obst, 1 kg Reis, 1 kg Karotten und eine Banane kaufen. Sind sich Bayer und seine Aktion\u00e4re f\u00fcr solche Scharlatanerien nicht zu schade?<\/p>\n<p>Aspirin war in Deutschland bis zum Jahre 1988 auch f\u00fcr Kinder zugelassen. Mit R\u00fccksicht auf schwere UAW (Reye-Syndrom) wurde diese Zulassung zur\u00fcckgezogen (s.a. Berde, C.B., und Sethna, N.F.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12362012&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>347<\/b>, 1094<\/a>). In S\u00fcdamerika, z.B. Chile, Uruguay und Argentinien wird es demgegen\u00fcber auch zur Anwendung bei Kindern weiter beworben mit der Begr\u00fcndung, das Reye-Syndrom spiele dort praktisch keine Rolle. Die Bayer AG geht also davon aus, da\u00df die Kinder dort weniger anf\u00e4llig sind oder sie mutet ihnen ein h\u00f6heres Risiko zu, \u00fcber das die Patienten unzureichend informiert sind. Die meisten Medikamente werden n\u00e4mlich ohne \u00e4rztliche Verordnung und Beratung verkauft. Die \u00c4rzte werden dar\u00fcber hinaus nur von den Pharmafirmen \u00fcber Medikamente informiert. Die Zulassungsbeh\u00f6rden sind schwach. Praktisch regulieren also die Pharmafirmen mit ihrer Werbung den Pharmamarkt selbst. In diesem Zusammenhang erinnerte der Autor an S\u00e4tze aus dem weltber\u00fchmten Pharmakologiebuch von L.S. Goodman und A. Gilman: &#8222;The Pharmacological Basis of Therapeutics&#8220;. Dort ist zu lesen: &#8222;Die Werbung der Industrie durch Zusendungen, Anzeigen in Zeitschriften oder Besuche von Pharmavertretern soll \u00fcberreden, nicht informieren. Die pharmazeutische Industrie ist nicht verantwortlich f\u00fcr die Erziehung der \u00c4rzte zum Gebrauch von Pharmaka. Das kann sie nicht, soll sie nicht und &#8211; tats\u00e4chlich &#8211; das ist sie auch nicht&#8220;.<\/p>\n<p>Die Firma E. Merck bewirbt weiter Encephabol (Pyritinol) zur Behandlung von Hirnfunktionsst\u00f6rungen in den Staaten der Dritten Welt. Dazu geh\u00f6rte auch \u201dMinimal cerebral dysfunction following perinatal distress\u201d. Einen Wirksamkeitsnachweis gibt es nicht. In den Niederlanden ist es auch f\u00fcr den Gebrauch bei Erwachsenen aus dem Handel gezogen; in Deutschland spielt der Umsatz kaum noch eine Rolle. Auf die Intervention hin hat die Firma nun zumindest die Indikation bei Kindern zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p>Auch an einer anderen Stelle war f\u00fcr die BUKO Pharma-Kampagne ein Erfolg zu verbuchen: Die Firma Byk Gulden verkaufte Insogen Plus (Phenformin) noch lange Zeit in Mexiko, nachdem es in Deutschland l\u00e4ngst vom Markt genommen werden mu\u00dfte. Sie reagierte zun\u00e4chst nicht auf schriftliche Proteste. Erst als der Fall im Fernsehen aufgerollt wurde, zog sie die Zulassung in Mexiko zur\u00fcck.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Die weltweit agierenden Pharmafirmen nutzen den unterschiedlichen Informationsstand ihrer Kunden bewu\u00dft und zentral gesteuert aus. Es ist daher unbedingt n\u00f6tig, da\u00df die H\u00fcter unabh\u00e4ngiger Pharmainformation \u00fcber den nationalen Tellerrand gucken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 19.-21. September 2002 trafen sich die Herausgeber der unabh\u00e4ngigen Arzneimittel-Informationsbl\u00e4tter in Dubrovnik. 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