{"id":1926,"date":"1999-11-01T12:02:00","date_gmt":"1999-11-01T11:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1999\/hochdosis-chemotherapie-beim-mammakarzinom-abschied-von-einem-hoffnungstraeger"},"modified":"1999-11-01T12:02:00","modified_gmt":"1999-11-01T11:02:00","slug":"hochdosis-chemotherapie-beim-mammakarzinom-abschied-von-einem-hoffnungstraeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/hochdosis-chemotherapie-beim-mammakarzinom-abschied-von-einem-hoffnungstraeger\/","title":{"rendered":"Hochdosis-Chemotherapie beim Mammakarzinom: Abschied von einem Hoffnungstr\u00e4ger"},"content":{"rendered":"<p>Der Kongre\u00df der American Society of Clinical Oncology (ASCO) wurde dieses Jahr mit besonderer Spannung erwartet. Anla\u00df hierf\u00fcr waren die erstmals vorgestellten Ergebnisse von 5 randomisierten Phase-Ill-Studien zur Hochdosis-Chemotherapie (HDC), gefolgt von autologer Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation beim Mammakarzinom (1-5). Vier dieser Studien, 2 zur adjuvanten Situation bei Hochrisiko-Patientinnen (> 10 befallene axill\u00e4re Lymphknoten) und 2 zum metastasierten Stadium, zeigten keinen signifikanten Vorteil f\u00fcr die HDC (1-3, 5). Dies best\u00e4tigt die Vermutung vieler Beobachter, die in der HDC des Mammakarzinoms weniger eine vielversprechende neue Therapieform als vielmehr eine chronisch \u00fcbersch\u00e4tzte &#8222;Modebehandlung&#8220; sehen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich bisher nicht abgesichert ist.<\/p>\n<p>Eigentlich interessant sind daher auch nicht die Ergebnisse dieser Studien mit etwa 860 Patientinnen &#8211; sie sind wegen der meist kurzen Nachbeobachtung (Beginn der Studien zwischen 1990 und 1994) und des unterschiedlichen Designs noch vorl\u00e4ufig &#8211; sondern die Tatsache, da\u00df die HDC im letzten Jahrzehnt allein in den USA bei mehr als 12000 Patientinnen au\u00dferhalb von Studien eingesetzt wurde (6). Diese Brustkrebs-Patientinnen wurden, ohne da\u00df auch nur eine einzige randomisierte Studie vorlag, im wesentlichen basierend auf Ergebnissen der Arbeitsgruppe um W. Peters behandelt (7, 8). In diesen Arbeiten wurden der HDC im Vergleich zu &#8222;historischen Kontrollen&#8220; dramatische, aber unter wirklich kontrollierten Bedingungen nie reproduzierte Vorteile zugeschrieben.<\/p>\n<p>Die begrenzte Wirksamkeit der traditionellen Chemotherapien im Rahmen der adjuvanten Behandlung beim nodalpositiven Mammakarzinom bzw. im metastasierten Stadium hatte offensichtlich ein so starkes Bed\u00fcrfnis nach besseren Strategien erzeugt, da\u00df die HDC nach den aus heutiger Sicht problematischen Ver\u00f6ffentlichungen von W.P. Peters et al. (7, 8) und W.R. Bezwoda et al. (9) als neuer Hoffnungstr\u00e4ger auserkoren wurde. Elementare Regeln zur Beurteilung der Validit\u00e4t der Ergebnisse und des klinischen Nutzens dieser Behandlung wurden jedoch nicht beachtet (10). Die derzeit als Abstracts vorliegenden Studienergebnisse sind unter diesem Gesichtspunkt nur ein erster Beitrag zum Ausgleich des bedr\u00fcckend gro\u00dfen Defizits an aussagekr\u00e4ftigen Studien zum Stellenwert der HDC beim Mammakarzinom.<\/p>\n<p>Der fragw\u00fcrdige Aufstieg der HDC zur popul\u00e4rsten innovativen Therapieform beim Mammakarzinom in den neunziger Jahren w\u00e4re undenkbar ohne das pers\u00f6nliche Engagement Tausender umtriebiger Personen in Onkologie, Pharmaindustrie und Medizinpublizistik. Da es kaum m\u00f6glich ist, die individuellen Motive dieser Personen zu analysieren, sollte man ihnen &#8211; der Einfachheit halber &#8211; die Sorge um das Wohl der Brustkrebs-Patientinnen unterstellen. Was aber, so mu\u00df man heute fragen, ist das objektive Ergebnis von so viel subjektiver Sorge und Umtriebigkeit? Zun\u00e4chst haben sich die internistischen Onkologen &#8211; zum Teil auf Kosten der Gyn\u00e4kologen &#8211; st\u00e4rker als zuvor in der Therapie des Mammakarzinoms etabliert, denn ihre Fachkunde ist f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der HDC und der Stammzelltransplantation unentbehrlich. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist auch die Schrittmacherfunktion der pharmazeutischen und bio-technologischen Industrie. Sie hat \u00fcbrigens weniger mit den direkt f\u00fcr die HDC eingesetzten Zytostatika (von denen die meisten wenig Gewinn abwerfen) als vielmehr mit der begleitenden Standard-Chemotherapie, den Wachstumsfaktoren, anderen supportiven Pharmaka (z.B. Antiemetika, Antibiotika) und mit den erforderlichen Produkten f\u00fcr Leukapherese sowie Stammzelltransplantation die Ums\u00e4tze betr\u00e4chtlich gesteigert. Die beteiligten Kliniken profitierten von der Popularit\u00e4t der Therapie in Form steigender Patientenzahlen, wodurch Ums\u00e4tze und Einflu\u00df der h\u00e4matologischen Transplantationszentren im letzten Jahrzehnt stark zugenommen haben. Und selbst medizinische Zeitschriften fanden in der HDC ein Mittel zur Steigerung von Auflage und &#8222;lmpact factor&#8220; wozu die fragw\u00fcrdige Qualit\u00e4t der meisten bisherigen HDC-Publikationen und die sich daraus ergebende kontroverse Dauerdebatte eher noch beigetragen haben. Schlie\u00dflich hat die HDC beim Mammakarzinom das Verfahren selbst popularisiert und damit den Einsatz bei anderen Krankheiten erleichtert.<\/p>\n<p>Neben denen, die durch diese Entwicklung Vorteile hatten, gibt es jedoch auch solche, die man als ihre Verlierer ansehen mu\u00df. Dazu geh\u00f6ren vor allem die von Laien- und Fachpresse allzu euphemistisch informierten Brustkrebs-Patientinnen, die in der HDC eine Quelle der Hoffnung sahen, der allzu h\u00e4ufig &#8211; entgegen den k\u00fcnstlich hochgetriebenen Erwartungen &#8211; die bittere Entt\u00e4uschung des Rezidivs folgte. Zudem hat eine unbekannte Zahl von Patientinnen an den zum Teil t\u00f6dlichen Nebenwirkungen der HDC gelitten, ohne da\u00df wir heute wissen, ob dieses Leiden und Sterben durch den Erfolg des Verfahrens auch nur ann\u00e4hernd gerechtfertigt ist. Da all dies aber bisher im wesentlichen au\u00dferhalb von kontrollierten klinischen Studien geschah, stellt sich zudem die Frage, ob man diese Patientinnen \u00fcber R\u00fcckfallrisiko sowie \u00fcber Toxizit\u00e4t und Letalit\u00e4t der HDC je angemessen aufgekl\u00e4rt hat, ja angesichts der unvollst\u00e4ndigen, z.T. chaotischen Datenlage \u00fcberhaupt angemessen aufkl\u00e4ren konnte.<\/p>\n<p>Als Verlierer steht aber auch die Qnkologie insgesamt da, die durch die allzu bereitwillige Partizipation an der HDC-Euphorie Schaden genommen hat, der &#8211; auch vor dem Hintergrund weiterer ern\u00fcchternder Studienergebnisse (11, 12; vgl. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5973\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1998, <b>32<\/b>, 61a<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6012\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">94a<\/a>) &#8211; vermutlich erst in Jahren in seinem ganzen Ausma\u00df erkennbar sein wird. Als Trost bleibt allenfalls die Erkenntnis, da\u00df man heute im direkten Vergleich mit der HDC neue Therapieverfahren und Substanzen erprobt, denen ihrerseits die Zukunft geh\u00f6ren k\u00f6nnte (1-3, 11). Es bleibt zu hoffen, da\u00df bei der Bewertung dieser neuen Verfahren die Regeln der &#8222;Evidence based medicine&#8220; von Anfang an st\u00e4rker beachtet werden als in der jetzt zu Ende gehenden Epoche des therapeutischen Maximalismus. Damit w\u00e4re \u00fcbrigens auch die Gewissensfrage vermieden, ob in unserer erfolgs- und marktwirtschaftlich-orientierten Medizin die mit einer neuen Therapie verbundenen beruflichen und wirtschaftlichen Vorteile manchmal st\u00e4rker ins Gewicht fallen als ihre objektive Wirksamkeit.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Stadtmauer, E.A., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <b>18<\/b>, 1 a (Abstract # 1).<\/li>\n<li>Peters, W.P., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <b>18<\/b>, 1 a (Abstract #2).<\/li>\n<li>Bergh, J., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <b>18<\/b>, 2a (Abstract #3).<\/li>\n<li>Bezwoda, W.R., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <b>18<\/b>, 2a (Abstract #4).<\/li>\n<li>Lotz, J.-P., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <b>19<\/b>, 43a (Abstract #161).<\/li>\n<li>Antman, K.H., et al.: J. Clin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9164197&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <b>15<\/b>, 1870<\/a>.<\/li>\n<li>Peters, W.P., et al.: J. Clin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8501500&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1993, <b>11<\/b>, 1132<\/a>.<\/li>\n<li>Peters, W.P., et al.: J. Clin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=3047332&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1988, <b>6<\/b>, 1368<\/a>.<\/li>\n<li>Bezwoda, W.R., et al.: J. Clin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=7595697&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1995, <b>13<\/b>, 2483<\/a>.<\/li>\n<li>Rosenberg, W., und Donald, A.: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=7742682&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1995, <b>310<\/b>, 1122<\/a>.<\/li>\n<li>Rodenhuis, S., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9716055&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>352<\/b>, 515<\/a>.<\/li>\n<li>Dam, F.S.A.M., et al.: J. Natl. Cancer lnst. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9462678&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>90<\/b>, 210<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kongre\u00df der American Society of Clinical Oncology (ASCO) wurde dieses Jahr mit besonderer Spannung erwartet. Anla\u00df hierf\u00fcr waren die erstmals vorgestellten Ergebnisse von 5 randomisierten Phase-Ill-Studien zur Hochdosis-Chemotherapie (HDC), gefolgt von autologer Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation beim Mammakarzinom (1-5). 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