{"id":344,"date":"1997-01-01T12:04:00","date_gmt":"1997-01-01T11:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1997\/neue-aspekte-in-der-medikamentoesen-therapie-der-polycythaemia-vera"},"modified":"1997-01-01T12:04:00","modified_gmt":"1997-01-01T11:04:00","slug":"neue-aspekte-in-der-medikamentoesen-therapie-der-polycythaemia-vera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/neue-aspekte-in-der-medikamentoesen-therapie-der-polycythaemia-vera\/","title":{"rendered":"Neue Aspekte in der medikament\u00f6sen Therapie der Polycythaemia vera"},"content":{"rendered":"<p>Thromboembolische und h\u00e4morrhagische Komplikationen, die wichtigsten Ursachen der Morbidit\u00e4t und Letalit\u00e4t bei Patienten mit Polycythaemia vera (PV), bestimmen weitgehend den klinischen Verlauf in den ersten 10 Jahren nach Diagnose der Erkrankung. Die Richtlinien f\u00fcr die Behandlung der PV basieren auf verschiedenen, z.T. randomisierten Studien der &#8222;Polycythemia Vera Study Group&#8220; (PVSG, 1). Die Auswertung dieser Studie hat gezeigt, da\u00df sich die Therapie individuell am Alter der Patienten, begleitenden Erkrankungen (insbesondere vorausgegangene thromboh\u00e4morrhagische Komplikationen, kardio- und zerebrovaskul\u00e4re Erkrankungen) sowie den Blutbildwerten orientieren und aufgrund des relativ gutartigen, langen Verlaufs der Krankheit die Patienten nur wenig belasten sollte.<\/p>\n<p>Initial erfolgt bei etwa zwei Dritteln der Patienten eine Behandlung mit Aderl\u00e4ssen, wobei 250-500 ml Blut in 2-3t\u00e4gigen Abst\u00e4nden entnommen und H\u00e4matokrit-Werte zwischen 40% und 45% angestrebt werden. Bei \u00e4lteren Patienten mit begleitenden kardiovaskul\u00e4ren oder pulmonalen Erkrankungen sollte die Reduktion des Blutvolumens langsamer erfolgen (z.B. 2 Aderl\u00e4sse \u00e0 250 ml\/ Woche).<\/p>\n<p>Als Therapieindikationen f\u00fcr eine myelosuppressive Therapie gelten heute eine nicht durchf\u00fchrbare (z. B. schlechte Venenverh\u00e4ltnisse, alte Patienten) oder nicht ausreichend wirksame Aderla\u00dfbehandlung (H\u00e4matokritwerte > 45%), eine deutliche Thrombozytose (> 1000000-1500000\/\u00b5l) mit Blutungs- und\/oder Thrombosekomplikationen, eine erhebliche (u.U. schmerzhafte) Splenomegalie und ein starker, gegen\u00fcber Histamin-Antagonisten refrakt\u00e4rer Pruritus. F\u00fcr die myelosuppressive Behandlung stehen verschiedene Zytostatika (Hydroxyurea, Busulfan, Pipobroman), radioaktiver Phosphor (<sub>32<\/sub>P) und lnterferon-alfa zur Verf\u00fcgung (vgl. AMB 1986, <B>20<\/B>, 47; 1987, <B>21<\/B>, 63; 1991, <B>25<\/B>, 20). Wie bei anderen chronischen myeloproliferativen Syndromen wird heute zun\u00e4chst eine myelosuppressive Therapie mit Hydroxyurea (Dosierung: 30 mg\/kg\/d per os f\u00fcr eine Woche, dann 15-20 mg\/kg\/d; zus\u00e4tzliche Aderla\u00dfbehandlung bei H\u00e4matokrit-Werten > 47%) empfohlen. Die Vorteile von Hydroxyurea gegen\u00fcber z.B. Busulfan sind die gute Steuerbarkeit der Myelosuppression und das vermutlich geringere leuk\u00e4mo- bzw. mutagene Risiko dieser Substanz. Das in Deutschland nicht zugelassene Zytostatikum Pipobroman (Vercite) wurde insbesondere in Frankreich in verschiedenen Studien f\u00fcr die Behandlung der PV eingesetzt und die Langzeitergebnisse mit denen nach Gabe von Hydroxyurea bzw. <sub>32<\/sub>P verglichen (2-4). In einer dieser Studien wurden zwischen 1980 und 1991 96 Patienten mit gesicherter PV randomisiert mit Hydroxyurea oder Pipobroman behandelt (2). Beide Zytostatika waren gut wirksam hinsichtlich des Erreichens einer kompletten Remission der PV. W\u00e4hrend der Erhaltungstherapie mit Pipobroman kam es jedoch h\u00e4ufiger zu gastrointestinalen Nebenwirkungen, die u.U. ein Umsetzen der myelosuppressiven Therapie erforderlich machten. In einer weiteren Studie bei PV wurden 720 Patienten mit Pipobroman und 624 mit Hydroxyurea behandelt (3). Bei 80-100% der Patienten konnte eine komplette Remission erreicht werden, wobei interessanterweise eine Resistenz gegen\u00fcber Pipobroman auch nach > 20 Jahren Behandlung nicht beobachtet wurde. Unklar ist weiterhin, inwieweit das Risiko einer leuk\u00e4mogenen Transformation, das unabh\u00e4ngig von der Art und Dauer der Therapie etwa 5-8% bei Patienten mit PV betr\u00e4gt, durch Hydroxyurea oder Pipobroman gesenkt werden kann. Wichtig f\u00fcr die Beantwortung dieser Frage sind die noch nicht vorliegenden Auswertungen einer weiteren franz\u00f6sischen Studie, in der die lnzidenz von akuten Leuk\u00e4mien, Karzinomen und Myelofibrose bei Patienten mit PV nach Therapie mit <sub>32<\/sub>P und verschiedenen Chemotherapeutika analysiert wurde (4). Aufgrund der begrenzten Erfahrungen mit Pipobroman und fehlenden Zulassung dieser Substanz in Deutschland w\u00fcrden wir bei Patienten mit PV und Resistenz gegen\u00fcber Hydroxyurea zun\u00e4chst einen Therapieversuch mit Busulfan oder lnterferon alfa empfehlen. Bei Patienten mit Thrombozytose trotz myelosuppressiver Therapie und wiederholten Thrombosen kommen zus\u00e4tzliche Medikamente wie Azetylsalizyls\u00e4ure (100 mg\/d) und Anagrelid in Betracht. Eine Splenektomie, die allerdings wie alle gr\u00f6\u00dferen operativen Eingriffe bei PV-Patienten mit hoher Morbidit\u00e4t und Letalit\u00e4t verbunden ist, sollte nur bei therapierefrakt\u00e4rer und symptomatischer Splenomegalie oder sekund\u00e4rer Panzytopenie mit Myelofibrose und Splenomegalie erwogen werden.<\/p>\n<p><B>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Berk, P.-D., et al.: Semin. Hematol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=3704665&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1986, <B>23<\/B>, 132<\/a>.<br \/>2. Najean, Y: Presse Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=1488420&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1992, <B>21<\/B>, 1753<\/a>.<br \/>3. Boivin, P.: Nouv. Rev. Fr. Hematol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8295823&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1993, <B>35<\/B>, 491<\/a>.<br \/>4. Najean, Y., et al.: Leuk. Lymphoma <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8951781&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, im Druck<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thromboembolische und h\u00e4morrhagische Komplikationen, die wichtigsten Ursachen der Morbidit\u00e4t und Letalit\u00e4t bei Patienten mit Polycythaemia vera (PV), bestimmen weitgehend den klinischen Verlauf in den ersten 10 Jahren nach Diagnose der Erkrankung. Die Richtlinien f\u00fcr die Behandlung der PV basieren auf verschiedenen, z.T. randomisierten Studien der &#8222;Polycythemia Vera Study Group&#8220; (PVSG, 1). 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