{"id":348,"date":"1997-02-01T12:01:00","date_gmt":"1997-02-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1997\/postmenopausale-oestrogen-medikation-und-venoese-thromboembolien-myokardinfarkte-und-schlaganfaelle"},"modified":"1997-02-01T12:01:00","modified_gmt":"1997-02-01T11:01:00","slug":"postmenopausale-oestrogen-medikation-und-venoese-thromboembolien-myokardinfarkte-und-schlaganfaelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/postmenopausale-oestrogen-medikation-und-venoese-thromboembolien-myokardinfarkte-und-schlaganfaelle\/","title":{"rendered":"Postmenopausale \u00d6strogen-Medikation und ven\u00f6se Thromboembolien, Myokardinfarkte und Schlaganf\u00e4lle"},"content":{"rendered":"<p>DER ARZNEIMITTELBRIEF hat in den letzten beiden Jahren mehrfach \u00fcber das ven\u00f6se Thromboembolierisiko bei Einnahme oraler Kontrazeptiva (AMB 1996, <b>30<\/b>, 1 und 20) und \u00fcber Indikationen f\u00fcr die postmenopausale \u00d6strogen-&#8222;Substitution&#8220; (AMB 1995, <b>29<\/b>, 45 und 65) berichtet. Die aktuelle Einnahme \u00f6strogenhaltiger oraler Kontrazeptiva (OK) ist ein eindeutiger Risikofaktor f\u00fcr die Entstehung ven\u00f6ser Thromboembolien bei jungen Frauen. Die Beipackzettel von Pr\u00e4paraten zur postmenopausalen \u00d6strogen-Substitution enthalten ebenfalls Warnhinweise auf die M\u00f6glichkeit der F\u00f6rderung von Thrombosen, jedoch war das Relative Risiko im Vergleich mit Frauen, die keine \u00d6strogene nehmen, nicht bekannt. Im Lancet erschienen vor einigen Monaten im gleichen Heft drei Arbeiten, die auch f\u00fcr die postmenopausale \u00d6strogen-Einnahme, besonders in den ersten Wochen nach Beginn dieser Therapie, ein erh\u00f6htes Thromboembolierisiko dokumentieren. Eine Arbeit (1; s.a. Tab. 1) berichtet \u00fcber die Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie aus der Oxford-Region, in die 45 bis 64 Jahre alte Frauen mit <i>idiopathischer Beinvenenthrombose\/Lungenembolie <\/i>eingeschlossen wurden. 81 &#8222;F\u00e4lle&#8220; wurden mit 146 Krankenhaus-Kontrollpatientinnen (keine Risikogruppen f\u00fcr thromboembolische Ereignisse) verglichen. 42,7% der Frauen mit Thrombosen und 24,7% der Kontrollpatientinnen hatten aktuell \u00d6strogene eingenommen. Nach Ber\u00fccksichtigung von Risikofaktoren wie Rauchen und \u00dcbergewicht ergab sich aus dieser Studie f\u00fcr Frauen, die aktuell \u00d6strogene einnahmen, eine &#8222;Odds ratio&#8220; (\u00e4hnlich dem Relativen Risiko RR) von 3,5 (Vertrauensbereich 1,8 bis 7,0). Frauen, die <i>fr\u00fcher <\/i>\u00d6strogen-Pr\u00e4parate f\u00fcr die Postmenopause eingenommen hatten, hatten kein erh\u00f6htes Thromboserisiko.<\/p>\n<p>In einer anderen Studie aus Boston und Seattle (2) wurde das Thromboembolierisiko von 50- bis 74j\u00e4hrigen Frauen mit und ohne Einnahme postmenopausaler \u00d6strogene untersucht. In der &#8222;Group Health Cooperative&#8220; der Seattle-Region wurden erstaunlicherweise f\u00fcr den Zeitraum 1980 bis 1994 nur 42 F\u00e4lle idiopathischer Thrombosen rekrutiert, die mit 168 Kontrollpatientinnen verglichen wurden. \u00c4hnlich wie in der Oxford-Studie war das relative Risiko, an einer ven\u00f6sen Thromboembolie zu erkranken, etwa 3,6mal gr\u00f6\u00dfer bei aktueller Einnahme von \u00d6strogenen f\u00fcr die Postmenopause, w\u00e4hrend Frauen, die diese Pr\u00e4parate fr\u00fcher eingenommen hatten, kein erh\u00f6htes Risiko hatten. Das Thromboserisiko war signifikant mit der \u00d6strogen-Dosis korreliert. Pr\u00e4parate, die ca. 0,3 bzw. 0,6 bzw. 1,2 mg konjugierte \u00d6strogene enthielten, waren mit einem relativen Thromboserisiko von 2,1 bzw. 3,3 bzw. 6,9 behaftet. Das K\u00f6rpergewicht war ein zus\u00e4tzlicher Risikofaktor f\u00fcr ven\u00f6se Thromboembolien.<\/p>\n<p>In einer dritten Studie (3), die auf einer Fragebogenaktion im Rahmen der US-amerikanischen Nurses Health Study beruhte, wurde nur das <i>Lungenembollerisiko<\/i> von Frauen, die postmenopausale \u00d6strogene einnahmen, mit Frauen ohne diese Medikation verglichen. Es wurden insgesamt mehr als 110000 Frauen angeschrieben. Die Diagnose Lungenembolie beruhte auf den Angaben der Frauen, zum Teil aber auch auf dem Einblick in Krankenakten. Insgesamt wurden nur 123 F\u00e4lle von prim\u00e4rer Lungenembolie (nicht als Komplikation von Krebsleiden, Traumata, chirurgischen Eingriffen, Immobilisation) identifiziert. Unter Ber\u00fccksichtigung der H\u00e4ufigkeit der \u00d6strogen-Einnahme bei Frauen mit und ohne Lungenembolie ergab sich ein relatives Embolierisiko von 2,1 (Vertrauensgrenzen 1,2 bis 3,8) f\u00fcr Frauen mit \u00d6strogen-Einnahme. Auch hier hatte eine fr\u00fchere Einnahme von \u00d6strogenen f\u00fcr die Menopause keinen Einflu\u00df auf das Embolierisiko.<\/p>\n<p>Aus einer anderen Ver\u00f6ffentlichung der Nurses Health Study (4) geht hervor, da\u00df die postmenopausale \u00d6strogen-Einnahme assoziiert ist mit einem signifikant erniedrigten Risiko, ein &#8222;kardiales Ereignis&#8220;, wie Herzinfarkt, Bypass-Operation oder koronare Angioplastie, zu erleiden. (Relatives Risiko verglichen mit Frauen ohne Ostrogeneinnahme: 0,47). Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, wurde durch die \u00d6strogenmedikation nicht wesentlich beeinflu\u00dft.<\/p>\n<p>Die meisten Frauen, die sich zur postmenopausalen \u00d6strogen-Einnahme entschlie\u00dfen, tun dies zur Linderung klimakterischer\/postmenopausaler Beschwerden oder zur Osteoporoseprophylaxe. In beider Hinsicht sind \u00d6strogene sicher wirksam, jedoch ist unsicher,wie sich die kurz nach der Menopause f\u00fcr 5 bis 10 Jahre durchgef\u00fchrte \u00d6strogen-Medikation auf das Frakturrisiko im hohen Alter auswirkt. Die in der folgenden Tab. 1 mitgeteilten Zahlen hinsichtlich der Reduktion des Frakturrisikos beruhen daher nur auf Sch\u00e4tzungen (5, 6). Der Tabelle ist tendenziell zu entnehmen, da\u00df Nebenwirkungen (Thromboembolien) seltener sind als erw\u00fcnschte Wirkungen (Reduktion der H\u00e4ufigkeit von Frakturen und Myokardinfarkten).<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Nicht nur die Einnahme von oralen Kontrazeptiva, sondern auch die postmenopausale \u00d6strogenmedikation ist mit einem zwei- bis vierfach erh\u00f6hten Thrombose\/Embolie-Risiko belastet. Das Schlaganfallrisiko wird durch postmenopausale Ostrogene kaum ver\u00e4ndert, w\u00e4hrend die lnzidenz von Myokardinfarkten und osteoporotischen Frakturen vermindert wird. Allen hier referierten Studien haftet das Manko an, da\u00df sie nicht auf prospektiven, randomisierten Protokollen basieren, so da\u00df systematische Fehler m\u00f6glich sind. Prospektive Studien werden zur Zeit durchgef\u00fchrt. Bis zum Vorliegen zuverl\u00e4ssiger Ergebnisse soll die nachfolgende Tabelle helfen, das F\u00fcr und Wider der postmenopausalen \u00d6strogenbehandlung gegeneinander abzuw\u00e4gen und die Empfehlungen gegen\u00fcber den Patientinnen auf eine Indikations- und Kontraindikationsbasis zu stellen. Typische Kontraindikationen sind fr\u00fcher durchgemachte Thrombosen oder starke Varikosis bei \u00dcbergewicht; eine typische Indikation w\u00e4re eine Osteoporose der Mutter bei Untergewicht der Patientin. Auf das m\u00f6glicherweise leicht erh\u00f6hte Mammakarzinomrisiko durch \u00d6strogene sind wir an anderer Stelle eingegangen (AMB 1994, <b>28<\/b>, 77, und 1995, <b>29<\/b>, 65).<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Daly,E., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8855852&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>348<\/b>, 977<\/a>.<\/li>\n<li>Jick,H., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8855853&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>348<\/b>, 981<\/a>.<\/li>\n<li>Grodstein,F., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8855854&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>348<\/b>, 983<\/a>.<\/li>\n<li>Grodstein,F., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8672166&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>335<\/b>, 453<\/a>.<\/li>\n<li>Ettinger, B., etal.: Ann. Intern. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=2982302&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1985,<b>102<\/b>, 319<\/a>.<\/li>\n<li>Riggs,B.L., und Melton, L.J. (Hrsg.): Osteoporosis. Raven Press, New York 1988,S.133.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DER ARZNEIMITTELBRIEF hat in den letzten beiden Jahren mehrfach \u00fcber das ven\u00f6se Thromboembolierisiko bei Einnahme oraler Kontrazeptiva (AMB 1996, 30, 1 und 20) und \u00fcber Indikationen f\u00fcr die postmenopausale \u00d6strogen-&#8222;Substitution&#8220; (AMB 1995, 29, 45 und 65) berichtet. 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