{"id":384,"date":"1997-06-01T12:01:00","date_gmt":"1997-06-01T10:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1997\/dehydroepiandrosteron-ein-menschliches-juvenilhormon"},"modified":"1997-06-01T12:01:00","modified_gmt":"1997-06-01T10:01:00","slug":"dehydroepiandrosteron-ein-menschliches-juvenilhormon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/dehydroepiandrosteron-ein-menschliches-juvenilhormon\/","title":{"rendered":"Dehydroepiandrosteron &#8211; ein menschliches Juvenilhormon?"},"content":{"rendered":"<p>Das Nebennierenrinden-Steroid Dehydroepiandrosteron (DHEA, Prasteron) ist seit einiger Zeit Liebling der medizinischen Laienpresse und damit der j\u00fcngste Nachfolger von Melatonin. Was ist der Grund hierf\u00fcr? Bis vor kurzem waren keine spezifischen Effekte dieses Steroids beim Menschen bekannt. Es wurde 1934 von Butenandt im menschlichen Urin entdeckt. 1950 isolierte E.E. Baulieu aus einem gro\u00dfen menschlichen Nebennierentumor gro\u00dfe Mengen des Sulfats von DHEA und zeigte damit, da\u00df das im Blut in gro\u00dfen Mengen zirkulierende Sulfat (DHEAS) nicht, wie man bisher annahm, \u00fcberwiegend in der Leber aus DHEA gebildet, sondern von der Nebenniere selbst sezerniert wird.<\/p>\n<p>Die fetale Nebenniere sezerniert gro\u00dfe Mengen DHEA, das durch die Plazenta \u00fcberwiegend in \u00d6striol umgewandelt wird und dann im Kreislauf der Mutter zirkuliert. Nach der Geburt h\u00f6rt die kindliche Nebenniere sehr bald auf, gr\u00f6\u00dfere Mengen DHEA und DHEAS zu bilden. Zwischen dem 5. und 8. Lebensjahr &#8211; mit Ausbildung der Zona reticularis der Nebenniere &#8211; steigt die Sekretion von DHEAS aber wieder an und erreicht zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ihr Maximum. Danach fallen Sekretion und Plasmakonzentration von DHEAS progredient ab und erreichen im 8. und 9. Lebensjahrzehnt sehr niedrige Werte (10 bis 20% des jugendlichen Maximums). Im 3. Lebensjahrzehnt ist DHEAS das von der Nebennierenrinde in absolut gr\u00f6\u00dfter Menge sezernierte Steroid (ca. 25 mg\/d, verglichen mit Cortisol: 10 bis 20 mg\/d). W\u00e4hrend das freie DHEA eine Halbwertzeit von 20 bis 30 Minuten hat, ist die des Sulfats wesentlich l\u00e4nger mit 7 bis 10 Stunden. Infolge des sehr geringen Metabolismus von DHEAS ist seine Plasmakonzentration extrem hoch: ca. 10 \u00b5mol\/l, im Vergleich DHEA ca. 10 nmol\/l; Cortisol: ca. 400 nmol\/l (E.E. Baulieu: J. Clin. Endocrinol. Metab. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8784058&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <B>81<\/B>, 3147<\/a>).<\/p>\n<p>Worin besteht nun die physiologische Bedeutung von DHEA und seinem Sulfat? Beide Steroide gelten als Pr\u00e4androgene, haben aber selbst keine Affinit\u00e4t zum Androgen- oder \u00d6strogen-Rezeptor. Auf dem Umweg \u00fcber Androstendion kann DHEA (oder DHEAS nach Abspaltung der Sulfatgruppe) in Testosteron und Dihydrotestosteron umgewandelt werden. Testosteron wiederum kann zu \u00d6strogenen aromatisiert werden. Diese Umwandlung in Androgene und \u00d6strogene kann in der Leber, im Fettgewebe, in der Muskulatur und vermutlich auch im Gehirn erfolgen. Der relative Schutz etwas adip\u00f6ser postmenopausaler Frauen vor Osteoporose wird u.a. auf die Umwandlung von DHEA in \u00d6stron im Fettgewebe zur\u00fcckgef\u00fchrt. Es ist nun vermutet worden, da\u00df der physiologische Kr\u00e4fteabbau mit fortschreitendem Alter auch mit der Abnahme der Plasmakonzentration von DHEA und seinem Sulfat zusammenh\u00e4ngt. Hierf\u00fcr gibt es jedoch keine Beweise. Zwar wurden in Tierversuchen alle m\u00f6glichen Effekte von DHEA in pharmakologischer Dosis nachgewiesen, jedoch handelt es sich hierbei um unphysiologische Effekte, da alle Versuchstiere, inklusive Affen, DHEA und sein Sulfat nur in sehr geringen Mengen sezernieren. G\u00fcnstig erscheinende Effekte von DHEA bei Kaninchen waren die Verhinderung von Arteriosklerose bei F\u00fctterung einer atherogenen Di\u00e4t, der protektive Effekt gegen\u00fcber viralen und bakteriellen Infektionen sowie die Verminderung der Involution der Thymusdr\u00fcse nach Applikation von Glukokortikoiden. DHEA kann offenbar im Gehirn der Ratte metabolisiert werden und geh\u00f6rt deshalb zur Klasse der Neurosteroide. Es hat eine stimulatorische Wirkung auf GABA-Rezeptoren und vermindert die Aggressivit\u00e4t kastrierter M\u00e4nnchen gegen\u00fcber Weibchen. Auch die Lernf\u00e4higkeit des Rattengehirns soll durch DHEA verbessert werden. In dieser Hinsicht sind Effekte beim Menschen nicht bekannt.<\/p>\n<p>Als Medikament ist DHEAS potentiell von Interesse bei Patienten mit zugrundegegangenen Nebennieren (M. Addison) oder mit Zustand nach bilateraler Adrenalektomie. Bei diesen Patienten sind die Plasmakonzentrationen von DHEA und seinem Sulfat extrem niedrig. Zwar ist die Lebenserwartung von Patienten mit M. Addison bei kunstgerechter (und krisengerechter) Substitution mit Glukokortikoiden und Mineralokortikoiden ann\u00e4hernd normal. Postmenopausale Frauen mit M. Addison tendieren jedoch zu einer st\u00e4rkeren Osteoporose als Frauen mit gesunden Nebennieren. Auch gewinnen nicht alle Patienten mit M. Addison unter kunstgerechter Substitution mit Gluko- und Mineralokortikoiden ihre pr\u00e4morbide K\u00f6rperkraft zur\u00fcck. Es w\u00e4re durchaus logisch, DHEA oral dauerhaft in Dosen zu applizieren, die den Blutspiegel von DHEA und DHEAS bei diesen Patienten in den Normalbereich (jugendliches Maximum oder in altersgem\u00e4\u00dfe H\u00f6he) anheben. Entsprechende Studien sind k\u00fcrzlich begonnen worden.<\/p>\n<p>Angesichts der referierten Daten \u00fcber die Abnahme der DHEA-Konzentration im Blut \u00e4lterer Menschen war es eine unwiderstehliche Idee, den Effekt einer &#8222;Substitution&#8220; von DHEA bei alternden Menschen auf verschiedene K\u00f6rperfunktionen zu untersuchen. Die Ergebnisse einer solchen Studie, allerdings nur von dreimonatiger Dauer, wurden 1994 von A.J. Morales et al. (J. Clin. Endocrinol. Metab. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=7515387&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1994, <B>78<\/B>, 1360<\/a>) ver\u00f6ffentlicht. Drei\u00dfig M\u00e4nner und Frauen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren nahmen an einer randomisierten, plazebokontrollierten Crossover-Studie teil, in der drei Monate lang 50 mg DHEA einmal tgl. oder eine Plazebo-Tbl. eingenommen wurde. Untersucht wurden die Blutspiegel von DHEA, DHEAS, verschiedene Androgene und \u00d6strogene, Blutlipide, Blutzucker, lnsulinresistenz, K\u00f6rpergewicht, K\u00f6rperfettmasse und, mittels einer anzukreuzenden graduierten Skala, das k\u00f6rperliche und psychische Wohlbefinden.<\/p>\n<p><B>Ergebnisse:<\/B> Die Dosis von 50 mg DHEA\/d war ausreichend, bei M\u00e4nnern und Frauen den Blutspiegel von DHEA und DHEAS auf denjenigen junger Erwachsener anzuheben. Bei den Frauen verdoppelte bis verdreifachte sich die Plasmakonzentration von Androstendion, Testosteron und Dihydrotestosteron, w\u00e4hrend bei M\u00e4nnern nur der Androstendion-Spiegel etwas anstieg (M\u00e4nner haben viel h\u00f6here endogene Testosteron- und Dihydrotestosteron-Konzentrationen als Frauen). Das K\u00f6rpergewicht, der Blutzucker und die Insulinempfindlichkeit \u00e4nderten sich nicht. Die Blutfette \u00e4nderten sich bei M\u00e4nnern nicht, bei Frauen kam es zu einem leichten signifikanten Abfall der als &#8222;protektiv&#8220; geltenden Cholesterinfraktion HDL. Das ebenfalls untersuchte Wachstumshormon \u00e4nderte sich nicht. Jedoch kam es zu einem deutlichen Anstieg des unter der Wirkung von Wachstumshormon in der Leber gebildeten Hormons Insulin-Like-Growth-Faktor I (IGF-l) und zu einer Abnahme des IGF-I-bindenden Proteins IGFBP-1. Der Quotient IGF-l : IGFBP-1 nahm um 50% bei beiden Geschlechtern zu. Somit nahm auch die freie Konzentration von IGF-I zu. Dieses Protein, das die anabole Wirkung von Wachstumshormon auf den K\u00f6rper vermittelt, nimmt im Alter ebenfalls deutlich ab. Auf dieser Beobachtung beruht der im AMB fr\u00fcher bereits besprochene (AMB 1995, <B>29<\/B>, 21) mehrfache Versuch, durch Substitution von Wachstumshormon die Abnahme des Kr\u00e4ftezustandes und des Wohlbefindens bei manchen alten Menschen wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen; rekombinant hergestelltes Wachstumshormon ist allerdings so teuer, da\u00df eine solche auf Dauer angelegte Therapie kaum jemand bezahlen kann. DHEA scheint also auf bisher noch unbekannte Weise und unabh\u00e4ngig vom Wachstumshormon die Plasmakonzentration des anabolen Proteins IGF-I zu erh\u00f6hen. Ein weiteres Ergebnis dieser Studie war die Angabe einer Zunahme des physischen und psychischen Wohlbefindens durch 84% der Frauen und 67% der M\u00e4nner ohne Ver\u00e4nderung der Libido. Unter Plazebo \u00e4nderte sich das Wohlbefinden angeblich nicht. Dieser erstaunlich positive psychotrope Effekt von DHEA konnte allerdings in einer k\u00fcrzlich auf dem deutschen Endokrinologenkongre\u00df vorgestellten Studie des Max-Planck-lnstituts f\u00fcr Psychiatrie in M\u00fcnchen nicht best\u00e4tigt werden.<\/p>\n<p>DHEA wird zur Zeit in vielen Zentren bei Patienten mit Nebenniereninsuffizienz und bei \u00e4lteren Menschen mit niedrigen DHEA-Plasmaspiegeln im Hinblick auf g\u00fcnstig erscheinende Wirkungen gepr\u00fcft. In Deutschland ist es selbstverst\u00e4ndlich noch nicht als Medikament erh\u00e4ltlich, jedoch werden die bisher recht d\u00fcrftigen Daten der Publikation von Morales et al. bereits von profits\u00fcchtigen Unternehmen ausgebeutet, die die Substanz \u00fcber Internet anpreisen und vermarkten (s.<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5840\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1997, <B>31<\/B>, 47a<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Nebennierenrinden-Steroid Dehydroepiandrosteron (DHEA, Prasteron) ist seit einiger Zeit Liebling der medizinischen Laienpresse und damit der j\u00fcngste Nachfolger von Melatonin. Was ist der Grund hierf\u00fcr? Bis vor kurzem waren keine spezifischen Effekte dieses Steroids beim Menschen bekannt. Es wurde 1934 von Butenandt im menschlichen Urin entdeckt. 1950 isolierte E.E. 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