{"id":40003,"date":"1997-12-01T12:00:00","date_gmt":"1997-12-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1997\/wechselwirkungen-zwischen-arzneimitteln-und-nahrungsmitteln"},"modified":"1997-12-01T12:00:00","modified_gmt":"1997-12-01T11:00:00","slug":"wechselwirkungen-zwischen-arzneimitteln-und-nahrungsmitteln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wechselwirkungen-zwischen-arzneimitteln-und-nahrungsmitteln\/","title":{"rendered":"Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Nahrungsmitteln"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber den Einflu\u00df der Nahrungsaufnahme auf Arzneimittelwirkungen herrscht noch viel Unklarheit. Von vielen Arzneistoffen fehlen oder finden sich widerspr\u00fcchliche Angaben in der Literatur.<\/p>\n<p>Die Wirkung von Arzneimitteln kann durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme verst\u00e4rkt oder abgeschw\u00e4cht werden bzw. unbeeinflu\u00dft bleiben. Art und Umfang des Nahrungseinflusses auf die Bioverf\u00fcgbarkeit, d.h. auf die Geschwindigkeit und das Ausma\u00df, mit der der Arzneistoff resorbiert wird oder am Ort der Wirkung vorliegt, h\u00e4ngt von seiner chemischen Struktur, der Dosis, der Formulierung, der Menge und Zusammensetzung der Nahrung und dem zeitlichen Abstand zwischen Arzneimitteleinnahme und Nahrungsaufnahme ab. Gleichzeitige Nahrungsaufnahme kann die Resorption und die Elimination eines Arzneistoffs beeinflussen.<\/p>\n<p><B>Nahrungseinflu\u00df auf die Arzneistofft-Resorption:<\/B> Nahrung kann \u00fcber folgende Mechanismen die Resorption eines Arzneistoffs beeinflussen:<\/p>\n<p><UL><\/p>\n<li>Verz\u00f6gerung der Magenentleerung,<\/li>\n<li>Erh\u00f6hung des Magen-pH-Wertes,<\/li>\n<li>Wechselwirkung zwischen Arzneistoff und Nahrungsbestandteilen,<\/li>\n<li>vermehrte Gallesekretion.<\/li>\n<p><\/UL><br \/>Den gr\u00f6\u00dften Einflu\u00df auf die Resorption hat die infolge der verringerten Magenmotilit\u00e4t bei Nahrungsaufnahme <I>verz\u00f6gerte Magenentleerung. <\/I>Fettreiche sowie grobe Nahrung, hei\u00dfe Mahlzeiten und hochvisk\u00f6se L\u00f6sungen verz\u00f6gern besonders stark; weniger verlangsamend wirken Eiwei\u00dfe und Kohlenhydrate. Hierdurch gelangen Arzneistoffe langsamer zu den resorptionsaktiven Bereichen des Darms.<\/p>\n<p>Nahrung bedingt in den ersten 60 bis 90 Minuten eine <I>Erh\u00f6hung des pH-Wertes <\/I>im Magen von n\u00fcchtern 1,5 bis 2,0 auf Werte zwischen 3 und 6. Eine solche pH-Erh\u00f6hung kann sich &#8211; in Abh\u00e4ngigkeit vom lonisationsgrad &#8211; unterschiedlich auf die Resorption, besonders von schwerl\u00f6slichen sauren oder basischen Arzneistoffen, auswirken.<\/p>\n<p>Die physikalische oder chemische Stabilit\u00e4t mancher Arzneimittel kann durch einen Anstieg des Magen-pH verschlechtert werden. Insbesondere ist eine ver\u00e4nderte Arzneistoff-Freisetzung aus magensaftresistenten oder aus Retard-Arzneimitteln zu beachten. Die kontinuierliche Freisetzung aus vielen Retard-Zubereitungen w\u00e4hrend der Magen-Darm-Passage beruht auf dem pH-abh\u00e4ngigen Aufl\u00f6sungsproze\u00df der Hilfsstoffe, die dem Arzneimittel zugesetzt sind und die Retardierung bewirken.<\/p>\n<p>Bei gleichzeitiger Nahrungsaufnahme kann es zur<I> Adsorption <\/I>sowie zur <I>Komplex- oder Salzbildung <\/I>zwischen Arzneistoff und Nahrungsbestandteilen kommen. Meist vermindern diese Wechselwirkungen die Resorption. Das klassische Beispiel ist die Eigenschaft der meisten Tetracycline, mit mehrwertigen Kationen, z.B. den Kalziumionen der Milch, schwerl\u00f6sliche Komplexe zu bilden. Ballaststoffe, wie Pektine in kohlenhydratreicher Nahrung, k\u00f6nnen Arzneistoffe adsorbieren. Eisenpr\u00e4parate bilden mit den Gerbstoffen im Tee schwerl\u00f6sliche Komplexe.<\/p>\n<p>Vielfach wirken sich die beschriebenen Nahrungseinfl\u00fcsse nur verz\u00f6gernd auf die Resorption aus, wobei die insgesamt resorbierte Arzneistoffmenge jedoch h\u00e4ufig unver\u00e4ndert bleibt.<\/p>\n<p>Besondere Verh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen bei <I>fettreicher Nahrung <\/I>vorliegen. Gleichzeitige Aufnahme lipophiler, schwerl\u00f6slicher Arzneistoffe kann zu erh\u00f6hter Bioverf\u00fcgbarkeit f\u00fchren. Griseofulvin z.B. wird bei N\u00fcchterneinnahme unvollst\u00e4ndig resorbiert. Fettreiche Nahrung hemmt die Magen-Darm-Motilit\u00e4t. Dadurch kann sich bereits im Magen eine gr\u00f6\u00dfere Menge des lipophilen Griseofulvins im Fett der Nahrung l\u00f6sen. Au\u00dferdem stimuliert fettreiche Nahrung die Produktion von Gallefl\u00fcssigkeit. Gallens\u00e4uren f\u00f6rdern durch ihre benetzende Wirkung zus\u00e4tzlich die L\u00f6slichkeit schwerl\u00f6slicher Arzneistoffe und erh\u00f6hen damit deren Resorption und Bioverf\u00fcgbarkeit (s. Tab. 1 C).<\/p>\n<p><B>Nahrungseinfl\u00fcsse auf die Arzneistoff-Elimination:<\/B> Die Eliminationskinetik kann durch Nahrung infolge pH-\u00c4nderung des Harns und Einflu\u00df auf den Metabolismus des Arzneistoffs ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Eiwei\u00dfreiche Nahrung s\u00e4uert den Urin an. Als Folge werden schwache S\u00e4uren &#8211; z.B. Nitrofurantoin, Salizyls\u00e4ure und Sulfonamide &#8211; wegen verst\u00e4rkter Reabsorption in den Tubuli der Niere langsamer ausgeschieden. Vorwiegend pflanzliche Nahrung ergibt einen mehr alkalischen Harn, und schwache Arzneistoffbasen &#8211; z.B. Amphetamin, Procain, Chinin und Chloroquin &#8211; werden in ihrer Ausscheidung gehemmt.<\/p>\n<p>\u00dcber den Einflu\u00df der Nahrung auf den <I>Arzneistoff-Metabolismus <\/I>liegen nur begrenzte Untersuchungen vor. Bei Arzneistoffen mit hohem &#8222;First pass&#8220;-Effekt ergibt sich teilweise eine erh\u00f6hte Bioverf\u00fcgbarkeit, z.B. bei Propranolol, Metoprolol, Hydralazin. Die Leberenzyme werden durch die gleichzeitige Metabolisierung von Nahrungsbestandteilen so in Anspruch genommen, da\u00df der Metabolismus des Arzneistoffs gehemmt wird.<\/p>\n<p>Vereinzelt werden in der Literatur auch entgegengesetzte Effekte beschrieben, z.B. da\u00df Nahrungsbestandteile die Aktivit\u00e4t von Leberenzymen steigern, was zu einer niedrigeren Bioverf\u00fcgbarkeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein die Kinetik der <I>Arzneistoff-Verteilung <\/I>beeinflussender Effekt wurde bei gleichzeitiger Verabreichung von eiwei\u00dfreicher Nahrung mit Levodopa gefunden. Hier kommt es zu einer geringeren Wirksamkeit, da infolge der Kompetition des Levodopa mit Nahrungs-Aminos\u00e4uren um das f\u00fcr die \u00dcberwindung der Blut-Hirn-Schranke verantwortliche Transportsystem weniger Arzneistoff in das Gehirn gelangt.<\/p>\n<p><B>Bedeutung der Einnahmefl\u00fcssigkeit:<\/B> Menge und Zusammensetzung der Einnahmefl\u00fcssigkeit k\u00f6nnen die Bioverf\u00fcgbarkeit beeinflussen. Ein Arzneimittel sollte mit viel Fl\u00fcssigkeit (150 bis 200 ml) eingenommen werden. Dies bedingt eine bessere Aufl\u00f6sung schwerl\u00f6slicher Arzneistoffe, einen schnelleren Transport in den D\u00fcnndarm und h\u00e4ufig eine bessere Vertr\u00e4glichkeit.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung der Einnahmefl\u00fcssigkeit kann bedeutsam sein. Wasser ist indifferent. Bekannt sind die mit Milch und Milchprodukten auftretenden Probleme einiger Arzneistoffe. Die in Milch enthaltenen Kalziumionen bilden z.B. mit den meisten Tetracyclinen &#8211; au\u00dfer Doxycyclin und Minocyclin &#8211; schwer resorbierbare Komplexe; daraus resultieren um 50 bis 80% niedrigere Serumspiegel. Zuckerreiche, osmotisch wirksame Getr\u00e4nke verz\u00f6gern die Magenentleerung. Keinesfalls sollten s\u00e4ureinstabile Arzneistoffe, wie Ampicillin, Cloxacillin oder Erythromycin-Base mit Fruchts\u00e4ften eingenommen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr mehrere Arzneistoffe, wie Terfenadin, Triazolam, Ciclosporin, werden z.T. betr\u00e4chtliche Erh\u00f6hungen der Bioverf\u00fcgbarkeit bei Einnahme mit Grapefruitsaft gefunden. Hier mu\u00df vor unfreiwilligen \u00dcberdosierungen gewarnt werden. Mit Coca-Cola wurde eine erh\u00f6hte Bioverf\u00fcgbarkeit z.B. von Ketoconazol und Riboflavin gefunden.<\/p>\n<p>Die Vermeidung alkoholhaltiger Einnahmefl\u00fcssigkeiten sollte insbesondere wegen der vielfachen Wechselwirkungen mit Arzneistoffen selbstverst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p><B>Folgerungen:<\/B> Den schnellsten Wirkungseintritt und f\u00fcr den Patienten die beste Voraussetzung f\u00fcr eine standardisierte Einnahme und Wirkung bei chronischer Verabreichung erm\u00f6glicht die <I>N\u00fcchtern-Einnahme. <\/I>Sie ist auch bei Arzneistoffen angezeigt, bei denen die Bioverf\u00fcgbarkeit unter Nahrungsaufnahme abnimmt. In Tab. 1 A sind einige Arzneistoffe als Beispiele aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eine nicht unerhebliche Zahl von Arzneistoffen kann &#8211; besonders bei chronischer Verabreichung &#8211; Magen-Darm-Unvertr\u00e4glichkeit, Erbrechen, \u00dcbelkeit oder unerw\u00fcnschte Plasma-Spitzenkonzentrationen verursachen. Hier ist eine <I>Einnahme w\u00e4hrend <\/I>oder <I>unmittelbar nach der Mahlzeit <\/I>angezeigt. Dabei mu\u00df unter Umst\u00e4nden auch eine verringerte Bioverf\u00fcgbarkeit in Kauf genommen werden (s. Tab. 1 B).<\/p>\n<p><I>Einnahme einer besonders fettreichen Mahlzeit <\/I>kann bei den in Tab. 1 C aufgef\u00fchrten Arzneistoffen zu einer deutlich erh\u00f6hten Bioverf\u00fcgbarkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Viele Arzneistoffe k\u00f6nnen <I>unabh\u00e4ngig von der Nahrungsaufnahme <\/I>eingenommen werden (s. Tab. 1 D).<\/p>\n<p>Um den noch vielfach mangelhaften Kenntnissen Rechnung zu tragen, aber den Nahrungseinflu\u00df dennoch bei chronischer Verabreichung von Medikamenten so gering wie m\u00f6glich zu halten, sollten Patienten angewiesen werden, Arzneimittel jeweils unter gleichen Bedingungen einzunehmen. Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n<p><UL><\/p>\n<li>je nach Vorschrift N\u00fcchtern-Einnahme bzw. Einnahme mit\/unmittelbar nach einer Mahlzeit,<\/li>\n<li>bei N\u00fcchtern-Einnahme jeweils gleicher zeitlicher Abstand zur vorangegangenen oder n\u00e4chsten Mahlzeit,<\/li>\n<li>sofern bekannt ist, da\u00df Nahrung einer bestimmten Zusammensetzung die Arzneistoffkinetik erheblich beeinflussen kann, mu\u00df dies beachtet werden,<\/li>\n<li>es sollten jeweils die gleiche Einnahmefl\u00fcssigkeit und -menge (in der Regel Wasser) verwendet werden.<\/li>\n<p><\/UL><br \/>Die hierf\u00fcr erforderlichen Hinweise sollten vermehrt und gut verst\u00e4ndlich in den Gebrauchsinformationen bzw. Beipackzetteln aufgef\u00fchrt sein.<br \/><B><br \/>Lesenswerte Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Merkus, F.W.H.M.: Arzneimittel vor; w\u00e4hrend oder nach der Mahlzeit? Ein Leitfaden f\u00fcr \u00c4rzte und Apotheker Wissenschaftl. Verlagsges. mbH, Stuttgart 1984.<br \/>2. Pfeifer, S.; Einflu\u00df von Nahrung auf die Pharmakokinetik von Arzneistoffen. Pharmazie <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8460173&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1993, <B>48<\/B>, 3<\/a>.<br \/>3. Williams, L., et al.: The influence of food on the absorption and metabolism of drugs: an update. Eur. J. Drug Metab. Pharmacokin. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8980916&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <B>21<\/B>, 201<\/a>.<br \/>4. Ameer, B., und Weintraub, R.A.: Drug lnteractions with Grapefruit Juice. Clin. Pharmacokinet. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9260034&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>33<\/B>, 103<\/a>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/1997\/12\/Abbildung-1997-89-1.gif\" alt=\"Abbildung 1997-89-1.gif\" class=\"table-figure\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Einflu\u00df der Nahrungsaufnahme auf Arzneimittelwirkungen herrscht noch viel Unklarheit. Von vielen Arzneistoffen fehlen oder finden sich widerspr\u00fcchliche Angaben in der Literatur. Die Wirkung von Arzneimitteln kann durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme verst\u00e4rkt oder abgeschw\u00e4cht werden bzw. unbeeinflu\u00dft bleiben. 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