{"id":40032,"date":"1998-02-01T12:01:00","date_gmt":"1998-02-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1998\/einfluss-der-patientenerwartung-ein-rezept-zu-erhalten-auf-die-verschreibungspraxis"},"modified":"1998-02-01T12:01:00","modified_gmt":"1998-02-01T11:01:00","slug":"einfluss-der-patientenerwartung-ein-rezept-zu-erhalten-auf-die-verschreibungspraxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/einfluss-der-patientenerwartung-ein-rezept-zu-erhalten-auf-die-verschreibungspraxis\/","title":{"rendered":"Einflu\u00df der Patientenerwartung, ein Rezept zu erhalten, auf die Verschreibungspraxis"},"content":{"rendered":"<p>Jeder wei\u00df, wie schwer es in der Praxis ist, einem Patienten, der auf eine Medikamentenverschreibung hofft, diese zu verweigern, wenn sie nicht indiziert scheint. Die Verschreibung eines Medikaments geht wesentlich schneller als ein mitunter m\u00fchsames Gespr\u00e4ch, in dem der Patient von der Harmlosigkeit und Selbst-Limitiertheit seiner Beschwerden \u00fcberzeugt werden mu\u00df. Andererseits f\u00fchrt die h\u00e4ufige Erf\u00fcllung nicht gerechtfertigter Verschreibungsw\u00fcnsche zum Eintrainieren eines sozial unerw\u00fcnschten und das Gesundheitsbudget belastenden Patientenverhaltens, das nicht gef\u00f6rdert werden darf. Dieses Problem ist offenbar weltweit identisch. N. Britten und O. Ukoumunne, Medizinstatistiker aus London (Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9420493&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>315<\/B>, 1506<\/a>), versuchten, dem Problem des Einflusses von Patientenerwartungen auf die H\u00e4ufigkeit von Rezeptverschreibungen quantitativ nachzugehen. In 15 verschiedenen Allgemeinpraxen im S\u00fcden von London interviewten sie 526 Patienten im Wartezimmer mit Hilfe einfacher Frageb\u00f6gen im Hinblick auf die Erwartung, ein Rezept zu erhalten. Im Anschlu\u00df an die Konsultation mu\u00dfte der Arzt einen kurzen Fragebogen ausf\u00fcllen, in dem er mitteilen sollte, ob er ein Rezept ausgestellt habe und ob er die Verschreibung f\u00fcr medizinisch strikt indiziert gehalten habe. Insgesamt waren 839 Patienten gebeten worden, an diesem Interview teilzunehmen, von denen aber nur 65% zustimmten.<\/p>\n<p>67% der Patienten hofften, ein Rezept zu erhalten. In 56% glaubte der Arzt zu erkennen, da\u00df der Patient einen Rezeptwunsch hatte. Er schrieb in insgesamt 59% ein Rezept aus. Obwohl der Prozentsatz der Patienten, die ein Rezept erwarteten und derer, die es bekamen, recht \u00e4hnlich war, waren die Gruppen nicht identisch. 25% der Patienten, die ein Rezept haben wollten, bekamen keines. Bei 22% der Patienten, bei denen Rezepte ausgestellt wurden, wurden sie vom Arzt als nicht strikt medizinisch indiziert eingeordnet. Der wichtigste Faktor, der in solchen F\u00e4llen zum Ausstellen eines Rezepts verleitete, war der ge\u00e4u\u00dferte Wunsch des Patienten, oft verbunden mit dem Eindruck des Arztes, er werde unter Druck gesetzt.<\/p>\n<p>Die Untersuchung best\u00e4tigt die subjektive Gewi\u00dfheit vieler \u00c4rzte, da\u00df Verordnungen von Medikamenten nicht immer streng auf dem Boden einer &#8222;Evidence based medicine&#8220; erfolgen. Jede Verschreibung hat einen immanenten Plazebo-Effekt. Besonders schwierig ist es offenbar, bei einem Patienten mit starker Verschreibungserwartung das Rezept durch ein \u00fcberzeugendes Gespr\u00e4ch zu ersetzen, wenn die Verschreibung f\u00fcr nicht indiziert gehalten wird. Wenn dieser Wunsch mit einer gewissen N\u00f6tigungskomponente verbunden ist, wird die Standhaftigkeit des Arztes oft \u00fcberfordert. Der \u00e4rztliche Wunsch, den Patienten nicht zu sehr zu entt\u00e4uschen und die Bef\u00fcrchtung, ihn als Patienten zu verlieren, d\u00fcrften hier Hauptmotive sein. Unbefriedigend an dieser Studie bleibt die Tatsache, da\u00df die Einsch\u00e4tzung einer Verschreibung als nicht streng indiziert, lediglich auf der Ansicht des verschreibenden oder nicht verschreibenden Arztes, nicht jedoch auf einer unabh\u00e4ngigen \u00dcberpr\u00fcfung beruhte. An einer solchen erweiterten Studie h\u00e4tten aber vermutlich wenige \u00c4rzte teilgenommen. Der Artikel wird im gleichen Heft des Brit. Med. J. (<a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9420483&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>315<\/B>, 1482<\/a>) von T Greenhogh und P. Gill kommentiert, wobei weitere wichtige Literaturstellen zum Thema Verschreibungsverhalten angef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Ein erheblicher Teil von Medikamentenverordnungen in Allgemeinpraxen ist nicht streng medizinisch indiziert. Hauptmotiv f\u00fcr die Ausstellung solcher Rezepte ist der Wunsch des Patienten, ein Rezept zu erhalten, oft verbunden mit einem erheblichen psychischen Druck auf den Arzt. Aber auch ein solches Rezept kann &#8222;heilsam&#8220; sein (s. Plazebo-Diskussion AMB 1995, <B>29<\/B>, 73).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder wei\u00df, wie schwer es in der Praxis ist, einem Patienten, der auf eine Medikamentenverschreibung hofft, diese zu verweigern, wenn sie nicht indiziert scheint. Die Verschreibung eines Medikaments geht wesentlich schneller als ein mitunter m\u00fchsames Gespr\u00e4ch, in dem der Patient von der Harmlosigkeit und Selbst-Limitiertheit seiner Beschwerden \u00fcberzeugt werden mu\u00df. 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