{"id":40047,"date":"1998-04-01T12:04:00","date_gmt":"1998-04-01T10:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1998\/behandlung-von-thrombozytosen-bei-chronischen-myeloproliferativen-syndromen-mit-anagrelid"},"modified":"1998-04-01T12:04:00","modified_gmt":"1998-04-01T10:04:00","slug":"behandlung-von-thrombozytosen-bei-chronischen-myeloproliferativen-syndromen-mit-anagrelid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/behandlung-von-thrombozytosen-bei-chronischen-myeloproliferativen-syndromen-mit-anagrelid\/","title":{"rendered":"Behandlung von Thrombozytosen bei chronischen myeloproliferativen Syndromen mit Anagrelid"},"content":{"rendered":"<p>Anagrelid ist eine interessante neue Substanz aus der Gruppe der Imidazol (2,1-b) chinazolin-2-Verbindungen, die im M\u00e4rz 1997 von der FDA in den USA zur Behandlung der essentiellen Thrombozyth\u00e4mie (ET) zugelassen und deren Zulassung in Europa beantragt wurde. In-vitro- und tierexperimentelle Untersuchungen hatten urspr\u00fcnglich eine antiaggregierende Wirkung von Anagrelid auf Thrombozyten ergeben. Bei der anschlie\u00dfenden Verabreichung von Anagrelid an gesunde Versuchspersonen wurde neben der antiaggregierenden Wirkung eine schwere Thrombozytopenie beobachtet, wobei die f\u00fcr die Ausl\u00f6sung der Thrombozytopenie ben\u00f6tigten Konzentrationen zehnfach niedriger lagen als f\u00fcr die antiaggregierende Wirkung. Daraufhin wurden Mitte der 80er Jahre klinische Studien zur Behandlung der Thrombozytose bei chronischen myeloproliferativen Syndromen (MPS) mit Anagrelid begonnen und weltweit inzwischen mehr als 2500 Patienten behandelt. \u00dcber ihre Erfahrungen mit dieser Substanz berichteten k\u00fcrzlich M.N. Silverstein et al. aus der Mayo-Klinik in den USA. Diese Autoren hatten 1985 die ersten Phase-Il-Studien initiiert und inzwischen 942 Patienten mit chronischen MPS behandelt (1, 2). Die meisten dieser Patienten erhielten Anagrelid zur Behandlung der ET (58%) bzw. zur Verminderung von Thrombozytosen bei chronischen myeloischen Leuk\u00e4mien (19%) oder bei Polycythaemia vera (12%). Die Mehrzahl der Patienten (86%) waren mit anderen Myelosuppressiva vorbehandelt, und die Umstellung auf Anagrelid erfolgte wegen ungen\u00fcgendem Ansprechen auf diese Substanzen, Nebenwirkungen bzw. zur Vermeidung des Leuk\u00e4mierisikos bei jungen Patienten. Kriterien f\u00fcr die Behandlung mit Anagrelid waren eine Thrombozytenzahl = 900\/nl oder = 650\/nl und Vorliegen von Symptomen, die auf die Thrombozytose zur\u00fcckgef\u00fchrt werden konnten. Die Ansprechraten auf die Therapie mit Anagrelid innerhalb der verschiedenen Untergruppen der MPS sind in Tab. 1 zusammengefa\u00dft. Bei den meisten asymptomatischen Patienten war die Therapie in einer Tagesdosierung von 2 mg (verteilt auf 4 Einzeldosen zu 0,5 mg) begonnen und eine deutliche Reduktion der Thrombozytenzahlen innerhalb von 1 bis 2 Wochen beobachtet worden. Die durchschnittliche Dosis von Anagrelid, die zur Kontrolle der Thrombozytose ben\u00f6tigt wurde, betrug f\u00fcr Patienten mit Polycythaemia vera 2,4 mg\/d, f\u00fcr die anderen MPS 2,0 mg\/d. H\u00e4ufigste dosisabh\u00e4ngige Nebenwirkung waren Kopfschmerzen bei 27% der Patienten, die vermutlich auf die vasodilatatorischen Eigenschaften von Anagrelid zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, selten l\u00e4nger als 2 Wochen andauerten und durch Paracetamol gut behandelt werden konnten. Weitere dosisabh\u00e4ngige Nebenwirkungen waren Palpitationen (26%), Diarrh\u00f6 (25%) und Fl\u00fcssigkeitsretention (22%). Die Nebenwirkungen waren in der Regel mild und vor\u00fcbergehend, wobei jedoch 125 Patienten (13%) die Einnahme von Anagrelid deswegen vorzeitig beendeten. Aufgrund der kardialen Nebenwirkungen sollte diese Substanz bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder koronarer Herzerkrankung initial vorrsichtig dosiert und nur unter engmaschiger klinischer \u00dcberwachung eingesetzt werden. Eine leuk\u00e4mische Transformation trat bei 32 der 942 Patienten auf, von denen 29 wegen einer chronischen myeloischen Leuk\u00e4mie mit Anagrelid behandelt wurden.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse dieser klinischen Studien werden durch die deutsche Anagrelid-Studie best\u00e4tigt, in der zwischen 1992 und 1997 75 Patienten mit vorwiegend ET (76%) behandelt wurden (3). Die Ansprechraten lagen bei einer mittleren Tagesdosis von 2,8 mg bei 88%. Die Nebenwirkungen entsprachen im wesentlichen denen der amerikanischen Studien.<\/p>\n<p>Der Wirkungsmechanismus und der f\u00fcr die Ausl\u00f6sung der Thrombozytopenie verantwortliche aktive Metabolit von Anagrelid sind bisher nicht bekannt. Basierend auf Untersuchungen in Zellkulturen wird diskutiert, da\u00df die Substanz \u00fcber eine Verlangsamung der Megakaryozytenreifung bzw. eine Abnahme der Gr\u00f6\u00dfe und Ploidie der Megakaryozyten zu einer Abnahme der Thrombozyten f\u00fchrt (2, 3).<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Anagrelid ist eine wirksame Substanz zur Behandlung von Thrombozytosen bei chronischen MPS. Die bisher vorliegenden klinischen Erfahrungen sprechen f\u00fcr eine geringe, m\u00f6glicherweise sogar fehlende leuk\u00e4mogene Potenz dieser Substanz. Der genaue Stellenwert von Anagrelid im Behandlungskonzept chronischer MPS mu\u00df in zuk\u00fcnftigen randomisierten Studien im Vergleich mit den etablierten myelosuppressiven Substanzen untersucht werden.<\/p>\n<p><B>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Silverstein, M.N., et al.: N. Eng. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=3362187&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1988, <B>318<\/B>, 1292<\/a>.<br \/>2. Petitt, R.M., et al.: Semin. Hematol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9025162&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>34<\/B>, 51<\/a>.<br \/>3. Petrides, P.E., et al.: Onkologe 1997, <B>3<\/B>, 298.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/1998\/04\/Abbildung-1998-29b-1.gif\" alt=\"Abbildung 1998-29b-1.gif\" class=\"table-figure\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anagrelid ist eine interessante neue Substanz aus der Gruppe der Imidazol (2,1-b) chinazolin-2-Verbindungen, die im M\u00e4rz 1997 von der FDA in den USA zur Behandlung der essentiellen Thrombozyth\u00e4mie (ET) zugelassen und deren Zulassung in Europa beantragt wurde. In-vitro- und tierexperimentelle Untersuchungen hatten urspr\u00fcnglich eine antiaggregierende Wirkung von Anagrelid auf Thrombozyten ergeben. 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