{"id":40062,"date":"1998-08-01T12:03:00","date_gmt":"1998-08-01T10:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1998\/vitamin-b-zur-prophylaxe-der-migraene"},"modified":"1998-08-01T12:03:00","modified_gmt":"1998-08-01T10:03:00","slug":"vitamin-b-zur-prophylaxe-der-migraene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/vitamin-b-zur-prophylaxe-der-migraene\/","title":{"rendered":"Vitamin B zur Prophylaxe der Migr\u00e4ne?"},"content":{"rendered":"<p>Zur prophylaktischen Behandlung der Migr\u00e4ne werden Betarezeptoren-Blocker (z.B. Metoprolol = Beloc u.v.a., Propranolol = Dociton u.v.a.) als Medikamente erster Wahl eingesetzt. Ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis aus Studien liegt dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Valproins\u00e4ure (Convulex u.v.a.) vor. Auch andere Pharmaka sind prophylaktisch wirksam, z.B. die Serotoninantagonisten Pizotifen (Sandomigran) und Methysergid (Deseril) sowie der Kalziumantagonist Flunarizin (Sibelium u.a.). Die Definition der Wirksamkeit eines Migr\u00e4neprophylaktikums erfolgt allgemein dadurch, da\u00df in Studien eine Abnahme der Attackenfrequenz um mindestens 50% erreicht werden mu\u00df. Betarezeptoren-Blocker erzielen dies bei 30 bis 70% der behandelten Patienten.<\/p>\n<p>Bei einer seltenen Sonderform kindlicher Migr\u00e4ne, dem MELAS-Syndrom (<B>M<\/B>itochondrial <B>E<\/B>ncephalomyopathy, <B>L<\/B>actic <B>A<\/B>cidosis, <B>S<\/B>troke-like episodes), erwies sich die orale Gabe von Riboflavin (Vitamin B<sub>2<\/sub>) als wirksam. Als Wirkmechanismus wurde eine durch Riboflavin gesteigerte Aktivit\u00e4t der Mitochondrien postuliert.<\/p>\n<p>In einer offenen Pilotstudie lie\u00dfen sich durch hochdosiertes Riboflavin auch Anfallsdauer und H\u00e4ufigkeit der herk\u00f6mmlichen Migr\u00e4ne um etwa 70% reduzieren. Diese Ergebnisse veranla\u00dfte die belgische Arbeitsgruppe um J. Schoenen, eine randomisierte, plazebokontrollierte Studie zur Wirksamkeit von Riboflavin in der Prophylaxe der Migr\u00e4ne durchzuf\u00fchren. Die Ergebnisse wurden k\u00fcrzlich publiziert (Neurology <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9484373&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>50<\/B>, 466<\/a>).<\/p>\n<p>In diese Studie wurden 55 Patienten eingeschlossen mit gesicherter Migr\u00e4ne (nach den Kriterien der International Headache Society) seit mindestens einem Jahr und 2 bis 8 Migr\u00e4neattacken\/Monat. Alle Patienten erhielten zun\u00e4chst einen Monat lang eine Plazebo-Behandlung; danach erfolgte die Randomisierung und doppeltblind die 3 Monate lange orale Behandlung mit 400 mg Riboflavin\/d oder PIazebo. Nachuntersuchungen und Befragungen erfolgten monatlich; dar\u00fcber hinaus f\u00fchrten alle Patienten ein Kopfschmerz-Tagebuch. Vermerkt wurden Anzahl und Dauer der Migr\u00e4neattacken, subjektiver Schmerzgrad mittels einer Vierpunkte-Skala und Art und Dosierung der eingenommenen Akutmedikation. Prim\u00e4rer Endpunkt war die H\u00e4ufigkeit der Migr\u00e4neattacken im Vergleich vom ersten zum vierten Monat. Sekund\u00e4re Endpunkte waren Dauer und Schweregrad der Migr\u00e4neattacken sowie der Umfang der Akutmedikation. In die Auswertung nach der Intention-to-treat-Analyse kamen 54 Patienten, davon 42 Frauen (Plazebo: n = 26; Riboflavin: n = 28). Das mittlere Lebensalter betrug 35 Jahre. Die Ausgangsdaten waren in beiden Gruppen gleich. In der Vorphase traten durchschnittlich 3,7 Attacken\/Monat in der Plazebo-Gruppe und 3,8 Attacken\/ Monat in der Verum-Gruppe auf. Die mittlere Dauer eines Migr\u00e4neanfalles betrug zu Studienbeginn 32 bzw. 35 Stunden.<\/p>\n<p>Nach dreimonatiger Behandlung war die H\u00e4ufigkeit der Attacken in der Plazebo-Gruppe unver\u00e4ndert, in der Riboflavin-Gruppe hingegen von 3,8 auf 1,8\/Monat gesunken (p = 0,0001). Der Behandlungseffekt nahm w\u00e4hrend des Behandlungszeitraums zu. Auch die Gesamtzahl der Migr\u00e4netage konnte signifikant durch das Verum reduziert werden; die Schmerzintensit\u00e4t bei eingetretenem Migr\u00e4neanfall wurde allerdings nicht gelindert. Insgesamt errechnete sich eine &#8222;Responderrate&#8220; bez\u00fcglich der Anfallsh\u00e4ufigkeit nach dem 50%-Kriterium von 19% in der Plazebo-Gruppe und 56% in der Riboflavin-Gruppe. Dieser Wert gleicht den Ergebnissen aus Studien mit Betarezeptoren-Blockern. Wesentliche Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.<\/p>\n<p>Nach Ansicht der Autoren hat Riboflavin ein sehr g\u00fcnstiges Wirkungs-\/Nebenwirkungs-Profil. Die Wirkung tritt im Vergleich zu Betarezeptoren-Blockern sp\u00e4ter ein und erreicht in dieser Studie ihr Maximum nach 3 Monaten. Unklar ist, ob auch niedrigere Riboflavindosen \u00e4hnlich wirksam sind. Auch f\u00fcr hochdosiertes Riboflavin sind keine wesentlichen Nebenwirkungen beschrieben. Die derzeit in Deutschland zugelassenen Pr\u00e4parate enthalten jedoch mit 10 mg\/Tbl. so wenig Vitamin B<sub>2<\/sub>, da\u00df eine hochdosierte Verordnung (400 mg\/d) nicht praktikabel ist.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Hochdosiertes, oral gegebenes Vitamin B<sub>2 <\/sub>(Riboflavin) reduzierte in dieser Studie signifikant die H\u00e4ufigkeit von Migr\u00e4neattacken nach 3 Monaten. Es ist somit ein wirksames Migr\u00e4neprophylaktikum. Vergleichende Studien mit den etablierten Medikamenten und verschiedenen Dosierungen von Riboflavin sind zur genaueren Einsch\u00e4tzung erforderlich. In Deutschland gibt es allerdings bisher kein hochdosiertes Pr\u00e4parat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur prophylaktischen Behandlung der Migr\u00e4ne werden Betarezeptoren-Blocker (z.B. Metoprolol = Beloc u.v.a., Propranolol = Dociton u.v.a.) als Medikamente erster Wahl eingesetzt. Ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis aus Studien liegt dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Valproins\u00e4ure (Convulex u.v.a.) vor. Auch andere Pharmaka sind prophylaktisch wirksam, z.B. die Serotoninantagonisten Pizotifen (Sandomigran) und Methysergid (Deseril) sowie der Kalziumantagonist Flunarizin (Sibelium u.a.). 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