{"id":40085,"date":"1998-08-01T12:06:00","date_gmt":"1998-08-01T10:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1998\/einsatz-von-wachstumsfaktoren-zur-angioneogenese"},"modified":"1998-08-01T12:06:00","modified_gmt":"1998-08-01T10:06:00","slug":"einsatz-von-wachstumsfaktoren-zur-angioneogenese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/einsatz-von-wachstumsfaktoren-zur-angioneogenese\/","title":{"rendered":"Einsatz von Wachstumsfaktoren zur Angioneogenese"},"content":{"rendered":"<p>Patienten mit myokardialer lsch\u00e4mie oder peripherer arterieller Verschlu\u00dfkrankheit, die keine geeigneten Kandidaten f\u00fcr eine Bypass-Operation oder perkutane Angioplastie sind, bietet sich m\u00f6glicherweise in Zukunft eine v\u00f6llig neue Therapie. In der Zeitschrift Circulation wurden zwei Untersuchungen ver\u00f6ffentlicht, in denen erstmals an Menschen das Prinzip einer therapeutischen Angioneogenese mittels Wachstumsfaktoren angewendet wurde.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren konnten einige dieser Wachstumsfaktoren (Growth factors) entschl\u00fcsselt werden. Seit einigen Jahren ist ihre Synthese durch E.-coli-St\u00e4mme m\u00f6glich. Beispiele sind der Fibroblast growth factor (FGF), der Vascular endothelial growth factor (VEGF) sowie Angiopoietin I und II. Diese Faktoren binden \u00fcber Rezeptoren (z.B. Kdr-Rezeptor) an Endothelzellen und wirken dort mitogen auf Endothel- und\/oder auf glatte Muskelzellen von Gef\u00e4\u00dfen. Zus\u00e4tzlich hemmen sie den programmierten Zelltod (Apoptose). Sie werden in vivo von Myozyten oder Endothelzellen als Reaktion auf eine lsch\u00e4mie synthetisiert. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, da\u00df nach intrakoronarer Applikation das Infarktareal kleiner und die Kollateralisierung der Gef\u00e4\u00dfe st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt sind. Angiographisch und histologisch wurde gesichert, da\u00df neue Blutgef\u00e4\u00dfe entstehen. Schumacher, B., et al. (Circulation <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9495299&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>97<\/B>, 645<\/a>) vom Klinikum Fulda setzten humanen FGF-l in einer kontrollierten Studie bei 40 Patienten mit koronarer Mehrgef\u00e4\u00dferkrankung vor einer elektiven aortokoronaren Bypass-Operation ein; alle hatten eine hochgradige proximale und zus\u00e4tzlich noch periphere Stenosen im Bereich der linken Koronararterie. Nach Beendigung der Anastomosierung erhielten 20 Patienten eine intramyokardiale Injektion von FGF-l distal der Anastomose. 20 Patienten erhielten nach gleichem Protokoll hitzedenaturierten FGF-I (Kontrollen). Nach 12 Wochen erfolgte eine Kontroll-Angiographie. Es zeigte sich bei den 20 Verum-Patienten im Bereich der Injektion ein Kapillarnetz, das bei der Kontroll-Gruppe nicht nachzuweisen war. Nach FGF-I-Behandlung war eine deutliche Kollateralisierung im Bereich der lnjektionsstelle zu sehen. Die digitale Grauwert-Analyse zeigte einen zwei- bis dreifach gesteigerten Blutflu\u00df. Dieses Therapieprinzip k\u00f6nnte vielleicht in Zukunft hilfreich sein, wenn zus\u00e4tzliche periphere Koronarstenosen den Revaskulansationserfolg einer Bypass-Operation beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Eine andere Arbeitsgruppe von der Tufts University in Boston (Baumgartner, I., et al.: Circulation <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9537336&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>97<\/B>, 1114<\/a>) versuchten bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlu\u00dfkrankheit (PAVK) eine \u00e4hnliche Therapie. Hier wurde nicht direkt der Wachstumsfaktor eingesetzt, sondern die Synthese des VEGF in vivo induziert. Man applizierte von E.-coli-St\u00e4mmen gentechnisch synthetisierte Plasmid-DNA, die VEGF kodiert. Zuvor war an einem Patienten gezeigt worden, da\u00df nach intraarterieller Gabe dieser Plasmid-DNA \u00fcber die stimulierte Synthese von VEGF eine Neubildung von Gef\u00e4\u00dfen zu erzielen ist.<\/p>\n<p>Eingeschlossen wurden 9 Patienten mit chronischer pAVK. Alle hatten Ruheschmerzen und\/oder nicht heilende Ulzera trotz l\u00e4nger als 4 Wochen dauernder konservativer Therapie. Operative oder angioplastische Verfahren kamen aufgrund der anatomischen Lokalisation der Stenosen nicht in Betracht. Die Plasmid-DNA wurde mehrere Wochen lang in die betroffenen Extremit\u00e4ten i.m. injiziert. Als Verlaufsparameter wurden die Plasmakonzentration von VEGF bestimmt, die Blutdruckquotienten Kn\u00f6chel\/Arm kontrolliert sowie Farbfotos der Extremit\u00e4ten angefertigt. Eine digitale Subtraktionsangiographie erfolgte vor der Behandlung, 4 Wochen nach Beginn und 3 Monate nach der letzten Behandlung. Au\u00dferdem wurde eine Magnetresonanz-Angiographie durchgef\u00fchrt. Die Nachbeobachtungszeit betrug 6 \u00b1 3 Monate.<\/p>\n<p>Die Plasmakonzentrationen von VEGF stiegen signifikant an. Das beweist, da\u00df die Plasmid-DNA-lnjektionen tats\u00e4chlich die VEGF-Synthese f\u00f6rdert. Der Kn\u00f6chel\/Arm-Blutdruck-Index verbesserte sich nach 4 Wochen von 0,33 \u00b1 0,05 auf 0,43 \u00b1 0,04 (p = 0,028), nach 8 Wochen auf 0,45 \u00b1 0,04 (p = 0,016) und nach 12 Wochen auf 0,48 \u00b1 0,03 (p = 0,017).<\/p>\n<p>Alle Patienten hatten eine signifikant l\u00e4ngere schmerzfreie Gehstrecke. Angiographisch zeigten sich bei 7 von 10 behandelten Beinen neue Kollateralen. Bei zwei Patienten heilte die Gangr\u00e4n v\u00f6llig ab; bei weiteren zwei Patienten mu\u00dften Zehen amputiert werden, aber die Extremit\u00e4t konnte erhalten werden. Bei drei Patienten lie\u00df sich die Unterschenkelamputation nicht vermeiden; drei Patienten hatten keine Ruheschmerzen mehr. Als Nebenwirkungen waren vereinzelt \u00d6deme zu beobachten, die aber reversibel waren. Ein m\u00f6gliches Risiko k\u00f6nnte das Entstehen einer Retinopathie oder von Angiomen sein, was aber bei diesen Patienten nicht beobachtet wurde.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Zwei Arbeiten zeigen erstmals an Menschen, da\u00df die Gabe vaskul\u00e4rer Wachstumsfaktoren bei koronarer Herzkrankheit und peripherer arterieller Verschlu\u00dfkrankheit die Neubildung von Blutgef\u00e4\u00dfen anregt. Es sind jedoch noch viele Fragen zu Indikation, Wirksamkeit, Applikationsart und Nebenwirkungen offen, bevor diese Therapie beurteilt werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patienten mit myokardialer lsch\u00e4mie oder peripherer arterieller Verschlu\u00dfkrankheit, die keine geeigneten Kandidaten f\u00fcr eine Bypass-Operation oder perkutane Angioplastie sind, bietet sich m\u00f6glicherweise in Zukunft eine v\u00f6llig neue Therapie. 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