{"id":40174,"date":"1999-08-01T12:05:00","date_gmt":"1999-08-01T10:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1999\/aussenseitermethoden-in-der-onkologie-ukrain-mischpraeparat-aus-alkaloiden-des-schoellkrautes-und-thiotepa"},"modified":"1999-08-01T12:05:00","modified_gmt":"1999-08-01T10:05:00","slug":"aussenseitermethoden-in-der-onkologie-ukrain-mischpraeparat-aus-alkaloiden-des-schoellkrautes-und-thiotepa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/aussenseitermethoden-in-der-onkologie-ukrain-mischpraeparat-aus-alkaloiden-des-schoellkrautes-und-thiotepa\/","title":{"rendered":"Au\u00dfenseitermethoden in der Onkologie: Ukrain-Mischpr\u00e4parat aus Alkaloiden des Sch\u00f6llkrautes und Thiotepa"},"content":{"rendered":"<p>Aktuelle Verfahren mit unbewiesener Wirksamkeit in der Onkologie wurden von uns vor zwei Jahren ausf\u00fchrlich besprochen (<a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5828\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1997, <b>31<\/b>, 33<\/a>). Zu einem derzeit stark beworbenen Pr\u00e4parat, Ukrain, m\u00f6chten wir unseren Lesern im folgenden einige Hintergrundinformationen liefern. Ukrain ist ein semisynthetisches Mischpr\u00e4parat aus Alkaloiden des Sch\u00f6llkrautes, Chelidonium majus, und dem Zytostatikum Thiotepa, wobei die Bindung des pflanzlichen Alkaloids an Thiotepa die Affinit\u00e4t des Pr\u00e4parates an Tumorgewebe erh\u00f6hen soll (1). Der Einsatz dieses Pr\u00e4parates wird nicht nur f\u00fcr Patienten mit fortgeschrittenen, therapierefrakt\u00e4ren Tumorerkrankungen, sondern auch f\u00fcr Tumorpatienten unmittelbar nach Diagnose anstatt konventioneller Therapieverfahren propagiert (1). Die therapeutische Wirksamkeit von Sch\u00f6llkraut-Extrakten in der Behandlung von Tumorerkrankungen ist unbewiesen. Thiotepa ist ein alkylierendes Zytostatikum, das lokal z.B. bei Harnblasenkarzinomen und systemisch &#8211; auch im Rahmen der Hochdosis-Chemotherapie &#8211; bei einigen soliden Tumoren und selten auch bei h\u00e4matologischen Neoplasien eingesetzt wird. Die \u00fcbliche Standarddosierung betr\u00e4gt 30 mg\/m<sup>2 <\/sup>einmal w\u00f6chentlich (2). Eine Ampulle Ukrain enth\u00e4lt 5 mg der oben genannten Substanzen, und eine Behandlung mit Ukrain wird meistens mit 10 mg\/d bzw. 100 mg\/Therapiezyklus durchgef\u00fchrt. Die Kosten hierf\u00fcr betragen etwa 5000 DM bis 7000 DM\/Woche (3).<\/p>\n<p>Ukrain wurde vor mehr als 15 Jahren von J.W. Nowicky entwickelt, der in Wien das &#8222;Ukrainische Institut f\u00fcr Krebsforschung&#8220; gr\u00fcndete. Hersteller und Patentinhaber des Pr\u00e4parates ist die Firma Nowicky Pharma mit Sitz in \u00d6sterreich. Das Pr\u00e4parat ist bisher nur in Wei\u00dfru\u00dfland zugelassen. Der Hersteller von Ukrain hat in den zur\u00fcckliegenden Jahren sein Interesse angeblich darauf konzentriert, &#8222;einen tiefen wissenschaftlichen Einblick in das gesamte Spektrum der pharmakodynamischen Aktivit\u00e4ten, des pharmokokinetischen Verhaltens sowie der klinischen Effektivit\u00e4t seines Produktes zu gewinnen&#8220; (1). \u00dcber die Fragestellungen und Qualit\u00e4t dieser &#8222;wissenschaftlichen Untersuchungen&#8220; kann man sich seit 1997 im Internet (http:\/\/www.ukrin.com) informieren. Aussagen zu angeblichen Wirkungen des Pr\u00e4parates und Ergebnissen klinischer Pr\u00fcfungen sind dort einer &#8222;Synopsis der wissenschaftlichen und \u00f6konomischen Aspekte der pharmazeutischen Substanz Ukrain&#8220; zu entnehmen (1). Neben einer direkten zytotoxischen Wirkung auf Tumorzellen \u00fcber Hemmung der DNA-, RNA- und Protein-Synthese sowie Induktion von Apoptose soll Ukrain auch \u00fcber immunstimulierende Wirkungen (u.a. Erh\u00f6hung der Anzahl der Monozyten, T-Helferzellen und nat\u00fcrlichen Killerzellen sowie Verst\u00e4rkung deren funktioneller Aktivit\u00e4t) und hemmende Einfl\u00fcsse auf die Tumorangiogenese verf\u00fcgen. Das Pr\u00e4parat sei (nat\u00fcrlich) bei einer Vielzahl verschiedener Tumoren wirksam und sehr gut vertr\u00e4glich. Es eigne sich auch zur Unterdr\u00fcckung von Metastasen. Bisher erhielten mehr als 650 Tumorpatienten Ukrain, wobei die Behandlung nicht im Rahmen kontrollierter klinischer Studien erfolgte, die Behandlungsergebnisse nur als Abstract oder Bericht in obskuren medizinischen Zeitschriften vorliegen und die Mehrzahl der Studien &#8211; auch nach Einsch\u00e4tzung der Protagonisten dieses Pr\u00e4parates (1) &#8211; nicht auf der Grundlage der &#8222;Good Clinical Practice&#8220; (GCP) durchgef\u00fchrt wurde. Man findet auf der Web-Seite von Ukrain auch 19 Abstracts (in 12 Abstracts fungiert W. Nowicky als Ko-Autor), die anl\u00e4\u00dflich des &#8222;<sup>20<\/sup>th International Congress of Chemotherapy&#8220; in Sydney vorgestellt wurden, mit Sicherheit keinem Peer-Review-Verfahren unterlagen und zu fast allen aktuellen zellbiologischen Fragen im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen (z.B. Multidrug-resistance-Ph\u00e4notyp, Induktion von Apoptose, immunmodulatorische Wirkungen, Antiangiogenese) pseudowissenschaftliche Ergebnisse mit Ukrain vorstellen. Au\u00dferdem wird \u00fcber &#8222;randomisierte Studien&#8220; bei z.B. 20 Patienten mit Prostatakarzinom berichtet, wobei eine objektive Beurteilung des Ansprechens der Tumorerkrankung grunds\u00e4tzlich nicht m\u00f6glich ist und versucht wird, in nicht aussagekr\u00e4ftigen Formulierungen (z.B. &#8222;transrectal palpation of the tumor showed some decrease of the tumor&#8220;) eine Wirksamkeit von Ukrain zu suggerieren.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Anstelle eines eigenen Fazits m\u00f6chten wir auf das Res\u00fcmee der &#8222;Studiengruppe Methoden mit unbewiesener Wirksamkeit in der Onkologie&#8220; verweisen, dem wir uns inhaltlich voll anschlie\u00dfen: &#8222;Nach sorgf\u00e4ltigem Studium der Literatur und anderer zur Verf\u00fcgung stehender Informationen haben die Schweizerische Krebsliga und die Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Onkologie keine Beweise daf\u00fcr, da\u00df Ukrain eine Wirkung gegen Krebs beim Menschen hat. Sie raten von der Anwendung in der Krebsbehandlung ab&#8220; (4). \u00dcber m\u00f6gliche Nebenwirkungen von Sch\u00f6llkraut-Extrakt-haltigen Pr\u00e4paraten (Hepatitis) hat im vergangenen Jahr die Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft berichtet (5). Auch eine Gabe von Thiotepa kann nat\u00fcrlich unerw\u00fcnschte Wirkungen haben, wie z.B. Immunsuppression, Myelosuppression, Anorexie, \u00dcbelkeit und Erbrechen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Synopsis der wissenschaftlichen und \u00f6konomischen Aspekte der pharmazeutischen Substanz Ukrain; <a href=\"http:\/\/www.ukrin.com\/drugsger.htm\"><a href=\"http:\/\/http:\/\/www.ukrin.com\/drugsger.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.ukrin.com\/drugsger.htm<\/a><\/a>.<\/li>\n<li>Schmoll, H.-J.,H\u00f6ffken, K.,Possinger, K.: Kompendium internistische Onkologie. Springer-Verlag, Berlin 1996.<\/li>\n<li>Pers\u00f6nliche Mitteilung der Privatklinik Villa Medica in Edenkoben (Chefarzt: Dr. B. Aschhoff), 1998.<\/li>\n<li>Alleweit, M.C., und Hauser, S.P: Dokumentation Nr. 35D der Schweizerischen Krebsliga, 1997.<\/li>\n<li>Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft: Dt. \u00c4rztebl. 1998, <b>95<\/b>, A-2790.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuelle Verfahren mit unbewiesener Wirksamkeit in der Onkologie wurden von uns vor zwei Jahren ausf\u00fchrlich besprochen (AMB 1997, 31, 33). Zu einem derzeit stark beworbenen Pr\u00e4parat, Ukrain, m\u00f6chten wir unseren Lesern im folgenden einige Hintergrundinformationen liefern. 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