{"id":40194,"date":"1999-11-01T12:01:00","date_gmt":"1999-11-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1999\/die-einfuehrung-von-paclitaxel-in-die-onkologie-ursachen-und-auswirkungen-eines-fragwuerdigen-erfolgs"},"modified":"1999-11-01T12:01:00","modified_gmt":"1999-11-01T11:01:00","slug":"die-einfuehrung-von-paclitaxel-in-die-onkologie-ursachen-und-auswirkungen-eines-fragwuerdigen-erfolgs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/die-einfuehrung-von-paclitaxel-in-die-onkologie-ursachen-und-auswirkungen-eines-fragwuerdigen-erfolgs\/","title":{"rendered":"Die Einf\u00fchrung von Paclitaxel in die Onkologie. Ursachen und Auswirkungen eines fragw\u00fcrdigen Erfolgs"},"content":{"rendered":"<p>Als das Zytostatikum Paclitaxel 1994 eingef\u00fchrt wurde, verhie\u00df man ihm eine gro\u00dfe Zukunft. Da\u00df diese Substanz aber schon bald danach zum Marktf\u00fchrer unter den Zytostatika avancieren w\u00fcrde, ahnten wenige. Das Ph\u00e4nomen dieses in der Onkologie beispiellosen Erfolges wird verst\u00e4ndlich, wenn man die ihrerseits einmalige Konstellation beg\u00fcnstigender Faktoren bedenkt, die den Aufstieg von Paclitaxel begleiteten:<\/p>\n<p>\u00b7 Zur Zeit der Lancierung des Paclitaxel befand sich die Onkologie auf einer Durststrecke, da l\u00e4nger keine wirksamen neuen Substanzen eingef\u00fchrt worden waren.<\/p>\n<p>\u00b7 Da die Muttersubstanz erst seit 1994 halbsynthetisch hergestellt werden konnte, schien zun\u00e4chst sogar die pazifische Eibe als Art gef\u00e4hrdet (vgl. AMB 1992, <b>26<\/b>, 127). Dem Medikament hat dies aber nicht geschadet, vielmehr wurde es hierdurch erst recht bekannt und dazu noch mit einer naturnahen Aura versehen.<\/p>\n<p>\u00b7 Unter dem gl\u00fccklich gew\u00e4hlten Markennamen Taxol wurde das Marketing durch einen erfolgserfahrenen Gro\u00dfkonzern von Anfang an mit einem Millionenetat professionell betrieben.<\/p>\n<p>\u00b7 Pacllitaxel wurde schon bei seiner Einf\u00fchrung vor allem bei marktwichtigen Krankheiten, wie Mamma-, Ovarial- und Bronchialkarzinom, als wirksam beschrieben und getestet.<\/p>\n<p>\u00b7 Publikationen \u00fcber Wirkungen und unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW) der neuen Substanz waren f\u00fcr klinische Forscher eine willkommene Gelegenheit zum akademischen Aufstieg, so da\u00df es heute bereits \u00fcber 6000 Ver\u00f6ffentlichungen gibt.<\/p>\n<p>\u00b7 Die Zahl der Abstracts \u00fcber Paclitaxel war in den letzten Jahren zudem so gro\u00df, da\u00df die Firma nach den gro\u00dfen Kongressen separate Abstract-B\u00e4nde druckte und die wichtigsten Erkenntnisse auf Satelliten-Symposien von hochbezahlten &#8222;Opinion leaders&#8220; verbreiten lie\u00df.<\/p>\n<p>\u00b7 Ab einer Dosis von 200 mg\/m<sup>2 <\/sup>l\u00e4\u00dft sich Paclitaxel nur in Kombination mit h\u00e4matopoetischen Wachstumsfaktoren verabreichen, so da\u00df es nicht \u00fcberrascht, da\u00df sich die Hersteller beider Wirkstoffe im Marketing miteinander verb\u00fcndeten.<\/p>\n<p>\u00b7 Paclitaxel kann \u00fcber 1, 2, 3, 24 oder 96 Stunden und in einem ein- oder dreiw\u00f6chentlichen Intervall verabreicht werden, was zu einer Vielzahl von Studien zum Vergleich der verschiedenen Applikationsformen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>\u00b7 Die UAW von Paclitaxel sind zwar betr\u00e4chtlich, durch geschicktes Produktmarketing wurde aber suggeriert, diese seien stets beherrschbar und angesichts der guten Wirksamkeit der Substanz zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>\u00b7 Schlie\u00dflich ist Paclitaxel in der Tat bei so vielen Tumoren wirksam, da\u00df bei fast allen Studien zumindest ein kleiner Anteil von &#8222;Respondern&#8220; herauskam, der sich als &#8222;vielversprechend&#8220; darstellen lie\u00df.<\/p>\n<p>Welchen Stellenwert aber hat dieses Zytostatikum heute? Beim Versuch, diese Frage zu beantworten, stellt man \u00fcberrascht fest, da\u00df es trotz der \u00fcber 6000 Ver\u00f6ffentlichungen kaum \u00fcberzeugende gro\u00dfe randomisierte Studien gibt &#8211; weder solche mit negativem noch solche mit eindeutig positivem Ergebnis. Die Literatur besteht vielmehr \u00fcberwiegend aus Phase-l\/II-Studien, denen man allenfalls entnehmen kann, da\u00df sich Paclitaxel mit &#8222;hoher&#8220; Wirkung und &#8222;akzeptabler&#8220; Toxizit\u00e4t bei praktisch jedem Malignom einsetzen l\u00e4\u00dft, wobei die Definitionen von &#8222;akzeptabel&#8220; und &#8222;wirksam&#8220; meist stark variieren oder ganz im Dunklen bleiben. Diese Literatur mag manche Bed\u00fcrfnisse, etwa die von \u00c4rzten nach Publikationen oder des Pharmakonzerns nach steigenden Ums\u00e4tzen befriedigen; f\u00fcr eine verantwortungsvolle Umsetzung in die t\u00e4gliche klinische Praxis bleibt sie aber untauglich, auch wenn sie in immer neuen Hochglanz-Brosch\u00fcren, h\u00e4ufig in Form kostenloser Beilagen zu onkologischen Fachzeitschriften, graphisch geschickt und mit suggestiven Synopsen aufbereitet wird.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen gesicherte Erkenntnisse bestehen daher heute vor allem \u00fcber die UAW von Paclitaxel: neben \u00dcberempfindlichkeitsreaktionen, Myelosuppression und Alopezie vor allem periphere Polyneuropathien und &#8211; insbesondere in Verbindung mit Anthrazyklinen &#8211; kardiale Toxizit\u00e4t (vgl. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1999, <b>33<\/b>, 41<\/a>). Es ist deshalb erstaunlich, wie Paclitaxel trotz dieser Vielzahl und zum Teil ernsten UAW heute auch in palliativer Indikation oft den vertr\u00e4glicheren &#8222;alten&#8220; Zytostatika vorgezogen wird.<\/p>\n<p>Gesichert ist zudem, da\u00df Paclitaxel bei vielen soliden Tumoren als Monotherapie Ansprechraten erzielt, die mit den bisher wirksamsten Substanzen vergleichbar sind, und da\u00df die Wirksamkeit bei h\u00e4matologischen Neoplasien entt\u00e4uschend ist (1). Sowohl als Monotherapie als auch in der Kombination mit anderen Zytostatika bleibt aber noch unklar, wobei Paclitaxel seinen Vorg\u00e4ngern in bezug auf Wirkungen und UAW signifikant \u00fcberlegen ist. Der Eindruck der \u00dcberlegenheit wird zwar immer wieder auch durch gr\u00f6\u00dfere Phase-Ill-Studien erweckt (2); bei genauerem Hinsehen und mit l\u00e4ngerer Beobachtungsdauer erweisen sich aber selbst diese oft als zweifelhaft (3). So ist vermutlich die Kombination von Paclitaxel und Cisplatin beim inoperablen Ovarialkarzinom tats\u00e4chlich (mit \u00fcbrigens unver\u00e4ndert palliativer Intention) etwas besser und l\u00e4nger wirksam als Cisplatin plus Cyclophosphamid; der Unterschied zwischen diesen Therapien ist aber sowohl in seinem Ausma\u00df als auch in bezug auf die hieraus resultierenden Mehrkosten und die genaue Auswahl der Vergleichstherapie heftig umstritten (4-6).<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich wurde der Einsatz von Paclitaxel in der adjuvanten Therapie des Mammakarzinoms propagiert, bei der 4 Zyklen mit Doxorubicin und Cyclophosphamid (AC) plus 4mal Paclitaxel (AC + T) signifikant bessere Ergebnisse erzielen sollen als 4mal AC (7). Bei dieser Studie wurde nun scheinbar alles richtig gemacht. \u00dcber 3000 Patientinnen wurden multizentrisch und unter kontrollierten Bedingungen behandelt. Der Teufel steckt hier aber in einem problematischen Design, das selbst mit noch mehr Patientinnen oder Kontrollen nicht verbessert w\u00fcrde. Was in dieser Studie tats\u00e4chlich verglichen wurde, ist weniger AC + T mit 4 mal AC, sondern 8 Zyklen adjuvanter Standard-Chemotherapie mit 4 Zyklen bzw. 3 Zytostatika mit 2 in der adjuvanten Situation sowie 24 Wochen adjuvanter Behandlung mit 12 Wochen. Aufgrund dieser Studie kann keineswegs ausgeschlossen werden, da\u00df AC plus eine andere effektive Substanz in der Behandlung des Mammakarzinoms \u00e4hnlich g\u00fcnstige Ergebnisse wie AC + T erbringen w\u00fcrde. Man hat fast den Verdacht, da\u00df die Autoren der Studie schon bei deren Konzeption daran dachten, wie man diesem Taxan zu einer neuen Indikation verhelfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist unumstritten, da\u00df Paclitaxel ein wirksames Zytostatikum ist. F\u00fcr eine der wirksamsten Innovationen des letzten Jahrzehnts h\u00e4tte man sich jedoch eine weitsichtigere, im Design transparentere und auf definitiven Ergebnissen gro\u00dfer Phase-Ill-Studien basierende Markteinf\u00fchrung gew\u00fcnscht. Da dies vers\u00e4umt wurde, stehen wir jetzt vor der traurigen Bilanz, da\u00df Paclitaxel in Deutschland zwar jedes Jahr dreistellige Millionenums\u00e4tze erzielt, wir aber nicht wissen, ob alle Anwendungen auf validen wissenschaftlichen Daten beruhen oder aber nur den Erfolg eines suggestiven Marketings widerspiegeln.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Es bleibt zu hoffen, da\u00df wir aus dem verheerend teuren Siegeszug von Paclitaxel lernen, bei neuen Pharmaka die Regeln der &#8222;Evidence based medicine&#8220; von Anfang an st\u00e4rker zu beachten. Das Umgehen dieser Regeln wurde bei Paclitaxel durch ungeduldige Sehnsucht nach neuen Wirkstoffen, unkritischen Publikationseifer, mangelnde Skepsis gegen\u00fcber Erfolgsberichten und durch einen diese Schw\u00e4chen geschickt und systematisch ausnutzenden Pharmakonzern nur allzu leicht gemacht.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Rowinsky, E.K., und Donehower, R.C.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=7885406&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1995, <b>332<\/b>, 1004<\/a>.<\/li>\n<li>McGuire, W.P., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=7494563&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>334<\/b>, 1<\/a>.<\/li>\n<li>ICON2 trial; Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10029003&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>353<\/b>, 587<\/a>.<\/li>\n<li>Messon, A., et al.: Cancer <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8941008&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>78<\/b>, 2366<\/a>.<\/li>\n<li>Elit, L.M., et al.: J. Clin. 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