{"id":40195,"date":"1999-09-01T12:04:00","date_gmt":"1999-09-01T10:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1999\/das-parkinson-syndrom-differentialdiagnose-und-neuere-therapieentwicklungen"},"modified":"1999-09-01T12:04:00","modified_gmt":"1999-09-01T10:04:00","slug":"das-parkinson-syndrom-differentialdiagnose-und-neuere-therapieentwicklungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/das-parkinson-syndrom-differentialdiagnose-und-neuere-therapieentwicklungen\/","title":{"rendered":"Das Parkinson-Syndrom. Differentialdiagnose und neuere Therapieentwicklungen"},"content":{"rendered":"<p><b>Einleitung:<\/b> Eine \u00dcbersichtsarbeit zum Parkinson-Syndrom und seiner Therapie erschien im ARZNEIMITTELBRIEF zuletzt im Jahre 1987 (AMB 1987, <b>21<\/b>, 65). Es stellt sich die Frage, ob es seitdem zu wesentlichen neuen Erkenntnissen und Therapiem\u00f6glichkeiten gekommen ist. Die \u00c4tiologie der Erkrankung ist weiterhin nicht bekannt. Die pathogenetischen Vorg\u00e4nge, die dem degenerativen Proze\u00df zugrunde liegen k\u00f6nnen, sind aber erhellt worden durch Erkenntnisse an den seltenen Formen der famili\u00e4ren Parkinsonschen Erkrankung (1), durch Studien \u00fcber eine gest\u00f6rte mitochondriale Funktion beim M. Parkinson (2) sowie auch durch die Untersuchungen beim durch MPTP (1-Methyl-4-Phenyl-1,2,3,6-Tetrahydropyridin) induzierten Parkinsonismus (3, s.a. AMB 1987, <b>21<\/b>, 65).<\/p>\n<p>Im Vergleich zu 1987 bem\u00fcht man sich heute st\u00e4rker, die Parkinsonsche Erkrankung von anderen degenerativen Erkrankungen mit Symptomen des Parkinsonismus abzugrenzen, die meist schlechter auf L-Dopa ansprechen (4). In die Therapie ist eine Reihe neuer Substanzen eingef\u00fchrt worden, die ihre Bedeutung in der Behandlung des fortgeschrittenen Parkinson-Syndroms haben. Eine auf den Grundproze\u00df gerichtete (neuroprotektive oder gar neurorestaurative) Therapie ist weiterhin nicht gefunden. Auch im Hinblick auf die Probleme in der Therapie mit dem \u201dGoldstandard&#8220; L-Dopa gibt es keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Die Diskussionen dar\u00fcber, ob L-Dopa sch\u00e4dlich ist und ob man es fr\u00fch oder erst m\u00f6glichst sp\u00e4t einsetzen soll, sind noch auf dem selben Stand wie vor 15 Jahren (5-7). Hinweise auf eine toxische Wirkung von L-Dopa in den beim Menschen angewandten Dosierungen fehlen (8). Neue galenische Zubereitungen des L-Dopa wurden eingef\u00fchrt. Der Einsatz von Anticholinergika ist aus guten Gr\u00fcnden deutlich r\u00fcckl\u00e4ufig; Amantadin (PK-Merz u. a.) hat eine gewisse Renaissance erlebt. Selegilin ist wegen der nicht bewiesenen Hypothese, es k\u00f6nne neuroprotektiv wirken, zwischenzeitlich sehr favorisiert worden. Diese Substanz wird aber inzwischen realistischer eingesch\u00e4tzt. Weiterhin wurden neue Dopaminagonisten und Hemmer der Catecholamin-Ortho-Methyl-Transferase (COMT) in die Therapie eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die neurochirurgischen Verfahren, die mit der Einf\u00fchrung von L-Dopa zun\u00e4chst in den Hintergrund getreten waren, werden jetzt erneut und zunehmend eingesetzt. Dies liegt an den verbesserten bildgebenden Techniken, den computergest\u00fctzten Stereotaxie-Verfahren und der M\u00f6glichkeit, au\u00dfer dem Setzen von L\u00e4sionen auch Stimulatoren implantieren zu k\u00f6nnen. W\u00e4hrend fr\u00fcher die Indikation lediglich in der Therapie des einseitig oder deutlich seitenbetonten Tremors lag, kann man jetzt diese Verfahren f\u00fcr alle pharmakoresistenten fortgeschrittenen Parkinson-Syndrome erw\u00e4gen. Auf die Besonderheiten dieser Behandlung wird in dieser \u00dcbersicht nicht eingegangen, auch nicht auf die intrazerebrale Implantation fetalen Mittelhirn-Gewebes, ein noch experimentelles und auch nur begrenzt wirksames Verfahren (weiterf\u00fchrende Literatur 9-12).<\/p>\n<p><b>Diagnose und Differentialdiagnose:<\/b> In Tab. 1 sind die therapeutisch wichtigen Differentialdiagnosen zur Parkinsonschen Erkrankung aufgef\u00fchrt. Die Parkinsonsche Erkrankung mit der individuell unterschiedlich ausgepr\u00e4gten Symptomen-Trias Akinese, Rigor und Tremor (sowie vegetative St\u00f6rungen: Hypersalivation, Hyperhidrosis, Seborrh\u00f6, orthostatische Dysregulation; Abnahme der intellektuellen Leistungsf\u00e4higkeit) ist eine nur neuropathologisch durch den Nachweis der charakteristischen Lewy-K\u00f6rperchen eindeutig zu kl\u00e4rende Diagnose. Folgende zus\u00e4tzliche Charakteristika machen aber zu Lebzeiten die Annahme dieser Erkrankung sehr wahrscheinlich:<\/p>\n<p>&#8211; langsamer, asymmetrischer Beginn<\/p>\n<p>&#8211; Ruhetremor (\u201dPillendrehen&#8220;)<\/p>\n<p>&#8211; initial gutes und im allgemeinen mehrere Jahre lang gutes Ansprechen auf L-Dopa<\/p>\n<p>Andere ZNS-Erkrankungen mit Symptomen des Parkinsonismus sprechen meist nur kurzfristig und weniger gut auf L-Dopa an. Dennoch sollte man an den Symptomen orientiert auch bei diesen Patienten stets einen Versuch mit L-Dopa oder Dopaminergika unternehmen, jedoch bei mangelnder Effizienz und schwer tolerablen Nebenwirkungen auch wieder beenden.<\/p>\n<p>Der <i>essentielle Tremor <\/i>ist, besonders bei j\u00fcngeren Patienten, ein h\u00f6herfrequenter Haltetremor, der durch Betarezeptoren-Blocker (oder auch Primidon = Mylepsinum u.a.) gut behandelbar ist, durch L-Dopa aber verschlechtert werden kann. Der <i>senile Tremor <\/i>ist die meist erst sp\u00e4ter auftretende Variante mit h\u00f6herer Amplitude. Der <i>normotensive Hydrozephalus <\/i>ist charakterisiert durch die Trias hypokinetische Gangst\u00f6rung, Blasenst\u00f6rung und Demenz. Die CT-Diagnostik sowie probatorische Lumbalpunktionen f\u00fchren zur Diagnose und zur neurochirurgischen Therapie (Shunt-lmplantation). Das durch <i>Pharmaka induzierte Parkinson-Syndrom <\/i>sollte bei sorgf\u00e4ltiger Anamneseerhebung nicht schwer abzugrenzen sein. Man mu\u00df aber bedenken, da\u00df Patienten h\u00e4ufig zu vielen \u00c4rzten gehen und insbesondere nur im Abstand von mehreren Wochen applizierte Depot-Neuroleptika \u201dzur Nervenst\u00e4rkung&#8220; manchmal nicht angegeben werden. Nachdem Reserpin und Alpha-Methyl-Dopa zur Therapie der arteriellen Hypertonie fast nicht mehr eingesetzt werden, hat diese Differentialdiagnose an Bedeutung verloren. Hinzuweisen ist aber weiterhin noch auf die zerebralen Nebenwirkungen der Kalziumantagonisten vom Flunarizin-Typ (Sibelium u.a.). In Fr\u00fchstadien werden Parkinson-Patienten ohne Tremor nicht selten wegen Bewegungsarmut und ziehender Schmerzen als \u201dWeichteil-Rheumatiker&#8220; fehldiagnostiziert.<\/p>\n<p><b>Oszillationen der Beweglichkeit bei behandelten Parkinson-Patienten:<\/b> Insbesondere bei l\u00e4nger behandelten Parkinson-Patienten gibt es eine Reihe von Fluktuationen in der Beweglichkeit, von denen die meisten eine Beziehung zur Behandlung haben, aber auch unmittelbar krankheitsbedingt sein k\u00f6nnen. Um diese richtig einzuordnen, bedarf es neben dem Beobachten der Ph\u00e4nomene einer gr\u00fcndlichen Anamnese, damit die Beziehung zwischen Medikamenteneinnahme und Auftreten der Fluktuation richtig erfa\u00dft werden kann (13). Neben der (z.B. durch Schreck ausgel\u00f6sten) pl\u00f6tzlichen sog. paradoxen Kinesie gibt es pl\u00f6tzliche motorische Blockierungen (\u201dFreezing&#8220;), bei denen es nicht zu einer akuten Verschlechterung des Rigors kommt. Beide Ph\u00e4nomene kommen auch bei unbehandelten Patienten vor. Im Verlauf der Parkinsonschen Erkrankung verlieren die dopaminergen Neurone der Substantia nigra ihre F\u00e4higkeit, L-Dopa zu speichern und kontinuierlich abzugeben, so da\u00df der Patient im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung auf eine m\u00f6glichst kontinuierliche dopaminergeStimulation angewiesen ist. Hierin liegt die Ursache f\u00fcr \u00c4nderungen des klinischen Status in Abh\u00e4ngigkeit von der dopaminergen Stimulation mit Auftreten von unerw\u00fcnschten Akinesen und Hyperkinesen. Insbesondere schmerzhafte Dystonien in Stadien zu geringer dopaminerger Stimulation werden oft nicht korrekt erkannt (insbesondere die n\u00e4chtliche und fr\u00fchmorgendliche schmerzhafte Dystonie). Bei den Hyperkinesen sind die sog. schmerzlosen Peak-of-dose-Dyskinesien mit choreatiformem Bewegungsbild die h\u00e4ufigsten. Seltener kommt es auch im Rahmen des Anflutens und Abflutens zu Dyskinesien (sog. diphasische Dyskinesien).<\/p>\n<p><b>Therapeutisch eingesetzte Substanzgruppen:<\/b> <i>L-Dopa (Dihydroxyphenylalanin, Levodopa): <\/i>L-Dopa ist seit der Einf\u00fchrung in den 60er Jahren auch heute noch die wirksamste Substanz. Sie wirkt auf alle drei Kardinalsymptome. Auch im Hinblick auf den Tremor ist sie den <i>Anticholinergika <\/i>\u00fcberlegen (14). Der Einsatz von L-Dopa ohne <i>Decarboxylasehemmer <\/i>ist obsolet; klinisch bedeutsame Unterschiede zwischen den beiden verf\u00fcgbaren Hemmern (<i>Carbidopa <\/i>und <i>Benserazid) <\/i>existieren nicht. Die Dosierung von L-Dopa (in Kombination mit einem Decarboxylasehemmer) liegt \u00fcblicherweise zwischen 200 und 800 mg\/d. Es ist anzustreben, mit einer m\u00f6glichst niedrigen Dosierung auszukommen, verteilt auf vier Tagesdosen. Wenn es zu einem oszillierenden Wirkungsverlauf kommt, ist eine weitere Fraktionierung anzustreben, wobei mehr als 6 Einzeldosen t\u00e4glich von den meisten Patienten nicht toleriert werden. Eine Fraktionierung mit Einzeldosen < 50 mg ist oft klinisch nicht sehr wirksam, da damit eine therapeutisch wichtige Konzentrations\u00e4nderung im Serum nicht mehr erreicht wird. Insbesondere morgens brauchen die Patienten zun\u00e4chst eine h\u00f6here Dosis, um \u201din die G\u00e4nge zu kommen\". Die l\u00f6sliche Form ist deshalb morgens manchmal von Vorteil (Madopar LT). Es mu\u00df bedacht werden, da\u00df man die volle Wirksamkeit einer Dosissteigerung erst nach etwa 3 Wochen erkennen kann.<\/p>\n<p>Eiwei\u00dfreiche Mahlzeiten k\u00f6nnen wegen der Zufuhr konkurrierender Aminos\u00e4uren die Resorption von L-Dopa behindern. Dies bedeutet, da\u00df man bei Patienten mit Oszillationen L-Dopa m\u00f6glichst eine halbe Stunde vor der Mahlzeit geben sollte.<\/p>\n<p>L-Dopa kann mit anderen Parkinson-Medikamenten kombiniert werden. Ohne gleichzeitige Reduktion der L-Dopa-Dosis kann es dann aber vermehrt zu Hyperkinesen oder auch toxischen Psychosen kommen. Bei der Kombination mit Anticholinergika mu\u00df bedacht werden, da\u00df durch die Verringerung der Darmmotilit\u00e4t die Resorption ver\u00e4ndert werden kann. Kombinationen mit Antidepressiva sind m\u00f6glich und oft auch notwendig, da depressive Verstimmungen beim Parkinson-Syndrom h\u00e4ufig sind. Trizyklische Antidepressiva haben sich gut bew\u00e4hrt, aber auch die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer k\u00f6nnen eingesetzt werden. In Einzelf\u00e4llen sind darunter allerdings Verschlechterungen beschrieben worden (15). Die Kombination mit unselektiven Monoaminooxidase(MAO)-Hemmern ist kontraindiziert, die Kombination mit MAO-B-Hemmern und dem reversiblen MAO-A-Hemmer Moclobemid (Aurorix) ist m\u00f6glich. Kombinationen mit klassischen Neuroleptika sind sinnlos; die Kombination mit atypischen Neuroleptika, insbesondere Clozapin (Leponex), ist bei Dopa-induzierten Psychosen aber m\u00f6glich und sehr wirksam (s.u.).<\/p>\n<p><i>Direkte Dopaminergika: <\/i>Die direkten Dopaminrezeptor-Agonisten lassen sich nach den Besonderheiten ihrer Rezeptor-Affinit\u00e4t, der Halbwertszeit und der Struktur in Ergot-Derivat (= Mutterkorn) oder Nicht-Ergot-Derivat einteilen. Der am l\u00e4ngsten eingesetzte, klassische Vertreter ist Bromocriptin (Pravidel u.a.). F\u00fcr die Anti-Parkinson-Wirksamkeit ist ein Agonismus auf die Rezeptoren der D<sub>2<\/sub>-Familie notwendig. Welche Bedeutung ein zus\u00e4tzlicher modulierender Einflu\u00df auf die D<sub>1<\/sub>-Rezeptoren hat, ist nicht ausreichend bekannt. Derzeit sind in Deutschland 7 direkte Dopaminagonisten zur Kombinationstherapie mit L-Dopa zugelassen (s. Tab 2A). Lediglich Ropinirol (Requip) hat formal auch die Zulassung zur Monotherapie.<\/p>\n<p>Abgesehen von Ropinirol und Pramipexol (Sifrol) sind die anderen Dopaminagonisten Ergot-Derivate und haben daher, wenn auch sehr selten, die substanzspezifischen Nebenwirkungen (Wirkungen auf das Bindegewebe, insbesondere retroperitoneale und Pleurafibrosen, \u00d6deme). Eine besondere Nebenwirkung von Pramipexol, die erst k\u00fcrzlich in ihrer Tragweite bekannt geworden ist und unbedingt beachtet werden mu\u00df, ist pl\u00f6tzliches Einschlafen bei Alltagsaktivit\u00e4ten (32). Patienten, die mit Pramipexol behandelt werden, d\u00fcrfen daher kein Kraftfahrzeug f\u00fchren oder Maschinen bedienen, bei denen eine Beeintr\u00e4chtigung der Aufmerksamkeit eine gro\u00dfe Gefahr bedeutet. Im Hinblick auf m\u00f6gliche psychotrope Nebenwirkungen sind die Dopaminagonisten riskanter als L-Dopa. Auf die einzelnen Nebenwirkungen kann aber hier nicht n\u00e4her eingegangen werden. In der Behandlung von Patienten mit oszillierendem Wirkungsverlauf sind aus prinzipiellen \u00dcberlegungen Agonisten mit l\u00e4ngerer Halbwertszeit zu bevorzugen. Kontrollierte Studien, welche die verschiedenen Dopaminagonisten miteinander vergleichen und die Grundlage f\u00fcr gut begr\u00fcndbare Pr\u00e4ferenzen sein k\u00f6nnten, existieren nicht (lediglich Ropinirol wurde mit Bromocriptin verglichen und erwies sich als wirksamer (16). Ein Patient, der mit den \u201dalten&#8220; Dopaminagonisten Bromocriptin oder Lisurid (Dopergin) gut behandelt ist, sollte nicht umgestellt werden. Lassen sich bei einem solchen Patienten Oszillationen aber nicht ausreichend behandeln, ist der Therapieversuch mit einem der erst k\u00fcrzlich zugelassenen Dopaminagonisten gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Die Tab. 2 A und 2 B geben eine \u00dcbersicht \u00fcber die wesentlichen Charakteristika, die Dosierungen und Preise der wichtigsten Parkinson-Medikamente. Die Dosierung von Pramipexol und Amantadin mu\u00df bei Niereninsuffizienz angepa\u00dft werden.<\/p>\n<p><i>Hammer der Monoaminoxidase Typ B (MAO-B): <\/i>Selegilin (Deprenyl) ist der einzige Vertreter dieser Substanzgruppe. Es ist gut vertr\u00e4glich und einfach zu dosieren (mit 10 mg\/d erfolgt eine weitgehend vollst\u00e4ndige Blockade des Enzyms). Die Substanz hat unbestritten ihren Wert, wenn es zu einem oszillierenden Verlauf gekommen ist. Unter Reduktion von etwa 20% der L-Dopa-Dosis l\u00e4\u00dft sich das Wirkungsprofil gl\u00e4tten. Die Hoffnung auf eine neuroprotektive Wirkung hat sich nicht sichern lassen. Berichte \u00fcber eine m\u00f6glicherweise erh\u00f6hte kardiovaskul\u00e4re Letalit\u00e4t sind bestritten worden (17-20).<\/p>\n<p><i>Hemmer der Catecholamin-Ortho-Methyl-Transferase (COMT): <\/i>Durch Hemmung der COMT wird der Abbau von L-Dopa und Dopamin sowohl in der Peripherie als auch im ZNS gehemmt. Die periphere Hemmung der COMT ist aber das entscheidende Wirkprinzip, da L-Dopa bereits in der Peripherie zu dem unwirksamen 3-Ortho-Methyl-Dopa abgebaut wird, welches seinerseits mit L-Dopa um die Aufnahme durch die Blut-Hirn-Schranke konkurriert. Durch die Ko-Medikation eines COMT-Hemmers erh\u00f6ht sich die relative Bioverf\u00fcgbarkeit von L-Dopa, ohne da\u00df die maximale Plasmakonzentration wesentlich beeinflu\u00dft wird (21). Tolcapon und Entacapon sind zugelassen worden, Tolcapon wurde nach kurzer Zeit wegen mehrerer F\u00e4lle mit schwerster Lebertoxizit\u00e4t aus dem Handel genommen (s. AMB 1998, <b>32<\/b>, 96). Entacapon (Comtess) wird in einer Dosierung von 200 mg\/100 mg L-Dopa dosiert (max. 10mal 200 mg\/d). Eine Zunahme von Dyskinesien ist durch L-Dopa-Anpassung auszugleichen. Gastrointestinale Nebenwirkungen (insbesondere Diarrh\u00f6) und Verf\u00e4rbung des Urins sind zu erw\u00e4hnen. Die Transaminasen bed\u00fcrfen der Kontrolle.<\/p>\n<p><i>Amantadin: <\/i>Amantadin (PK-Merz u.a.) ist eine lang bew\u00e4hrte Substanz mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Seit mehreren Jahren ist bekannt, da\u00df sie auch antiglutamaterg wirkt (Antagonist des ionotropen Rezeptors, der durch N-Methyl-D-Aspartat = NMDA stimulierbar ist). Das Interesse an dieser Substanz hat aus folgenden Gr\u00fcnden wieder zugenommen: Glutamat kann in pathologischen Konzentrationen exitotoxisch wirken und somit m\u00f6glicherweise eine Neurodegeneration f\u00f6rdern. Untersuchungen am Parkinson-Tiermodell haben gezeigt, da\u00df der Dopaminmangel im nigrostriatalen Bereich aufgrund eines R\u00fcckkopplungsmechanismus mit einer Glutamat-\u00dcberaktivit\u00e4t assoziiert ist. Au\u00dferdem existieren Hinweise, da\u00df es im Rahmen der L-Dopa-Langzeitbehandlung zu einer \u00dcbersensibilisierung der NMDA-Rezeptoren in Striatum kommt (22). Nach einer Studie (23) gibt es Hinweise, da\u00df die Ko-Medikation von Amantadin sich g\u00fcnstig auf die Entwicklung L-Dopa-induzierter Dyskinesien auswirkt. Unter diesem Aspekt hat die Substanz eine gewisse Renaissance erlebt. Sie ist zur Monotherapie in den Fr\u00fchstadien der Erkrankung geeignet, und es gibt die genannten Hinweise auf einen positiven Einflu\u00df auch in Sp\u00e4tstadien. Der vigilanzsteigernde Effekt ist noch hervorzuheben. Bei Niereninsuffizienz mu\u00df die Dosierung angepa\u00dft werden. Amantadin kann als Infusion gegeben werden (bei akinetischer Krise und z.B. perioperativ).<\/p>\n<p><i>Anticholinergika:<\/i> Anticholinergika (genauer: Antimuscarinergika) sind die ersten Medikamente zur Behandlung der Parkinsonschen Erkrankung gewesen. Sie haben inzwischen ihre Bedeutung weitgehend verloren, da sie nur begrenzt wirksam sind und anticholinerge Nebenwirkungen, insbesondere bei \u00e4lteren Patienten, gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen (kardiale Nebenwirkungen, Verschlechterung der Symptome bei Prostatahyperplasie, anticholinerge Delirien). Au\u00dferdem gibt es Hinweise auf St\u00f6rungen kognitiver Funktionen. Indiziert sind sie aber weiterhin beim durch Neuroleptika induzierten Parkinson-Syndrom sowie bei fokalen und generalisierten Dystonien (falls Botulinum-Toxin nicht oder nicht ausreichend wirksam ist). Auch eignen sie sich zur Behandlung der bei Parkinson-Patienten gelegentlich auftretenden Hyperhidrose (z.B. Bornaprin = Sormodren).<\/p>\n<p><i>Budipin: <\/i>Budipin (Parkinsan) ist nicht nur dopaminerg, sondern hat auch antimuskarinerge, noradrenerge und serotonerge Wirkungen; es ist zus\u00e4tzlich ein NMDA-Rezeptor-Antagonist. Budipin ist gegen alle Symptome des M. Parkinson wirksam, besonders jedoch gegen den Tremor (24, 25).<\/p>\n<p><b>Allgemeine Therapieprinzipien:<\/b> Die Abb. 1A und 1 B geben die Grundz\u00fcge und Strategien eines Behandlungsplans wieder. Mit der Diagnosestellung sollte eine angemessene Aufkl\u00e4rung des Patienten erfolgen. Diese beinhaltet auch die Mitteilung, da\u00df ein gro\u00dfer Teil der Patienten \u00fcber viele Jahre hin gut behandelt werden kann. \u00c4ltere Patienten mit einem tremordominanten Syndrom haben eine besonders gute Prognose. Mit welcher Substanz die Behandlung begonnen werden soll, ist immer noch Anla\u00df zu Kontroversen. Bei j\u00fcngeren Patienten wird im allgemeinen empfohlen, zun\u00e4chst mit einem Dopaminagonisten zu beginnen. Wenn diese Behandlung aber zu nebenwirkungsreich ist bzw. nicht ausreichend wirkt, sollte rasch mit L-Dopa begonnen werden. Dies gilt insbesondere, wenn die Krankheit bereits zu einer alltagsrelevanten Funktionseinbu\u00dfe gef\u00fchrt hat. Bei leichteren Symptomen ist auch ein Beginn mit Amantadin gerechtfertigt. Bei \u00e4lteren Patienten sollte mit L-Dopa begonnen und erst sp\u00e4ter vorsichtig mit anderen Medikamenten kombiniert werden. Der Beginn mit L-Dopa hat f\u00fcr den Patienten auch den Vorteil, da\u00df er nach einem m\u00f6glichen Schock durch die Mitteilung der Diagnose rasch erlebt, da\u00df eine effektive Behandlung m\u00f6glich ist. Neben der medikament\u00f6sen Behandlung sollte eine krankengymnastische \u00dcbungsbehandlung erfolgen (zun\u00e4chst unter Aufsicht einer Krankengymnastin, sp\u00e4ter auch allein). Es handelt sich hierbei in erster Linie um eine Schulung von Haltung und Gang mit Ein\u00fcben rascher Richtungs\u00e4nderungen sowie um Lockerungs\u00fcbungen. Der reduzierte Eigenantrieb wird durch den Fremdantrieb der\/des Krankengymnastin\/en erg\u00e4nzt. Massagen und Fango-Packungen k\u00f6nnen die sekund\u00e4ren Beschwerden an Sehnen und Gelenken lindern. Ist auch die Stimme betroffen, ist eine logop\u00e4dische Therapie hilfreich. Auf ausreichenden Schlaf sollte geachtet werden.<\/p>\n<p><b>Behandlung der motorischen Sp\u00e4tkomplikationen:<\/b> Die Behandlung der motorischen Sp\u00e4tkomplikationen geschieht nach zwei Prinzipien: eine st\u00e4rkere Fraktionierung der L-Dopa-Dosis und ein partieller Ersatz des L-Dopa durch Dopaminagonisten, um damit eine kontinuierliche postsynaptische Stimulation zu erreichen. Auch durch die zus\u00e4tzliche Gabe von Selegilin und Entacapon l\u00e4\u00dft sich das dopaminerge Wirkungsprofil gl\u00e4tten. Beim Umgang mit dem Patienten mu\u00df man wissen, da\u00df ihn leichtere Hyperkinesen meist wesentlich weniger st\u00f6ren als eine auch nur geringe Hypokinese. N\u00e4chtliche schmerzhafte Dystonien lassen sich durch abendliche Gabe retardierter L-Dopa-Pr\u00e4parate bessern. Insgesamt l\u00e4\u00dft sich mit den genannten Ma\u00dfnahmen der Zustand des Patienten zwar bessern, leider ist aber ein wirklich befriedigendes Ergebnis oft nicht zu erreichen.<\/p>\n<p><b>Behandlung der akinetischen Krise:<\/b> Die akinetische Krise kann durch Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in der Medikamenteneinnahme hervorgerufen werden (z.B. durch Verwechslung der Tablettenst\u00e4rke). Oft wird die Krise auch ausgel\u00f6st durch zus\u00e4tzliche interkurrente Erkrankungen. Es handelt sich um eine bedrohliche Komplikation, weil durch die Verschlechterung der Motorik die enterale Aufnahme der Medikamente und eine angemessene Fl\u00fcssigkeitszufuhr erschwert oder unm\u00f6glich wird. Die Patienten bed\u00fcrfen dann einer parenteralen Medikation. Die in dieser Situation im allgemeinen eingesetzte Substanz ist Amantadin; geringe Erfahrungen liegen auch mit Apomorphin s.c. vor (26). Zus\u00e4tzlich sind gute Pflege, Krankengymnastik und allgemein internistische Betreuung notwendig. Bei der Sonderform des malignen L-Dopa-Entzugssyndroms kann es durch den Rigor zu Muskelnekrosen (Rhabdomyolyse), CK-Anstieg und sekund\u00e4rem Nierenversagen kommen.<\/p>\n<p><b>Behandlung medikament\u00f6s induzierter Psychosen: <\/b>Alle Anti-Parkinson-Medikamente haben das Risiko psychiatrischer Nebenwirkungen. Dies gilt besonders f\u00fcr Anticholinergika, gefolgt von Amantadin, den Dopaminagonisten und auch L-Dopa. Fr\u00fchsymptome einer medikament\u00f6s induzierten Psychose sind lebhaftere Tr\u00e4ume, besonders bei j\u00fcngeren Patienten auch mit sexuellem Inhalt. Es folgen hypnagoge Halluzinationen (im allgemeinen szenenhaft optisch), bis es schlie\u00dflich zu einem schweren Verwirrtheitszustand kommt mit unterschiedlicher produktiv-psychotischer Symptomatik. Es ist wichtig, diese Entwicklung rechtzeitig zu erkennen und ihr durch eine langsame Reduktion der dopaminergen Medikation entgegenzuwirken. Abruptes Absetzen kann zur akinetischen Krise f\u00fchren. Die Medikamente sollten in der genannten Reihenfolge vorsichtig abgesetzt bzw. reduziert werden. Zwischen den beiden Therapiezielen \u201dgute Beweglichkeit&#8220; und \u201dPsychosefreiheit&#8220; mu\u00df h\u00e4ufig ein Kompromi\u00df gefunden werden. Als Mittel der Wahl hat sich die zus\u00e4tzliche Gabe niedriger Dosen von Clozapin bew\u00e4hrt (27, 28). Einzelfallberichte \u00fcber die g\u00fcnstige Wirkung auch anderer atypischer Neuroleptika sowie von Ondansetron (Zofran) liegen vor (29-31). Bei Gabe von Clozapin sind wegen m\u00f6glicher Neutropenie Blutbildkontrollen erforderlich.<\/p>\n<p><b>Ausblick:<\/b> Die bisherige Therapie kann die Symptome bei der Mehrzahl der Patienten \u00fcber viele Jahre nahezu vollst\u00e4ndig unterdr\u00fccken. Dennoch ist die Therapie, besonders in den Sp\u00e4tstadien, oft nicht befriedigend. Optimierungen der Therapie sollten \u00fcber eine kontinuierliche dopaminerge Stimulation erreicht werden. Hier sind Studien z.B. \u00fcber den fr\u00fchzeitigen kombinierten Einsatz von L-Dopa und COMT-Hemmern wichtig. Medikamente mit neuen Wirkungsmechanismen wie z.B. Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer und Adenosin-Antagonisten befinden sich in fr\u00fchen klinischen Studien. Letztlich mu\u00df es aber das Ziel einer Therapie sein, den degenerativen Proze\u00df, der sich besonders im dopaminergen System bemerkbar macht, kausal anzugehen. Ausgehend von der Tatsache, da\u00df es zu abnormen Eiwei\u00dfablagerungen kommt (Lewy-K\u00f6rperchen, bestehend aus Tau-Protein und Alpha-Synuklein), w\u00e4ren Therapieverfahren denkbar, die der Ablagerung abnorm konfigurierter Eiwei\u00dfstoffe entgegenwirken. Ein derartiges Therapieprinzip ist auch bei der Huntingtonschen Chorea und den autosomal dominanten spinozerebell\u00e4ren Atrophien w\u00fcnschenswert. Da der degenerative Proze\u00df sich auch auf die Mitochondrienfunktion auswirkt, sind medikament\u00f6se Eingriffe in den mitochondrialen Energiestoffwechsel denkbar, wobei sich aber Vitamin E nicht bew\u00e4hrt hat.<\/p>\n<p>Wenn in Zukunft praktisch anwendbare Erkenntnisse \u00fcber die Beeinflussung der Apoptose vorliegen, gibt es m\u00f6glicherweise auch neue Therapieans\u00e4tze f\u00fcr den M. Parkinson, da der degenerative Proze\u00df vermutlich \u00fcber einen apoptotischen Zelluntergang l\u00e4uft.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Golbe, L.I.: Mov. Disord. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9918338&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>14<\/b>, 6<\/a>.<\/li>\n<li>Blake, C.I.: Mov. Disord. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8990047&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <b>12<\/b>, 3<\/a>.<\/li>\n<li>Bloem, B.R., et al.: J. Neurol. Sci. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=2205710&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1990, <b>97<\/b>, 273<\/a>.<\/li>\n<li>Gelb, D.J., et al.: Arch. 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