{"id":40211,"date":"2000-01-01T12:05:00","date_gmt":"2000-01-01T11:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2000\/behandlung-von-leichten-und-mittelschweren-depressionen-in-der-hausarztpraxis"},"modified":"2000-01-01T12:05:00","modified_gmt":"2000-01-01T11:05:00","slug":"behandlung-von-leichten-und-mittelschweren-depressionen-in-der-hausarztpraxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/behandlung-von-leichten-und-mittelschweren-depressionen-in-der-hausarztpraxis\/","title":{"rendered":"Behandlung von leichten und mittelschweren Depressionen in der Hausarztpraxis"},"content":{"rendered":"<p>Nach Sch\u00e4tzungen leiden etwa 5-8% aller Patienten einer Hausarztpraxis &#8211; erkannt oder unerkannt &#8211; an einer Depression. In fr\u00fcheren Untersuchungen konnte gezeigt werden, da\u00df eine fach\u00e4rztliche, nicht-medikament\u00f6se Intervention (Psychotherapie, Verhaltenstherapie) und die Pharmakotherapie &#8211; unabh\u00e4ngig vom verabreichten Medikament &#8211; bei der Behandlung der leichten bis mittelschweren Depression etwa gleichwertig sind (s.a. AMB 1993, <B>27<\/B>, 30, u. 1995, <B>29<\/B>, 38).<\/p>\n<p>Der Frage, wie sicher und wirksam eine Behandlung leichter und mittelschwerer Depressionen durch den Hausarzt ist, ging eine norwegische Studiengruppe nach (Malt, U.F., et al.: NORDEP = <B>NOR<\/B>wegian naturalistic treatment study of <B>DEP<\/B>ression in general practice: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10221945&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <B>318<\/B>, 1180<\/a>). In einem randomisierten, plazebokontrollierten und doppeltblinden Studiendesign wurden zwei Interventionen untersucht: die Gabe von Antidepressiva bzw. Plazebo, beide in Kombination mit einer &#8222;psychologischen Unterst\u00fctzung&#8220; des Patienten nur durch den Hausarzt.<\/p>\n<p>Insgesamt wurde in 61 norwegischen Allgemeinarztpraxen nach Patienten mit Depressionen (definiert \u00fcber das &#8222;Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders&#8220;) gesucht. Wenn die Studienkriterien erf\u00fcllt (u.a. Symptome > 2 Wochen ohne wesentliche spontane Besserung, keine schwere Form der Depression) und die Patienten einverstanden waren, erfolgte der Einschlu\u00df in die Studie. So kamen insgesamt 372 Patienten zusammen (im Mittel 6 pro Arztpraxis). Das mittlere Alter betrug 48 Jahre, zwei Drittel waren Frauen, etwa 50% litten zugleich an mindestens einer somatischen Erkrankung.<\/p>\n<p>Bei 88% der Patienten waren die Kriterien einer &#8222;Major Depression&#8220; erf\u00fcllt, 75% hatten bereits mindestens eine Depressions-Episode erlebt und 9% waren deshalb schon in station\u00e4rer Behandlung gewesen. Die Schwere der aktuellen Episode wurde von den Haus\u00e4rzten nach 2 Skalen beurteilt: der mittlere Montgomery-Asperg-Punktwert betrug 26,5 und der mittlere Wert auf der Clinical Global Impression Severity Scale 4 Punkte.<\/p>\n<p>Die erste untersuchte Intervention war die psychologische Unterst\u00fctzung des Patienten durch den Hausarzt. Es fand keine spezielle Schulung \u00fcber den Umgang mit depressiven Patienten statt; die Haus\u00e4rzte wurden lediglich angewiesen, in eingehenden Gespr\u00e4chen Hoffnung und Optimismus zu vermitteln. Die Patienten sollten gen\u00fcgend Zeit bekommen, \u00fcber ihre \u00c4ngste und Zweifel zu berichten, und es sollten jeweils kleine konkrete Aufgaben f\u00fcr den Alltag wie z.B. k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t gestellt werden. Insgesamt wurden die Patienten im ersten Monat w\u00f6chentlich einmal, danach im 2- und sp\u00e4ter im 4-Wochen-Rhythmus einbestellt. Leider enth\u00e4lt die Arbeit keine genaueren Angaben zum Zeitaufwand.<\/p>\n<p>Die zweite untersuchte Intervention waren Medikamente. Eine bis zwei Wochen vor Studienbeginn mu\u00dften alle psychotropen Medikamente abgesetzt werden. Es erfolgte die Randomisierung in 3 Behandlungsarme: Plazebo (n = 129), trizyklisches Antidepressivum (Mianserin = Tolvin u.a., Dosierung nach Wirkung bis max. 120 mg\/d, n = 121) und Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (Sertralin = Gladem, Zoloft, Dosierung nach Wirkung bis max. 200 mg\/d, n = 122). Die Medikamenteneinnahme wurde \u00fcber Bestimmung von Serumspiegeln \u00fcberwacht. Andere psychoaktive Medikamente au\u00dfer Nitrazepam (Mogadan u.a.) als Schlafmittel waren nicht erlaubt. Die Studien- und Beobachtungsdauer betrug 6 Monate.<\/p>\n<p><B>Ergebnisse:<\/B> 238 Patienten (64%) beendeten die Studie. Die Ausstiegsraten wegen fehlender Effektivit\u00e4t der Behandlung waren in der Plazebo-Gruppe am h\u00f6chsten (29%) und in den Verum-Gruppen nur etwa halb so hoch (15%). Der zweite wesentliche Grund f\u00fcr Studienabbr\u00fcche waren unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (15% bei Mianserin, 10% bei Sertralin, 5% bei Plazebo). Ein Patient nahm sich das Leben (Sertralin-Gruppe).<\/p>\n<p>Eine deutliche Besserung, definiert als keine oder nur noch milde Krankheitssymptome nach den genannten Skalen, wurde bei 47% der verbliebenen mit Plazebo behandelten Patienten erreicht, d.h., also spontan oder durch die psychologische Intervention durch den Hausarzt. Der Erfolg stellte sich bis zur 12. Woche ein. Danach trat in der Plazebo-Gruppe keine weitere Remission ein.<\/p>\n<p>In den Gruppen mit zus\u00e4tzlicher medikament\u00f6ser Behandlung war die Remissionsrate bei den verbliebenen Patienten h\u00f6her: mit Mianserin 54% und mit Sertralin 61% (nur Sertralin signifikant). Bei Patienten mit erstmaliger Depression war die Besserungsrate nach Mianserin allerdings h\u00f6her (64%); nach Sertralin lag sie im Bereich von Plazebo. Auch trat die Remission nach Mianserin etwas schneller ein (10-12 Wochen) als nach Sertralin oder Plazebo.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Etwa 35% aller Patienten mit leichter oder mittel-schwerer Depression lassen sich allein durch eine konsequente psychologische Unterst\u00fctzung durch den verantwortungsvollen Hausarzt sicher behandeln. Mit dem Eintritt einer Remission ist nach etwa 3 Monaten zu rechnen. Eine erg\u00e4nzende Pharmakotherapie mit trizyklischen Antidepressiva oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern scheint die Remissionsrate (ca. 40%) und -geschwindigkeit zu erh\u00f6hen und ist wahrscheinlich sinnvoll. Eine Stellungnahme zu dem einen oder anderen Medikament l\u00e4\u00dft sich jedoch aus den Daten dieser Studie nicht ableiten, da die Patientenzahlen zu gering sind und der Sponsor dieser Studie die scheinbar wirksamere Substanz vertreibt. Zu bemerken ist dar\u00fcber hinaus, da\u00df die Diagnose Depression nicht immer einfach zu stellen ist und die Klassifikation einer solchen St\u00f6rung h\u00e4ufig fach\u00e4rztliche Kenntnisse erfordert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Sch\u00e4tzungen leiden etwa 5-8% aller Patienten einer Hausarztpraxis &#8211; erkannt oder unerkannt &#8211; an einer Depression. 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