{"id":40215,"date":"2000-03-01T12:01:00","date_gmt":"2000-03-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2000\/leserbrief-tryptophan-zur-behandlung-von-depressionen"},"modified":"2000-03-01T12:01:00","modified_gmt":"2000-03-01T11:01:00","slug":"leserbrief-tryptophan-zur-behandlung-von-depressionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/leserbrief-tryptophan-zur-behandlung-von-depressionen\/","title":{"rendered":"Leserbrief: Tryptophan zur Behandlung von Depressionen?"},"content":{"rendered":"<p><B>Fragen<\/B> von Dr. C.B. aus Grebenhain: >> Welchen Stellenwert hat L-Tryptophan in der Behandlung von Depressionen im Vergleich zu den etablierten Substanzen? Gibt es Indikationen f\u00fcr eine Monotherapie (z.B. die Saisonal abh\u00e4ngige Depression)? Gibt es sinnvolle Kombinationen? Welche Kombinationen sind kontraindiziert? Ist es gerechtfertigt, von einer Renaissance des L-Tryptophans zu sprechen? <<\n\n<B>Antwort:<\/B> >> Tryptophan ist eine essentielle Aminos\u00e4ure. Es wird im ZNS zur Synthese der Neurotransmitter Serotonin und Melatonin ben\u00f6tigt. Welche spezifischen Funktionen diese beiden Transmitter haben, ist nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt. Serotonerge Bahnen innervieren vor allem limbische Strukturen und die Formatio reticularis, aber auch praktisch alle sonstigen Hirnregionen.<\/p>\n<p>Der t\u00e4gliche Minimalbedarf an Tryptophan wird mit 250 mg angegeben; die empfohlene Zufuhr mit der Nahrung betr\u00e4gt 500 mg\/d. Tryptophan ist in den meisten Proteinen zu 1-2% enthalten (1). Die durchschnittliche Tageszufuhr bei mitteleurop\u00e4ischer Mischkost liegt bei 0,5-1,0 g. Etwa 1% des Tryptophans wird in Serotonin umgewandelt (Ausnahme: 60% beim Karzinoid-Syndrom).<\/p>\n<p>Ende der 70er Jahre wurde Tryptophan als Mittel gegen Schlafst\u00f6rungen und Depressionen propagiert. Die dem Tryptophan gegen beide St\u00f6rungen zugesprochenen Wirkungen wurden wegen der Verteilung der serotoninergen Bahnen im Gehirn postuliert. Von 1976 bis 1979 erschienen einige kleinere Studien (Fallzahlen von 24-58 Patienten) zur antidepressiven Wirksamkeit. Es wurde entweder ein trizyklisches Antidepressivum mit Tryptophan verglichen (2,3,4) oder ein Antidepressivum plus Tryptophan gegen Tryptophan allein (5). Die Dosierung von Tryptophan lag dabei um 6-8 g\/d. Der therapeutische Effekt wurde nach 2-4 Wochen beurteilt. Insgesamt kam man zu dem Schlu\u00df, da\u00df Tryptophan bei leichter oder mittelschwerer Depression wirksam sei. In den folgenden Jahren wurde es dann als Medikament eingesetzt und war au\u00dferdem in den USA als Nahrungserg\u00e4nzungsmittel und Sportlernahrung freiverk\u00e4uflich auf dem Markt. 1989 wurde eine schwere Nebenwirkung der Produkte erkannt: das Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS; s.a. AMB 1992, <B>26<\/B>, 63). Weltweit wurden mehr als 1500 F\u00e4lle registriert, wobei 38 Patienten daran starben (6). Tryptophan-haltige Pr\u00e4parate wurden daraufhin vom Markt genommen. \u00c4tiologie und Pathomechanismus des EMS ist bis heute nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt. Man nimmt an, da\u00df das Syndrom zum einen bei Pr\u00e4disposition (Faktoren nicht bekannt) auftreten kann und zum anderen, wenn im Pr\u00e4parat bestimmte Reaktionsprodukte des Tryptophans, die bei Herstellung und Lagerung auftreten k\u00f6nnen, enthalten sind.<\/p>\n<p>In Deutschland ist Tryptophan seit 1996 wieder als Arzneimittel zugelassen. Die pharmazeutische Industrie hat gerichtlich die Wiederzulassung erstritten, im wesentlichen mit der Argumentation, da\u00df das EMS nur nach Einnahme von Tryptophan eines japanischen Herstellers aufgetreten war und daher vermutlich auf Verunreinigungen in dessen Produktion zur\u00fcckzuf\u00fchren sei. Diese Argumentation ist jedoch sehr fragw\u00fcrdig, da es mehrere Fallberichte von EMS nach Einnahme von Tryptophan anderer Hersteller bzw. anderer Produktionswege gibt. Schlie\u00dflich konnten auch im Tierversuch Symptome des EMS mit Tryptophan-Derivaten und mit nicht verunreinigtem Tryptophan ausgel\u00f6st werden (6, 7).<\/p>\n<p>Als Indikationen f\u00fcr die Tryptophaneinnahme werden Schlafst\u00f6rungen und mittelschwere Depressionen genannt. Derzeit sind in Deutschland drei Pr\u00e4parate auf dem Markt. Die Tabletten enthalten 500 mg. Als Tagesdosen werden bei Schlafst\u00f6rungen 0,5 bis 1 g, bei Depressionen 1,5 bis 3 g (maximal 6 g) empfohlen. Die Wirkungen von trizyklischen Antidepressiva oder von Lithium k\u00f6nnen verst\u00e4rkt werden. Bei Kombination mit MAO-Hemmern oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (neue Antidepressiva) kann es zum gef\u00e4hrlichen serotoninergen Syndrom kommen. Zudem interagiert Tryptophan u.a. mit Phenothiazinen, Carbamazepin, Digitoxin und Cumarin-Derivaten mit Wirkungsverst\u00e4rkung oder -abschw\u00e4chung (10). Als Kontraindikationen werden schwere Nieren- oder Leberfunktionsst\u00f6rung sowie das Karzinoid-Syndrom genannt.<\/p>\n<p>Zum Tryptophan liegen nur zwei aktuellere klinische Anwendungsbeobachtungen vor. In einer Untersuchung wurde bei 14 Patienten mit &#8222;Seasonal affective disorder\u201d(SAD, sogenannte Winterdepression) und ungen\u00fcgendem Ansprechen auf die Therapie mit Licht der antidepressive Effekt von Licht plus Tryptophan (Tagesdosis 1-3g) untersucht. Nach zwei Wochen Behandlungsdauer konnte nach dem Zuf\u00fcgen des Tryptophans ein therapeutischer Effekt nachgewiesen werden (8). In der zweiten Untersuchung wurden 13 Patienten mit SAD entweder anfangs zwei Wochen mit Licht, dann vier Wochen mit Tryptophan (4-6 g\/d) oder vier Wochen mit Tryptophan, dann zwei Wochen mit Licht behandelt. Der antidepressive Effekt war in beiden Gruppen gleich (9).<\/p>\n<p>Die von den Herstellern angegebenen klinischen Effekte beruhen also auf sehr wenigen Untersuchungen mit jeweils inakzeptabel geringen Fallzahlen und f\u00fcr Depressionserkrankungen au\u00dferordentlich kurzen Beobachtungszeiten. Der Wirksamkeitsnachweis von Tryptophan bei Depressionen steht daher auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen. Da die Entstehung des gef\u00e4hrlichen EMS weiterhin nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt ist und dessen Wiederauftreten im Zusammenhang mit einer Einnahme von Tryptophan nicht ausgeschlossen werden kann, ist die Einnahme von Tryptophan au\u00dferhalb von seri\u00f6sen Studien abzulehnen.<\/p>\n<p>Konsequenterweise wird Tryptophan von der Food and Drug Administration in den USA ausschlie\u00dflich als Zusatz in k\u00fcnstlichen Nahrungsmitteln als essentielle Aminos\u00e4ure akzeptiert, da deren v\u00f6lliges Fehlen in der Nahrung f\u00fcr S\u00e4uglinge und Erwachsene lebensbedrohlich sein kann (6). In Gro\u00dfbritannien darf Tryptophan als Medikament nur mit strengen Auflagen von Psychiatern unter station\u00e4ren Bedingungen als Kombinationspartner mit anderen Antidepressiva angewendet werden und nur bei Patienten mit schweren therapierefrakt\u00e4ren Erkrankungsformen \u00fcber mindestens 2 Jahre Dauer, quasi als Therapieversuch. Sowohl Patient als auch behandelnder Arzt werden registriert und m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Therapieverlauf schriftlich berichten (11).<\/p>\n<p>Anders ist die Situation in Deutschland: Hier wurden laut Auskunft der Herstellerfirma innerhalb von 18 Monaten nach der juristisch erstrittenen Wiederzulassung von Tryptophan als Arzneimittel bereits wieder mehr als eine Million Tabletten unkontrolliert verordnet (12). Insofern kann man tats\u00e4chlich von einer Renaissance der Substanz sprechen &#8211; eine Renaissance der Unvernunft. Fairerweise mu\u00df angemerkt werden, da\u00df bislang nicht \u00fcber ein neues Auftreten des EMS berichtet wurde. Die bedeutet nat\u00fcrlich nicht, da\u00df es kein EMS mehr gab, sondern nur, da\u00df es nicht gemeldet oder m\u00f6glicherweise nicht erkannt wurde.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Die Wirkungen von Tryptophan als Pharmakon sind bisher nicht ausreichend belegt. Es existieren nur wenige Untersuchungen mit kleinen Fallzahlen und zu kurzen Beobachtungszeiten. Da \u00c4tiologie und Pathomechanismus des EMS weiterhin nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt sind und ein erneutes Auftreten dieses bedrohlichen Syndroms nicht ausgeschlossen werden kann, sollte Tryptophan au\u00dferhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden. Dar\u00fcber hinaus ist Tryptophan ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie aus einem nat\u00fcrlichen essentiellen Nahrungsbestandteil bei industrieller Herstellung und Beimischung &#8222;unnat\u00fcrlicher\u201dchemischer Reaktionsprodukte und bei hoher Dosierung ein potentiell lebensbedrohliches &#8222;Arzneimittel\u201dwerden kann. <<<br \/><B><\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Buddecke, E.: Grundri\u00df der Biochemie. Walter de Gruyter, Berlin, New York, 1980, 6. Aufl., S. 85.<br \/>2. Lindberg, D., et al.: Acta Psychiatr. Scand. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=346715&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1979, <B>60<\/B>, 287<\/a>.<br \/>3. Chouinard, G., et al.: Acta Psychiatr. Scand. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=155389&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1979, <B>59<\/B>, 395<\/a>.<br \/>4. Walinder, J., et al.: Arch. Gen. Psychiatry <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=985049&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1976, <B>33<\/B>, 1384<\/a>.<br \/>5. Herrington, R.N., et al.: Psychol. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=794897&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1976, <B>6<\/B>, 673<\/a>.<br \/>6. U.S. Food and Drug Administration, Mai 1996: What information is known about the availability of L-tryptophan? <a href=\"http:\/\/www.cfsan.fda.gov\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.cfsan.fda.gov\/<\/a><br \/>7. Silver, R.M., et al.: J. Clin.Invest. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8163652&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1994, <B>93<\/B>, 1473<\/a>.<br \/>8. Lam, R.W., et al.: Can. J. Psychiatry <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9114947&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>42<\/B>, 303<\/a>.<br \/>9. Smith, R.M.: Efficacy of light vs tryptophan in seasonal affective disorder. Online coverage. 149<sub>th<\/sub> Annual Meeting of the American Psychiatric Association. New York, 5.-8. Mai 1996.<br \/>10. Stockley, I.H.: Drug Interactions. PhP London 1999, 5. Aufl., S. 381, 610, 739, 832.<br \/>11. British National Formulary 38. BMJ Books, London 1999, S.188.<br \/>12. \u00c4rzte Zeitung Juli 1997: &#8222;Es ist wichtig, da\u00df L-Tryptophan wieder da ist.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen von Dr. C.B. aus Grebenhain: >> Welchen Stellenwert hat L-Tryptophan in der Behandlung von Depressionen im Vergleich zu den etablierten Substanzen? Gibt es Indikationen f\u00fcr eine Monotherapie (z.B. die Saisonal abh\u00e4ngige Depression)? Gibt es sinnvolle Kombinationen? Welche Kombinationen sind kontraindiziert? 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