{"id":40263,"date":"2000-10-01T12:09:00","date_gmt":"2000-10-01T10:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2000\/erythropoietin-behandlung-der-anaemie-bei-allen-patienten-mit-soliden-tumoren-malignen-lymphomen-und-plasmozytom"},"modified":"2000-10-01T12:09:00","modified_gmt":"2000-10-01T10:09:00","slug":"erythropoietin-behandlung-der-anaemie-bei-allen-patienten-mit-soliden-tumoren-malignen-lymphomen-und-plasmozytom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/erythropoietin-behandlung-der-anaemie-bei-allen-patienten-mit-soliden-tumoren-malignen-lymphomen-und-plasmozytom\/","title":{"rendered":"Erythropoietin: Behandlung der An\u00e4mie bei allen Patienten mit soliden Tumoren, malignen Lymphomen und Plasmozytom?"},"content":{"rendered":"<p>Im Mai dieses Jahres hat Janssen-Cilag in einem Brief unter dem wenig differenzierten Motto &#8222;All Chemo&#8220; die \u00c4rzte dar\u00fcber informiert, da\u00df Epoetin alfa (Erypo) vom Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Indikationserweiterung erhalten hat. Ab sofort kann Epoetin alfa verordnet werden &#8222;zur Behandlung der An\u00e4mie und Reduktion des Transfusionsbedarfes bei Erwachsenen mit soliden Tumoren, malignen Lymphomen und multiplem Myelom, die eine Chemotherapie erhalten, und bei denen das Risiko einer Transfusion aufgrund des Allgemeinzustandes (z.B. kardiovaskul\u00e4rer Status, vorbestehende An\u00e4mie zu Beginn der Chemotherapie) besteht&#8220; (1). Diese Indikationserweiterung beruht nach Angaben von Janssen-Cilag auf den Ergebnissen einer europ\u00e4ischen doppeltblinden, randomisierten, plazebokontrollierten, multizentrischen Studie, in der die Transfusionsbed\u00fcrftigkeit von Patienten mit h\u00e4matologischen Neoplasien oder soliden Tumoren nach nichtplatinhaltiger Chemotherapie untersucht wurde und in der Patienten mit Epoetin alfa oder Plazebo behandelt wurden. Die Ergebnisse dieser Studie liegen leider nur als Abstract vor (2). Bisher war rekombinantes Erythropoietin (rhEPO) in der Onkologie nur zur Behandlung von Patienten zugelassen, die eine platinhaltige Chemotherapie erhalten hatten.<\/p>\n<p>Die Pathogenese der An\u00e4mie bei Tumorerkrankungen ist multifaktoriell (3, 4). Neben einem verst\u00e4rkten peripheren Abbau oder Verlust von Erythrozyten und einer verminderten Produktion im Knochenmark kommt insbesondere der &#8222;Anemia of chronic disease&#8220; eine wesentliche Bedeutung zu. Diese h\u00e4ufige An\u00e4mieform bei chronischen (entz\u00fcndlichen) oder Tumorerkrankungen resultiert aus einer inad\u00e4quaten Produktion von EPO, einer Hemmung der Proliferation erythroider Vorl\u00e4uferzellen und St\u00f6rungen in der Eisenverwertung. Inflammatorische Zytokine (z.B. Interleukin-1, Tumor-Nekrose-Faktor) sind wesentlich an der Pathogenese beteiligt. Dar\u00fcber hinaus kann eine An\u00e4mie bei Tumorpatienten durch verschiedene Zytostatika (insbesondere platinhaltige), die zu einer verminderten Produktion von EPO f\u00fchren, verursacht oder auch verst\u00e4rkt werden. Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren verschiedene Studien bei h\u00e4matologischen Neoplasien und soliden Tumoren durchgef\u00fchrt worden (4, 5; vgl. AMB 1996, <B>30<\/B>, 46 und <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5965\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>32<\/B>, 55a<\/a>), die zeigten, da\u00df bei einem Teil der Patienten durch Gabe von rhEPO die An\u00e4mie korrigiert und der Bedarf an Transfusionen reduziert werden kann. Eine k\u00fcrzlich erschienene Metaanalyse zur Wirksamkeit von EPO bei chronischem Nierenversagen und bei Tumorerkrankungen ergab, da\u00df etwa 79% der Patienten mit Plasmozytom, 40% der Patienten mit soliden Tumoren, jedoch nur 13% der Patienten mit myelodysplastischem Syndrom (vgl. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5992\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1998, <B>32<\/B>, 77<\/a>) von einer Therapie mit rhEPO profitieren (6). Leider haben die bisher durchgef\u00fchrten kontrollierten klinischen Studien zum Stellenwert des rhEPO verschiedene Schwachpunkte (vgl. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5965\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1998, <B>32<\/B>, 55a<\/a>) und versto\u00dfen h\u00e4ufig gegen ein Grundprinzip randomisierter klinischer Therapiestudien, und zwar das der identischen Wahrscheinlichkeit der therapeutischen Wirksamkeit der gepr\u00fcften Therapiearme (&#8222;The uncertainty principle&#8220;; 7, 8). Auch eine sichere Beurteilung der Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t durch rhEPO und Kosten-Nutzen-Analysen k\u00f6nnen anhand der bisher durchgef\u00fchrten klinischen Studien nicht erfolgen (3, 9). Angesichts der hohen Therapiekosten und der, allerdings seltenen, unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen des rhEPO ist es au\u00dferordentlich wichtig, Faktoren zu kennen, die das Ansprechen auf rhEPO ung\u00fcnstig beeinflussen. Hierzu z\u00e4hlen u.a. Komplikationen der Chemotherapie (z.B. Entz\u00fcndungen, Infektionen, Blutungen), funktionelle Eisendefizite und vermutlich auch die Art der vorausgegangenen oder parallel mit rhEPO verabreichten Chemotherapie (4). Wichtig sind auch pr\u00e4diktive Modelle bzw. Algorithmen, mit deren fr\u00fchzeitig Patienten identifiziert werden k\u00f6nnen, die von einer langdauernden Therapie mit rhEPO nicht profitieren (3-5; vgl. AMB 1996, <B>30<\/B>, 46). Als wichtiger prognostischer Faktor f\u00fcr den Erfolg einer Therapie mit rhEPO, insbesondere bei Patienten mit malignen Lymphomen oder Plasmozytom, hatte sich in fr\u00fcheren Studien ein bezogen auf das Ausma\u00df der An\u00e4mie relativer EPO-Mangel erwiesen (vgl. AMB 1996, <B>30<\/B>, 46). Ob dieser Parameter auch bei Patienten mit soliden Tumoren pr\u00e4diktiven Wert besitzt, ist umstritten (5, 10). Neben der EPO-Konzentration im Serum sind insbesondere ein Anstieg des H\u00e4moglobin (Hb)-Wertes (\u00b3 0,5-1,0 g\/dl), der Retikulozyten (\u00b3 40000\/\u00b5l) sowie der Konzentration des l\u00f6slichen Transferrin-Rezeptors (sTFR; \u00b3 25%), gemessen 2-4 Wochen nach Therapiebeginn, informative Parameter, die mit einem Ansprechen auf rhEPO korrelieren (4). Leider werden diese Parameter im klinischen Alltag bei der Verordnung von rhEPO nicht immer ausreichend beachtet; sie sind auch in der Fachinformation zur Dosierung, Art und Dauer der Anwendung von Epoetin alfa (1) nur z.T. ber\u00fccksichtigt worden. Es wird dort empfohlen, alle Patienten mit Tumoren, die eine Chemotherapie erhalten und deren Hb-Wert \u00a3 10,5 g\/dl betr\u00e4gt, zun\u00e4chst 4 Wochen lang in der Dosierung 150 I.E.\/kg dreimal\/Woche und bei ungen\u00fcgendem Anstieg der Retikulozyten und des Hb-Wertes weitere 4 Wochen in der Dosierung 300 I.E.\/kg dreimal\/Woche zu behandeln. Diese Empfehlung beruht nicht auf Ergebnissen kontrollierter randomisierter Studien und bedeutet, da\u00df etwa 40-60% der Patienten mit soliden Tumoren und 20-50% der Patienten mit Plasmozytom oder malignen Lymphomen in jedem Fall acht Wochen lang eine kostspielige Therapie erhalten (Kosten ca. 9350 DM bzw. 14000 DM bezogen auf einen 70 kg schweren Patienten), von der sie nicht profitieren!<\/p>\n<p><B>Fazit<\/B>: Bei Patienten mit malignen Lymphomen, Plasmozytom oder soliden Tumoren, die vor Beginn der Chemotherapie oder nach dem ersten Therapiezyklus eine An\u00e4mie haben (Hb-Wert \u00a3 10,5 g\/dl), kann rhEPO zur Korrektur der An\u00e4mie und Reduktion des Transfusionsbedarfs versucht werden. Eine Therapie mit rhEPO darf nur begonnen werden, wenn andere Ursachen f\u00fcr die An\u00e4mie ausgeschlossen wurden. Da nur ein Teil der Patienten von dieser Therapie profitiert, sollten pr\u00e4diktive Faktoren f\u00fcr das Ansprechen vor und fr\u00fchzeitig (2-4 Wochen) nach Beginn der rhEPO-Gabe \u00fcberpr\u00fcft werden. Weitere prospektive kontrollierte Therapiestudien mit rhEPO sind dringend erforderlich, um die pr\u00e4diktiven Faktoren genauer zu definieren und um weitere Fragen wie z.B. Verbesserung der &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220; bzw. Kosten-Nutzen-Relation beantworten zu k\u00f6nnen. Wie f\u00fcr andere h\u00e4matopoetische Wachstumsfaktoren (vgl. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5903\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1998, <B>32<\/B>, 1<\/a>) sollten auch f\u00fcr rhEPO Empfehlungen f\u00fcr den rationalen und rationellen Einsatz bei Tumorerkrankungen rasch erarbeitet werden.<\/p>\n<p><B>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Fachinformation von Janssen-Cilag zu Erypo\/Erypo FS, Februar 2000.<br \/>2. Littlewood, T.J., et al.: Proc. Am. Soc. Clin. Oncol. 1999, <B>18<\/B>, 574a.<br \/>3. Cazzola, M., et al.: Blood <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9192747&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1997, <B>89<\/B>, 4248<\/a>.<br \/>4. Beguin, Y.: Semin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9671327&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>25<\/B> Suppl. 7, 27<\/a>.<br \/>5. Jilani, S.M., und Glaspy, J.A.: Semin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9783596&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>25<\/B>, 571<\/a>.<br \/>6. Marsh, W.A., und Rascati, K.L.: Clin. Ther. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10509843&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <B>21<\/B>, 1443<\/a>.<br \/>7. Djulbegovic, B., et al.: Blood 1999, <B>10<\/B> Suppl.1, 399a.<br \/>8. Marquis, D.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10460824&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <B>341<\/B>, 691<\/a>.<br \/>9. Barosi, G., et al.: Br. J. Cancer <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9743301&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <B>78<\/B>, 781<\/a>.<br \/>10. Goodnough, L.T., et al.: Blood <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10910892&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <B>96<\/B>, 823<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai dieses Jahres hat Janssen-Cilag in einem Brief unter dem wenig differenzierten Motto &#8222;All Chemo&#8220; die \u00c4rzte dar\u00fcber informiert, da\u00df Epoetin alfa (Erypo) vom Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Indikationserweiterung erhalten hat. 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