{"id":40297,"date":"2001-02-01T12:05:00","date_gmt":"2001-02-01T11:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2001\/die-behandlung-des-hyperkinetischen-syndroms-zappelphilipp-syndrom-mit-dem-amphetamin-derivat-methylphenidat"},"modified":"2001-02-01T12:05:00","modified_gmt":"2001-02-01T11:05:00","slug":"die-behandlung-des-hyperkinetischen-syndroms-zappelphilipp-syndrom-mit-dem-amphetamin-derivat-methylphenidat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/die-behandlung-des-hyperkinetischen-syndroms-zappelphilipp-syndrom-mit-dem-amphetamin-derivat-methylphenidat\/","title":{"rendered":"Die Behandlung des Hyperkinetischen Syndroms (&#8222;Zappelphilipp-Syndrom&#8220;) mit dem Amphetamin-Derivat Methylphenidat"},"content":{"rendered":"<p>Nach Sch\u00e4tzungen leiden 3-5% aller Kinder an einem Hyperkinetischen Syndrom. Synonyme f\u00fcr diese Erkrankung sind im englischen Sprachgebrauch ADHD oder ADD (Attention Deficit\/Hyperactivity Disorder). Bei den betroffenen Kindern handelt es sich \u00fcberwiegend um Jungen. Ein Hyperkinetisches Syndrom beginnt vor dem Alter von 6 Jahren. Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Vermutungen behalten die Mehrzahl der Betroffenen diese St\u00f6rung auch als Jugendliche und Erwachsene. Es wird gesch\u00e4tzt, da\u00df auch etwa 1-4% aller Erwachsenen an einer hyperkinetischen St\u00f6rung leiden (1, 2).<\/p>\n<p>Die Symptomatik des Hyperkinetischen Syndroms wird mit der immer wieder zitierten Figur des Zappelphilipps nur unzureichend charakterisiert; sie ist viel komplexer. Vereinfacht finden sich vier Kardinalsymptome (3):<\/p>\n<p>1. Die Kinder sind <I>unaufmerksam<\/I>, rasch ablenkbar und desorganisiert: Sie haben Schwierigkeiten, Arbeiten zu planen und ihre Zeit richtig einzuteilen. Sie f\u00fchren ihre Aktivit\u00e4ten nicht zu Ende, k\u00f6nnen Anordnungen schwer folgen, sind verge\u00dflich und machen viele Fl\u00fcchtigkeitsfehler.<br \/>2. Die Kinder sind <I>hyperaktiv <\/I>(nicht obligat), st\u00e4ndig in Bewegung und zu ruhigen T\u00e4tigkeiten nahezu unf\u00e4hig.<br \/>3. Die Kinder sind <I>impulsiv<\/I> und neigen zu un\u00fcberlegten, teils auch gef\u00e4hrlichen Handlungen. Sie k\u00f6nnen sich schwer beherrschen und reagieren bei Kritik mit Wut und Streit.<br \/>4. Die Kinder sind <I>emotional instabil<\/I>, d.h. ihre Stimmung wechselt unverhofft.<\/p>\n<p>Die Symptome m\u00fcssen mindestens 6 Monate lang bestehen und in mindestens zwei Umgebungen auftreten (z.B. zu Hause und in der Schule). Das Kind mu\u00df in seiner sozialen oder schulischen Funktion beeintr\u00e4chtigt und andere psychiatrische Erkrankungen sollten ausgeschlossen sein.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Erkrankung treten eine Vielzahl von sozialen und psychischen Komplikationen auf: Ablehnung durch Gleichaltrige, Ablenkbarkeit und Leistungsschw\u00e4chen im Unterricht, Umschulungen und Klassenwiederholungen, oppositionell-aggressives Verhalten, Alkohol- und Drogenmi\u00dfbrauch u.v.m.<\/p>\n<p>Die Diagnose Hyperkinetisches Syndrom wird nach den Kriterien des DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft gestellt. Diese Diagnosekriterien sind jedoch umstritten (s.u.). Sicher ist, da\u00df zur Diagnosestellung gro\u00dfe Erfahrung mit verhaltensgest\u00f6rten Kindern ben\u00f6tigt wird und die Lebensumst\u00e4nde des Kindes sorgf\u00e4ltig exploriert sein m\u00fcssen (3).<\/p>\n<p>Die medikament\u00f6se Behandlung des Hyperkinetischen Syndroms bei Kindern mit Psychostimulanzien, Antidepressiva oder Clonidin hat zu sehr heftigen und teilweise moralisierenden Diskussionen gef\u00fchrt. In den USA nehmen mittlerweile etwa 4 Millionen Schulkinder Methylphenidat (Ritalin) ein (4). Die Zahl ist noch gr\u00f6\u00dfer, wenn auch noch die anderen Stimulanzien (z.B. Aderall, eine neuere Mixtur aus vier verschiedenen Amphetamin-Salzen oder Pemolin, ein Strukturverwandter des Amphetamins) und die Antidepressiva (Prozak) hinzugez\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Die Diagnose ADHD wird in den USA seit Beginn der 90er Jahre immer h\u00e4ufiger gestellt. 1995 gab es mehr als doppelt so viele F\u00e4lle wie noch 1990, und 1999 wurde bereits bei 10% aller US-amerikanischen Schulkinder ein ADHD diagnostiziert (4, 5). Auch bei uns nimmt die Diskussion um die hyperkinetischen Kinder zu, und die Nachfrage und Verordnung des unter die Bet\u00e4ubungsmittel-Verordnung fallenden Methylphenidat steigt seit einigen Jahren stetig an (ca. 450 000 Verordnungen im Jahr 1999!).<\/p>\n<p>Steigt nun tats\u00e4chlich die Pr\u00e4valenz des Hyperkinetischen Syndroms oder wird die Diagnose h\u00e4ufiger gestellt, weil die Krankheit gerade en vogue ist? Mittlerweile erheben Eltern betroffener Kinder und nicht wenige Fachleute den schwerwiegenden Vorwurf, da\u00df die Krankheit eine Erfindung der Herstellerfirma von Methylphenidat ist, um den Absatz des Medikaments zu f\u00f6rdern (4, 5). Mit einer anhaltenden und fl\u00e4chendeckenden Medienkampagne und vielen Fachfortbildungen sollen Eltern, Lehrer und \u00c4rzte erst auf die Krankhaftigkeit der Zappelphilipps aufmerksam gemacht worden sein, und durch die gezielte Beeinflussung von Meinungstr\u00e4gern in den amerikanischen Fachgesellschaften sollen die Diagnosekriterien (DSM-IV) ausgeweitet und der Markt f\u00fcr das Medikament erst geschaffen worden sein. Dies wird nat\u00fcrlich von der Firma bestritten. In den USA werden diese und andere Vorw\u00fcrfe einiger Eltern von &#8222;Ritalin-Kids&#8220; mittlerweile juristisch gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Die Annahme, da\u00df das Hyperkinetische Syndrom urs\u00e4chlich auf einem Dopamin-Mangel im Gehirn beruht, bietet die rationale Grundlage f\u00fcr den Einsatz von Stimulanzien. Die Dopamin-Mangel-Theorie ist jedoch umstritten, und es gibt nicht wenige, die bezweifeln, da\u00df es \u00fcberhaupt chemische oder zerebrale Abnormalit\u00e4ten bei den Betroffenen gibt (5). Wenig Zweifel bestehen dagegen, da\u00df Methylphenidat und andere Amphetamine zumindest kurzfristig sehr wirksam sein k\u00f6nnen. Die Symptome des Hyperkinetischen Syndroms bessern sich bei bis zu drei Vierteln der Kinder. Die Betroffenen k\u00f6nnen sich besser in ihren sozialen Verband einf\u00fcgen und sind selbst, wie auch ihre Eltern und Lehrer, zufriedener. Zu diesem Ergebnis kam das britische National Institute of Clinical Excellence nach einer Auswertung aller bis dato vorliegenden &#8211; methodisch aber meist fragw\u00fcrdigen &#8211; vergleichenden Studien (3).<\/p>\n<p>In der bislang gr\u00f6\u00dften, nicht von der Industrie gesponserten und methodisch sehr gelobten, prospektiven, randomisierten Multizenterstudie wurden 579 Kinder zwischen 7 und 10 Jahren 14 Monate lang in vier Therapiearmen verglichen: 1. rein medikament\u00f6se Therapie (prim\u00e4r mit Amphetaminen) nach einem festgelegten Dosierungsschema; 2. intensive Verhaltenstherapie unter Einbeziehung von Eltern und Lehrern; 3. medikament\u00f6se plus Verhaltenstherapie und 4. freie haus\u00e4rztliche Betreuung, wobei auch hier Medikamente erlaubt waren (6, 7). In allen vier Gruppen wurde eine deutliche Besserung der Symptome beobachtet und zwar nach objektiven Gesichtspunkten (Verhaltensskalen, Tests) und in der Wahrnehmung von Eltern und Lehrern. Die deutlichsten Verbesserungen traten bei den Kindern auf, die regelm\u00e4\u00dfig Medikamente eingenommen hatten. Diese Gruppen schnitten besser ab als die Gruppe mit der reinen Verhaltenstherapie oder der haus\u00e4rztlichen Therapie. Die Kombination von Medikamenten und Verhaltenstherapie f\u00fchrte nur bei einigen Symptomen, wie aggressives Verhalten und der Eltern-Kind-Beziehung, zu einem additiven g\u00fcnstigen Effekt gegen\u00fcber der alleinigen medikament\u00f6sen Therapie.<\/p>\n<p>Ein Kritikpunkt an dieser Studie ist, da\u00df es keinen wirklichen Plazebo-Arm gab. Von den Patienten, die frei von ihren Haus\u00e4rzten behandelt wurden, erhielten immerhin zwei Drittel auch Medikamente (Stimulanzien, Clonidin oder ein Antidepressivum, auch in Kombination).<\/p>\n<p>Die Langzeiteffekte der Stimulanzientherapie sind nicht ausreichend untersucht. Es ist nicht klar, ob durch die Besserung der Symptome sp\u00e4ter dann auch weniger soziale und psychische Komplikationen auftreten. Trotzdem werden viele Kinder bereits mehrere Jahre lang behandelt, und es gibt Vorstellungen, diese Therapie auch im Erwachsenenalter fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen von Methylphenidat werden als milde beschrieben; sie schw\u00e4chen sich mit der Dauer des Gebrauchs ab. Im Wesentlichen sind sie Folge der stimulierenden Wirkungen: Schlafst\u00f6rungen, Inappetenz und Gewichtsverlust, Kopf- und Magenschmerzen, selten Tics und emotionale Imbalanzen. Das Absetzen f\u00fchrt zu Unruhezust\u00e4nden und kann kurzdauernde psychotische Zust\u00e4nde ausl\u00f6sen. Die Folgen einer Langzeitbehandlung auf das Gehirn, das Herz-Kreislauf-System, das L\u00e4ngenwachstum und die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung sind nicht bekannt. Auch die Frage einer Suchtentwicklung ist nicht systematisch untersucht. Es mu\u00df jedoch angenommen werden, da\u00df die Einnahme dieser BTM-Substanzen weit gef\u00e4hrlicher ist als viele \u00c4rzte wahrhaben wollen. Es finden sich z.B. von Kinder\u00e4rzten Aussagen wie: &#8222;So ist z.B. das frei erh\u00e4ltliche Aspirin insbesondere im Kinder- und Jugendbereich wesentlich gef\u00e4hrlicher&#8220;&#8230; (8).<\/p>\n<p>Eine alternative Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Ursache des Hyperkinetischen Syndroms stammt aus der Entwicklungspsychologie und ber\u00fccksichtigt \u00e4u\u00dfere Faktoren wie die zunehmende Reiz\u00fcberflutung (Fernsehen, Computerspiele usw.) und eine &#8222;offene&#8220; Erziehung mit mangelnder Zuwendung und Grenzziehung. Der Therapieansatz besteht hier in erster Linie aus Psycho-, Verhaltens- und Familientherapie. Es ist nicht m\u00f6glich, auf diesen Gebieten einen \u00dcberblick \u00fcber die G\u00fcte der einzelnen Verfahren zu erlangen. Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie und das britische NICE empfehlen eine &#8222;multimodale Behandlung&#8220;, bestehend aus guter Information des sozialen Umfelds, Verhaltensmodifikationen aller beteiligten Personen, Einzel- und Familientherapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie (2, 3). Letztere soll jedoch nur von ausgewiesenen Fachleuten eingeleitet werden.<\/p>\n<p>Als obsolet gilt heute die Empfehlung f\u00fcr eine phosphatarme Di\u00e4t. Als entbehrlich werden Methoden wie Mototherapie, Krankengymnastik, Psychomotorik, Ergotherapie und Entspannungsverfahren gewertet (2). Andere Methoden, wie bestimmte Di\u00e4ten, Akupunktur, Massagen, Hom\u00f6opathie u.v.m., werden angewendet, sind jedoch nicht systematisch untersucht.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Das Hyperkinetische Syndrom ist eine komplexe psychiatrische St\u00f6rung, die bei den Betroffenen und ihrer Umgebung einen erheblichen Leidensdruck verursachen kann. Die Diagnose ist schwierig zu stellen, und es mu\u00df davor gewarnt werden, jeden Zappelphilipp zu einem hyperkinetischen Kind zu erkl\u00e4ren. Die Therapie ist multimodal. Ein Pfeiler sind Psychostimulanzien, wie der Amphetamin-Abk\u00f6mmling Methylphenidat. Mit diesen Substanzen ist bei der Mehrzahl der Betroffenen eine Besserung der Aufmerksamkeit und der sozialen Funktionen zu erzielen. Da jedoch wenig \u00fcber die Langzeitfolgen einer Amphetamin-Behandlung bei Kindern und Heranwachsenden bekannt ist, mu\u00df vor einer unkritischen Anwendung gewarnt werden.<\/p>\n<p><B>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Overmeyer, S., et al.: D\u00c4B 1999, <B>96<\/B>, A-1275.<br \/>2. Dt. Ges. f. Kinder- und Jugendpsychiatrie: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psych. St\u00f6rungen im S\u00e4uglings-, Kindes- und Jugendalter. (<a href=\"http:\/\/www.uni-duesseldorf.de\/WWW\/AWMF\/ll\/kjpp-019.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.uni-duesseldorf.de\/WWW\/AWMF\/ll\/kjpp-019.htm<\/a><br \/>3. NICE (<B>N<\/B>ational <B>I<\/B>nstitute of <B>C<\/B>linical <B>E<\/B>xcellence): Guidance on the use of Methylphenidat for ADHD. <a href=\"http:\/\/www.nice.org.uk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nice.org.uk<\/a><br \/>4. ABC news, 17.12.2000: <a href=\"http:\/\/www.abcnews.go.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.abcnews.go.com<\/a><br \/>5. Barben, J., et al.: <a href=\"http:\/\/www.zeit-fragen.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.zeit-fragen.ch<\/a><br \/>6. Boyle, M.H., et al.: Can. J. Psychiatry <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10637678&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <B>44<\/B>, 991<\/a> und www.cpa.medical.org<br \/>7. MTA = <B>M<\/B>ultimodal <B>T<\/B>reatment study of children with <B>A<\/B>DHD (Attention Deficit\/Hyperactivity Disorder): Arch. Gen. Psychiatry <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10591283&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <B>56<\/B>, 1073<\/a>.<br \/>8. <a href=\"http:\/\/www.dr-oehler.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.dr-oehler.de<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Sch\u00e4tzungen leiden 3-5% aller Kinder an einem Hyperkinetischen Syndrom. Synonyme f\u00fcr diese Erkrankung sind im englischen Sprachgebrauch ADHD oder ADD (Attention Deficit\/Hyperactivity Disorder). Bei den betroffenen Kindern handelt es sich \u00fcberwiegend um Jungen. Ein Hyperkinetisches Syndrom beginnt vor dem Alter von 6 Jahren. 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