{"id":40346,"date":"2001-10-01T12:02:00","date_gmt":"2001-10-01T10:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2001\/wirksamkeit-und-sicherheit-von-cannabinoiden-in-der-behandlung-von-uebelkeit-erbrechen-und-schmerzen"},"modified":"2001-10-01T12:02:00","modified_gmt":"2001-10-01T10:02:00","slug":"wirksamkeit-und-sicherheit-von-cannabinoiden-in-der-behandlung-von-uebelkeit-erbrechen-und-schmerzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wirksamkeit-und-sicherheit-von-cannabinoiden-in-der-behandlung-von-uebelkeit-erbrechen-und-schmerzen\/","title":{"rendered":"Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabinoiden in der Behandlung von \u00dcbelkeit, Erbrechen und Schmerzen"},"content":{"rendered":"<p>Im Br. Med. J. erschienen k\u00fcrzlich zwei \u00dcbersichtsarbeiten zu diesem Thema und zus\u00e4tzlich ein Kommentar, der die Ergebnisse der Reviews zusammenfa\u00dft und diskutiert (1-3).<\/p>\n<p>Die wichtigsten Wirkstoffe im Indischen Hanf (Cannabis sativa variatio indica) sind Tetrahydrocannabinol (THC) und 11-Hydroxy-THC. Die Pflanze enth\u00e4lt aber 60 weitere chemisch verwandte Substanzen. Die neuro- und psychotropen Effekte werden durch vor einiger Zeit identifizierte spezifische Rezeptoren in den Basalganglien, im Hippocampus und im Zerebellum vermittelt. Wahrscheinlich gibt es auch endogene nat\u00fcrliche Liganden, z. B. \u00c4thanolamine unges\u00e4ttigter Fetts\u00e4uren, wie das Anandamid.<\/p>\n<p>In einem Review von M. R. Tram\u00e8r et al. aus Genf und Oxford (1) wurden alle statistisch akzeptablen Publikationen \u00fcber den Einsatz von oralem THC oder i.m. verabreichtem Levonantradol ausgewertet. Therapiestudien mit gerauchtem Haschisch wurden nicht gefunden oder nicht ausgewertet. In dieser Studie ging es um den Effekt der Pr\u00e4parate (oder entsprechender Plazebos) auf <I>\u00dcbelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie maligner Erkrankungen<\/I>. In 30 verwertbaren Studien wurden 1366 Patienten plazebokontrolliert mit angemessenen Dosen behandelt. Es zeigte sich, da\u00df Cannabinoide als Antiemetika effektiver waren als Prochlorperazin, Metoclopramid, Chlorpromazin, Haloperidol und Domperidon. Die \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber diesen Substanzen l\u00e4\u00dft sich mit einem relativen Risikowert (RR) von 1,38 (Konfidenzintervall: 1,18-1,62) ausdr\u00fccken. Bei starker \u00dcbelkeit und Erbrechen waren Cannabinoide aber kaum wirksam. Einige Nebenwirkungen der Cannabinoide wie Sedation, Schl\u00e4frigkeit und Euphorie k\u00f6nnen im Rahmen einer Chemotherapie m\u00f6glicherweise als &#8222;hilfreich&#8220; angesehen werden. Unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen wie Schwindel, Dysphorie, Depressionen, Halluzinationen und paranoide Reaktionen sowie arterielle Hypotonie waren jedoch viel h\u00e4ufiger in den Cannabinoid-Gruppen als unter Plazebo und f\u00fchrten zu vier- bis f\u00fcnfmal h\u00e4ufigerem Abbruch der Therapie mit Verum als mit Plazebo. In diesen Studien mit nur geringen oder m\u00e4\u00dfiggradig emetogenen Chemotherapieformen wurden Cannabinoide nicht mit den sehr wirksamen Antiemetika aus der Gruppe der Serotonin-Rezeptor-Antagonisten verglichen.<\/p>\n<p>Eine weitere \u00dcbersichtsarbeit im Br. Med. J. (2) von F.A. Campbell et al. aus England und der Schweiz berichtet \u00fcber die Effektivit\u00e4t von Cannabinoiden als <I>Schmerzmittel<\/I> im Vergleich mit anderen Analgetika oder Plazebo bei Patienten mit akuten Schmerzen, chronischen, nicht durch Malignome bedingten Schmerzen oder Schmerzen bei Krebserkrankungen. Von 20 publizierten Studien waren 9 mit insgesamt 222 Patienten methodisch akzeptabel. F\u00fcnf dieser Studien bezogen sich auf Schmerzen bei Krebserkrankungen, 2 auf chronische, nicht durch Malignome bedingte und 2 auf akute postoperative Schmerzen. Die ausgewerteten Studien wurden mit Einzeldosen von 5-20 mg oralem THC, 1 mg eines oral verabreichbaren synthetischen Stickstoff-Analogs von THC oder mit 1,5-3 mg i.m. verabreichtem Levonantradol durchgef\u00fchrt. Die erw\u00e4hnten Dosen erwiesen sich als \u00e4hnlich effektiv wie 50-120 mg Codein, w\u00e4hrend unerw\u00fcnschte psychotrope Nebenwirkungen in den THC-Gruppen h\u00e4ufig waren. Die Autoren kommen zu dem Schlu\u00df, da\u00df Cannabinoide nicht effektiver sind als Codein in der Kontrolle von Schmerzen, und da\u00df sie wegen vielf\u00e4ltiger und sehr unterschiedlicher psychotroper Nebenwirkungen f\u00fcr die allgemeine klinische Anwendung nicht geeignet sind. Weitere Studien f\u00fcr die Behandlung von neuropathischem Schmerz und Muskelspastizit\u00e4t werden empfohlen.<\/p>\n<p>In einem Kommentar von E. Kalso aus Helsinki (3) wird darauf hingewiesen, da\u00df die von Tram\u00e8r et al. referierten Studien \u00fcberwiegend in den 80er Jahren durchgef\u00fchrt wurden, bevor die sehr wirksamen Serotonin-Rezeptor-Antagonisten in die antiemetische Therapie bei Chemotherapie-Patienten eingef\u00fchrt wurden. Es wird darauf hingewiesen, da\u00df diese Substanzen zusammen mit Kortikosteroiden hochwirksam sind, und da\u00df bei hochgradig emetogenen Chemotherapien Cannabinoide heute keine therapeutische Alternative sind. Auch die von Campbell et al. referierten Schmerzstudien sind \u00fcberwiegend 15-25 Jahre alt. Da Codein, mit dem in mittlerer Dosierung die Cannabinoide etwa \u00e4quipotent waren, ein schwaches Analgetikum ist, k\u00f6nnen diese Pr\u00e4parate vermutlich weder mit nicht-steroidalen antiinflammatorischen Analgetika allein noch mit diesen in Kombination mit Opioiden konkurrieren. F\u00fcr beide Anwendungsgebiete sind die h\u00e4ufigen unerw\u00fcnschten psychotropen Nebenwirkungen ein weiterer Grund, sie zun\u00e4chst nicht in die Klinik einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Die referierten \u00dcbersichtsartikel zum Vergleich von Cannabinoiden mit Standard-Analgetika in der Schmerztherapie sowie von Cannabinoiden mit schwach wirksamen Antiemetika in der Krebs-Chemotherapie lassen nicht erkennen, da\u00df Cannabinoide gegen\u00fcber den f\u00fcr diese beiden Indikationsbereiche eingef\u00fchrten Standardmedikamenten im Hinblick auf Wirksamkeit und Sicherheit gleichwertig oder gar \u00fcberlegen sind.<\/p>\n<p><B>Literatur<\/p>\n<p><\/B>1. Tram\u00e8r, M.R., et al.: Br. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11440936&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2001, <B>323<\/B>, 16<\/a>.<br \/>2. Campbell, F.A., et al.: Br. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11440935&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <B>323<\/B>, 13<\/a>.<br \/>3. Kalso, E.: Br. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11440921&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2001, <B>323<\/B>, 2<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Br. Med. J. erschienen k\u00fcrzlich zwei \u00dcbersichtsarbeiten zu diesem Thema und zus\u00e4tzlich ein Kommentar, der die Ergebnisse der Reviews zusammenfa\u00dft und diskutiert (1-3). 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