{"id":40380,"date":"2002-02-01T12:01:00","date_gmt":"2002-02-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/der-nutzen-von-insulinanaloga-in-der-therapie-des-diabetes-mellitus"},"modified":"2002-02-01T12:01:00","modified_gmt":"2002-02-01T11:01:00","slug":"der-nutzen-von-insulinanaloga-in-der-therapie-des-diabetes-mellitus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/der-nutzen-von-insulinanaloga-in-der-therapie-des-diabetes-mellitus\/","title":{"rendered":"Der Nutzen von Insulinanaloga in der Therapie des Diabetes mellitus"},"content":{"rendered":"<p><b>Zusammenfassung<\/b>: <b>Insulinanaloga wurden entwickelt, um die physiologische Insulininkretion therapeutisch besser nachzuahmen. Dadurch soll eine bessere Einstellung der Glukose im Blut erreicht werden. Derzeit befinden sich zwei kurzwirksame Insulinanaloga, Insulin aspart (NovoRapid) und Insulin lispro (Humalog), und ein langwirksames Insulinanalogon, Insulin glargin (Lantus), auf dem Markt. Die beiden kurzwirksamen Insulinanaloga sind gleichwertig. Der einfache Austausch von Normalinsulin durch kurzwirksame Insulinanaloga ergibt keine bessere Einstellung der Blutglukose. Um dies zu erreichen, m\u00fcssen auch die NPH-Insuline zu den Hauptmahlzeiten gegeben werden, was zu einer komplizierten Therapie mit 7-8 Injektionen\/d f\u00fchrt und diabetologisches Fachwissen voraussetzt. Hinweise auf ein zun\u00e4chst vermutetes erh\u00f6htes Tumorrisiko haben sich nach \u00fcber 5 Jahren Therapie mit Insulin lispro nicht ergeben. Das langwirksame Insulin glargin wird nur einmal am Tag injiziert, w\u00e4hrend NPH-Insuline meist zweimal am Tag gegeben werden. Es f\u00fchrt zu keiner besseren Einstellung der Blutglukose im Vergleich mit NPH-Insulinen. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und rezidivierenden Hypoglyk\u00e4mien ist Insulin glargin jedoch eine sinnvolle Alternative. Die Frage nach einem erh\u00f6hten Tumorrisiko unter Insulin glargin ist noch nicht gekl\u00e4rt. Die h\u00f6here Flexibilit\u00e4t in der Therapie und die etwas selteneren Hypoglyk\u00e4mien unter Insulinanaloga m\u00fcssen gegen die 30% h\u00f6heren Therapiekosten abgewogen werden. Fast alle bisher publizierten klinischen Studien \u00fcber Insulinanaloga wurden durch die Hersteller mitfinanziert, wodurch das Absch\u00e4tzen praktischer therapeutischer Vorteile erschwert wird.<\/b><\/p>\n<p>Die Grundkomponenten der Insulintherapie, sowohl der intensivierten konventionellen Insulintherapie (ICT = intensivierte konventionelle Insulintherapie, Basis-Bolus-Therapie) als auch der konventionellen Insulintherapie mit Mischinsulin (CT) sind die <i>kurzwirksamen<\/i> (Wirkdauer 3-6 h) und die <i>langwirksamen Insuline<\/i> (Wirkdauer 10-24 h).<\/p>\n<p>Die <i>konventionellen kurzwirksamen Insuline<\/i> haben jedoch die Eigenschaft, da\u00df ihre Wirkung verz\u00f6gert eintritt und da\u00df sie l\u00e4nger wirken, als dies zum Abdecken einer Mahlzeit n\u00f6tig ist. Deshalb wird ein Spritz-E\u00df-Abstand und eine Zwischenmahlzeit empfohlen. Die <i>konventionellen langwirksamen NPH- (neutrales Protamin Hagedorn) oder zinkverz\u00f6gerten Insuline<\/i> haben das Problem, da\u00df sie einen deutlichen Wirkungsgipfel haben und ihre Wirkung in der sp\u00e4ten Phase abf\u00e4llt. Die Folge k\u00f6nnen n\u00e4chtliche Hypo- und morgendliche Hyperglyk\u00e4mien sein. Somit ist die Wirkungskinetik der herk\u00f6mmlichen tierischen oder humanen Insuline weit von der physiologischen Insulinkinetik beim Gesunden entfernt.<\/p>\n<p>Das Ziel der Entwicklung von Analoga der Insuline ist es, der physiologischen Kinetik der Insulininkretion n\u00e4her zu kommen. Dadurch sollen der Stoffwechsel besser eingestellt und Folgesch\u00e4den verringert werden. Mit der Umstellung auf die gentechnologische Produktion von Insulin, die mittlerweile von fast allen Insulinherstellern genutzt wird, ist es einfach geworden, Aminos\u00e4uren des Insulinmolek\u00fcls zu modifizieren und sogenannte Insulinanaloga herzustellen.<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es mindestens 4 Millionen Diabetiker, was einer Pr\u00e4valenz von 5% entspricht. Davon werden \u00fcber 800000 Patienten mit Insulin behandelt. Der Anteil aller Insulinanaloga am gesamten Insulinmarkt (nach verkauften Einheiten) betr\u00e4gt in Deutschland derzeit rund 19%. Bei den kurzwirksamen Insulinen liegt der Anteil der Insulinanaloga (nach Einheiten) bei 36%, bei den langwirksamen Insulinen bei 22% und bei den Mischinsulinen bei 5%.<\/p>\n<p>In Deutschland sind derzeit drei Insulinanaloga erh\u00e4ltlich. An kurzwirksamen Insulinanaloga sind Insulin lispro (s.a. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5801\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1997, <b>31<\/b>, 9<\/a>) seit 1996 und Insulin aspart seit 1999 auf dem Markt. Insulin lispro ist zur Diabetes-mellitus-Therapie f\u00fcr alle Altersgruppen und f\u00fcr die Pumpentherapie (CSII = kontinuierliche subkutane Insulininfusion) zugelassen. F\u00fcr die Therapie w\u00e4hrend der Schwangerschaft besteht keine Zulassung. Insulin lispro wird auch als Mischinsulin Mix 25 oder Mix 50 angeboten, wobei es sich beim langwirksamen Anteil ebenfalls um Insulin lispro handelt, das an Protamin gebunden ist. Eine Mischung von Insulinanaloga und normalem NPH-Insulin ist nicht sinnvoll. Insulin aspart ist f\u00fcr die Diabetes-mellitus-Therapie ab dem 6. Lebensjahr und f\u00fcr die Pumpentherapie zugelassen. Eine Zulassung f\u00fcr eine Therapie w\u00e4hrend der Schwangerschaft besteht derzeit noch nicht. Das langwirksame Insulin glargin ist seit Juni 2000 auf dem Markt und zur Therapie des Diabetes mellitus bei Erwachsenen zugelassen. Eine Zulassung zur Therapie w\u00e4hrend der Schwangerschaft besteht nicht.<\/p>\n<p>Studien, die den Einflu\u00df einer Therapie mit Insulinanaloga auf die klinisch relevanten Endpunkte, n\u00e4mlich die diabetischen Folgesch\u00e4den, zeigt, liegen nicht vor. Jedoch gibt es zahlreiche Arbeiten, die die Wirkung der Insulinanaloga auf postprandiale Glukosewerte, HbA<sub>1C<\/sub>, Hypoglyk\u00e4mien, Lipidwerte, \u201dLebensqualit\u00e4t\u201d und in der Pumpentherapie untersucht haben.<\/p>\n<p><b>Kurzwirksame Insulinanaloga:<\/b> Die Molek\u00fcle der beiden kurzwirksamen Insulinanaloga haben eine verminderte Eigenbindung im Vergleich zum Normalinsulin. Beim Insulin lispro sind in der B-Kette an den Positionen 28 und 29 Lysin und Prolin vertauscht. Beim Insulin aspart ist in der B-Kette an Position 28 Prolin durch Asparagins\u00e4ure ersetzt. Durch diese Modifikationen zerfallen die Insulinhexamere sofort nach s.c. Injektion in Di- bzw. Monomere, die schnell resorbiert werden. Die Folge ist ein rascher Wirkungsbeginn (nach 10-15 Minuten), ein schnelles Erreichen des Wirkungsmaximums (nach einer Stunde) und eine Gesamtwirkungsdauer von ca. 3 Stunden. Das Wirkungsprofil l\u00e4\u00dft eine genauere Einstellung der Blutglukose, insbesondere niedrigere postprandiale Werte, erwarten. Aufgrund dieser Kinetik ist kein Spritz-E\u00df-Abstand notwendig, und bei unvorhersehbarer E\u00dfmenge eine postprandiale Gabe genauso effektiv wie eine pr\u00e4prandiale Injektion von Normalinsulin (1). Dadurch scheint eine flexiblere Lebensf\u00fchrung m\u00f6glich. Ebenso sind keine Zwischenmahlzeiten notwendig, auf die gerne bei \u00fcbergewichtigen Patienten verzichtet wird.<\/p>\n<p><i>Insulin lispro:<\/i> Insulin lispro ist am l\u00e4ngsten in der praktischen Anwendung. Mittlerweile liegen auch zahlreiche klinische Studien vor. Eine davon war sogar verblindet, was die Aussagekraft erh\u00f6ht (2).<\/p>\n<p><i>Wirkung auf die postprandiale Blutglukose: <\/i>In zahlreichen Studien mit Typ-1- und Typ-2-Diabetikern waren die Blutglukosewerte 2 Stunden postprandial zwischen 15 und 40 mg\/dl niedriger als in der Normalinsulin-Gruppe. Die Blutglukosewerte lagen zwischen 150 und 250 mg\/dl (2, 3).<\/p>\n<p>Chronisch hohe postprandiale Blutglukosewerte sollen das Risiko f\u00fcr Todesf\u00e4lle durch kardiovaskul\u00e4re Ereignisse erh\u00f6hen (7, 8, 33). Die These, da\u00df t\u00f6dliche Myokardinfarkte bei Diabetikern durch kurzwirksame Insulinanaloga verhindert werden k\u00f6nnten, ist bisher nicht bewiesen.<\/p>\n<p>Wurde die Injektion von Basalinsulin in der Insulin-lispro-Gruppe nicht ver\u00e4ndert, waren die sp\u00e4t-postprandialen (5-7 Stunden) Blutglukosewerte aber gegen\u00fcber der Normalinsulin-Gruppe um 5-30 mg\/dl h\u00f6her (2, 4, 5). Die h\u00f6heren sp\u00e4t-postprandialen Blutglukosewerte konnten durch h\u00e4ufigere Gaben von NPH-Insulin (zu jeder Hauptmahlzeit) vermieden werden (4, 6). Eine \u00fcber den ganzen Tag w\u00e4hrende bessere Einstellung der Blutglukose mit Insulin lispro erfordert 3-4 mal t\u00e4gliche Gaben von NPH-Insulin, so da\u00df insgesamt 7-8 Insulininjektionen\/d notwendig sind. Ergebnisse \u00fcber die Kombination des 24 Stunden lang wirkenden Insulin glargin mit Insulin lispro liegen noch nicht vor.<\/p>\n<p><i>Wirkung auf HbA<sub>1C<\/sub>-Wert, Hypoglyk\u00e4mien und Lipidwerte:<\/i> In allen Arbeiten, in denen nur die kurzwirsamen Insuline ausgetauscht wurden und die NPH-Insulin-Dosis nicht ver\u00e4ndert wurde, ist die Senkung des HbA<sub>1C<\/sub> unter Insulin lispro und Normalinsulin gleich (2, 3, 9). Dies ist durch die h\u00f6heren sp\u00e4t-postprandialen Blutglukosewerte und die selteneren Hypoglyk\u00e4mien (s.u.) unter Insulin lispro zu erkl\u00e4ren. Wurde die Dosis von NPH-Insulin angepa\u00dft, dann zeigte sich eine st\u00e4rkere Senkung des HbA<sub>1C<\/sub> mit Insulin lispro (um 0,4%-Punkte \u00fcber 1 Jahr; 6).<\/p>\n<p>Hypoglyk\u00e4mien, die die &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220; stark beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen, traten unter Insulin lispro um 10-30% seltener auf, vor allem nachts (2, 9, 10). Auch wenn die Therapie mit NPH-Insulin angepa\u00dft wird und der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert st\u00e4rker sinkt, ist die Hypoglyk\u00e4mierate unter Insulin lispro um 25% geringer (6). Eine Verbesserung der postprandialen Blutglukosewerte unter Insulin lispro besert nicht die Lipidwerte (3, 11).<\/p>\n<p><i>\u201dLebensqualit\u00e4t\u201d:<\/i> Da die Stoffwechseleinstellung unter Insulin lispro nicht grundlegend besser ist als unter Normalinsulin, stellt sich die Frage, ob mit dem nicht erforderlichen Spritz-E\u00df-Abstand und den selteneren Hypoglyk\u00e4mien die Lebensqualit\u00e4t steigt. Die Flexibilit\u00e4t der Therapie und die Zufriedenheit mit der Behandlung wird unter Insulin lispro h\u00f6her bewertet (12, 13). Die allgemeine &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220; wurde unter Insulin lispro und Normalinsulin gleich bewertet.<\/p>\n<p><i>Postprandiale Injektion von Insulin lispro:<\/i> Wegen der rasch einsetzenden Wirkung von Insulin lispro ist auch eine postprandiale Injektion noch sinnvoll. Die postprandialen Blutglukosewerte sind bei postprandialer Gabe von Insulin lispro genauso hoch wie bei pr\u00e4prandialer Gabe von Normalinsulin (1, 14). Eine postprandiale Insulingabe ist dann sinnvoll, wenn die E\u00dfmenge vorab nicht eingesch\u00e4tzt werden kann. Bei Kindern zeigte sich kein Nachteil, aber auch kein Vorteil bei postprandialer Gabe von Insulin lispro gegen\u00fcber der pr\u00e4prandialen Gabe von Normalinsulin (14).<\/p>\n<p><i>Insulinpumpen-Therapie (CSII) mit Insulin lispro:<\/i> Die Pumpentherapie Insulin lispro ergab eine etwas verbesserte Diabeteseinstellung. Der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert war um 0,1%-0,5%-Punkte niedriger als bei Therapie mit Normalinsulin (15, 16). Hypoglyk\u00e4mien waren nicht h\u00e4ufiger. Bei der k\u00fcrzeren Wirkungsdauer von Insulin lispro w\u00e4re bei einem Defekt des Katheters eine schnellere Stoffwechselentgleisung zu erwarten. Dies hat sich in einer Untersuchung, bei der die Insulinpumpen um 3 Uhr nachts abgestellt wurden, jedoch nicht best\u00e4tigt (17).<\/p>\n<p><i>Mischinsulin-Therapie mit Insulin lispro: <\/i>Viele Typ-2-Diabetiker werden mit Mischinsulinen therapiert. Insulin lispro ist auch als Humalog Mix25 und Mix50 erh\u00e4ltlich. Im Vergleich mit normalem Mischinsulin sind die postprandialen Blutglukosewerte niedriger. Der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert war nach 6 Monaten jedoch nicht verschieden (18). Es stellt sich daher die Frage, ob bei konventioneller Insulintherapie der Einsatz von Insulinanaloga \u00fcberhaupt sinnvoll ist, denn es handelt sich hierbei um eine Therapie ohne Anspruch auf eine genaue Einstellung der Blutglukose.<\/p>\n<p><i>Unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW): <\/i>Die fr\u00fcher ge\u00e4u\u00dferten Bef\u00fcrchtungen, da\u00df unter Insulin lispro Tumore induziert werden k\u00f6nnten, haben sich bislang nicht best\u00e4tigt.<\/p>\n<p><i>Insulin aspart:<\/i> Insulin aspart ist ebenfalls ein kurzwirksames Insulin-Analogon. Im Vergleich zu Normalinsulin wirkt Insulin aspart wie Insulin lispro. Bei genauer Betrachtung ist die Wirkungskinetik im Vergleich zu Insulin lispro etwas verz\u00f6gert (19).<\/p>\n<p>Es gibt zwei gro\u00dfe Studien, die Insulin aspart bei Typ-1-Diabetikern mit Normalinsulin verglichen haben. Beide Studien sind zwar nicht verblindet, aber durch ihre gro\u00dfe Patientenzahl (714 bzw. 1070) aussagekr\u00e4ftig (20, 21). Die postprandialen Blutglukosewerte waren um 10-20 mg\/dl niedriger als in der Normalinsulin-Gruppe, die sp\u00e4ten postprandialen Werte lagen unter Insulin aspart jedoch h\u00f6her (20). Die HbA<sub>1C<\/sub>-Senkung war in der Insulin aspart-Gruppe signifikant st\u00e4rker, wobei der Unterschied bei 0,12%- (20) bzw. 0,14%-Punkte (21) bei absoluten HbA<sub>1C<\/sub>-Werten um 7,9% lag. Die klinische Relevanz dieser Unterschiede, insbesondere eine positive Auswirkung auf diabetische Folgesch\u00e4den, ist eher fraglich.<\/p>\n<p>Das Risiko schwerer Hypoglyk\u00e4mien war in einer Arbeit vor allem nachts und sp\u00e4t-postprandial etwas geringer (Relatives Risiko bei Insulin aspart: 0,83; 20). Die andere Studie zeigte keinen Unterschied in der H\u00e4ufigkeit von Hypoglyk\u00e4mien (21). Die Zufriedenheit mit der Therapie war in der Insulin-aspart-Gruppe h\u00f6her. Auch wenn erst wenige Studien zu Insulin aspart vorliegen, zeichnet sich ab, da\u00df beide kurzwirksamen Insulinanaloga etwa gleiche Therapieeffekte haben. Studien, in denen die beiden Insulinanaloga direkt verglichen werden, liegen nicht vor.<\/p>\n<p><b>Fazit f\u00fcr die Praxis:<\/b> Insulin aspart und Insulin lispro sind gleichwertige kurzwirksame Insulinanaloga. Mit beiden sind um 10-40 mg\/dl niedrigere postprandiale (2 Stunden) Blutglukosewerte zu erreichen; jedoch sind die sp\u00e4t-postprandialen Werte h\u00f6her als unter Normalinsulin, wenn die NPH-Insulin-Dosis oder die Zahl der NPH-Insulin-Injektionen nicht erh\u00f6ht wird. Hypoglyk\u00e4mien sind bei beiden Insulinanaloga um 10-30% und vor allem nachts seltener. Eine Senkung des HbA<sub>1C<\/sub>-Wertes durch Umstellung auf Insulinanaloga ist nur zu erwarten, wenn gleichzeitig NPH-Insulin zu jeder Mahlzeit zus\u00e4tzlich gegeben wird. Ein einfacher Austausch von Normalinsulin durch Insulin aspart oder Insulin lispro bringt keine Verbesserung des Glukosestoffwechsels. Die Patienten sind aber mit dieser Therapie zufriedener. Die Pumpentherapie mit Insulinanaloga bringt eine gering verbesserte Stoffwechseleinstellung und birgt keine gr\u00f6\u00dferen Risiken einer Ketoazidose.<\/p>\n<p>Mit den kurzwirksamen Insulinanaloga kann also keine deutlich bessere Stoffwechseleinstellung erreicht werden. Die Unterschiede sind nur minimal, und mit Normalinsulin ist eine gleich gute Diabeteseinstellung m\u00f6glich. Deshalb wird gerne in der Werbung auf die h\u00f6here Zufriedenheit der Patienten verwiesen. Ob dies 30% h\u00f6here Therapiekosten und einen Marktanteil von 36% rechtfertigt, mu\u00df bezweifelt werden.<\/p>\n<p><b>Langwirksame Insulinanaloga:<\/b> Das langwirksame Insulinanalogon Insulin glargin hat an Position 21 der A-Kette Glycin anstatt Asparagin und am Ende der B-Kette zwei zus\u00e4tzliche Argininmolek\u00fcle, was eine Verschiebung des isoelektrischen Punkts von pH 5,6 auf pH 6,7 zur Folge hat. Nach s.c. Injektion kommt es zur Pr\u00e4zipitation der Insulin-glargin-Hexamere. Aus den Pr\u00e4zipitaten werden die Molek\u00fcle relativ konstant abgegeben. Dadurch kommt es zu einer gleichm\u00e4\u00dfigen, nahezu linearen Wirkung ohne Wirkungsgipfel. Die Wirkung beginnt nach 1-1,5 Stunden, und die Wirkdauer betr\u00e4gt nahezu 24 Stunden. Im Vergleich mit NPH-Insulin und dem sehr langwirkenden, zinkverz\u00f6gerten Insulin Ultralente, die beide einen deutlichen Wirkgipfel haben, hat Insulin glargin die geringste intra- und interindividuelle Variabilit\u00e4t der Insulinkonzentration im Plasma (22).<\/p>\n<p>Als wesentliche Vorteile von Insulin glargin gegen\u00fcber NPH-Insulin werden die nur einmal t\u00e4gliche Gabe, die gleichm\u00e4\u00dfige Wirkung ohne Gipfel und eine geringere Absorptionsvarianz hervorgehoben. Letztere ist auch dadurch bedingt, da\u00df Insulin glargin eine klare L\u00f6sung ist, die nicht durchmischt werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Da das Pr\u00e4parat noch nicht lange auf dem Markt ist, liegen erst wenige Studien vor, die sich \u00fcber 4-32 Wochen erstrecken und in denen die Endpunkte HbA<sub>1C<\/sub>, N\u00fcchtern-Blutglukose, Hypoglyk\u00e4mien und Lebensqualit\u00e4t untersucht wurden. Die Studien waren randomisiert, aber nicht verblindet. Es wurden 300-600 Patienten pro Studie untersucht.<\/p>\n<p><i>Wirkung auf N\u00fcchtern-Blutglukose:<\/i> Bei Typ-1-Diabetikern wurde die morgendliche N\u00fcchtern-Blutglukose durch Insulin glargin im Vergleich zu NPH-Insulin um 12-35 mg\/dl st\u00e4rker gesenkt. Es ist jedoch zu bemerken, da\u00df die N\u00fcchternwerte der Blutglukose zu Beginn der Studie sehr hoch lagen, n\u00e4mlich zwischen 200 und 220 mg\/dl. Eine Senkung um 35 mg\/dl ist in dieser Situation noch kein befriedigendes Therapieergebnis (23-26). Bei Typ-2-Diabetikern gab es keinen Unterschied zwischen den N\u00fcchternwerten, wenn Insulin glargin oder NPH-Insulin um 22 Uhr (Bed-time-Insulin) gegeben wurde (27, 28). Eine Studie mit \u00fcber 400 Typ-2-Diabetikern zeigte, da\u00df die abendlichen postprandialen Blutglukosewerte unter Insulin glargin signifikant niedriger lagen (178 vs. 192 mg\/dl). Dieses Ergebnis war zu erwarten, da NPH-Insulin bzw. Insulin glargin nur einmal (um 22 Uhr) gegeben wurde und somit die Wirkung des NPH-Insulins am n\u00e4chsten Abend l\u00e4ngst abgeklungen war.<\/p>\n<p><i>Wirkung auf den HbA<sub>1C<\/sub>-Wert:<\/i> Durch Insulin glargin konnte in einer Studie mit Typ-1-Diabetikern, die zuvor NPH-Insulin injiziert hatten, eine etwas st\u00e4rkere Senkung des HbA<sub>1C<\/sub> (von 7,96% auf 7,80%) erreicht werden als bei Fortsetzung der Therapie mit NPH (von 7,85 auf 7,79%; 23). Diese minimalen Unterschiede haben keine klinische Relevanz. Alle anderen Studien mit Typ-1- und Typ-2-Diabetikern zeigten keine st\u00e4rkere HbA<sub>1C<\/sub>-Senkung unter Insulin glargin als unter NPH-Insulinen (24, 26-28).<\/p>\n<p><i>Hypoglyk\u00e4mieh\u00e4ufigkeit und &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220;:<\/i> Bei Typ-1-Diabetikern sind die Ergebnisse hinsichtlich der Hypoglyk\u00e4mieh\u00e4ufigkeit unter Insulin glargin uneinheitlich. Die Studie mit dem l\u00e4ngsten Beobachtungszeitraum (28 Wochen) ergab eine Reduktion der Hypoglyk\u00e4mien um 40% (24). Andere Studien zeigten beim Vergleich von Insulin glargin mit NPH-Insulin keinen Unterschied (26), oder nur nachts (23). Bei Typ-2-Diabetikern, die nur um 22 Uhr Insulin spritzten, konnte die n\u00e4chtliche Hypoglyk\u00e4mierate von 24% in der NPH-Insulin-Gruppe auf 10% in der Insulin-glargin-Gruppe (27) bzw. von 35% auf 26% gesenkt werden (28).<\/p>\n<p>Eine Studie mit \u00fcber 500 Patienten zeigte eine h\u00f6here Therapiezufriedenheit mit Insulin glargin, w\u00e4hrend das psychische Wohlbefinden bei Insulin glargin und NPH-Insulin gleich war (29).<\/p>\n<p><i>UAW von Insulin glargin:<\/i> F\u00fcr viel Aufregung hat eine Arbeit gesorgt, die eine 7,8fach h\u00f6here mitogene Potenz von Insulin glargin gegen\u00fcber Normalinsulin zeigte (30). Die erh\u00f6hte Mitogenit\u00e4t wird \u00fcber die hohe Bindungsaffinit\u00e4t von Insulin glargin an den Rezeptor von Insulin-like growth factor 1 (IGF-1) erkl\u00e4rt. Das Modell, bei dem die mitogene Potenz gepr\u00fcft wurde, ist eine humane Osteosarkom-Zelllinie mit sehr vielen IGF-1- und wenig Insulinrezeptoren. Eine andere Untersuchung mit Rattenfibroblasten, die viele Insulin- und wenig IGF-1-Rezeptoren haben, zeigte ebenfalls die erh\u00f6hte IGF-1-Rezeptor-Affinit\u00e4t von Insulin glargin, aber keine h\u00f6here Mitogenit\u00e4t (31). Eine \u00dcbertragung dieser In-vitro-Ergebnisse auf den Menschen ist schwierig. Eine st\u00e4rkere mitogene Wirkung von Insulin glargin in vivo ist unwahrscheinlich, aber nicht auszuschlie\u00dfen. \u00c4hnliche Bef\u00fcrchtungen wurden bei der Einf\u00fchrung von Insulin lispro ge\u00e4u\u00dfert, haben sich aber bis jetzt nicht best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Eine andere Untersuchung zeigte eine Zunahme der diabetischen Retinopathie unter der Therapie mit Insulin glargin (32), was \u00fcber die Wirkung auf den IGF-1-Rezeptor erkl\u00e4rt wird. Ein unabh\u00e4ngiges Expertengremium, das von der Herstellerfirma beauftragt wurde, sah keinen Zusammenhang zwischen der Progredienz der Retinopathie und der Gabe von Insulin glargin. Bei der Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft (Akd\u00c4) sind jedoch in den vergangenen Monaten mehrere Meldungen \u00fcber ein Fortschreiten der diabetischen Retinopathie und \u00fcber Glask\u00f6rperblutungen unter Therapie mit Insulin glargin eingegangen, die zur Vorsicht mahnen.<\/p>\n<p><b>Fazit f\u00fcr die Praxis:<\/b> Mit Insulin glargin steht ein pharmakokinetisch interssantes, \u00fcber 24 Stunden konstant wirkendes Insulinanalogon zur Verf\u00fcgung. Trotz der idealen linearen Kinetik konnte der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern nicht st\u00e4rker gesenkt werden als mit NPH-Insulin. Deutlich erh\u00f6hte morgendliche Blutglukosewerte (um 200 mg\/dl) k\u00f6nnen bei Typ-1-Diabetikern mit Insulin glargin um 15-35 mg\/dl st\u00e4rker gesenkt werden als mit NPH-Insulin.<\/p>\n<p>Bei Typ-2-Diabetikern sind n\u00e4chtliche Hypoglyk\u00e4mien unter Insulin glargin seltener; dies ist bei Typ-1-Diabetikern noch nicht eindeutig gezeigt. Patienten sind mit der Insulin-glargin-Therapie zufriedener, was durch seltenere Hypoglyk\u00e4mien und durch die nur einmal t\u00e4gliche Injektion erkl\u00e4rt werden kann. Eine deutlich bessere Stoffwechseleinstellung ist nach einem Wechsel von NPH-Insulin auf Insulin glargin nicht zu erwarten. Bei rezidivierenden n\u00e4chtlichen Hypoglyk\u00e4mien unter NPH-Insulin ist die Umstellung auf Insulin glargin sinnvoll. Die einmal t\u00e4gliche Gabe von Insulin glargin wird immer als Vorteil angepriesen, kann aber auch die Flexibilit\u00e4t einschr\u00e4nken. Typ-1-Diabetiker, die vor k\u00f6rperlicher Aktivit\u00e4t auch die Dosis von Basalinsulin reduzieren, m\u00fcssen bei Insulin glargin l\u00e4nger vorausplanen.<\/p>\n<p>Alle Insulinanaloga sind nur als U100-Insuline (100 Einheiten Insulin\/ml) erh\u00e4ltlich. Deshalb sollten speziell graduierte Einmalspritzen oder &#8211; besser &#8211; Insulin-Pens zur Injektion verwendet werden. Alle Insulinanaloga kosten gleich viel, sind aber 30% teurer als die herk\u00f6mmlichen Normal- und NPH-Insuline.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Schernthaner, G., et al.: Diabetes Care <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9571344&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>21<\/b>, 570<\/a>.<\/li>\n<li>Gale, E.A.M., et al.: Diabetic Medicine <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10784225&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <b>17<\/b>, 209<\/a>.<\/li>\n<li>Anderson, J.H. et al.: Arch. Intern. 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