{"id":40397,"date":"2002-05-01T12:04:00","date_gmt":"2002-05-01T10:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/werbung-fuer-rezeptpflichtige-arzneimittel-soll-auch-bei-laien-moeglich-werden"},"modified":"2002-05-01T12:04:00","modified_gmt":"2002-05-01T10:04:00","slug":"werbung-fuer-rezeptpflichtige-arzneimittel-soll-auch-bei-laien-moeglich-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/werbung-fuer-rezeptpflichtige-arzneimittel-soll-auch-bei-laien-moeglich-werden\/","title":{"rendered":"Werbung f\u00fcr rezeptpflichtige Arzneimittel soll auch bei Laien m\u00f6glich werden"},"content":{"rendered":"<p>Zwei unabh\u00e4ngige Gesundheits-Organisationen, Health-Action-International (HAI) und European Public-Health Alliance (EPHA), hatten zu einem Treffen am 10. Januar 2002 in Br\u00fcssel eingeladen, an dem Fachleute aus Forschung, Verbraucherverb\u00e4nden, Mitgliedern der WHO, Vertretern der pharmazeutischen Industrie und der Krankenversicherungen teilnahmen. Es sollte die Frage diskutiert werden: Ist Werbung bei Laien f\u00fcr verordnungspflichtige Medikamente wirklich ein Fortschritt? F\u00fcr einen Test-Zeitraum von 5 Jahren soll n\u00e4mlich die direkte Werbung f\u00fcr Medikamente gegen AIDS, Asthma und Diabetes m\u00f6glich gemacht werden. Dies ist z.Z. in der ganzen Welt verboten, au\u00dfer in den USA und Neuseeland.<\/p>\n<p>In den Diskussionen der Fachleute wurde folgendes deutlich: verst\u00e4ndliche, ausgewogene, wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Informationen \u00fcber Medikamente sind dringend erforderlich. Die Werbung der Hersteller ist allerdings keine Information in diesem Sinne. Von Laien ist die aus der Werbung bei \u00c4rzten hinreichend bekannte \u201dWerbelyrik\u201d schwer zu durchschauen. Daher ist mit dem Vorhaben des Europ\u00e4ischen Parlaments, Werbung f\u00fcr Arzneimittel gegen AIDS, Asthma und Diabetes zuzulassen, keine Besserung der Versorgungssituation zu erwarten. Im Gegenteil, es ist zu bef\u00fcrchten, da\u00df zur Behandlung ihrer Krankheiten von den Patienten mehr Medikamente gefordert werden in Abh\u00e4ngigkeit von der Intensit\u00e4t der Werbung als vom Schweregrad der Erkrankung. Die Hersteller neigen bekannterma\u00dfen dazu, den Nutzen ihrer Pharmaka in den strahlendsten Farben zu schildern und \u00fcber die Risiken eher zur\u00fcckhaltend zu informieren.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Bei dem Treffen der Fachleute war nicht zu eruieren, wer eigentlich den Vorschlag zur Gesetzes\u00e4nderung bei der Europ\u00e4ischen Union (EU) eingebracht hat! Die anwesenden Vertreter der \u00c4rzteschaft, die WHO, die Vertreter von Patienten (Selbsthilfegruppen), nationale Gesundheitsbeh\u00f6rden (speziell die Niederl\u00e4nder) gaben zu erkennen, da\u00df sie die Gesetzesvorlage nicht guthei\u00dfen und nicht unterst\u00fctzen. Die Industrie, die wohl von dieser Regelung als einzige profitiert, hielt sich bedeckt.<\/p>\n<p>Am Ende der Konferenz formulierten die Teilnehmer eine Stellungnahme f\u00fcr die Mitglieder des Parlaments der EU und seiner Kommissionen. Es wurde dringend gefordert, da\u00df die Gesetze der EU den ethischen Kriterien gen\u00fcgen m\u00fc\u00dften, die die WHO f\u00fcr Werbung auf dem Arzneimittelmarkt im Jahre 1988 festgeschrieben und verabschiedet hat. Das Europ\u00e4ische Parlament solle darauf achten, da\u00df die geltende Gesetzgebung mehr als bisher beachtet wird und Vergehen verfolgt w\u00fcrden. Auf der anderen Seite solle mehr als bisher daf\u00fcr gesorgt werden, da\u00df es eine <i>unabh\u00e4ngige<\/i> Arzneimittelinformation f\u00fcr Patienten gebe. Ansatzpunkte sind objektive Produktinformationen als Packungsbeilage, die Entwicklung von Methoden, die Erwachsenenbildung auf diesem Gebiet zu \u00fcberpr\u00fcfen, ganz allgemein Weiterentwicklung von Methoden, mit denen in der gesamten Bev\u00f6lkerung das Wissen um Gesundheit, Krankheit und Behandlungsm\u00f6glichkeiten verbessert werden kann. DER ARZNEIMITTELBRIEF hat sich &#8211; auch im Namen seiner Leser &#8211; der Meinung der Kongre\u00dfteilnehmer angeschlossen und deren Eingabe unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Im N. Engl. J. Med. war eine Kostenanalyse der Laienwerbung f\u00fcr verschreibungspflichtige Medikamente in den USA zu lesen (1). Der Gesamtaufwand sei im Vergleich mit dem \u00fcbrigen Werbeetat sehr gering. \u00dcber den Effekt und den Sinn des Verfahrens wird nicht reflektiert. Ein Editorial in derselben Nummer (2) weist darauf hin, da\u00df Werbung keine gute Information f\u00fcr Patienten ist. Der Autor ist Mitglied einer Verbraucherorganisation. Patienten neigten dazu, emotional zu entscheiden und dann ihren Arzt unter Druck zu setzen. Bessere, unabh\u00e4ngige Patienteninformation sei dringend erforderlich. Diese aber k\u00f6nne nicht der Pharmaindustrie \u00fcberlassen werden.<\/p>\n<p>Ein zweites Editorial (3), von einem Vertreter der Pharmaindustrie verfa\u00dft, sieht die Verantwortung bei den \u00c4rzten. Sie m\u00fc\u00dften die Vorschl\u00e4ge der Laien im beratenden Gespr\u00e4ch aufarbeiten und in angemessene Verordnungen umsetzen. Das Gesundheitssystem werde dadurch gest\u00e4rkt. <i>Anm. der Red.:<\/i> will sagen: der Umsatz der Pharmaindustrie. Dem Arzt bleibt der Schwarze Peter, die Werbeversprechungen der Industrie und unberechtigt geweckte Hoffnungen und Erwartungen bei den Patienten zur Realit\u00e4t zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dies ist aus der Werbung f\u00fcr rezeptfreie Medikamente den \u00c4rzten schon gut bekannt.<\/p>\n<p>In einer dritten Stellungnahme (4) &#8211; sie stammt von Autoren der Harvard Medical School &#8211; werden schlie\u00dflich ernste ethische und \u00f6konomische Bedenken gegen einen besonderen Bereich der Laienwerbung ge\u00e4u\u00dfert, n\u00e4mlich f\u00fcr neue, nicht endg\u00fcltig evaluierte diagnostische Methoden in der Kardiologie und Pulmologie (z.B. Elektronenstrahl-CT zur Diagnostik der Koronaren Herzkrankheit und Spiral-CT zur Fr\u00fchdiagnose des Bronchialkarzinoms). Sie k\u00f6nne dazu f\u00fchren, da\u00df die betroffenen und ver\u00e4ngstigten Patienten unberechtigte Hoffnungen entwickelten und beim Arzt durchzusetzen versuchten. Andererseits sei es aber nicht zu finanzieren, die Methoden fl\u00e4chendeckend anzuwenden<\/p>\n<p>Eine weitere Arbeit besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, ob die Laienwerbung Einflu\u00df nimmt auf W\u00fcnsche der Patienten, ein Medikament verschrieben zu bekommen, und wie der betreffende Arzt darauf reagiert (5). Die Daten wurden an Hand eines Fragebogens an Patienten und \u00c4rzte in 38 Praxen in Sacramento, Kalifornien, und in 40 Praxen in Vancouver, Kanada, erhoben. Wenn diese Untersuchung auch methodische M\u00e4ngel hat, so zeigen ihre Ergebnisse doch folgende, eigentlich triviale Tendenz: Der dringende Wunsch eines Patienten, ein spezielles Medikament zu erhalten, f\u00f6rdert sehr stark die Entscheidung des Arztes, ein solches auch zu rezeptieren. Viele \u00c4rzte sind in dieser Situation (im Nachhinein befragt) jedoch ambivalent in der Wahl ihres therapeutischen Vorgehens. Wenn \u00c4rzte also, trotz pers\u00f6nlicher Bedenken, unter dem Druck der durch direkte Werbung beeinflu\u00dften Patienten Medikamente verschreiben, k\u00f6nnte nicht nur die Zahl der Verordnungen steigen, sondern auch die Qualit\u00e4t leiden.<\/p>\n<p>Laienwerbung erschwert, ja behindert unseres Erachtens die rationale Indikationsstellung, der wir \u00c4rzte verpflichtet sind und leistet au\u00dferdem einer \u201dMedikamentalisierung\u201d der Gesellschaft Vorschub. Eine Pille f\u00fcr jedes Problem nach Ratschlag des Herstellers? Man sollte diese Art der Werbung in Europa nicht zulassen, um mit Ressourcen m\u00f6glichst vern\u00fcnftig und gerecht umgehen zu k\u00f6nnen. Die Macht der Pharmariesen darf nicht ausufern.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Rosenthal, M.B., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11844852&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>346<\/b>, 498<\/a>.<\/li>\n<li>Wolfe, S.M.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11844857&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>346<\/b>, 524<\/a>.<\/li>\n<li>Holmer, A.F.: N. Engl. J. Med. 2002, <b>346<\/b>, 526.<\/li>\n<li>Lee, T.H., und Brennan, T.A.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11844859&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>346<\/b>, 529<\/a>.<\/li>\n<li>Mintzes, B., et al.: Brit. Med. 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