{"id":40408,"date":"2002-07-01T12:06:00","date_gmt":"2002-07-01T10:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/wildwuchs-in-der-deutschen-kardiologie"},"modified":"2002-07-01T12:06:00","modified_gmt":"2002-07-01T10:06:00","slug":"wildwuchs-in-der-deutschen-kardiologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wildwuchs-in-der-deutschen-kardiologie\/","title":{"rendered":"Wildwuchs in der deutschen Kardiologie"},"content":{"rendered":"<p>Herbe Kritik aus den eigenen Reihen erf\u00e4hrt die deutsche Kardiologie in einem j\u00fcngst im Lancet unter dem Titel &#8222;The Soft Science of German Cardiology&#8220; publizierten Artikel von W. Di\u00dfmann und M. de Ridder (1; Prof. Dr. W. Di\u00dfmann war der streitbare pensionierte Chefarzt eines gro\u00dfen Berliner Krankenhauses mit kardiologischem Schwerpunkt; er ist w\u00e4hrend der Drucklegung des Artikels gestorben. Dr. M. de Ridder war sein Oberarzt). \u00dcberzeugend legen die beiden Autoren dar, da\u00df in diesem Teilgebiet der Medizin, das etwa 10% der bundesdeutschen Gesundheitsausgaben verschlingt, gravierende M\u00e4ngel auszumachen sind: Invasive Diagnose- und Therapiema\u00dfnahmen haben ein unvertretbares Ausma\u00df erreicht, die Prim\u00e4rpr\u00e4vention kardiovaskul\u00e4rer Erkrankungen existiert praktisch nicht, und im Bereich der Sekund\u00e4rpr\u00e4vention besteht eine erhebliche Unter- bzw. Fehlversorgung. Insgesamt sei das Verh\u00e4ltnis von (Kosten-)Aufwand zu Ertrag in der deutschen Kardiologie mehr als ung\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Kritik steht die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Kardiologie (DGK), die von den Autoren wegen Unredlichkeit heftig attackiert wird. Die DGK war im Jahr 2000 vom Sachverst\u00e4ndigenrat aufgefordert worden, zur Frage der \u00dcber-, Unter- und Fehlversorgung von Patienten mit kardiovaskul\u00e4ren Erkrankungen Stellung zu nehmen. In ihrer im M\u00e4rz 2001 vorgelegten ausf\u00fchrlichen Antwort (2) behauptet die DGK, da\u00df die Zahl der in Deutschland durchgef\u00fchrten diagnostischen Koronarangiographien mit 3900 pro eine Million Einwohner mehr oder weniger mit der anderer L\u00e4nder (z.B. Belgien mit 3600) gleich sei. Die von der DGK f\u00fcr Deutschland angegebene Zahl stammt jedoch aus dem Jahr 1993! Tats\u00e4chlich wurden 1998 in Deutschland 6441 diagnostische Herzkatheter-Untersuchungen pro eine Million Einwohner durchgef\u00fchrt, eine Zahl, die der DGK bekannt gewesen sein mu\u00df, denn sie war bereits im &#8222;Herzbericht 1999&#8220;, der im August 2000 erschienen ist, ver\u00f6ffentlicht worden (3). Was aber ist von einer hochrangigen medizinischen Fachgesellschaft zu halten, so fragen die Autoren, die bewu\u00dft oder mangels gewissenhafter Pr\u00fcfung der Daten den Sachverst\u00e4ndigenrat und andere politische Gremien mit derartigen Zahlen, die als wichtige Planungsgrundlage dienen sollen und enorme Kosten beinhalten, irref\u00fchrt?<\/p>\n<p>Eine Grafik zeigt (Abb. 1), da\u00df in Deutschland im Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern die weitaus meisten Linksherzkatheter-Untersuchungen durchf\u00fchrt werden. Dies beruht weder auf erh\u00f6hter Morbidit\u00e4t und Mortalit\u00e4t isch\u00e4mischer Herzkrankheiten in Deutschland noch auf unterschiedlichen Pro-Kopf-Ausgaben f\u00fcr die Gesundheit der miteinander verglichenen L\u00e4nder; sie sind vielmehr nach Auffassung der Autoren allein die Folge einer inad\u00e4quaten Indikationsstellung f\u00fcr diese Untersuchung. Die Anzahl der diagnostischen Herzkatheter-Untersuchungen in Deutschland weicht von der in den USA nicht wesentlich ab. W\u00e4hrend jedoch f\u00fchrende amerikanische Kardiologen nicht m\u00fcde werden, den &#8222;Overuse&#8220; invasiver Verfahren in ihrem Land anzuprangern, existiert in Deutschland offenbar eine geschlossene Kardiologengemeinschaft, der Selbstkritik in dieser Frage fremd ist.<\/p>\n<p>Auch bei der perkutanen transluminalen Koronarangioplastie (PTCA) erweist sich Deutschland 1998 mit 1788 PTCA pro eine Million Einwohner europaweit als f\u00fchrend. Dar\u00fcberhinaus f\u00e4llt auf, da\u00df das Verh\u00e4ltnis von Koronarangiographien zu therapeutischen Konsequenzen (PTCA mit oder ohne Stent, Bypass-OP) zwar zwischen den L\u00e4ndern deutlich differiert, in Deutschland jedoch am ung\u00fcnstigsten ausf\u00e4llt. Hier folgt nicht einmal jeder zweiten Untersuchung eine Revaskularisationsma\u00dfnahme (s. Abb. 1).<\/p>\n<p>In ihrem Bericht behauptet die DGK weiterhin, da\u00df die Indikation zur PTCA in 80% aller F\u00e4lle angemessen sei. Zugrunde gelegt ist dabei das Register der Arbeitsgemeinschaft Leitender Kardiologischer Krankenhaus\u00e4rzte (ALKK), in dem zwischen 1992 und 1999 insgesamt 192710 PTCA erfa\u00dft sind. Diese Zahl repr\u00e4sentiert jedoch weniger als 25% aller PTCA in diesem Zeitraum und ber\u00fccksichtigt nur solche Kliniken, die bereit waren, externe Kontrollen zuzulassen und einen betr\u00e4chtlichen b\u00fcrokratischen Aufwand auf sich zu nehmen, so da\u00df der Anteil angemessen indizierter PTCA wahrscheinlich deutlich niedriger anzusetzen ist.<\/p>\n<p>Nun soll auch noch bei Patienten mit Rhythmusst\u00f6rungen und Synkopen der Koronarstatus definiert werden. Damit stellt sich die DKG in Widerspruch zu den Empfehlungen des American College of Cardiology (ACC), der American Heart Association (AHA) und der European Society of Cardiology (ESC) und ihrer &#8222;Task Force on Syncope&#8220;, die besagen, da\u00df die Koronarangiographie definitiv nicht die Methode der Wahl ist, um diese Symptome abzukl\u00e4ren (4). Da\u00df die DGK sich sogar dahin versteigt, Linksherzkatheter-Untersuchungen ohne einen interventionsbed\u00fcrftigen Befund f\u00fcr sinnvoll zu erachten, weil dadurch Patienten beruhigt und weitere Krankenhausaufenthalte vermieden werden k\u00f6nnten, veranla\u00dft Di\u00dfmann und de Ridder schlie\u00dflich zu der s\u00fcffisanten Frage: &#8222;Beabsichtigt die DGK, die diagnostische Angiographie in Deutschland zu einem Screening-Verfahren zu machen?&#8220;<\/p>\n<p>Dem &#8222;Overuse&#8220; invasiver Verfahren stehen gravierende Defizite in der Behandlung kardialer Risikofaktoren gegen\u00fcber, wie die EuroASPIRE-Studie I\/II belegt (5). Das Abschneiden Deutschlands bewertet der Leiter der deutschen Sektion, der M\u00fcnsteraner Epidemiolge U. Keil, als &#8222;PISA der deutschen Kardiologie&#8220;. EuroASPIRE I\/II ergab beispielsweise, da\u00df Deutschland, gemessen am nationalen Pro-Kopf-Aufkommen f\u00fcr die Gesundheit, in der Sekund\u00e4rpr\u00e4vention von Hypertonie und Hypercholesterin\u00e4mie im Vergleich mit acht europ\u00e4ischen L\u00e4ndern die schlechtesten Ergebnisse hat. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die sekund\u00e4rpr\u00e4ventive Verordnung von ACE-Hemmern bei Patienten nach Herzinfarkt und eingeschr\u00e4nkter linksventrikul\u00e4rer Funktion. Eine der wenigen deutschen Studien zu dieser Problematik belegt, da\u00df nur 50% der Patienten, die f\u00fcr die Behandlung mit einem ACE-Hemmer in Frage kamen, diesen auch erhielten, und nur 11% der Patienten nahmen mehr als 50% der anzustrebenden Richtdosis ein.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich weisen die Autoren auf die unvertretbar lange Krankenhaus-Verweildauer deutscher Herzinfarktpatienten hin. Sie betr\u00e4gt nach einer deutschen Studie (1996\/1998), die 14598 Patienten in 217 kommunalen Krankenh\u00e4usern umfa\u00dfte, durchschnittlich immer noch 18 Tage, was internationale Standards weit \u00fcberschreitet (6). Auch der \u00fcbliche drei- bis vierw\u00f6chige Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik nach einem Herzinfarkt scheint in keinem g\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnis zu seinem Nutzen zu stehen, wenn eines der Hauptziele der Rehabilitation, die Senkung des Cholesterinspiegels mittels Statinen, bei allzu vielen Patienten verfehlt wird. 69% der Patienten, so das Ergebnis einer Untersuchung, wurden mit einem Statin nach Rehabilitation entlassen, doch 12 Monate sp\u00e4ter hatten nur 50% von ihnen einen Cholesterinspiegel unter 5,2 mmol\/l. Die Autorin des zugeh\u00f6rigen Editorials wird zitiert: &#8222;Sind die Kosten eines dreiw\u00f6chigen station\u00e4ren Rehabilitationsaufenthaltes wirklich zu rechtfertigen? Ist dies ein kluger Umgang mit Ressourcen?&#8220;<\/p>\n<p>Zusammenfassend kommen die Autoren zu dem Schlu\u00df, da\u00df die Kardiologie beispielhaft illustriert, welch gro\u00dfe Kluft in Deutschland zwischen evidenzbasiertem Wissen und der Praxis der Medizin existiert. Eine Mischung aus schwindender Professionalit\u00e4t, falsch gesetzten Priorit\u00e4ten, zunehmender Unredlichkeit und oftmals schrankenlosem Eigeninteresse der \u00c4rzteschaft sind nach Meinung der Autoren die Hauptursache der Misere. Umsatzorientierte Lobbyisten setzen mehr und mehr den professionellen Anspruch der \u00c4rzteschaft au\u00dfer Kraft. Sorgf\u00e4ltige Anamnesen und gewissenhafte klinische Befunderhebung treten zunehmend in den Hintergrund; zudem werden sie schlechter verg\u00fctet als technische Leistungen. Die Gesundheitspolitik hat sich als unf\u00e4hig erwiesen, Richtlinien und Strukturen vorzugeben und sich aus dem Haifischbecken der Interessengruppen weitgehend zur\u00fcckgezogen. Die Medien nehmen diese Fehlentwicklung nur unzureichend wahr.<\/p>\n<p>Diese Misere zu \u00fcberwinden bedarf eines radikalen Umdenkens, in dessen Zentrum wieder das aus dem Blick geratene Interesse der Patienten zu r\u00fccken hat. Um den Interessen der Patienten gerecht zu werden, fordern die Autoren, jenseits des gut gemeinten Rufs nach Qualit\u00e4tsmanagement und Leitlinien, die Installation eines &#8222;Zentralnervensystems&#8220;. Gemeint ist ein unabh\u00e4ngiges Institut f\u00fcr Medizin, das den aktuellen medizinischen Wissensstand fortlaufend evaluiert und verf\u00fcgbar macht und zudem autorisiert ist, Priorit\u00e4ten in Gesundheitspolitik und Medizin verbindlich vorzugeben. Au\u00dferden sollte es befugt sein, das Einhalten unabh\u00e4ngig erstellter evidenzbasierter Leitlinien nicht nur zu kontrollieren, sondern gegebenenfalls auch einzuschreiten, wenn sie nicht eingehalten werden.<\/p>\n<p>Die koronare Herzkrankheit ist durch Pr\u00e4vention weitgehend zu beeinflussen. Doch Prim\u00e4rpr\u00e4vention h\u00e4tte nur eine Chance, wenn eine kluge Gesundheitspolitik existierte, die &#8211; im Falle kardiovaskul\u00e4rer Krankheiten &#8211; sich auf redliche und weitsichtige Kardiologen verlassen k\u00f6nnte. Schon vor mehr als 150 Jahren bemerkte hierzu Rudolf Virchow: &#8222;Soll die Medicin daher ihre gro\u00dfe Aufgabe wirklich erf\u00fcllen, so mu\u00df sie in das gro\u00dfe politische und sociale Leben eingreifen&#8220; (7).<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Di\u00dfmann, W., und de Ridder, M.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12076573&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>359<\/b>, 2027.<\/a><\/li>\n<li><u><a href=\"http:\/\/www.dgkardio.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.dgkardio.de<\/a><\/u><\/li>\n<li>Bruckenberger, E.: Herzbericht 1999 mit Transplantationschirurgie. Hannover, 15. August 2000. <a href=\"http:\/\/www.bruckenberger.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bruckenberger.de<\/a><\/li>\n<li>Brignole, M., et al. (Task Force on Syncope, European Society of Cardiology): Eur. Heart J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11465961&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2001, <b>22<\/b>, 1256<\/a>.<\/li>\n<li>EUROASPIRE I and II group: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11293642&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2001, <b>357<\/b>, 995<\/a>.<\/li>\n<li>Arntz, H.R.: Cardio News 2001, <b>7-8<\/b>, 7.<\/li>\n<li>Virchow, R.: Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin. G. Reimer, Berlin, 1849, 48.<\/li>\n<\/ol>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2002\/07\/Abbildung-2002-54b-1.gif\" alt=\"Abbildung 2002-54b-1.gif\" class=\"table-figure\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbe Kritik aus den eigenen Reihen erf\u00e4hrt die deutsche Kardiologie in einem j\u00fcngst im Lancet unter dem Titel &#8222;The Soft Science of German Cardiology&#8220; publizierten Artikel von W. Di\u00dfmann und M. de Ridder (1; Prof. Dr. W. 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