{"id":40436,"date":"2002-12-01T12:01:00","date_gmt":"2002-12-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2002\/unerwuenschte-arneimittelwirkungen-als-grund-fuer-eine-krankenhausaufnahme"},"modified":"2002-12-01T12:01:00","modified_gmt":"2002-12-01T11:01:00","slug":"unerwuenschte-arneimittelwirkungen-als-grund-fuer-eine-krankenhausaufnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/unerwuenschte-arneimittelwirkungen-als-grund-fuer-eine-krankenhausaufnahme\/","title":{"rendered":"Unerw\u00fcnschte Arneimittelwirkungen als Grund f\u00fcr eine Krankenhausaufnahme"},"content":{"rendered":"<p>In Frankreich sind 3,2% der Krankenhauseinweisungen durch unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW) verursacht. Die Inzidenz schwankt zwischen 1,9% bei Patienten unter 15 Jahren und 4,1% bei solchen \u00fcber 65 Jahren. Etwa 1 Mio. Pflegetage sind nach dieser Analyse auf UAW zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Letalit\u00e4t betr\u00e4gt 0,5% (1).<\/p>\n<p>Aus Australien und den USA gibt es \u00e4hnliche Zahlen. In Australien waren 2,4-3,6% der Krankenhausaufnahmen durch UAW bedingt. Auch hier war die H\u00e4ufigkeit altersabh\u00e4ngig. Die \u201dgef\u00e4hrlichsten\u201d Medikamentengruppen waren in absteigender Reihenfolge: Zytostatika, kardiovaskul\u00e4r wirksame Substanzen, Antihypertensiva, Antikoagulanzien und nicht-steroidale Antirheumatika (2).<\/p>\n<p>Die amerikanischen Zahlen sind erstaunlich \u00e4hnlich (3): 6,7% ernster UAW wurden im Krankenhaus gez\u00e4hlt. Bei dieser Aufstellung sind nicht nur die Patienten ber\u00fccksichtigt, die wegen UAW aufgenommen wurden, sondern auch diejenigen, die UAW bei einer Therapie im Krankenhaus hatten. Nicht gez\u00e4hlt wurden UAW, die durch falsche Medikamentenausgabe oder durch bewu\u00dft oder unbewu\u00dft fehlerhafte Medikamenteneinnahme ausgel\u00f6st waren, und solche, die nicht wahrscheinlich, sondern nur m\u00f6glicherweise als UAW angesehen werden konnten. Die Letalit\u00e4t war hier 0,3%. Die Autoren berechneten daraus, da\u00df im Jahr 1994 in den USA 106000 Menschen an UAW gestorben sind. Es handelt sich hierbei um die vierth\u00e4ufigste Todesursache in den USA.<\/p>\n<p>UAW im Krankenhaus sind h\u00e4ufig. Man tut gut daran, bei allen unklaren Befunden an diese pathogenetische M\u00f6glichkeit zu denken und sie, wenn m\u00f6glich, auszuschlie\u00dfen. Das wirkliche Risiko der Therapie wird durch die H\u00e4ufigkeit bei Krankenhauspatienten aber nicht richtig abgebildet. Es werden ja nur die Patienten gez\u00e4hlt, die ins Krankenhaus kommen, nicht diejenigen, deren UAW nicht bedrohlich genug sind oder die au\u00dferhalb des Krankenhauses sterben. Der Neurochirurg z.B. \u00fcbersch\u00e4tzt die Gef\u00e4hrlichkeit der Antikoagulation, denn ein hoher prozentualer Anteil der Hirnblutungen, die er sieht, hat sich bei antikoagulierten Patienten ereignet. Der Gastroenterologe \u00fcbersch\u00e4tzt die Gef\u00e4hrlichkeit von Azetylsalizyls\u00e4ure aus dem selben Grunde. Um das Risiko einer Therapie richtig zu erkennen, mu\u00df die Rate der UAW auf die Anzahl der insgesamt behandelten Patienten bezogen werden.<\/p>\n<p>Solche Zahlen wurden jetzt aus Deutschland vorgelegt (4). Prospektiv wurden in Jena und Rostock systematisch alle Notfallaufnahmen in der Inneren Medizin oder Notfallmedizin von klinischen Pharmakologen analysiert. Solche, bei denen UAW sicher oder wahrscheinlich der Aufnahmegrund waren, wurden gez\u00e4hlt. Bei unklaren F\u00e4llen wurde eine von der Mehrheit getragene Entscheidung getroffen.<\/p>\n<p>Mit einem sehr aufwendigen System wurde die Einwohnerzahl definiert, die von dem entsprechenden Krankenhaus versorgt wurde. Von den Krankenkassen konnten die Verordnungszahlen f\u00fcr diese Bev\u00f6lkerungsgruppe beigezogen werden. Auf diese Weise war es m\u00f6glich, die Inzidenz nicht nur auf die Patientenzahl im Krankenhaus zu beziehen &#8211; wie in den oben zitierten Studien &#8211; sondern auch auf die Zahl der insgesamt behandelten Patienten. Damit kann erstmals die Gef\u00e4hrlichkeit von Medikamenten in der t\u00e4glichen Praxis quantitativ benannt werden. Nat\u00fcrlich sind diese Zahlen zuverl\u00e4ssiger als die durch Spontanerfassung ermittelten. So werden z.B. UAW von Medikamenten, die schon lange auf dem Markt sind, im System der Spontanerfassung zu selten gemeldet.<\/p>\n<p>In Rostock und Jena war die Inzidenz der UAW im Krankenhaus 2,4% (Letalit\u00e4t bei diesen UAW: 1,7%) und damit im Bereich der internationalen Zahlen. Auch hier war die Rate der UAW deutlich altersabh\u00e4ngig. Die h\u00e4ufigsten Verursacher waren Phenprocoumon, Thrombozytenaggregationshemmer, Analgetika und Antirheumatika, kardiovaskul\u00e4r wirksame Medikamente sowie Antidiabetika. Im einzelnen waren die H\u00e4ufigkeiten bezogen auf 10000 behandelte Patienten wie folgt: Antithrombotika 30, orale Antidiabetika 5, Insulin 10-15, nichtsteroidale Antirheumatika etwa 6, kardiovaskul\u00e4re Medikamente um 5. Die Sensitivit\u00e4t des Systems zeigte sich dadurch, da\u00df ein Anstieg der Rate von Digitalisintoxikationen von 1997-1999 von 2 pro 10000 auf 15 pro 10000 registriert werden konnte. Der Hauptlieferant von Digitoxin hatte den Herstellungsproze\u00df des Arzneimittels ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die mittlere Liegezeit der wegen UAW aufgenommenen Patienten war 14 Tage. F\u00fcr die Krankenhausbehandlung fallen daher Kosten von im Mittel 3700 Euro\/Patient an, in der untersuchten Region also 4 Mio. Euro f\u00fcr den Untersuchungszeitraum von 30 Monaten. Daraus errechnen sich 400 Mio. Euro pro Jahr in Deutschland, wenn man davon ausgeht, da\u00df 4,5 Mio. Menschen in Abteilungen f\u00fcr Innere Medizin behandelt werden. Es lohnt sich also durchaus, auch unter Kostengesichtspunkten, auf diese oft vermeidbare Krankheitsursache vermehrt und systematisch zu achten.<\/p>\n<p>Spontanerfassungssysteme k\u00f6nnen Signale aufnehmen, die vor allem bei neu zugelassenen Medikamenten auf m\u00f6gliche UAW hinweisen, die in den Zulassungsstudien in ihrer Bedeutung \u00fcbersehen worden sind. H\u00e4ufigkeiten der UAW k\u00f6nnen sie nicht beschreiben Dazu werden gro\u00dfe, randomisierte Studien oder aufwendige Register ben\u00f6tigt, wie dieses in Rostock und Jena. Es wurde zu Recht unterst\u00fctzt vom Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Harvard University School of Public Health. Eine beispielhafte Sponsorengruppe! Pharmokovigilanz mu\u00df von unabh\u00e4ngigen, staatlichen Forschungsinstituten unterst\u00fctzt werden. Drittmittel von der Industrie wird man nicht erwarten k\u00f6nnen wie \u00fcbrigens auch nicht f\u00fcr andere industriefernere Therapierichtungen (z.B. Di\u00e4tetik, Gymnastik, Sportmedizin).<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Pouyanne, P., et al.: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10764362&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <b>320<\/b>, 1036<\/a>.<\/li>\n<li>Roughead, E.E., et al.: Med. J. Aust. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9594953&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>168<\/b>, 405<\/a>.<\/li>\n<li>Lazarou, J., et al.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9555760&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>279<\/b>, 1200<\/a>.<\/li>\n<li>Schneeweiss, S., et al.: Eur. J. Clin. 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