{"id":40462,"date":"2003-01-01T12:05:00","date_gmt":"2003-01-01T11:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/wie-gefaehrlich-ist-metamizol"},"modified":"2003-01-01T12:05:00","modified_gmt":"2003-01-01T11:05:00","slug":"wie-gefaehrlich-ist-metamizol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wie-gefaehrlich-ist-metamizol\/","title":{"rendered":"Wie gef\u00e4hrlich ist Metamizol?"},"content":{"rendered":"<p>In den Jahren 1986 und 1987 gab es in Deutschland eine gro\u00dfe Diskussion zu diesem Thema. Die sog. Boston-Studie war erschienen (1), an der mehr als 300 Kliniken teilgenommen hatten. Die Datenverarbeitung erfolgte in Boston. Die Hoechst AG war der Sponsor. 221 im Krankenhaus behandelte Patienten mit Agranulozytose wurden mit 1425 Kontroll-Patienten verglichen. In einem ziemlich schwierigen Verfahren errechnete sich insgesamt eine H\u00e4ufigkeit von 6,2 Agranulozytosen pro 1 Mio. Einwohner\/Jahr mit gro\u00dfen lokalen Unterschieden. Bei Einnahme von Metamizol (Novalginu.a.) betrug das Exze\u00dfrisiko (nur) 1,1\/Mio.\/Woche (2). Diese Studie f\u00fchrte dazu, da\u00df Metamizol in Schweden wieder zugelassen wurde. Im M\u00e4rz 1974 war es vom Markt genommen worden, weil aus den fr\u00fcheren Erhebungen viel h\u00f6here Inzidenzen von UAW berechnet worden waren. In Gro\u00dfbritannien war es daher niemals zugelassen worden und wird bis heute nicht eingesetzt. In anderen L\u00e4ndern wird es sehr h\u00e4ufig verwandt, speziell im Fernen Osten, Afrika und Lateinamerika. In Deutschland ist es seit Anfang der 90er Jahre rezeptpflichtig, wird aber nach dem Arzneiverordnungs-Report 2001 doch recht h\u00e4ufig eingesetzt (5,6 Mio. Verordnungen, 55 Mio. DM Umsatz).<\/p>\n<p>1999 wurde Metamizol in Schweden wieder aus dem Handel genommen. Begr\u00fcndet wurde dieser Schritt mit Nebenwirkungsmeldungen, die bei der schwedischen Arzneimittelbeh\u00f6rde eingegangen waren. Die Zahlen wurden jetzt ver\u00f6ffentlicht (3).<\/p>\n<p>Schweden verf\u00fcgt \u00fcber eine ausgefeilte Arzneimittelstatistik. Mit einem Barcode-System k\u00f6nnen die Verordnungen gez\u00e4hlt und einzelnen Patienten zugeordnet werden. UAW-Meldungen f\u00fcr ungew\u00f6hnliche oder ernsthafte Ereignisse sind zwingend. Jeder einzelne Fall wird sorgf\u00e4ltig analysiert und nach vorher festgelegten Kriterien in die Gruppen: <i>Zusammenhang wahrscheinlich<\/i> oder <i>nicht auszuschlie\u00dfen<\/i>, <i>unwahrscheinlich<\/i> oder <i>auszuschlie\u00dfen<\/i> eingeteilt. Die F\u00e4lle der ersten beiden Gruppen werden gez\u00e4hlt. Auch die Anamnesen der Patienten werden ber\u00fccksichtigt, um Risikofaktoren erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zwischen 1966 und 1974, dem Jahr der ersten R\u00fccknahme vom Markt, waren 50 Patienten mit ernstzunehmenden UAW von Metamizol auf das Blutbild registriert worden. In den darauffolgenden 15 Jahren ohne Zulassung wurden zwei Patienten mit Agranulozytose gesehen; beide hatten das Medikament im Ausland gekauft. Von 1995 bis 1999 wurden 14 F\u00e4lle gesehen. Die Letalit\u00e4t war insgesamt 23%. Die Sterbef\u00e4lle beschr\u00e4nkten sich allerdings auf den Zeitraum bis 1994. Die Patienten mit der UAW waren zuvor ziemlich lange behandelt worden, n\u00e4mlich im Mittel 14 Tage. Insgesamt zeigte sich, da\u00df die Inzidenz mit der Dauer der Therapie zunahm. Neutropenie wurde bei 8% der Patienten beobachtet, Agranulozytose bei 79% und der Befall von zwei oder sogar drei h\u00e4matopoetischen Zellreihen bei 14%.<\/p>\n<p>Bei 36% der Patienten gab es Risikofaktoren, wie z.B. gleichzeitige Einnahme mit anderen potentiell gef\u00e4hrlichen Substanzen, fr\u00fchere Allergien oder auch famili\u00e4re H\u00e4ufung von Allergien.<\/p>\n<p>Bei insgesamt 10892 Verordnungen von 1995 bis 1999 konnte auf diese Weise errechnet werden, da\u00df es auf 1439 Verordnungen einen Fall von bedrohlichen Blutbildver\u00e4nderungen gab (Konfidenzintervall: 850-4684).<\/p>\n<p>Patienten, die Metamizol im Krankenhaus erhielten, wurden nicht erfa\u00dft. Dadurch w\u00e4re die Inzidenz der UAW m\u00f6glicherweise noch gestiegen. In der Boston-Studie andererseits wurden nur im Krankenhaus behandelte Patienten mit Agranulozytose erfa\u00dft, also nicht die, die vorher an einer UAW von Metamizol gestorben oder wegen einer UAW nicht eingewiesen worden waren. Dadurch allein ist die Nebenwirkungsrate hier wahrscheinlich eher zu niedrig gemessen worden; andererseits mag sie in Schweden besonders hoch gewesen sein, weil es dort 20 Jahre kein Metamizol gegeben hatte oder weil die Schweden genetisch zu besonderer Empfindlichkeit pr\u00e4disponiert sind. Auch die Definition der &#8222;F\u00e4lle&#8220; wich in beiden Studien voneinander ab. In der Boston-Studie wurden nur symptomatische Patienten gez\u00e4hlt, d.h. solche, die Fieber wegen Agranulozytose bekommen hatten, nicht solche, die wegen Fieber Metamizol eingenommen hatten und dann m\u00f6glicherweise eine Leukopenie entwickelten, die aber ohne Symptome blieb.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Bei einer unabh\u00e4ngigen pharmakoepidemiologischen Untersuchung in Schweden hat sich dort ein h\u00f6heres Risiko gefunden, eine bedrohliche St\u00f6rung des wei\u00dfen Blutbilds nach der Einnahme von Metamizol zu entwickeln als zur Zeit angenommen wird (1 pro 1439 Verordnungen). Nach der sog. Boston-Studie aus dem Jahre 1986 war ein Exze\u00dfrisiko von 1,1\/1 Mio. Anwender pro Woche abgeleitet worden. In Schweden ist Metamizol im Jahre 1999 wieder aus dem Handel genommen worden. Auch in Deutschland sollte es sehr restriktiv verwendet werden, z.B. im Rahmen der Schmerztherapie bei Tumorpatienten.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>The International Agranulocytosis and Aplastic Anemia Study: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=3747087&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1986, <b>256<\/b>, 1749<\/a>.<\/li>\n<li>AMB 1987, <b>21<\/b>, 5.<\/li>\n<li>Hedenmalm, K., und Spigset, O.: Eur. J. Clin. Pharmacol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12136373&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>58<\/b>, 265<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Jahren 1986 und 1987 gab es in Deutschland eine gro\u00dfe Diskussion zu diesem Thema. Die sog. Boston-Studie war erschienen (1), an der mehr als 300 Kliniken teilgenommen hatten. Die Datenverarbeitung erfolgte in Boston. Die Hoechst AG war der Sponsor. 221 im Krankenhaus behandelte Patienten mit Agranulozytose wurden mit 1425 Kontroll-Patienten verglichen. 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