{"id":40490,"date":"2003-06-01T12:05:00","date_gmt":"2003-06-01T10:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/unerwuenschte-arzneimittelwirkungen-in-der-ambulanz"},"modified":"2003-06-01T12:05:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:05:00","slug":"unerwuenschte-arzneimittelwirkungen-in-der-ambulanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/unerwuenschte-arzneimittelwirkungen-in-der-ambulanz\/","title":{"rendered":"Unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen in der Ambulanz"},"content":{"rendered":"<p>Bei etwa 5% der Krankenhauspatienten kommen zum Teil schwere, auch t\u00f6dliche unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW) vor. Das zeigte erst k\u00fcrzlich wieder eine sehr sorgf\u00e4ltige Studie aus Rostock und Jena (1), aber auch eine Metaanalyse, die Arbeiten aus aller Welt ber\u00fccksichtigte (2).<\/p>\n<p>Nun sind zwei Arbeiten ver\u00f6ffentlicht worden zur H\u00e4ufigkeit von UAW in der ambulanten Praxis. Im M\u00e4rz erschien in JAMA eine Untersuchung von Gurwitz et al. aus Worcester, USA (3). Die Gruppe hat die Patientenakten einer gro\u00dfen Gemeinschaftspraxis untersucht einschlie\u00dflich aller relevanten Krankenhaus- und Versicherungsunterlagen. Nach vorher festgelegten klaren Definitionen wurde entschieden, ob es sich bei der fraglichen Symptomatik \u00fcberhaupt und mit welcher Wahrscheinlichkeit um eine UAW handelte, ob sie ernst, lebensbedrohlich oder t\u00f6dlich war und ob sie zu verhindern gewesen w\u00e4re. Das mittlere Lebensalter dieser Patienten war 75 Jahre. Die H\u00e4ufigkeit von UAW war 5% pro Jahr. 27,6% dieser UAW h\u00e4tten verhindert werden k\u00f6nnen, wenn sich \u00c4rzte und Patienten an die Regeln gehalten h\u00e4tten. Die meisten vermeidbaren UAW wurden verursacht von Herz\/Kreislauf-Medikamenten (24,5%); es folgten Diuretika (22,1%), Analgetika (15,4%), Antidiabetika (10,9%) und Antikoagulanzien (10,2%). Die Sorgfalt der \u00c4rzte beim Verordnen und \u00dcberwachen der Therapie ist nach Meinung dieser Autoren entscheidend zum Vermeiden von UAW. Zus\u00e4tzlich spielt die Compliance der Patienten eine gro\u00dfe Rolle. Patienten m\u00fcssen so informiert sein, da\u00df sie die Medikamente korrekt einnehmen, eventuelle UAW vermuten und dem Arzt melden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die zweite Arbeit zum Thema erschien im April im N. Engl. J. Med. (4). Hier wurden vier Wochen lang alle Patienten aus vier gro\u00dfen Gemeinschaftspraxen in Boston drei Monate lang nachuntersucht, wenn sie w\u00e4hrend des Arztbesuchs eine neue Verordnung erhalten hatten. 661 Patienten von 1202 erkl\u00e4rten sich bereit mitzumachen. Ihr mittleres Lebensalter war 52 Jahre. Die Ergebnisse gehen aus Tab. 1 hervor. 181 UAW gab es bei den 661 eingeschlossenen Patienten, das sind 27,4%. 11% davon w\u00e4ren zu verhindern gewesen, 28% h\u00e4tten den Schweregrad, den sie erreichten, nicht erreichen m\u00fcssen, d.h. sie w\u00e4ren zu bessern gewesen. 13% der UAW waren ernster Natur. Eine ernsthafte UAW, die h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, war z.B. die massive Hautreaktion einer Patientin, die ein Antibiotikum erhielt, auf das sie bekannterma\u00dfen allergisch war. Ein Beispiel f\u00fcr eine zu bessernde ernsthafte UAW war drei Monate dauernde Impotenz bei vier M\u00e4nnern, von denen drei Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer erhielten und einer einen Betablocker. Beispiele f\u00fcr unvermeidliche ernste UAW waren: eine symptomatische Bradykardie bei Betablocker-Therapie, eine Magenblutung nach einem nichtsteroidalen Antirheumatikum oder eine massive Hautreaktion nach einem Zyklooxygenase-2-Hemmer. Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SWH) waren am h\u00e4ufigsten f\u00fcr UAW verantwortlich (18 der 181 Ereignisse = 10%, Spalte 1 Tab. 1); 20% der mit SWH behandelten Patienten erlitten UAW (Spalte 2 Tab. 1). 60% dieser UAW w\u00e4ren bei einiger Aufmerksamkeit nicht aufgetreten (Spalte 4). Die Therapie mit oralen Kortikosteroiden hatte die meisten UAW (7 von 21 Patienten = 33%).<\/p>\n<p>In der Beobachtung von Gandhi et al. (4) waren UAW h\u00e4ufiger als bei Gurwitz et al. (3). Das mag damit zusammenh\u00e4ngen, da\u00df Gandhi die Patienten kontaktierte und befragte, Gurwitz nur die Unterlagen inspizierte und damit solche UAW nicht erfa\u00dfte, die Patienten nicht spontan ihrem Arzt berichteten. In beiden Studien waren die UAW h\u00e4ufiger als im Krankenhaus, wahrscheinlich, weil auch die Beobachtungsdauer l\u00e4nger war; der Schweregrad der Symptome war jedoch im Krankenhaus h\u00f6her. Die wichtige gemeinsame Botschaft dieser Arbeiten ist, da\u00df ein sehr gro\u00dfer Teil der UAW nicht unvermeidlich ist und deshalb nicht als schicksalhafter Begleiteffekt der Therapie in Kauf genommen werden darf und da\u00df er durch Information, Wissen und Sorgfalt vermieden oder zumindest eingeschr\u00e4nkt werden kann. Sowohl im JAMA als auch im N. Engl. J. Med. wird in Editorials auf die Bedeutung der Arbeiten aufmerksam gemacht (5, 6). Es wird u.a. diskutiert, ob jedes Symptom einer Therapie als UAW gez\u00e4hlt werden mu\u00df (6), so z.B. bei antihypertensiver Therapie auftretende M\u00fcdigkeit, Kopfschmerzen oder Schw\u00e4che, auch wenn es sich um akzeptierte Begleiterscheinungen handelt. Es wird auch die fast unl\u00f6sbare Schwierigkeit angesprochen, ein h\u00e4ufiges Symptom (M\u00fcdigkeit, Kopfschmerz, sexuelle Dysfunktion) sicher als UAW zu erkennen. Beide Editorials stimmen aber darin \u00fcberein, da\u00df UAW eine so h\u00e4ufige Krankheitsursache sind, da\u00df dringend die Strategien ausgebaut werden m\u00fcssen, diese selbstgemachten Krankheiten zu vermindern. Dazu geh\u00f6ren z. B.: 1. Computerprogramme, um die Verordnungen des Arztes zu unterst\u00fctzen, 2. wirksamere Informationen der Patienten \u00fcber Medikamente und ihre UAW und Verhaltensweisen beim Auftreten von UAW und 3. bessere Einbeziehung der Apotheker in das Erfassungsystem. Die UAW werden mit den nosokomialen Infektionen verglichen. Denen wird \u00f6ffentliche und interne Aufmerksamkeit geschenkt. So m\u00fc\u00dfte auch mit den UAW umgegangen werden. Die Hygienekommission im Krankenhaus k\u00f6nnte ein Vorbild sein f\u00fcr einen neuen Arbeitsbereich, der der Arzneimittelkommission im Krankenhaus und damit dem Krankenhausapotheker \u00fcbertragen werden k\u00f6nnte. Ein gro\u00dfes, regionales, \u00f6ffentlich unterst\u00fctztes Register (Pharmakovigilanz-Zentrum!) m\u00fc\u00dfte die Wirksamkeit solcher Ma\u00dfnahmen (auch zur Senkung der Krankheitskosten) begleitend nachweisen. Man wird sie sonst auch kaum durchsetzen k\u00f6nnen, denn es gibt starke Kr\u00e4fte, die daran nicht interessiert sind, die UAW herauszustellen. Daher mu\u00df sich jeder &#8211; bis auf weiteres ohne \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung &#8211; <i>unabh\u00e4ngig<\/i> informieren und nach besten eigenen Kr\u00e4ften seinen Beitrag leisten, UAW zu verhindern, um dieser bedeutenden \u201dSeuche\u201d Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Schneeweiss, S., et al.: Eur. J. Clin. Pharmacol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12136375&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>58<\/b>, 285<\/a>; s.a. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6221\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2002, <b>36<\/b>, 94<\/a>.<\/li>\n<li>Lazarou, J., et al.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9555760&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>279<\/b>, 1200<\/a>.<\/li>\n<li>Gurwitz, J.H., et al.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12622580&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>289<\/b>, 1107<\/a>.<\/li>\n<li>Gandhi, T.K., et al.: N. Engl. J. 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