{"id":40504,"date":"2003-09-01T12:02:00","date_gmt":"2003-09-01T10:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/finasterid-zur-prophylaxe-des-prostatakarzinoms-eher-nein"},"modified":"2003-09-01T12:02:00","modified_gmt":"2003-09-01T10:02:00","slug":"finasterid-zur-prophylaxe-des-prostatakarzinoms-eher-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/finasterid-zur-prophylaxe-des-prostatakarzinoms-eher-nein\/","title":{"rendered":"Finasterid zur Prophylaxe des Prostatakarzinoms? Eher nein."},"content":{"rendered":"<p>Finasterid (Proscar) ist ein 5-alpha-Reduktasehemmer, der in der Prostata und in anderen Organen die Konversion von Testosteron zu dem st\u00e4rker an den Androgen-Rezeptor bindenden Dihydrotestosteron hemmt. Es kann erfolgreich zur Gr\u00f6\u00dfenreduktion einer erheblichen Benignen Prostatahyperplasie (BPH) von > 40 ml Volumen verwendet werden, vermindert nach einiger Latenzzeit die Beschwerden und reduziert die Zahl operativer Eingriffe wegen zunehmender obstruktiver Symptomatik (s.a. 1, 2). Da die meisten Prostatakarzinome androgenabh\u00e4ngig wachsen (M\u00e4nner mit Hypogonadismus haben nur sehr selten Prostatakarzinome), war es naheliegend zu pr\u00fcfen, ob die Langzeit-Einnahme von Finasterid die Zahl der prospektiv diagnostizierten Prostatakarzinome reduziert.<\/p>\n<p>Im N. Engl. J. Med. (3) berichten jetzt I.M. Thompson et al. aus den USA \u00fcber Ergebnisse des &#8222;Prostate Cancer Prevention Trial&#8220; (PCPT), f\u00fcr den zwischen 1994 und 1997 insgesamt 18882 M\u00e4nner, die \u00e4lter als 54 Jahre sein mu\u00dften, f\u00fcr eine 7j\u00e4hrige Einnahme von 5 mg Finasterid\/d oder Plazebo randomisiert wurden. Im ersten Jahr wurden bereits ca. 12000 M\u00e4nner randomisiert. Die M\u00e4nner mu\u00dften einen unauff\u00e4lligen rektalen Tastbefund der Prostata haben, durften keine wesentlichen BPH-Symptome aufweisen, und das Prostata-spezifische Antigen (PSA) mu\u00dfte kleiner als 3,1 ng\/ml sein. Endpunkt der Studie war die kumulative Inzidenz von Prostatakarzinomen, wobei am Ende der Studie, unabh\u00e4ngig vom PSA-Wert, eine Prostatabiopsie durchgef\u00fchrt werden sollte, die aber bei ca. 23% der M\u00e4nner in der Plazebo- und in ca. 25% in der Finasterid-Gruppe, meist wegen mangelnder Zustimmung, nicht durchgef\u00fchrt wurde. Von den ca. 9400 M\u00e4nnern in jeder Gruppe brachen ca. 1300 in jeder Gruppe die Studie ab. Ca. 566 starben in beiden Gruppen an verschiedenen Erkrankungen. Bei den Studienteilnehmern wurde j\u00e4hrlich das PSA gemessen und eine rektale Untersuchung durchgef\u00fchrt. Ergab diese Auff\u00e4lligkeiten oder war das PSA > 4 ng\/ml, dann wurde eine transrektale, Sonographie-gesteuerte Prostatabiopsie (6 Entnahmen) empfohlen. Bei den mit Finasterid behandelten M\u00e4nnern wurde der PSA-Wert mit 2, sp\u00e4ter mit 2,3 multipliziert (adjusted PSA), da Finasterid den PSA-Wert auf etwa die H\u00e4lfte des Ausgangswerts senkt. Die Studie wurde vom National Cancer Institute finanziert, und die Firma Merck stellte die Finasterid- und die Plazebo-Tabletten zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p><b>Ergebnisse:<\/b> Beginnend ab drittem Jahr nach Randomisierung nahm die Zahl der diagnostizierten Prostata-Karzinome unter Finasterid im Vergleich mit Plazebo ab. Im 7. Jahr, als die End-Biopsien durchgef\u00fchrt wurden, stieg die Zahl in beiden Gruppen noch einmal deutlich an. Am Ende war bei 24,4% der M\u00e4nner in der Plazebo- und bei 18,4% in der Finasterid-Gruppe ein Prostatakarzinom diagnostiziert worden. In der Plazebo-Gruppe waren es etwa viermal so viel wie man eingangs erwartet hatte (ca. 6%). Beunruhigend war die Tatsache, da\u00df die in der Gesamtzahl um 24,8% reduzierten Karzinome in der Finasterid-Gruppe signifikant h\u00e4ufiger einen h\u00f6heren Malignit\u00e4tsgrad (Gleason-Score 7 bis 10) hatten als die der Plazebo-Gruppe. Die M\u00e4nner der Finasterid-Gruppe hatten etwas h\u00e4ufiger als die der Plazebo-Gruppe Probleme mit Libido und Potenz, hatten aber weniger BPH-Symptome einschlie\u00dflich wegen Harnr\u00f6hrenobstruktion notwendig werdender operativer Eingriffe.<\/p>\n<p>Die Autoren und der Verfasser eines sehr lesenswerten Editorials (4), P.T.Scardino aus New York, diskutieren die Ergebnisse der Studie kritisch. Sie fragen sich insbesondere, ob die vielen bioptisch diagnostizierten Karzinome in der Plazebo-Gruppe (in der Altersgruppe bei Randomisierung von 55-59 Jahre: 20,7% !!) nicht doch \u00fcberwiegend relativ harmlose &#8222;Haustier-Karzinome&#8220; waren, die sp\u00e4ter nicht zu einer klinischen Erkrankung gef\u00fchrt h\u00e4tten. Es ist ja bekannt, da\u00df bei nicht an Prostatkarzinomen gestorbenen M\u00e4nnern im Alter > 50 Jahre bei der Obduktion in ca. 50% \u00fcberwiegend kleine Prostatakarzinome festgestellt werden. Hingegen ist das Gesamtrisiko f\u00fcr M\u00e4nner, am Prostatakarzinom zu sterben, nur etwa 3-4%. Der h\u00f6here Prozentsatz diagnostizierter Prostatakarzinome mit h\u00f6herem Gleason-Score unter Finasterid k\u00f6nnte auf einen Wachstumsvorteil relativ Androgen-unabh\u00e4ngiger Karzinomzellen in der Androgen-verarmten Prostata zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Da\u00df Finasterid durch direkte Einwirkung auf die Zellen den h\u00f6heren Malignit\u00e4tsgrad vort\u00e4uscht, ist weniger wahrscheinlich. Autoren und Kommentator empfehlen vorerst nicht, Finasterid zur Karzinomprophylaxe einzusetzen, sehen aber auch keinen Anla\u00df, M\u00e4nnern mit bereits laufender Langzeittherapie wegen erheblicher BPH das Absetzen des Medikaments zu empfehlen.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Der Prostate Cancer Prevention Trial bei \u00fcber 54j\u00e4hrigen gesunden M\u00e4nnern mit unauff\u00e4lliger Prostata ergab in der Plazebo-Gruppe nach 7 Jahren eine \u00fcberraschend gro\u00dfe Zahl bioptisch diagnostizierter Karzinome (24,4%), deren Zahl durch Finasterid zwar um ein Viertel verringert wurde, jedoch um den Preis eines h\u00f6heren histologischen Malignit\u00e4tsgrads. Bei der Mehrzahl der diagnostizierten Karzinome d\u00fcrfte es sich um Krebse handeln, die prospektiv nicht zu einer klinischen Erkrankung gef\u00fchrt h\u00e4tten. Der Versuch, einem Prostatakarzinom mit Finasterid vorzubeugen, kann generell nicht empfohlen werden.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5930\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 1998, <b>32<\/b>, 23a<\/a>.<\/li>\n<li>AMB 1995, <b>29<\/b>, 75.<\/li>\n<li>Thompson, I.M., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12824459&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>349<\/b>, 215<\/a>.<\/li>\n<li>Scardino, P.T.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12824458&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>349<\/b>, 297<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finasterid (Proscar) ist ein 5-alpha-Reduktasehemmer, der in der Prostata und in anderen Organen die Konversion von Testosteron zu dem st\u00e4rker an den Androgen-Rezeptor bindenden Dihydrotestosteron hemmt. 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