{"id":40515,"date":"2003-11-01T12:01:00","date_gmt":"2003-11-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/alpha-glukosidase-hemmer-nutzen-in-der-diabetestherapie-sowie-in-der-praevention-von-diabetes-mellitus-typ-2-und-kardiovaskulaerer-ereignisse"},"modified":"2003-11-01T12:01:00","modified_gmt":"2003-11-01T11:01:00","slug":"alpha-glukosidase-hemmer-nutzen-in-der-diabetestherapie-sowie-in-der-praevention-von-diabetes-mellitus-typ-2-und-kardiovaskulaerer-ereignisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/alpha-glukosidase-hemmer-nutzen-in-der-diabetestherapie-sowie-in-der-praevention-von-diabetes-mellitus-typ-2-und-kardiovaskulaerer-ereignisse\/","title":{"rendered":"Alpha-Glukosidase-Hemmer. Nutzen in der Diabetestherapie sowie in der Pr\u00e4vention von Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskul\u00e4rer Ereignisse??"},"content":{"rendered":"<p><b>Zusammenfassung: Acarbose und Miglitol sind Alpha-Glukosidase-Hemmer (AGH), die im D\u00fcnndarm die Aufspaltung kurzkettiger Kohlenhydrate hemmen und damit die Glukoseresorption vermindern. Die in das Kolon gelangenden Kohlenhydrate f\u00fchren zu vermehrter Flatulenz, weichem Stuhl und gelegentlich Bauchschmerzen. Bei einschleichender Dosierung lassen sich diese UAW reduzieren, aber nicht ganz vermeiden. Viele Diabetiker brechen die Therapie mit Acarbose wegen dieser UAW ab. Die besser untersuchte Substanz Acarbose senkt den postprandialen Blutzucker um durchschnittlich 50-60 mg\/dl und nach einiger Zeit den N\u00fcchternblutzucker um 20-40 mg\/dl. Der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert nimmt bei l\u00e4ngerer Medikation um 0,5-1,4 Prozentpunkte ab. In dieser Hinsicht ist es weniger wirksam als Metformin und Sulfonylharnstoffe, mit denen es kombiniert (auch mit Insulin) verabreicht werden darf. \u00c4hnlich wie Metformin erh\u00f6ht es nicht das K\u00f6rpergewicht (anders als Insulin und Sulfonylharnstoffe) und f\u00fchrt bei Monotherapie (wie auch Metformin) nicht zu Hypoglyk\u00e4mien. Gleiche oder bessere Effekte wie mit Acarbose lassen sich auch mit einer an Ballaststoffen reichen Di\u00e4t erzielen. Mit Acarbose, aber auch mit einer ballaststoffreichen Di\u00e4t oder mit Metformin, l\u00e4\u00dft sich der \u00dcbergang von einer verminderten Kohlenhydrattoleranz zu einem manifesten Diabetes verz\u00f6gern, jedoch wird der Diabetes nach Beendigung der Acarbosetherapie sehr schnell manifest. Neuere Daten, nach denen eine mehrj\u00e4hrige Behandlung mit Acarbose bei verminderter Kohlenhydrattoleranz oder bei manifestem Diabetes mellitus Typ 2 das Herzinfarktrisiko und das kardiovaskul\u00e4re Gesamtrisiko senkt, sind statistisch nicht abgesichert und sollten nicht dazu f\u00fchren, Acarbose bei oraler Diabetes-Therapie einzusetzen. F\u00fcr Metformin ist der kardioprotektive Effekt besser gesichert. Aus unserer Sicht ist Acarbose ein Medikament der zweiten oder dritten Pr\u00e4ferenz, nicht nur aus Kostengr\u00fcnden.<\/b><\/p>\n<p>Diabetes mellitus Typ 2 ist pathophysiologisch gekennzeichnet durch Insulinresistenz des Muskel- und Fettgewebes, Dysfunktion der Betazellen und vermehrte Glukoseaussch\u00fcttung der Leber (Insulinresistenz der Leber) mit der Folge einer pr\u00e4- und postprandialen (2, 3) Hyperglyk\u00e4mie.<\/p>\n<p>Neben den Grundpfeilern Diabetes-gerechte Ern\u00e4hrung, k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t und Insulin stehen derzeit zahlreiche orale Antidiabetika mit 4 verschiedenen Wirkprinzipien zur Verf\u00fcgung: 1. Sulfonylharnstoffe (z.B. Glibenclamid = Euglucon N u.v.a., Glimepirid = Amaryl) und Sulfonylharnstoff-Analoga (Nateglinid = Starlix, Repaglinid = NovoNorm) zur Steigerung der Insulinaussch\u00fcttung, 2. Metformin (Glucophage, Siofor u.v.a.) zur Hemmung der hepatischen Glukoseproduktion, 3. Thiazolidindione (Pioglitazon = Actos, Rosiglitazon = Avandia) zur Minderung der Insulinresistenz von Muskel-, Fettgewebe und Leber und 4. Alpha-Glukosidase-Hemmer (AGH; Acarbose = Glucobay, Miglitol = Diastabol) zur Verz\u00f6gerung der Kohlenhydrataufnahme.<\/p>\n<p>Ziel ist das Erreichen der Normoglyk\u00e4mie, d.h. pr\u00e4prandiale Blutglukosewerte (kapill\u00e4res Vollblut) von 90-120 mg\/dl und postprandiale Werte bis maximal 160 mg\/dl (1). Erh\u00f6hte postprandiale Blutglukosewerte werden z.Zt. mehr ins Bewu\u00dftsein gebracht, weil in Studien gezeigt wurde, da\u00df diese mit h\u00e4ufigeren kardiovaskul\u00e4ren Komplikationen assoziiert sind (2, 3), und weil mittlerweile Medikamente angeboten werden, die auf die Senkung der postprandialen Hyperglyk\u00e4mie abzielen. Dabei liegen nach den Leitlinien der Akd\u00c4 keine Untersuchungen vor, die einen eigenst\u00e4ndigen Vorteil der medikament\u00f6sen Senkung postprandialer Hyperglyk\u00e4mien auf die H\u00e4ufigkeit diabetischer Komplikationen nachweisen (1).<\/p>\n<p><b>Wirkprinzip der AGH:<\/b> AGH sind orale Antidiabetika, die prim\u00e4r die postprandialen Blutglukoseanstiege mindern. Kohlenhydrate liegen in unserer Nahrung \u00fcberwiegend als Disaccharide (z.B. Saccharose), Oligosaccharide oder komplexe Kohlenhydrate (z.B. St\u00e4rke) vor. Bevor diese Kohlenhydrate im D\u00fcnndarm aufgenommen werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie von Alpha-Glukosidasen, die an den Mikrovilli des D\u00fcnndarms lokalisiert sind, in Monosaccharide gespalten werden. Die Alpha-Glukosidasen haben im Duodenum und im proximalen Jejunum die h\u00f6chste Dichte am B\u00fcrstensaum der Enterozyten; sie finden sich auch in geringerer Dichte im distalen Jejunum und im Ileum. Das Monosaccharid Glukose wird direkt in die Enterozyten aufgenommen und nicht von AGH beeinflu\u00dft. Eine Hemmung der Alpha-Glukosidasen verz\u00f6gert Spaltung und Aufnahme der Kohlenhydrate. Die Folge ist ein verz\u00f6gerter Anstieg und ein geringerer Spitzenwert der Blutglukose nach dem Essen. Die Insulinsekretion wird nicht verst\u00e4rkt. AGH werden vor allem bei Diabetikern mit hohen postprandialen Blutglukosewerten empfohlen. Durch die Hemmung der Alpha-Glukosidasen gelangen vermehrt Kohlenhydrate ins Kolon, wo sie von der Darmflora zu kurzkettigen Fetts\u00e4uren unter Gasbildung metabolisiert werden. Die Fetts\u00e4uren k\u00f6nnen resorbiert werden, womit dem K\u00f6rper keine Energie verloren geht. Das Gas f\u00fchrt zu den typischen unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen (UAW) der AGH: Flatulenz, Meteorismus und Bauchschmerzen.<\/p>\n<p>In Deutschland sind derzeit zwei AGH zugelassen: Acarbose (Glucobay) und Miglitol (Diastabol). Acarbose wird nur zu ca. 2% resorbiert, Miglitol dagegen zu 90% und unver\u00e4ndert renal eliminiert. Beide Substanzen hemmen die meisten Alpha-Glukosidasen, wobei nur Acarbose die Pankreas-Amylase und nur Miglitol die Laktase und Isomaltase hemmt. Trotz dieser Unterschiede ist die Wirksamkeit beider Substanzen praktisch gleich. Zur Acarbose liegen jedoch weitaus mehr Studien vor als zu Miglitol. Beide Substanzen sind zur Monotherapie zugelassen. Acarbose ist zur Kombination mit Metformin, Sulfonylharnstoffen und Insulin, Miglitol nur zur Kombination mit Sulfonylharnstoffen zugelassen. Beide AGH sollen vor jeder gr\u00f6\u00dferen Mahlzeit, in aller Regel dreimal t\u00e4glich, eingenommen werden. Die Zeitpunkte sollten zwischen 15 Minuten und unmittelbar vor den Mahlzeiten liegen (4).<\/p>\n<p>Um die intestinalen UAW gering zu halten, sollte mit einmal 25-50 mg\/d zur Mahlzeit mit der h\u00f6chsten postprandialen Blutglukose (meist Fr\u00fchst\u00fcck) begonnen und dann w\u00f6chentlich um 25-50 mg gesteigert werden. Die h\u00f6chste sinnvolle Dosis liegt f\u00fcr beide AGH bei dreimal 100 mg\/d und die am h\u00e4ufigsten verwendete Dosis bei dreimal 50 mg (12). Die Wirkungsdauer betr\u00e4gt 4-6 Stunden.<\/p>\n<p><b>Wirkung auf die Hyperglyk\u00e4mie:<\/b> Zu Acarbose liegen zahlreiche Studien (5-9) und bereits Metaanalysen (10) zur Wirksamkeit in Mono- und Kombinationstherapie vor. Acarbose kann den postprandialen Blutglukosewert durchschnittlich um 50-60 mg\/dl senken (10), wobei diese Werte teilweise so hoch lagen, da\u00df sie auch unter AGH weit vom Therapieziel entfernt waren (6). Die Senkung der postprandialen Werte setzt sofort mit Therapiebeginn ein. Nach einigen Wochen sinkt auch die N\u00fcchternblutglukose um durchschnittlich 20-40 mg\/dl (9, 10). Der HbA<sub>1C<\/sub>-Wert nimmt um 0,5-1,4 Prozentpunkte, durchschnittlich um 0,9 ab. Die AGH senken sowohl das HbA<sub>1C<\/sub> als auch die pr\u00e4- und postprandialen Blutglukosewerte schw\u00e4cher als Metformin oder Sulfonylharnstoffe bei Monotherapie (11, 12).<\/p>\n<p>Wegen des unterschiedlichen Wirkmechanismus und der geringen Arzneimittelinteraktion lassen sich AGH mit anderen blutzuckersenkenden Therapeutika kombinieren. Nach zus\u00e4tzlicher Gabe eines AGH bei vorbestehender Insulin-Therapie sank das HbA<sub>1C<\/sub> um durchschnittlich 0,5%, bei vorbestehender Metformin-Therapie um 0,8% und bei vorbestehender Sulfonylharnstoff-Therapie um 1,1% (13-15).<\/p>\n<p>Die blutzuckersenkenden Effekte der AGH &#8211; sei es bei Mono-, sei es bei Kombinationstherapie &#8211; sind f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum (> 3 Jahre) gezeigt, auch wenn nach Intention-to-treat ausgewertet wurde (8). Eine Toleranzentwicklung ist nicht bekannt.<\/p>\n<p><b>Effekte auf andere metabolische Parameter:<\/b> Die N\u00fcchtern-Insulinspiegel werden nicht beeinflu\u00dft. Ob die postprandialen Insulinspiegel gesenkt werden, ist nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Einige Studien zeigten eine signifikante Senkung (5, 13, 17), andere nicht (6, 16). Es kann jedoch als gesichert gelten, da\u00df AGH zu keiner Zunahme der postprandialen Insulinspiegel f\u00fchren. Damit wird auch erkl\u00e4rt, da\u00df es unter AGH &#8211; auch bei l\u00e4ngerer Therapie (3 Jahre) &#8211; zu keiner Gewichtszunahme kommt (8, 18). Neben Metformin sind die AGH die einzigen oralen Antidiabetika, die zu keiner Gewichtzunahme f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine Senkung der Triglyzeride wird in Lehrb\u00fcchern und \u00dcbersichtsarbeiten beschrieben (13). Wie bei den Insulinspiegeln ergaben einige Studien eine signifikante Senkung der Triglyzeride (5, 15), andere aber nicht (6, 16). Bei kritischer Betrachtung ist eine Triglyzeridsenkung also nicht gesichert. Eine Verbesserung der Insulinsensitivit\u00e4t durch AGH wurde in fr\u00fcheren Studien nicht gefunden (19, 20), jedoch in einer neueren Studie (9).<\/p>\n<p>Des weiteren konnte in einer kleinen Studie an 17 Typ-2-Diabetikern gezeigt werden, da\u00df Acarbose die durch postprandiale Hyperglyk\u00e4mie bedingte Aktivierung der Gerinnung vermindert (21). Es ist nicht klar, ob dieser Effekt klinisch relevant ist.<\/p>\n<p>Ferner gibt es Hinweise, da\u00df unter Acarbose die endogenen GLP-1(Glukagon-like peptid)-Spiegel postprandial steigen (22). GLP-1 f\u00fchrt wiederum zur Stimulation der Insulinsekretion, aber in Abh\u00e4ngigkeit vom Blutglukosespiegel.<\/p>\n<p>Zusammengefa\u00dft kommt es durch AGH eher zu einer g\u00fcnstigen Beeinflussung der metabolischen Parameter, wobei die Ver\u00e4nderungen nur gering sind. Wesentlicher Vorteil ist, wie bei Metformin, die fehlende Gewichtszunahme unter AGH.<\/p>\n<p><b>UAW, das gro\u00dfe Hindernis der AGH:<\/b> Durch die Hemmung der Alpha-Glukosidase gelangen Kohlenhydrate in den Dickdarm, wo sie von Bakterien unter Bildung von Gasen metabolisiert werden. Aus diesem Grund haben fast alle Patienten unter AGH intestinale UAW: Flatulenz 70-90%, Diarrh\u00f6 30-40%, Bauchschmerzen 20-25% (6, 7). Wegen bel\u00e4stigender intestinaler UAW haben nach einem Jahr 50% und nach 3 Jahren 60% die Acarbosetherapie abgebrochen (8). Eine einschleichende Dosierung soll die intestinalen UAW vermindern. Dies wird damit erkl\u00e4rt, da\u00df die Alpha-Glukosidasen im distalen Jejunum und im Ileum unter der Therapie zunehmen, wodurch mehr Kohlenhydrate im distalen D\u00fcnndarm resorbiert werden und weniger in den Dickdarm gelangen. Au\u00dferdem kann bei langsamem Titrieren leichter die individuelle Dosis abgesch\u00e4tzt werden, ab der die Flatulenz deutlich zunimmt. Dennoch traten selbst bei langsamer Dosissteigerung Flatulenz (68%), Diarrh\u00f6 (32%) und Bauchschmerzen (17%) immer noch h\u00e4ufig auf, und die Abbruchquote lag mit 30% fast doppelt so hoch wie in der Plazebo-Gruppe (18). Hauptgrund f\u00fcr den vorzeitigen Abbruch waren die intestinalen UAW. Dies zeigt, da\u00df sich die AGH in der Praxis nicht so dosieren lassen, da\u00df keine Kohlenhydrate ins Kolon gelangen. Auch das Argument von Bef\u00fcrwortern der AGH, da\u00df eine ballaststoffreiche Ern\u00e4hrung mit komplexen Kohlenhydraten ja ebenfalls zu Flatulenz f\u00fchrt, stellt eher die AGH-Therapie in Frage, denn diese Kost alleine senkt die postprandiale Hyperglyk\u00e4mie und bessert die Blutglukosewerte.<\/p>\n<p>Ansonsten haben die AGH kaum UAW. Insbesondere Acarbose hat wegen der geringen Resorption nur wenige systemische UAW oder Arzneimittelinteraktionen. Auch die enterale Resorption anderer Arzneimittel wird nicht beeintr\u00e4chtigt (13). Abgesehen von reversiblen Anstiegen der Transaminasen wurden bislang keine schwerwiegenden UAW beschrieben (7).<\/p>\n<p>Die wenigen Kontraindikationen (Alter < 18 Jahre, Schwangerschaft, chronisch entz\u00fcndliche Darmerkrankungen, spastisches Kolon, Hernien, schwere Niereninsuffizienz) lassen prinzipiell eine Anwendung bei den meisten Typ-2-Diabetikern zu. Dies \u00e4ndert aber nichts an der Tatsache, da\u00df bei 30-50% der Patienten mit einem Abbruch der Therapie gerechnet werden mu\u00df.<\/p>\n<p><b>Kritische Betrachtung in der Diabetestherapie:<\/b> AGH sind grunds\u00e4tzlich wirksam zur Senkung der postprandialen Hyperglyk\u00e4mie, die allerdings nach der Leitlinie der Arzneimittelkommission kein abgrenzbarer Risikofaktor ist (1). Wesentliche Vorteile sind die fehlende Hypoglyk\u00e4mieneigung, die fehlende Gewichtszunahme, die geringen systemischen UAW und die Kombinierbarkeit mit anderen antihyperglyk\u00e4mischen Therapien. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft schl\u00e4gt trotzdem in ihren Leitlinien die AGH zur First-line-Therapie als Alternative zum Metformin bei \u00fcbergewichtigen Typ-2-Diabetikern vor (12). Die antihyperglyk\u00e4mische Wirksamkeit der AGH ist zwar belegt, jedoch sind sie Metformin und Sulfonylharnstoffen, auch bei der postprandialen Senkung der Blutglukose, unterlegen. Zudem liegen noch keine Endpunktstudien zu AGH bei Typ-2-Diabetikern vor. Au\u00dferdem ist zu beachten, da\u00df die Tagestherapiekosten der AGH mit ca. 1 EUR erheblich \u00fcber denen der Sulfonylharnstoffe (0,2 EUR) und von Metformin (0,36 EUR) liegen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich mu\u00df noch bedacht werden, da\u00df die wesentlichen Effekte der AGH auch durch eine ballaststoffreiche Ern\u00e4hrung mit niedrigem glyk\u00e4mischen Index erreicht werden k\u00f6nnen. Der Einsatz der AGH erscheint daher nur sinnvoll bei motivierten Diabetikern, die Flatulenz in Kauf nehmen und trotz ballaststoffreicher Di\u00e4t und antihyperglyk\u00e4mischer Therapie mit Metformin, Sulfonylharnstoffen oder Insulin immer noch hohe postprandiale Blutglukosewerte haben.<\/p>\n<p><b>STOP-NIDDM-Studie zur Diabetespr\u00e4vention:<\/b> Acarbose hat durch die Ver\u00f6ffentlichungen der STOP-NIDDM-Studie wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten (18, 23). Ausgangspunkt dieser Pr\u00e4ventionsstudie ist die steigende Diabetespr\u00e4valenz mit einer erwarteten Verdoppelung in den n\u00e4chsten 25 Jahren. Pathophysiologisch gesehen durchl\u00e4uft jeder Typ-2-Diabetiker eine Phase der gest\u00f6rten Glukosetoleranz. Liegt eine gest\u00f6rte Glukosetoleranz vor, dann ist mit einem \u00dcbergang von 1,5-7,3% pro Jahr zum Diabetes mellitus Typ 2 (fr\u00fcher NIDDM: <b>N<\/b>on <b>I<\/b>nsulin <b>D<\/b>ependent <b>D<\/b>iabetes <b>M<\/b>ellitus) zu rechnen. Da Acarbose die postprandialen Blutglukosespiegel senkt, sollte eine gest\u00f6rte Glukosetoleranz gebessert und der \u00dcbergang zum Diabetes verz\u00f6gert werden.<\/p>\n<p>Der prim\u00e4re Endpunkt der STOP-NIDDM-Studie war der \u00dcbergang von der gest\u00f6rten Glukosetoleranz zum Diabetes mellitus, j\u00e4hrlich getestet im oralen Glukosetoleranztest (OGTT). Sekund\u00e4re Endpunkte waren: \u00c4nderung der Glukosetoleranz, der Insulinresistenz, der Insulinsekretion, der Blutdruckwerte, der Lipide und der Anthropometrie. Da die postprandiale Hyperglyk\u00e4mie das kardiovaskul\u00e4re Risiko erh\u00f6ht, wurde als sekund\u00e4rer Endpunkt das Auftreten kardiovaskul\u00e4rer Ereignisse (Herzinfarkte, zerebrovaskul\u00e4re Insulte und dekompensierte Herzinsuffizienz) mit aufgenommen. Die Studie war doppeltblind und randomisiert, wobei eine Gruppe dreimal 100 mg Acarbose\/d und die andere Gruppe Plazebo \u00fcber mindestens 3 Jahre erhalten sollte. Am Ende folgte eine dreimonatige Auswaschphase. Aufgenommen wurden Frauen und M\u00e4nner zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr, die eine gest\u00f6rte Glukosetoleranz (im 75 g OGTT Plasmaglukose \u2265 140 mg\/dl und < 200 mg\/dl nach 2 Stunden) <i>und<\/i> eine N\u00fcchtern-Plasmaglukose >100 mg\/dl und < 140 mg\/dl hatten. Als die Studie entworfen wurde, lag der untere Grenzwert der N\u00fcchtern-Plasmaglukose f\u00fcr die Diagnose Diabetes noch bei 140 mg\/dl (jetzt: 126 mg\/dl). Durch diese Kriterien wollte man ein Kollektiv erhalten, bei dem eine hohe \u00dcbergangsrate zum Diabetes mellitus zu erwarten war (24).<\/p>\n<p><i>Pr\u00e4vention des Diabetes durch Acarbose (18):<\/i> Insgesamt wurden 1429 Frauen und M\u00e4nner mit einem durchschnittlichen Alter von 54,4 Jahren randomisiert, 714 in die Acarbose- und 715 in die Plazebo-Gruppe. Nach Randomisierung wurden 61 Probanden (4,3%) ausgeschlossen (32 der Acarbose-Gruppe und 29 der Plazebo-Gruppe), so da\u00df 682 Probanden der Acarbose-Gruppe, die durchschnittlich 194 mg Acarbose t\u00e4glich einnahmen, und 686 Probanden der Plazebo-Gruppe ausgewertet wurden. Der Ausschlu\u00df wurde damit begr\u00fcndet, da\u00df 17 Patienten gar keine gest\u00f6rte Glukosetoleranz hatten und f\u00fcr 44 Probanden unzureichende Daten nach der Randomisierung vorlagen. Aus diesem Grund liegt eine modifizierte Intention-to-treat-Population vor. Ferner gab es eine gro\u00dfe Anzahl von Studienabbrechern, 211 (30%) in der Acarbose-Gruppe, haupts\u00e4chlich wegen intestinaler UAW, und 130 (18%) in der Plazebo-Gruppe. Da es sich um eine Intention-to-treat-Auswertung handelte, wurden die Studienabbrecher in die Auswertung einbezogen, wobei 43 Studienabbrecher nicht nachverfolgt werden konnten. Die Studiendauer betrug durchschnittlich 3,3 Jahre.<\/p>\n<p>In der Acarbose-Gruppe entwickelten 221 der 682 Probanden (32%) einen Diabetes, in der Plazebogruppe 285 von 686 Probanden (42%). Somit reduzierte die Acarbose-Therapie das Risiko, einen Diabetes zu entwickeln, um 25% (10 Prozent-Punkte) in 3,3 Jahren. Dies ist weniger als unter Metformin bei Menschen mit gest\u00f6rter Glukosetoleranz (Verminderung um 30%; 25). Es wird argumentiert, da\u00df die pr\u00e4ventive Wirksamkeit von Acarbose aufgrund der 30% Studienabbrecher untersch\u00e4tzt wird. Im klinischen Alltag ist jedoch mit mindestens dieser Zahl von Therapieabbr\u00fcchen zu rechnen. In der Diskussion, ob Acarbose oder \u00c4nderung des Lebensstils wirksamer ist, wird als nachteilig angesehen, da\u00df die Studien zur Wirksamkeit einer Di\u00e4t oder Steigerung der k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t nicht verblindet werden k\u00f6nnen und somit eine Voreingenommenheit besteht. Andererseits war auch die Acarbose-Studie nicht ganz verblindet, da 79% der Patienten und 69% der \u00c4rzte errieten, welche Patienten in der Verum-Gruppe waren.<\/p>\n<p>Das K\u00f6rpergewicht nahm unter Acarbose im Mittel um 0,5 kg ab, unter Plazebo um 0,3 kg zu. Ferner erreichten in der Acarbose-Gruppe 241 Probanden (35%) wieder eine normale Glukosetoleranz; allerdings auch 212 Probanden (31%) der Plazebo-Gruppe. Interessant ist auch, da\u00df nach der Auswaschphase 47 von 303 Probanden (15,5%) der Acarbose-Gruppe und 21 von 199 Probanden (10,6%) der Plazebo-Gruppe einen Diabetes entwickelten. Dies zeigt, da\u00df die Wirkung von Acarbose nach Absetzen nicht anh\u00e4lt. Bei beabsichtigter Diabetespr\u00e4vention mit Acarbose d\u00fcrfen also keine l\u00e4ngeren Therapiepausen eintreten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis der STOP-NIDDM-Studie zeigt, da\u00df mit Acarbose und der mit der Therapie verbundenen Gewichtsreduktion das Diabetesrisiko zwar verringert werden kann, jedoch bei weitem nicht so effektiv wie durch \u00c4nderung der Ern\u00e4hrung und Steigerung der k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t (25, 26).<\/p>\n<p><i>Acarbose und Pr\u00e4vention kardiovaskul\u00e4rer Ereignisse und arterieller Hypertonie:<\/i> In einer zweiten Publikation der STOP-NIDDM-Studie wurden die Effekte der Acarbose-Therapie auf die Entwicklung kardiovaskul\u00e4rer Ereignisse und arterieller Hypertonie mitgeteilt (23). In den beiden Probandengruppen waren die kardiovaskul\u00e4ren Risikofaktoren zu Beginn der Studie gleich h\u00e4ufig verteilt. Vor Beginn der Studie hatten bereits 46% eine arterielle Hypertonie. W\u00e4hrend der Studie entwickelten 78 von 682 (11%) Probanden der Acarbose-Gruppe neu eine Hypertonie \u00fcber 140\/90 mmHg und 115 von 686 (17%) in der Plazebo-Gruppe. Acarbose senkte also das Risiko, einen Hypertonus zu entwickeln, um 6 Prozentpunkte. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die arterielle Hypertonie nicht preiswerter und nebenwirkungs\u00e4rmer (Bewegung!) behandelt werden kann und mu\u00df.<\/p>\n<p>Insgesamt kam es w\u00e4hrend der Studie nur bei 47 (3,4%) von 1368 Probanden zu kardiovaskul\u00e4ren Ereignissen, 15 in der Acarbose- und 32 in der Plazebo-Gruppe. Betrachtet man die Ereignisse im Einzelnen, zeigt sich nur f\u00fcr die Verhinderung von Herzinfarkten und f\u00fcr alle Ereignisse zusammen ein signifikanter Effekt, auch nach Korrektur f\u00fcr andere Risikofaktoren. Es f\u00e4llt auf, da\u00df kardiovaskul\u00e4re Ereignisse ausgewertet wurden, die initial nicht als Endpunkte vorgesehen waren (24). Dies sind Angina pectoris, Revaskularisationen, Pl\u00f6tzlicher Herztod und periphere arterielle Verschlu\u00dfkrankheit. Warum diese neuen Endpunkte, bei denen sich nur ein Trend zugunsten der Acarbose, aber kein signifikanter Unterschied zur Plazebo-Gruppe fand, hinzugenommen wurden, wird nicht erw\u00e4hnt. In der Diskussion wird darauf eingegangen, da\u00df die Studie nicht f\u00fcr eine Aussage \u00fcber kardiovaskul\u00e4re Ereignisse konzipiert wurde und da\u00df dieses Ergebnis in weiteren Studien best\u00e4tigt werden mu\u00df. Das ist aber der springende Punkt. Die Daten sind zu unsicher, als da\u00df sie bereits jetzt klinische Konsequenzen nach sich ziehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Akd\u00c4. Empfehlungen zur Therapie des Diabetes mellitus Typ 2. Arzneiverordnung in der Praxis. Oktober 2002.<\/li>\n<li>Fuller, J., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=6104171&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1980, <b>I<\/b>, 1373<\/a>.<\/li>\n<li>Coutinho, M.: Diabetes Care <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10333939&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>22<\/b>, 233<\/a>.<\/li>\n<li>Rosak, C.: Diabet. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8582130&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1995, <b>12<\/b>, 979<\/a>.<\/li>\n<li>Hoffmann, J.: Diabetes Care <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8082525&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1994, <b>17<\/b>, 561<\/a>.<\/li>\n<li>Chiasson, J.L., et al.: Ann. Intern. 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