{"id":40516,"date":"2003-11-01T12:02:00","date_gmt":"2003-11-01T11:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/erstes-transdermales-hormonales-kontrazeptivum-zweifelhafter-fortschritt"},"modified":"2003-11-01T12:02:00","modified_gmt":"2003-11-01T11:02:00","slug":"erstes-transdermales-hormonales-kontrazeptivum-zweifelhafter-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/erstes-transdermales-hormonales-kontrazeptivum-zweifelhafter-fortschritt\/","title":{"rendered":"Erstes transdermales hormonales Kontrazeptivum: Zweifelhafter Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben k\u00fcrzlich \u00fcber das erfreuliche Ergebnis einer in Frankreich durchgef\u00fchrten Fall-Kontroll-Studie berichtet, die ergeben hatte, da\u00df transdermal zugef\u00fchrtes Estradiol (auch mit Gestagen), im Gegensatz zu oralen Pr\u00e4paraten zur Hormonersatz-Therapie (HRT), nicht mit einem erh\u00f6hten Thrombose-\/Embolie-Risiko behaftet ist (1). Oral zugef\u00fchrte \u00d6strogene, die beim \u201dFirst pass\u201d via Pfortader in relativ hoher Konzentration die Leber durchflie\u00dfen, induzieren die Synthese zahlreicher hepatischer Proteine, u.a. Angiotensinogen, Gerinnungs- und Fibrinolysefaktoren. Dies ist ein plausibler Grund, vielleicht aber nicht der einzige, f\u00fcr das erh\u00f6hte Thrombose-Risiko bei Frauen, die orale Kontrazeptiva oder HRT-Pr\u00e4parate anwenden. Orale Kontrazeptiva enthalten fast alle 20-30 \u00b5g Ethinylestradiol\/d, das von der Leber nur mit M\u00fche verstoffwechselt wird und die hepatischen Proteine deutlich st\u00e4rker induziert als 1 oder 2 mg orales Estradiol. Unter dem Einflu\u00df von transdermalem Estradiol bleibt die hepatische Protein-Induktion v\u00f6llig aus (2, 3), was wahrscheinlich den fehlenden prothrombotischen Effekt der transdermalen HRT erkl\u00e4rt. Ethinylestradiol hingegen induziert die hepatischen Proteine unabh\u00e4ngig davon, an welcher Stelle es in den K\u00f6rper aufgenommen wird (4). Deshalb ist es auch kein geeigneter Kandidat f\u00fcr die transdermale Kontrazeption, wenn man kardiovaskul\u00e4re Nebenwirkungen hormonaler Kontrazeptiva reduzieren will (5).<\/p>\n<p>Die Firma Janssen-Cilag hat k\u00fcrzlich das vom Johnson Pharmaceutical Research Institute entwickelte erste transdermale Kontrazeptivum Evra auf den Markt gebracht, das einmal pro Woche 3 Wochen hintereinander auf die Haut geklebt wird, gefolgt von einer Woche Pause, w\u00e4hrend der die Abbruchblutung einsetzt. Das 20 cm<sup>2<\/sup> gro\u00dfe Pflaster enth\u00e4lt Ethinylestradiol und das Gestagen Norelgestromin und setzt von ersterem ca. 20 \u00b5g und von letzterem ca. 150 \u00b5g\/d frei. Norelgestromin ist der erste aktive Metabolit des bekannteren Norgestimat, das klinisch bereits gut erprobt ist. Wenn das Pflaster gut klebt (man kann mit ihm duschen und baden, darf die Umgebung aber nicht mit fetthaltigen Cremes etc. einreiben), dann ist die kontrazeptive Sicherheit \u00e4hnlich hoch wie mit typischen kombinierten oralen Kontrazeptiva. In der ersten Zeit der Anwendung kommt Spannung in der Brust mit dem transdermalen Pr\u00e4parat etwas h\u00e4ufiger vor als mit einem oralen. Ansonsten ist die Vertr\u00e4glichkeit laut einer \u00dcbersichts-Publikation (6) gut. Die hepatischen Gerinnungs- und Fibrinolyse-Faktoren werden aber genauso induziert wie bei oraler Zufuhr von Ethinylestradiol (6). Nat\u00fcrlich kann man kurze Zeit nach der Zulassung noch keine statistisch gesicherten Aussagen \u00fcber das Thrombose-Risiko machen. Die Erwartung, da\u00df das transdermale Pr\u00e4parat in \u00e4hnlicher Weise mit vermindertem Thrombose-Risiko behaftet ist wie transdermale HRT-Pr\u00e4parate, ist jedoch nicht gerechtfertigt. Allerdings wirbt die Herstellerfirma hiermit auch nicht.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> F\u00fcr manche Frauen mag ein transdermales hormonales Kontrazeptivum angenehmer sein als die t\u00e4gliche \u201dPille\u201d. Das hier besprochene Pr\u00e4parat l\u00e4\u00dft jedoch im Vergleich mit der \u201dPille\u201d kein reduziertes Thromboembolie-Risiko erwarten. Da die transdermale Zufuhr von Estradiol, dem humanen \u00d6strogen mit der st\u00e4rksten Wirkung, bei der \u201dHRT\u201d sehr gut funktioniert, w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn die Pharmaindustrie die M\u00f6glichkeit der transdermalen Kontrazeption mit Estradiol\/Gestagen-Kombinationen mit Vorrang erforschen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6332\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2003, <b>37<\/b>, 77<\/a>.<\/li>\n<li>De Lignieres, B., et al.: J. Clin. Endocrinol. 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