{"id":40531,"date":"2003-10-01T12:06:00","date_gmt":"2003-10-01T10:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/wes-brot-ich-ess-des-lied-ich-sing-die-kontamination-der-aerztlichen-fortbildung-aus-kritischer-medizinjournalistischer-sicht"},"modified":"2003-10-01T12:06:00","modified_gmt":"2003-10-01T10:06:00","slug":"wes-brot-ich-ess-des-lied-ich-sing-die-kontamination-der-aerztlichen-fortbildung-aus-kritischer-medizinjournalistischer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wes-brot-ich-ess-des-lied-ich-sing-die-kontamination-der-aerztlichen-fortbildung-aus-kritischer-medizinjournalistischer-sicht\/","title":{"rendered":"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing: Die Kontamination der \u00e4rztlichen Fortbildung aus kritischer medizinjournalistischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p><b>Zusammenfassung: \u00c4rzte und Industrie sind aufeinander angewiesen. Beide Seiten wollen innovative Pharmakotherapie. Die Motivation ist jedoch sehr unterschiedlich: Die einen wollen mit sparsamem Einsatz der immer knapper werdenden Mittel mehr Gesundheit f\u00fcr ihre Patienten erreichen, die anderen m\u00fcssen mehr Umsatz erzielen f\u00fcr ihre Aktion\u00e4re. Wir \u00c4rzte d\u00fcrfen uns nicht mit den Interessen der Industrie kontaminieren lassen. Wir m\u00fcssen ihre Vorgehensweisen kennen, um sie unterlaufen zu k\u00f6nnen und unseri\u00f6se Werbestrategien unwirksam werden zu lassen. In Gro\u00dfbritannien und in den USA gibt es gro\u00dfe Artikelserien zu diesem Thema; warum in Deutschland nicht? Sind Kontamination und Vorteilsnahme bei uns weiter fortgeschritten? Dann verl\u00f6ren die \u00c4rzte zu Recht ihren guten Ruf!<\/b><\/p>\n<p>Morgens gegen neun beginnt der Kongre\u00df. Immer wieder beschallt ein Lautsprecher mit einer emphatisch klingenden Frauenstimme alle Foyers. Die Dame dankt den Sponsoren der Tagung &#8211; mehrere Pharmafirmen werden namentlich genannt &#8211; und weist auf den Standort ihrer Ausstellungsst\u00e4nde hin.<\/p>\n<p>W\u00fcrde sich die Arzneimittel- und die Apparateindustrie mit solchen St\u00e4nden begn\u00fcgen, w\u00e4re wenig dagegen einzuwenden. Aber auf Fortbildungs- und Forschungskongressen beobachtet man dasselbe wie beim gr\u00f6\u00dften Teil der medizinischen Presse: die Werbebotschaften beschr\u00e4nken sich schon lange nicht mehr auf deutlich kenntlich gemachte Anzeigen und Ausstellungsst\u00e4nde; vielmehr durchdringen sie heimlich den redaktionellen Teil der meisten Fachbl\u00e4tter wie auch die Vortragss\u00e4le und Seminarr\u00e4ume der Fortbildungsveranstaltungen. Erst kamen die von Firmen finanzierten Beilagen und die &#8222;Satelliten-Symposien&#8220;, aber bald wurde die Vernetzung objektiver Informationen mit Marketing immer enger.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr viele ist der allj\u00e4hrliche Deutsche \u00c4rztekongre\u00df in Berlin. Er ist, wie andere, seit langem durchsetzt mit Vortragsreihen von Pharma- oder Apparatefirmen, die fr\u00fcher bereits im Programm als solche gekennzeichnet und dadurch zu unterscheiden waren von denen mit gro\u00dfem Engagement und kritischem Sachverstand unabh\u00e4ngig vorbereiteten Sitzungen. Im diesj\u00e4hrigen Programm steht nur unter drei Sitzungen &#8222;Mit freundlicher Unterst\u00fctzung durch &#8230;&#8220;. Erst als die \u00c4rzte die Vortr\u00e4ge hinter sich gebracht hatten, etwa jene unter dem seri\u00f6sen Titel &#8222;Leitlinien der Hypertonietherapie 2003&#8220;, dankte der Moderator dem Sponsor. Das hinterlie\u00df bei den H\u00f6rern ein ungutes Gef\u00fchl und die skeptische Frage, ob sie wohl objektive oder durch Interessen gef\u00e4rbte Informationen erhalten hatten, denn hier wurde z.B. die gro\u00dfe amerikanische ALLHAT-Studie (1) in Grund und Boden kritisiert. Weil sie ergab, da\u00df die preiswerten Diuretika genauso gut sind wie die teuren Antihypertensiva-Innovationen?<\/p>\n<p>Bei der altehrw\u00fcrdigen Berliner Medizinischen Gesellschaft wenig sp\u00e4ter wiederum heftige Polemik gegen die Studie, kaum verh\u00fcllte Werbung f\u00fcr bestimmte Substanzen, und auch hier wurde erst am Ende der Sponsor genannt. Beschwert hat sich offenbar keiner, eine ernst zunehmende Diskussion fand nicht statt, und alle str\u00f6mten hinterher dankbar zum Buffet.<\/p>\n<p>Mediziner werden von Anfang an einer &#8222;Pharma-Sozialisation&#8220; unterzogen. Schon w\u00e4hrend des Studiums nehmen die Arzneimittelhersteller sie an die hilfreiche Hand. Ein h\u00fcbsches buntes Heftchen mit dem Titel &#8222;Studentenservice&#8220; bietet ihnen &#8222;mit Nett-Netter-Novartis&#8220;-Gr\u00fc\u00dfen n\u00fctzliche Dinge zu besonders g\u00fcnstigen Preisen oder sogar kostenlos an: vom Stethoskop \u00fcber firmennahe Brosch\u00fcren bis zum Anatomieatlas. Das f\u00f6rdert Wohlwollen und d\u00e4mpft Kritiklust. PR-Leute nennen so etwas &#8222;Landschaftspflege&#8220;. Damit der \u00e4rztliche Nachwuchs pflegeleicht bleibt, umwirbt ihn die Industrie auch w\u00e4hrend der Weiterbildung mit Einladungen, Literatur und Reisezusch\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es folgt lebenslange Aufmerksamkeit und Zuwendung &#8211; das l\u00e4\u00dft sich auch im Plural formulieren &#8211; f\u00fcr die verordnenden \u00c4rzte und ganz besonders f\u00fcr die Meinungsf\u00fchrer, leitende \u00c4rzte und Hochschullehrer, von denen die Fortbildung wesentlich getragen wird, jedenfalls nach au\u00dfen hin. Denn das, was Fortbildungswillige f\u00fcr gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse halten, kann durchaus mehr oder weniger zurechtgebogen sein &#8211; im Sinne der Industrie, die aus der von ihr beherrschten Fortbildung ein Marketinginstrument gemacht hat.<\/p>\n<p>Die schlechte inhaltliche und didaktische Qualit\u00e4t der \u00e4rztlichen Fortbildung wird seit Jahrzehnten kritisiert. Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen bem\u00e4ngelt zum Beispiel \u201deine h\u00e4ufig unzureichende Praxisrelevanz, die Vernachl\u00e4ssigung praktischer und interpersoneller Kompetenzen sowie eine eingeschr\u00e4nkte Glaubw\u00fcrdigkeit vieler Angebote durch mangelnde Neutralit\u00e4t oder Transparentmachung der Qualit\u00e4t der angef\u00fchrten Evidenz\u201d (2).<\/p>\n<p>Die mangelnde Neutralit\u00e4t f\u00e4llt vielen \u00c4rzten nicht mehr auf. Sie sind Teil des \u201dMedizinisch-industriellen Komplexes\u201d geworden, wie man in den USA &#8211; analog zum \u201dMilit\u00e4risch-industriellen Komplex\u201d &#8211; das korruptionstr\u00e4chtige Gesundheitswesen nannte. Das charakterisiert die Verzerrung des medizinisch Vern\u00fcnftigen durch das kommerziell Interessante, wie sie in Forschung, Fortbildung und Versorgung gang und g\u00e4be ist. Besser als innerhalb dieser Subkultur \u00fcberblickt man offenbar von au\u00dfen, wie massiv der Einflu\u00df der Industrie auf den Medizinbetrieb ist, aber auch, wie subtil und unterschwellig die Mittel der Beeinflussung sein k\u00f6nnen. Die \u00d6ffentlichkeit ist durch die Presse sehr genau dar\u00fcber informiert. Ein paar Schlagzeilen und Zitate: \u201dPharmakonzerne k\u00f6dern Mediziner\u201d (\u201dFinancial Times Deutschland\u201d vom 13.6.03.) \u2013 \u201dDie \u00c4rzte im Visier der Industrie. Was Firmen alles tun, damit Mediziner ihre Medikamente bevorzugen\u201d (\u201dK\u00f6lner Stadtanzeiger\u201d vom 9.10.01.) \u2013 \u201d\u00c4rzte als S\u00f6ldner der Pharmaindustrie: Den Kampf gegen die zweite Gesundheitsreform l\u00e4\u00dft sich der Hartmannbund von der Firma Schwarz mit 300000 Mark bezahlen\u201d (\u201dDie Zeit\u201d vom 11.9.92) \u2013 \u201dNeben offenen Bestechungsversuchen gibt es einen gro\u00dfen Graubereich. Dabei geht es vor allem um die finanzielle Unterst\u00fctzung von Fortbildungsveranstaltungen &#8211; bevorzugt in landschaftlich attraktiven Gegenden&#8230;\u201d (\u201dStuttgarter Zeitung\u201d vom 12.3.02.) \u2013 \u201dEine Kollegin schrieb mir neulich, sie habe 200 EUR Aufwandsentsch\u00e4digung von einer Pharmafirma angeboten bekommen &#8211; nur um bei einer von diesem Unternehmen veranstalteten Fortbildungsveranstaltung zuzuh\u00f6ren\u201d, berichtete Dr. Frank Montgomery, Vorsitzender des \u201dMarburger Bundes\u201d, der \u201dBerliner Zeitung\u201d (22.3.02.).<\/p>\n<p>Selbst \u00c4rzte \u00e4u\u00dfern sich also \u00fcber dieses heikle Thema eher in der Laien- als in der Fachpresse. Kein Wunder, sind doch die meisten \u00c4rztebl\u00e4tter auf die Anzeigen der Pharmafirmen angewiesen. Deshalb bestehen in vielen Zeitschriften auch Teile des redaktionellen Textes aus mehr oder weniger gut maskiertem Marketing (3).<\/p>\n<p>Als \u00c4rztlicher Direktor des Klinikums N\u00fcrnberg publizierte der Onkologe Prof. Dr. Walter Gallmeier, der seit eh und je die Krebs-\u00dcberdiagnostik und -\u00dcbertherapie gegei\u00dfelt hatte, seine Kritik an der allzu engen Vernetzung von \u00c4rzten und Arzneimittelfirmen im \u201dSpiegel\u201d (1994, Nr. 25, S. 189). Er verdammt keineswegs jede Zusammenarbeit, wohl aber die St\u00f6rung der \u201dkritischen Balance im Verh\u00e4ltnis \u00c4rzte und Industrie\u201d in Forschung und Fortbildung: \u201dSchl\u00e4gt man einem \u00e4rztlichen Kreisverband eine Fortbildungsveranstaltung vor, so ist die erste Frage stets: Haben Sie einen Sponsor?\u201d<\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter kann ein Leitender Arzt einen kritischen Beitrag \u00fcber das Pharma-Sponsoring auch in einem Fachblatt publizieren &#8211; im Deutschen \u00c4rzteblatt (4). Unter dem Titel \u201dWir dankbaren \u00c4rzte\u201d denkt der Baseler Hochschulpsychiater Prof. Dr. Asmus Finzen \u00fcber \u201dN\u00e4he und Abstand, Geben und Nehmen in Klinik, Forschung und Alltag\u201d \u00f6ffentlich nach. Am wenigsten riskant findet er die N\u00e4he zur Industrie dann, wenn klare Verh\u00e4ltnisse herrschen, weil eine Firma offen zu einer produktbezogenen Veranstaltung einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Unentwirrbar wird das Kn\u00e4uel aus Information und Marketing hingegen, wenn hochkar\u00e4tige Wissenschaftler sprechen oder schreiben, die auf vielf\u00e4ltige Art mit Unternehmen verbunden sind, z.B. als Berater oder klinische Pr\u00fcfer oder sogar als Besitzer von Firmenanteilen. \u201dSie treten als st\u00e4ndige Referenten bei Firmensymposien auf, firmieren als Autoren von Publikationen, die Ghostwriter der Firmen schreiben, und setzen sich bei firmengesponserten Veranstaltungen f\u00fcr bestimmte Medikamente oder Ger\u00e4te ein\u201d, schreibt Finzen. Die Koryph\u00e4en sind jedoch meist von ihrer wissenschaftlichen Objektivit\u00e4t \u00fcberzeugt und weisen den Verdacht der K\u00e4uflichkeit weit von sich (\u201dMietm\u00e4uler\u201d nennt sie der \u201dSpiegel\u201d in Nr. 33, 2003, S. 119). Wahrscheinlich &#8211; subjektiv &#8211; zu Recht, denn ihre wissenschaftliche Urteilskraft wird ja auf sehr subtile, fast unmerkliche Art beeinflu\u00dft. (\u00dcbrigens: Mietm\u00e4uler gibt es \u00fcberall, auch im Medizinjournalismus).<\/p>\n<p>Finzen bezieht sich durchweg auf ausl\u00e4ndische Analysen, Studien und Publikationen. Das ist bezeichnend. In Deutschland sind die Verflechtungen zwischen \u00c4rzteschaft und Industrie innerhalb des Gesundheitswesens meist noch ein Tabu; in anderen L\u00e4ndern werden sie dagegen immer \u00f6fter thematisiert, sogar in wissenschaftlichen Untersuchungen. So wurde in Studien nachgewiesen, da\u00df \u00c4rzte sich sehr wohl beeinflussen lassen, auch wenn sie sich selbst f\u00fcr immun halten, und da\u00df die Art der Forschungsfinanzierung die Ergebnisse moduliert. Klinik\u00e4rzte, die Forschungsgelder von einer Firma erhalten bzw. aktiv oder passiv an gesponserter Fortbildung teilgenommen oder mit Arzneimittelvertretern gesprochen hatten, forderten in der Krankenhausapotheke eher deren neue Medikamente an (6).<\/p>\n<p>Das British Medical Journal, das sich mit den Pharma-Verstrickungen von \u00c4rzten immer wieder besonders intensiv auseinandersetzt, hat daraufhin sogar den \u00c4skulapstab neu interpretiert: \u00c4rzte und Arzneimittelfirmen seien ineinander verschlungen wie Schlange und Stab (6). Einige der dort referierten Ergebnisse einschl\u00e4giger Studien aus verschiedenen L\u00e4ndern: Viele \u00c4rzte behaupten, die Zuwendungen der Firmen h\u00e4tten keinen Einflu\u00df auf ihr Verhalten, obwohl das Gegenteil evident ist. Sie verordnen neue Pr\u00e4parate ohne nachgewiesene Vorteile gegen\u00fcber den vorhandenen, verschreiben weniger Generika und verursachen h\u00f6here Arzneimittelkosten. Die Zahl der Zuwendungen korreliert mit der \u00dcberzeugung, da\u00df Pharmareferenten keinen Einflu\u00df auf das eigene Verordnungsverhalten h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Nach der Berufsordnung war es auch bisher schon: \u201d&#8230; nicht gestattet, f\u00fcr die Verordnung von Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln von dem Hersteller oder H\u00e4ndler eine Verg\u00fctung oder wirtschaftliche Verg\u00fcnstigungen zu fordern oder anzunehmen\u201d. Die Berufsordnung gilt aber als Papiertiger. Sie wird von vielen \u00c4rzten nicht einmal zur Kenntnis genommen. Fraglich also, ob die auf dem 106. Deutschen \u00c4rztetag 2003 hei\u00df umstrittene \u201dVersch\u00e4rfung\u201d irgendeinen Effekt hat. F\u00fcr die Fortbildung gibt es ohnehin eine Ausnahmeregelung in \u00a7 33 \u201dArzt und Industrie\u201d. Absatz 4 lautet: \u201dDie Annahme von geldwerten Vorteilen in angemessener H\u00f6he f\u00fcr die Teilnahme an wissenschaftlichen Fortbildungsveranstaltungen ist nicht berufswidrig. Der Vorteil ist unangemessen, wenn er die Kosten der Teilnahme (notwendige Reisekosten, Tagungsgeb\u00fchren) des Arztes an der Fortbildungsveranstaltung \u00fcbersteigt oder der Zweck der Fortbildung nicht im Vordergrund steht\u201d. Ein Antrag, die Teilnahme an industriegesponserter Fortbildung f\u00fcr standeswidrig zu erkl\u00e4ren, scheiterte, wie \u00e4hnliche schon auf fr\u00fcheren \u00c4rztetagen. \u201dFortbildung ohne Unterst\u00fctzung der pharmazeutischen Industrie ist nicht m\u00f6glich\u201d, sagte Ingo Flenker, Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der Bundes\u00e4rztekammer.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen \u00c4rzte sich ihre Fortbildung zertifizieren lassen, aber nur solche Veranstaltungen, die von den Kammern akkreditiert wurden. Bundeseinheitliche Bewertungskriterien daf\u00fcr hat der \u00c4rztetag gebilligt. Zu den Bedingungen geh\u00f6rt auch, \u201dda\u00df der Inhalt der Fortbildung nicht von den wirtschaftlichen Interessen der Industrie beeinflu\u00dft sein darf\u201d (7). Sponsoring ohne Einflu\u00dfnahme gilt nicht als Hindernis.<\/p>\n<p>Der \u00c4rztetag forderte die Bundes\u00e4rztekammer sogar auf, \u201dsich bei der Politik gegen eine nicht sachgerechte Einschr\u00e4nkung von sinnvollem Industrie-Sponsoring auszusprechen\u201d. In anderen L\u00e4ndern hat der Staat tats\u00e4chlich schon eingegriffen, z.B. in den Niederlanden und in den USA. Als erster amerikanischer Bundesstaat verpflichtete Vermont alle Arzneimittelvertreter, s\u00e4mtliche Zuwendungen an \u00c4rzte \u00fcber 25 Dollar zu melden. \u00c4rzte und Pharmareferenten werden damit derselben Kategorie zugeordnet wie Politiker und Lobbyisten, deren finanzielle Beziehungen jedes Jahr \u00f6ffentlich gemacht werden. Mehr als 15 andere US-Staaten ziehen \u00e4hnliche Gesetze in Erw\u00e4gung, meldete die \u201dWashington Post\u201d am 15.6.02.<\/p>\n<p>Wie aber findet man Institutionen, die mit Sicherheit objektiv informieren? Selbst der WHO wurden ja schon allzu enge Beziehungen zur Industrie vorgeworfen. \u201dWir von den Fachgesellschaften und \u00c4rztekammern bieten werbungsfreie Fortbildung an\u201d, sagte Dr. Frank Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, der \u201dWoche\u201d (vom 7.9.01.). \u201dDie sehr sorgf\u00e4ltige und auch strenge Pr\u00fcfung eingereichter Antr\u00e4ge auf Anerkennung von Fortbildungsveranstaltungen gibt den potentiellen Teilnehmern &#8230; Sicherheit, da\u00df hier wirklich nur seri\u00f6se, wissenschaftlich gesicherte Fortbildungsinhalte angeboten werden, die weit von industriegesponserter Fortbildung mit Schnittchen entfernt sind\u201d, schreibt Heyo Eckel, Vorsitzender des Deutschen Senats f\u00fcr \u00e4rztliche Fortbildung (8).<\/p>\n<p>Ob die \u00c4rzterepr\u00e4sentanten das selber glauben? Eine der wenigen deutschen Studien zum Thema ergab: Von 54 internistischen Fortbildungsveranstaltungen in Nordrhein, die das Rheinische \u00c4rzteblatt als von Kammer oder KV verantwortet angek\u00fcndigt hatte, erwiesen sich zwei Drittel als Pharma-Fortbildung oder gar als Marketing (9). Selbst solche Landes\u00e4rztekammern, die der Dominanz der Industrie sehr kritisch gegen\u00fcberstehen, verweigern gesponserten Veranstaltungen nur selten die Anerkennung f\u00fcr die Zertifizierung. In Berlin, wo die Kammer schon 1992 das \u201dPharma-Netz der deutschen \u00c4rzteschaft\u201d analysierte (10), ist man stolz darauf, da\u00df im Unterschied zu anderen Kammern nur etwa 30% der akkreditierten Veranstaltungen von der Industrie verantwortet oder gesponsert sind, wobei als Sponsoring schon Programmversand oder Buffet gilt. Die \u00c4rztekammer Berlin versucht zumindest, eine gewisse Transparenz herzustellen. Die Mitglieder des Zertifizierungs-Beirats ihrer Fortbildungsakademie m\u00fcssen ihre Beziehungen zur Industrie offenlegen, allerdings nur gegen\u00fcber der Kammer, die das vertraulich behandelt &#8211; w\u00e4hrend es in renommierten internationalen und auch einigen deutschen Fachzeitschriften guter Brauch ist, da\u00df die Autoren ihr Verh\u00e4ltnis zur Industrie f\u00fcr die Leser transparent machen. \u201dReferenten bzw. Organisatoren und Moderatoren gesponserter Fortbildungen garantieren mit ihrer Unterschrift die firmen- und produktneutrale Darstellung der Fortbildungsinhalte\u201d (11). So manchem Veranstalter ist diese Verpflichtung aber unbekannt, und in der Kammer glauben einige nicht, da\u00df sie etwas bringt.<\/p>\n<p>\u00dcberdies ist ja ein offenes Pr\u00e4parate-Marketing noch die harmloseste Form der \u201dPharma-Fortbildung\u201d. Die Regel ist die unauff\u00e4llige Interessenkontamination der Fortbildung ebenso wie der Forschung, der Fachpresse des gesamten Medizinbetriebs. Das hat viel weiter reichende Effekte als die Verordnung zweifelhafter oder \u00fcberteuerter Medikamente. Schon die klinische Forschung wird fehlgesteuert, weil sich Universit\u00e4tskliniken von den Drittmitteln der Industrie abh\u00e4ngig machen. Finzen (4) spricht von \u201dFolgen f\u00fcr die Auswahl der Forschungsfelder, die Art der Publikation von Forschungsergebnissen, f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der medizinischen Fakult\u00e4ten und die berufliche Sozialisation des Nachwuchses. Wer viel Zeit f\u00fcr die bezahlte Pr\u00fcfung von neuen Arzneimitteln aufwendet, hat weniger Zeit f\u00fcr andere Projekte, beispielsweise f\u00fcr die Forschung \u00fcber Ursachen von Krankheiten und deren Verlauf\u201d.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches beobachtet man bei Fachpresse und Fortbildung. Vernachl\u00e4ssigt wird all das, wozu man keine Medikamente oder Apparate braucht, etwa Pr\u00e4vention, Gespr\u00e4chsf\u00fchrung, Hilfe zur Krankheitsbew\u00e4ltigung, Rehabilitation. Denn \u201din der Medizin sind die biologische Seite der Krankheiten und kurative Verfahren kommerziell interessant und ausbeutungsf\u00e4hig, die psychosoziale Seite der Krankheiten und pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen werfen kaum kommerziellen Nutzen ab\u201d, konstatieren v. Uexk\u00fcll und Wesiack (12). \u00c4rzte sind f\u00fcr die Industrie nur als Verordner und Ger\u00e4tenutzer interessant, und die gesamte Medizin wird in eine bestimmte Richtung gedr\u00e4ngt. Was Eugen Bleuler (13) \u201dUdenotherapie\u201d nannte &#8211; bei bestimmten St\u00f6rungen nichts tun und auf die Selbstheilungskr\u00e4fte vertrauen (\u03bf\u03c5\u03b4\u03ad\u03bd = griechisch: nichts) &#8211; zieht man gar nicht erst in Erw\u00e4gung. Umgekehrt werden von der Medizinindustrie eigens Krankheiten erfunden oder hochstilisiert, um einen neuen Markt zu schaffen (14).<\/p>\n<p>Alle Versuche, den Einflu\u00df der Industrie durch Gesetze und Verordnungen, durch Kodices oder das Berufsrecht einzud\u00e4mmen oder wenigstens transparent zu machen, erscheinen als blo\u00dfes Herumdoktern am Symptom (s.a. 15-17). Auch alle Versuche, die Hersteller zur Einzahlung von F\u00f6rdermitteln in einen gemeinsamen \u201dFortbildungspool\u201d zu bewegen, scheitern immer wieder. Anfang September hat der 1. Vorsitzende der Kassen\u00e4rztlichen Bundesvereinigung, Dr. Manfred Richter-Reichhelm, einen solchen Pool erneut vorgeschlagen. Aber Sprecher der Industrie lehnten ihn sofort ab. Eine kausale Therapie der \u00e4rztlichen Fortbildung w\u00e4re m\u00f6glich, folgte man dem Vorschlag des langj\u00e4hrigen Leiters der Wissenschaftsredaktion der \u201dFrankfurter Allgemeinen\u201d. Reiner Fl\u00f6hl schrieb dort (am 7.7.94.): \u201dSchlie\u00dflich geh\u00f6rt die ganze \u00e4rztliche Fortbildung in die H\u00e4nde der Mediziner, die nat\u00fcrlich auch f\u00fcr deren Kosten aufkommen m\u00fc\u00dften. Wenn es dabei gerecht zugehen soll, m\u00fc\u00dfte die pharmazeutische Industrie die Arzneimittelpreise um jenen Betrag senken, den sie f\u00fcr die \u00e4rztliche Fortbildung aufwendet. Die Kassen k\u00f6nnten dann die Honorare der \u00c4rzte entsprechend erh\u00f6hen. Doch dies ist eine Fiktion &#8211; wie so vieles im Gesundheitswesen\u201d.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>ALLHAT (= <b>A<\/b>ntihypertensive and <b>L<\/b>ipid-<b>L<\/b>owering Treatment to Prevent <b>H<\/b>eart <b>A<\/b>ttack <b>T<\/b>rial): JAMA 2002, <b>288<\/b>, 2981; s.a. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6248\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2003, <b>37<\/b>, 12<\/a>.<\/li>\n<li>Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen: Gutachten 2000\/2001, Band II, 1.1.3.1.<\/li>\n<li>AMB 1988, <b>22<\/b>, 33.<\/li>\n<li>Finzen, A.: Dtsch. \u00c4rztebl. 2002, <b>99<\/b>, A 766.<\/li>\n<li>Chren, M.M., und Landefeld, C.S.: JAMA 1994, <b>271<\/b>, 684.<\/li>\n<li>Moynihan, R.: Brit. Med. J. 2003, <b>326<\/b>, 1189.<\/li>\n<li>Bundes\u00e4rztekammer\/Deutscher \u00c4rztetag: Entschlie\u00dfungen des 106. Deutschen \u00c4rztetages in K\u00f6ln, 20.-23. Mai 2003.<\/li>\n<li>Interview mit Heyo Eckel: Dtsch. \u00c4rztebl. 2001, <b>98<\/b>, A 1310.<\/li>\n<li>Sawicki, P., et al.: Zeitschrift f\u00fcr \u00e4rztliche Fortbildung und Qualit\u00e4tssicherung 1999, <b>8<\/b>, 569.<\/li>\n<li>\u00c4rztekammer Berlin &#8211; Der Pr\u00e4sident: Das Pharma-Netz der deutschen \u00c4rzteschaft. Dokumentation, September 1992.<\/li>\n<li>Br\u00e4utigam, K.: Berliner \u00c4rzte 2003, <b>40<\/b> (5), 33.<\/li>\n<li>von Uexk\u00fcll, Th., und Wesiack, W.: Theorie der Humanmedizin. Urban &#038; Schwarzenberg, M\u00fcnchen, Wien, Baltimore 1998. 3. Aufl., S. 489.<\/li>\n<li>Bleuler, E.: Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine \u00dcberwindung. Springer, Berlin, Heidelberg, New York 1975. 5. Aufl., S. 147.<\/li>\n<li>Blech, J.: Die Krankheitserfinder. S. Fischer, Frankfurt\/Main 2003.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5692\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2000, <b>34<\/b>, 1<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5604\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2001, <b>35<\/b>, 9<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6157\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2002, <b>36<\/b>, 31b.<\/a><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung: \u00c4rzte und Industrie sind aufeinander angewiesen. Beide Seiten wollen innovative Pharmakotherapie. Die Motivation ist jedoch sehr unterschiedlich: Die einen wollen mit sparsamem Einsatz der immer knapper werdenden Mittel mehr Gesundheit f\u00fcr ihre Patienten erreichen, die anderen m\u00fcssen mehr Umsatz erzielen f\u00fcr ihre Aktion\u00e4re. 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