{"id":40533,"date":"2003-12-01T12:00:00","date_gmt":"2003-12-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2003\/meningokokken-meningitis-wer-braucht-einen-impfschutz"},"modified":"2003-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-12-01T11:00:00","slug":"meningokokken-meningitis-wer-braucht-einen-impfschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/meningokokken-meningitis-wer-braucht-einen-impfschutz\/","title":{"rendered":"Meningokokken-Meningitis &#8211; Wer braucht einen Impfschutz?"},"content":{"rendered":"<p><b>Zusammenfassung: Meningokokken k\u00f6nnen lebensbedrohliche septische Krankheiten verursachen. Ein Impfschutz f\u00fcr gef\u00e4hrdete Altersgruppen (S\u00e4uglinge, Kleinkinder, Jugendliche) und f\u00fcr erwachsene Risikopersonen (Auslandsreisende, Laborpersonal, Immunschwache) ist deshalb dringend geboten. Bisher gibt es keinen Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B, die in Deutschland die meisten Infektionen hervorrufen. Seit dem Jahr 2000 stehen neben den traditionellen Polysaccharid-Impfstoffen auch Konjugat-Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C zur Verf\u00fcgung. Diese haben den Vorteil, da\u00df sie auch bei Kindern unter zwei Jahren &#8211; also bei der am meisten gef\u00e4hrdeten Altersgruppe &#8211; einen lang dauernden Impfschutz bewirken. Dementsprechend wurden die Impfempfehlungen durch die St\u00e4ndige Impfkommission aktualisiert.<\/b><\/p>\n<p>Invasive Meningokokken-Erkrankungen sorgen immer wieder f\u00fcr Beunruhigung in der \u00d6ffentlichkeit. Zwar handelt sich meist um Einzelf\u00e4lle, jedoch verlaufen sie oft schwer, bisweilen dramatisch oder gar t\u00f6dlich. Jedermann hat es schon gelesen oder geh\u00f6rt, da\u00df ein Kind nach fr\u00f6hlichem Spiel im Kindergarten oder nach dem Schulunterricht pl\u00f6tzlich erkrankt und trotz sofortiger Intensivbehandlung innerhalb weniger Stunden gestorben ist. Ein solch ersch\u00fctterndes Ereignis f\u00fchrt immer wieder zu den Fragen: \u201dWie h\u00e4tte man das Kind vor der Infektion sch\u00fctzen k\u00f6nnen?\u201d oder \u201dWie kann man Kontaktpersonen eines Patienten vor einer Ansteckung sch\u00fctzen?\u201d<\/p>\n<p><b>Epidemiologie und Impfpr\u00e4vention:<\/b> Meningokokkeninfektionen sind weltweit verbreitet, besonders im sogenannten Meningokokkeng\u00fcrtel, der sich in Zentralafrika von Obervolta \u00fcber Nigeria, Tschad bis nach \u00c4thiopien erstreckt; auch in Brasilien sind Meningokokkenerkrankungen h\u00e4ufig. Man sch\u00e4tzt die j\u00e4hrlich weltweit auftretenden Meningokokken-Meningitiden auf ca. 300000 (1, 2). Am h\u00e4ufigsten sind die Meningokokken-Serogruppen A, B, C und Y beteiligt (3, 4).<\/p>\n<p>In Deutschland herrscht die Serogruppe B vor (3, 5, 10). W\u00e4hrend in Gro\u00dfbritannien (6, 7) und in den Niederlanden (8) ein Anstieg der durch Gruppe C verursachten Meningitiden auf ca. 40% beobachtet wurde, blieb ihr Anteil in Frankreich (9) und Deutschland mit etwa 20% bis 2001 recht konstant (1, 2).<\/p>\n<p>Nach einer gr\u00f6\u00dferen Epidemie mit \u00fcber 1500 Meningitis-C-Erkrankungen und 150 Todesf\u00e4llen wurde 1999\/2000 in Gro\u00dfbritannien eine Impfkampagne gro\u00dfen Stils begonnen (6). Es wurde erstmals ein Meningokokken-Konjugat-Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe C eingesetzt, der auch bei Kindern unter zwei Jahren zu einer nachhaltigen Immunit\u00e4t f\u00fchrt. Mit diesem neuen Meningokokken-Konjugatimpfstoff wurden etwa 15 Mio. Kinder und Jugendliche, insbesondere die am meisten gef\u00e4hrdeten Altersgruppen unter 5 und zwischen 15 und 19 Jahren geimpft (7). Seit dieser Impfkampagne ist die Inzidenz der invasiven Meningokokken-Erkrankungen deutlich gesunken (1, 2). In den Niederlanden wurde im Januar 2002 eine allgemeine Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe C f\u00fcr alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit einem Konjugat-Impfstoff eingef\u00fchrt (8).<\/p>\n<p>Die H\u00e4ufigkeit der gemeldeten Meningokokken-Erkrankungen nimmt in Deutschland den bekannten saisonalen Verlauf. Im Winter steigt die Zahl der Erkrankungen. Im Jahr 2001 wurden in Deutschland 9 \u00f6rtliche H\u00e4ufungen mit insgesamt 30 Erkrankungen beobachtet, die durch mehrere Einzelf\u00e4lle im direkten oder \u00f6rtlichen Zusammenhang standen. Knapp 40% der F\u00e4lle betrafen Kinder unter 5 Jahren, und etwa 10% der Kinder erkrankten bereits im ersten Lebensjahr (5).<\/p>\n<p>Das Nationale Referenzlabor in W\u00fcrzburg (Leiter: Prof. Dr. Frosch) beobachtet in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut das epidemiologische Geschehen in Deutschland und hat die epidemiologischen Daten des Jahres 2002 freundlicherweise zur Verf\u00fcgung gestellt. Hierbei ist eine Zunahme der C-Meningokokken zu konstatieren; ihr Anteil stieg im Jahr 2002 immerhin auf 32% an, wie die Tab. 1 verdeutlicht. Diese Daten verpflichten dazu, die weitere Entwicklung aufmerksam zu verfolgen, um Schlu\u00dffolgerungen f\u00fcr pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen zu ziehen.<\/p>\n<p><b>Impfempfehlungen in Deutschland:<\/b> Bei uns sind Kapselpolysaccharid-Impfstoffe gegen die Serogruppen A und C (Meningokokken-Impfstoff A+C) bzw. A, C, Y, und W 135 (Mencevax ACWY) sowie Konjugatimpfstoffe (Meningitec, Menjugate, NeisVac-C) gegen die Serogruppe C zugelassen. Konjugatimpfstoffe haben den Vorteil, auch bei Kindern unter 2 Jahren zu einer boosterf\u00e4higen Immunit\u00e4t zu f\u00fchren (11, 12). Sie bieten deshalb dieser besonders gef\u00e4hrdeten Altersgruppe einen Impfschutz. Bis heute gibt es noch keinen Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B.<\/p>\n<p>In Deutschland ist die Meningokokken-Impfung eine Indikationsimpfung (13, 14). Gesundheitlich gef\u00e4hrdete Personen mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, insbesondere Komplementdefekten, Hypogammaglobulin\u00e4mie und Asplenie sollten einen Impfschutz erhalten. F\u00fcr die Wahl des Impfstoffs ist das Alter des Impflings ausschlaggebend: Kinder unter 2 Jahren erhalten einen Konjugatimpfstoff. Nach vollendetem zweiten Lebensjahr wird Polysaccharidimpfstoff eingesetzt. Laborpersonal sollte sich ebenfalls impfen lassen, wenn es mit dem Risiko eines Neisseria-meningitidis-Aerosols arbeitet. Als Reiseimpfung wird die Meningokokken-Impfung bei einem Ziel im \u201dMeningokokken-G\u00fcrtel\u201d empfohlen. Pilgerreisen (z.B. Hadschi) erfordern unter Beachtung der Einreisebestimmungen eine Impfung mit einem viervalenten Polysaccharid-Impfstoff (A, C, Y, W). Bei l\u00e4ngerem Aufenthalt in L\u00e4ndern mit einer hohen Meningitis-C-Inzidenz und Impfpflicht (GB, NL) sollten Sch\u00fcler und Studenten \u00fcber einen Impfschutz verf\u00fcgen.<\/p>\n<p><b>Schutz von Kontaktpersonen:<\/b> Alle Kontaktpersonen, Haushaltsmitglieder einschlie\u00dflich S\u00e4uglinge und Kleinkinder, erhalten schnellstm\u00f6glich eine Chemoprophylaxe. Diese besteht aus Rifampicin (20 mg\/kg KG\/d verteilt auf zwei Dosen; Jugendliche und Erwachsene zweimal 600 mg\/d) zwei Tage lang (11).<\/p>\n<p>In Erg\u00e4nzung zur Chemoprophylaxe f\u00fcr Kontaktpersonen k\u00f6nnen die zust\u00e4ndigen Gesundheitsbeh\u00f6rden zus\u00e4tzlich eine Impfpr\u00e4vention empfehlen, sofern das geh\u00e4ufte Auftreten oder der Ausbruch durch einen impfpr\u00e4ventablen Stamm &#8211; also nicht bei Serogruppe B &#8211; hervorgerufen wurde. Als <i>Ausbruch<\/i> wird das Auftreten von zwei oder mehr Erkrankungen der gleichen Serogruppe binnen vier Wochen in einer Gruppe (Kindereinrichtung etc.) und als <i>geh\u00e4uftes Auftreten<\/i> drei oder mehr Erkrankungen der gleichen Serogruppe binnen drei Monaten in einer Region definiert (13).<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen m\u00fcssen Personen jeden Alters, die Kontakt mit einem an einer invasiven Meningokokkeninfektion erkrankten Patienten hatten, \u00fcber die Fr\u00fchsymptome der Erkrankung aufgekl\u00e4rt werden und bed\u00fcrfen einer sorgf\u00e4ltigen klinischen \u00dcberwachung. Bei Fieber ist nach Einleiten der mikrobiologischen Diagnostik sofort mit einer antibakteriellen Behandlung zu beginnen.<\/p>\n<p><b> <\/b><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Dittmann, S.: INFOMED, Berlin 2001.<\/li>\n<li>Dittmann, S.: Kinder\u00e4rztl. Praxis 2001, Nr. 3, 150.<\/li>\n<li>Frosch, M.: Kinder\u00e4rztl. Praxis 2001, Nr. 3, 159.<\/li>\n<li>Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. Hrsg.: Hahn, H., Falke, D., Kaufmann, S.H.E, Ullmann, U., Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 2001, 4. Aufl.<\/li>\n<li>Epid. Bull. Nr. 33, 2002.<\/li>\n<li>Ramsay, M.: Eurosurveillance Weekly, special issue (13.04.2000).<\/li>\n<li>Richmond, P., et al.: J. Infect. Dis. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10228085&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>179<\/b>, 1569<\/a>.<\/li>\n<li>Epid. Bull. Nr. 17, 2002.<\/li>\n<li>Prescrire International 2002, <b>11<\/b>, 13.<\/li>\n<li>Vogel, U.: Nationales Referenzzentrum Meningokokken. Institut f\u00fcr Hygiene und Mikrobiologie, W\u00fcrzburg. Pers\u00f6nliche Mitteilung.<\/li>\n<li>Schmitt, H.-J., H\u00fcl\u00dfe, C., Raue, W. (Hrsg.): Schutzimpfungen 2001. INFOMED, Berlin 2001.<\/li>\n<li>Schneewei\u00df, B.: Impfen &#8211; ganz praktisch. UNIMED, Bremen, London, Boston 2002.<\/li>\n<li>Epid. Bull. Nr. 28, 2002.<\/li>\n<li>Epid. Bull. Nr. 30, 2002.<\/li>\n<\/ol>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/wp-content\/uploads\/2003\/12\/Abbildung-2003-89-1.gif\" alt=\"Abbildung 2003-89-1.gif\" class=\"table-figure\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung: Meningokokken k\u00f6nnen lebensbedrohliche septische Krankheiten verursachen. Ein Impfschutz f\u00fcr gef\u00e4hrdete Altersgruppen (S\u00e4uglinge, Kleinkinder, Jugendliche) und f\u00fcr erwachsene Risikopersonen (Auslandsreisende, Laborpersonal, Immunschwache) ist deshalb dringend geboten. Bisher gibt es keinen Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B, die in Deutschland die meisten Infektionen hervorrufen. 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