{"id":40556,"date":"2004-04-01T12:05:00","date_gmt":"2004-04-01T10:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2004\/gabe-von-folsaeure-in-der-fruehschwangerschaft-und-neuralrohrdefekte-beim-feten"},"modified":"2004-04-01T12:05:00","modified_gmt":"2004-04-01T10:05:00","slug":"gabe-von-folsaeure-in-der-fruehschwangerschaft-und-neuralrohrdefekte-beim-feten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/gabe-von-folsaeure-in-der-fruehschwangerschaft-und-neuralrohrdefekte-beim-feten\/","title":{"rendered":"Gabe von Fols\u00e4ure in der Fr\u00fchschwangerschaft und Neuralrohrdefekte beim Feten"},"content":{"rendered":"<p>Seit Anfang der 90er Jahre ist bekannt, da\u00df die perikonzeptionelle Einnahme kleiner Dosen von Fols\u00e4ure die Zahl von Neuralrohr-Defekten (NRD) bei Neugeborenen reduziert (s.a. 1). In Experimenten an der Ratte wurde gezeigt, da\u00df die Injektion von Antiseren gegen Folatrezeptoren (FR) bei tragenden Ratten zur Resorption der Feten f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund untersuchten S.P. Rothenberg et al. aus New York (2) die Seren von 12 Frauen, die Kinder mit NRD geboren hatten (Gruppe 1) sowie die von 20 Frauen mit gesunden Kindern und von 4 Nulligravida (24 Kontrollen, Gruppe 2) auf FR-Antik\u00f6rper. Die Technik bestand im Messen der Verdr\u00e4ngung von tritiertem Folat durch die betreffenden Seren von den FR an Plazentamembranen und an zwei verschiedenen Zellkultur-Populationen, die FR exprimieren.<\/p>\n<p>Neun von 12 Seren der Gruppe 1 und 2 von 24 der Gruppe 2 enthielten FR-Antik\u00f6rper. Der Unterschied zwischen den mittleren Titern der beiden Gruppen war trotz der kleinen Probandenzahl hochsignifikant (p = 0,002). Die Autoren betonen, da\u00df weitere Studien kl\u00e4ren m\u00fcssen, ob die Antik\u00f6rper die NRD verursacht haben.<\/p>\n<p>In einem Editorial von N.J. Wald aus London im gleichen Heft des N. Engl. J. Med. (3) wird ausgef\u00fchrt, da\u00df die Befunde von Rothenberg et al. die Ergebnisse verschiedener klinischer Studien erkl\u00e4ren k\u00f6nnten. In verschiedenen L\u00e4ndern, so auch in Deutschland, wird Frauen, die eine Schwangerschaft planen, empfohlen, vor der Konzeption und im ersten Trimenon der Schwangerschaft 0,4 mg Fols\u00e4ure t\u00e4glich einzunehmen. Dies f\u00fchre zu einer Reduktion der Inzidenz von NRD um ca. 36%. In Gro\u00dfbritannien ergab eine Studie jedoch, da\u00df die perikonzeptionelle Einnahme von 4 mg Fols\u00e4ure\/d die Inzidenz der NRD um ca. 80% reduziert. Seit l\u00e4ngerem schon wird Frauen, die bereits ein Kind mit NRD geboren haben (oder die bestimmte Antiepileptika einnehmen m\u00fcssen, die den Folat-Abbau beschleunigen), empfohlen, vor bzw. in der n\u00e4chsten Schwangerschaft 5 mg Fols\u00e4ure\/d einzunehmen. Hierdurch wird die Inzidenz von NRD nachweislich gesenkt. Wald h\u00e4lt es f\u00fcr wahrscheinlich, da\u00df bei Frauen mit Autoantik\u00f6rpern gegen FR das Angebot einer gr\u00f6\u00dferen Folatdosis durch Verdr\u00e4ngung der Antik\u00f6rper vom FR die Entstehung von NRD verhindern kann.<\/p>\n<p>Fols\u00e4ure bzw. Methyl-Folat greift durch die Methylierung von Uracil zu Thymidin, von fertigen Nukleins\u00e4uren, durch vermehrte Methionin-Synthese (und Senken der Homozystein-Konzentration im Serum) in sehr viele biochemische Reaktionen ein. Bisher gibt es kaum Hinweise darauf, da\u00df eine relativ hoch dosierte Folat-Supplementierung, z.B. von Mehl und Zerealien (in den USA und anderen amerikanischen Staaten bereits Routine) oder die langfristige Einnahme von 5 mg Folat\/d durch Menschen mit hohen Homozysteinwerten zur Prophylaxe der Arteriosklerose zu erheblichen unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen (UAW) f\u00fchrt. Eine bekannte aber seltene UAW ist die Verschleierung einer makrozyt\u00e4ren An\u00e4mie durch Einnahme von Fols\u00e4ure bei Menschen mit einem Vitamin-B<sub>12<\/sub>-Mangel. An diese M\u00f6glichkeit mu\u00df bei geplanter Langzeitmedikation mit Fols\u00e4ure gedacht werden.<\/p>\n<p>In einem Clinical Review im Brit. Med. J. (4) stellt M. Lucock aus Australien fest, da\u00df in den letzten 5 Jahren die Zahl wissenschaftlicher Publikationen \u00fcber Folat und Schwangerschaft bzw. kardiovaskul\u00e4re Erkrankungen explosionsartig gestiegen ist. Er warnt davor, die Bev\u00f6lkerungen ganzer L\u00e4nder mit relativ gro\u00dfen Dosen Folat zu versorgen, einer Substanz mit so vielf\u00e4ltigen Effekten auf das Genom und auf die epigenetischen biochemischen Vorg\u00e4nge. Auf jeden Fall sei gro\u00dfe Wachsamkeit hinsichtlich m\u00f6glicher UAW angesagt.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Bei Frauen, die Kinder mit Neuralrohrdefekten (NRD) geboren haben, finden sich oft Antik\u00f6rper gegen Fols\u00e4urerezeptoren im Serum. Dieser Befund k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum bei solchen Frauen eine gr\u00f6\u00dfere t\u00e4gliche Dosis von Fols\u00e4ure (5 mg\/d) perikonzeptionell bei sp\u00e4teren Schwangerschaften erforderlich ist, um erneute NRD zu verhindern als bei anderen Frauen (0,4 bis 0,8 mg\/d). Die optimale prophylaktische Dosis von Fols\u00e4ure f\u00fcr Schwangere mit durchschnittlichem Risiko f\u00fcr NRD der Feten unter Ber\u00fccksichtigung m\u00f6glicher UAW ist noch nicht bekannt.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5587\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2001, <b>35<\/b>, 94<\/a>.<\/li>\n<li>S.P. Rothenberg, S.P., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=14711912&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2004, <b>350<\/b>, 134<\/a>.<\/li>\n<li>Wald, N.J.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=14711907&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2004, <b>350<\/b>, 101<\/a>.<\/li>\n<li>Lucock, M.: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=14739191&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2004, <b>328<\/b>, 211<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anfang der 90er Jahre ist bekannt, da\u00df die perikonzeptionelle Einnahme kleiner Dosen von Fols\u00e4ure die Zahl von Neuralrohr-Defekten (NRD) bei Neugeborenen reduziert (s.a. 1). In Experimenten an der Ratte wurde gezeigt, da\u00df die Injektion von Antiseren gegen Folatrezeptoren (FR) bei tragenden Ratten zur Resorption der Feten f\u00fchrt. Aus diesem Grund untersuchten S.P. 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