{"id":40606,"date":"2004-11-01T12:00:00","date_gmt":"2004-11-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2004\/12-novelle-zur-aenderung-des-arzneimittelgesetzes-amg-bedeutung-fuer-die-arzneimittelsicherheit-und-arzneimittelentwicklung"},"modified":"2004-11-01T12:00:00","modified_gmt":"2004-11-01T11:00:00","slug":"12-novelle-zur-aenderung-des-arzneimittelgesetzes-amg-bedeutung-fuer-die-arzneimittelsicherheit-und-arzneimittelentwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/12-novelle-zur-aenderung-des-arzneimittelgesetzes-amg-bedeutung-fuer-die-arzneimittelsicherheit-und-arzneimittelentwicklung\/","title":{"rendered":"12. Novelle zur \u00c4nderung des Arzneimittelgesetzes (AMG): Bedeutung f\u00fcr die Arzneimittelsicherheit und Arzneimittelentwicklung"},"content":{"rendered":"<p><b>Zusammenfassung: Die 12. Novelle des AMG ist am 6. August 2004 in Kraft getreten. Die Neuerungen beinhalten Chancen und Gefahren. Bei klinischen Pr\u00fcfungen mit Arzneimitteln wird die Verfahrensweise jetzt pr\u00e4ziser definiert als eine Voraussetzung f\u00fcr qualitativ einwandfreie Abl\u00e4ufe. Die Fristen f\u00fcr die Beratung klinischer Pr\u00fcfungen in den Ethikkommissionen und im Genehmigungsverfahren durch das BfArM bzw. Paul-Ehrlich-Institut werden erstmals definiert und damit k\u00fcrzer. Dadurch entstehen jedoch Risiken, da\u00df die Daten nicht eingehend genug gepr\u00fcft werden k\u00f6nnen. Das Votum der Ethikkommission wird aufgewertet und justiziabel mit noch ungekl\u00e4rten Haftungsfragen. Es wird ein zentrales Register aller Studien eingef\u00fchrt. Dies ist sehr zu begr\u00fc\u00dfen, aber es sollte \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sein. Die Pharmakovigilanz gewinnt einen h\u00f6heren Stellenwert, jedoch ist die Finanzierung der vorgesehenen Zentren noch nicht gesichert. Am 30. April 2004 wurde die Reform der europ\u00e4ischen Arzneimittelgesetzgebung verabschiedet, deren Bestimmungen jetzt so rasch wie m\u00f6glich in die nationale Gesetzgebung \u00fcbernommen werden sollen.<\/b><\/p>\n<p>Die 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes ist am 6. August 2004 in Kraft getreten. Sie dient der Implementierung europ\u00e4ischen Rechts in nationales Recht. Es geht um die Umsetzung der Richtlinien \u00fcber die Anwendung der guten klinischen Praxis (GCP) bei der Durchf\u00fchrung von klinischen Pr\u00fcfungen mit Humanarzneimitteln (2001\/20\/EG), der guten Herstellungspraxis f\u00fcr Humanarzneimittel und Pr\u00fcfpr\u00e4parate (2003\/94\/EG) und um die Pharmakovigilanz bei Humanarzneimitteln (2001\/83\/EG). Die Ziffern vermitteln einen Eindruck von der Geschwindigkeit in der Umsetzung von der europ\u00e4ischen auf die nationale Ebene. Die Novelle ist besonders bedeutsam f\u00fcr Industrie, Zulassungsbeh\u00f6rden, Ethikkommissionen und \u00c4rzte, die klinische Pr\u00fcfungen mit Humanarzneimitteln durchf\u00fchren. Sie nimmt aber auch Einflu\u00df auf die Qualit\u00e4t der Arzneimittelversorgung und ist damit f\u00fcr jeden wichtig, der Arzneimittel anwendet.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird auf wesentliche Inhalte der beiden Schwerpunkte der 12. AMG-Novelle eingegangen: die Anwendung der GCP bei der Durchf\u00fchrung klinischer Pr\u00fcfungen und die Pharmakovigilanz.<\/p>\n<p><b>GCP bei der Durchf\u00fchrung klinischer Pr\u00fcfungen mit Humanarzneimitteln:<\/b> 1. Die 12. AMG-Novelle bzw. die GCP-Verordnung (GCP-V) sollen die ordnungsgem\u00e4\u00dfe Durchf\u00fchrung der klinischen Pr\u00fcfung unter \u201eEinhaltung der allgemein anerkannten ethischen und wissenschaftlichen Qualit\u00e4tsanforderungen bei der Planung, Durchf\u00fchrung und Dokumentation klinischer Pr\u00fcfungen am Menschen und der Berichterstattung dar\u00fcber sicherstellen.\u201d Dar\u00fcber hinaus soll die Bereitstellung der dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechenden Unterlagen gew\u00e4hrleistet sein. Damit sollen Rechte, Sicherheit und Wohlergehen der Person, bei der die klinische Pr\u00fcfung durchgef\u00fchrt wird, gesch\u00fctzt und die Glaubw\u00fcrdigkeit der Ergebnisse der klinischen Pr\u00fcfung garantiert werden. Auf die weitreichenden Anforderungen an die Qualit\u00e4t kontrollierter klinischer Studien haben wir wiederholt hingewiesen (11). Diesen unverbindlichen Richtlinien m\u00fc\u00dften auch die Studien entsprechen, die den Zulassungsbeh\u00f6rden bei der Einf\u00fchrung neuer Arzneimittel vorgelegt werden. Zun\u00e4chst einmal hat der Gesetzgeber in \u00a7 4 AMG und \u00a7 3 GCP-V aber genaue Definitionen der im Zusammenhang mit klinischen Pr\u00fcfungen relevanten Begriffe (klinische Pr\u00fcfung, Sponsor, Pr\u00fcfer, Pr\u00fcfplan, Pr\u00fcfpr\u00e4parat) festgelegt. Der \u00a7 4 unterscheidet eindeutig zwischen klinischen Pr\u00fcfungen und nicht-interventionellen Pr\u00fcfungen, f\u00fcr die deshalb das AMG nicht gilt. Eine Abgrenzung zwischen den in der Regel durch den pharmazeutischen Unternehmer (PU) initiierten klinischen Pr\u00fcfungen und den nicht-kommerziellen Therapieoptimierungsstudien wurde nicht vorgenommen. Durch Therapieoptimierungsstudien konnten in den zur\u00fcckliegenden zwei bis drei Jahrzehnten in der Onkologie, aber auch in anderen medizinischen Fachgebieten, wissenschaftlich strukturierte und standardisierte Therapiekonzepte weiterentwickelt und ein hohes Ma\u00df an Qualit\u00e4tssicherung diagnostischer Verfahren bzw. therapeutischer Strategien erreicht werden. Besonders bei h\u00e4matologischen Neoplasien und in der p\u00e4diatrischen Onkologie wurden dadurch klinische Risikogruppen identifiziert und die Prognose dieser Erkrankungen durch risikoadaptierte Therapiestrategien wesentlich verbessert. Auf die Notwendigkeit, unabh\u00e4ngig vom PU geplante und durchgef\u00fchrte Therapieoptimierungsstudien aus den formalen Anforderungen herauszunehmen, wurde an anderer Stelle ausf\u00fchrlich eingegangen (6).<\/p>\n<p>2. Im \u00a7 40 AMG werden die allgemeinen Voraussetzungen der klinischen Pr\u00fcfung eines Arzneimittels beim Menschen festgelegt. Sie darf vom Sponsor nur begonnen werden, wenn die zust\u00e4ndige Ethik-Kommission diese zustimmend bewertet und die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde diese genehmigt hat. Dadurch werden aus ehrenamtlich t\u00e4tigen Ethik-Kommissionen, die bisher nur in beratender Funktion t\u00e4tig waren, Patienten-\/Probandenschutzinstitutionen mit Beh\u00f6rdencharakter. Ihre Entscheidungen k\u00f6nnen gerichtlich \u00fcberpr\u00fcft werden. Das Haftungsrisiko ist erheblich, wenn sie z.B. eine Studie ablehnt, der Hersteller einen Formfehler bei der Entscheidung geltend macht und Kostenersatz f\u00fcr den Einkommensausfall fordert, der durch die versp\u00e4tete Zulassung entsteht. Diese Haftungsrisiken waren bisher beim Staat, und nicht alle Ethikkommissionen sind bereit, sie zu \u00fcbernehmen. Die Voraussetzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer klinischen Pr\u00fcfung ist dar\u00fcber hinaus an eine \u201egeeignete Einrichtung\u201d und einen \u201eangemessen qualifizierten\u201d Pr\u00fcfer gebunden. Weitere Voraussetzungen sind \u201eeine dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechende pharmakologisch-toxikologische Pr\u00fcfung des Arzneimittels\u201d, der Abschlu\u00df einer Probanden\/Patienten-Versicherung und die Beachtung der Anforderungen f\u00fcr eine ad\u00e4quate Aufkl\u00e4rung des Probanden\/Patienten \u00fcber \u201eWesen, Bedeutung, Risiken und Tragweite der klinischen Pr\u00fcfung\u201d. Auf die klinische Pr\u00fcfung bei Kindern und Jugendlichen wurde an anderer Stelle ausf\u00fchrlich eingegangen (5).<\/p>\n<p>3. Einzelheiten der Verfahren bei der Ethik-Kommission und im Genehmigungsverfahren bei der Bundesoberbeh\u00f6rde sind ebenfalls festgelegt (s.a. 6). Vom Sponsor m\u00fcssen nach \u00a7 42 ein Antrag auf zustimmende Bewertung bei der zust\u00e4ndigen Ethik-Kommission und ein Antrag auf Genehmigung der klinischen Pr\u00fcfung bei der zust\u00e4ndigen Bundesoberbeh\u00f6rde eingereicht werden. Bei multizentrischen klinischen Pr\u00fcfungen, die im Geltungsbereich des AMG an mehr als einer Pr\u00fcfstelle erfolgen, bewertet die federf\u00fchrende Ethik-Kommission den Antrag im Benehmen mit den beteiligten lokalen Ethik-Kommissionen. Auf die wichtige Rolle der lokalen Ethik-Kommissionen bei multizentrischen klinischen Pr\u00fcfungen soll an dieser Stelle hingewiesen werden. Nur die lokale Ethikkommission kann die fachlichen Voraussetzungen vor Ort sicher beurteilen.<\/p>\n<p>Die von der europ\u00e4ischen Datenbank f\u00fcr klinische Pr\u00fcfungen (EudraCT) vergebene Nummer des Pr\u00fcfplans mu\u00df dem Antrag an die Ethikkommission und dem Antrag an die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde beigef\u00fcgt werden. Diese Datenbank wird hoffentlich die Transparenz klinischer Pr\u00fcfungen in Europa wesentlich verbessern und rasch zur Etablierung nationaler Studienregister f\u00fchren. Dadurch k\u00f6nnten seit langem bekannte Defizite klinischer Pr\u00fcfungen, wie z.B. die Doppel-\/Mehrfachausf\u00fchrungen bzw. das unethische \u201eUnderreporting\u201d (7, 8) verhindert und wirklich innovative Studiendesigns gef\u00f6rdert werden. Leider ist nach diesem Gesetz aber das EudraCT-Register weitgehend vertraulich. Die Informationen sind nur f\u00fcr Zulassungsbeh\u00f6rden und f\u00fcr die betroffenen PU zug\u00e4nglich und nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Das ist ein gro\u00dfes Defizit, das beseitigt werden mu\u00df.<\/p>\n<p>4. Ein erw\u00e4hnenswerter Fortschritt ist, da\u00df in dem Antrag an die Ethik-Kommission und in dem Antrag an die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde vom Antragsteller zuk\u00fcnftig auch konkrete Angaben zu m\u00f6glichen Interessenkonflikten in Zusammenhang mit dem Pr\u00fcfpr\u00e4parat gemacht werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>5. Die Fristen f\u00fcr die Bewertung klinischer Pr\u00fcfungen durch die Ethik-Kommission bzw. Genehmigung durch die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde sind ebenfalls festgelegt. Grunds\u00e4tzlich gilt eine Frist von 60 Tagen nach Eingang des ordnungsgem\u00e4\u00dfen Antrags, innerhalb der die federf\u00fchrende Ethikkommission dem Sponsor und der zust\u00e4ndigen Bundesoberbeh\u00f6rde ihre mit Gr\u00fcnden versehene Bewertung \u00fcbermitteln mu\u00df. Fristverk\u00fcrzungen bzw. Fristverl\u00e4ngerungen sind vorgesehen. F\u00fcr beteiligte Ethikkommissionen im Rahmen multizentrischer Pr\u00fcfungen gilt, da\u00df eine Bewertung hinsichtlich Qualifikation der lokalen Pr\u00fcfer und der Pr\u00fcfstellen der federf\u00fchrenden Ethikkommission innerhalb von 30 Tagen nach Eingang des ordnungsgem\u00e4\u00dfen Antrages vorliegen mu\u00df. Die Genehmigung durch die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde gilt als erteilt, wenn dem Sponsor innerhalb von h\u00f6chstens 30 Tagen nach Eingang der Antragsunterlagen keine mit Gr\u00fcnden versehenen Einw\u00e4nde \u00fcbermittelt werden.<\/p>\n<p>Insgesamt werden auf Druck der pharmazeutischen Industrie die Bearbeitungsfristen in den Ethik-Kommissionen und Bundesoberbeh\u00f6rden deutlich verk\u00fcrzt. Andererseits ist aber klar, da\u00df eine belastungsf\u00e4hige wissenschaftliche Analyse Zeit ben\u00f6tigt. Je k\u00fcrzer die Fristen, desto weniger k\u00f6nnen m\u00f6gliche Risiken der Studien ausreichend bedacht werden. Es wird wahrscheinlicher, da\u00df Ma\u00dfnahmen zur Erfassung unerwarteter UAW im Pr\u00fcfplan unzureichend ber\u00fccksichtigt und die UAW dann erst nach der Zulassung des Medikaments entdeckt werden.<\/p>\n<p><b>Pharmakovigilanz:<\/b> DER ARZNEIMITTELBRIEF ist Mitglied der International Society of Drug Bulletins (ISDB). Diese Vereinigung hat am 31.10.\/1.11.2003 eine Arbeitsgruppensitzung nach Berlin einberufen. Es wurde eine Deklaration zur Pharmakovigilanz diskutiert. Die endg\u00fcltige Form wird im Dezember 2004 auf den Websites der Mitglieder gelesen werden k\u00f6nnen, also auch bei uns (14). Information \u00fcber Arzneimittelnebenwirkungen und damit das Verh\u00e4ltnis von m\u00f6glichem Nutzen und m\u00f6glichen Sch\u00e4den einer Therapie steht f\u00fcr uns und unsere Leser im Mittelpunkt des Interesses und damit auch dieser Teil der Gesetzgebung.<\/p>\n<p>Pharmakovigilanz ist das Bem\u00fchen, die Therapiesicherheit zu erfassen und zu verbessern. Die sorgf\u00e4ltige Erfassung unerw\u00fcnschter Arzneimittelwirkungen (UAW) mit dem Ziel, Patienten fr\u00fchzeitig vor schweren UAW zu warnen, Fach- und Gebrauchsinformationen entsprechend zu \u00e4ndern und ggf. eine Marktr\u00fccknahme durch die Zulassungsbeh\u00f6rden zu erwirken, hat in den zur\u00fcckliegenden 10-15 Jahren auch vor dem Hintergrund einer Globalisierung von Wirtschafts- und Gesundheitspolitik, Arzneimittelindustrie sowie Arzneimittelinformationen, verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit gefunden.<\/p>\n<p>In der deutschen (Muster-) Berufsordnung sind in \u00a7 6 die Aufgaben der \u00c4rzte bei der Mitteilung von UAW festgelegt: Der Arzt ist verpflichtet, die ihm aus seiner \u00e4rztlichen Behandlungst\u00e4tigkeit bekannt werdenden UAW der Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft mitzuteilen (Fachausschu\u00df der Bundes\u00e4rztekammer).<\/p>\n<p>Die wesentlichen Inhalte der neuen Regelungen zur Pharmakovigilanz k\u00f6nnen wie folgt zusammengefa\u00dft werden:<\/p>\n<p>Der Begriff Nebenwirkungen wird umfassender definiert. Es sind \u201ebeim bestimmungsgem\u00e4\u00dfen Gebrauch eines Arzneimittels auftretende sch\u00e4dliche, unbeabsichtigte Reaktionen\u201d. Ferner werden auch unter Ber\u00fccksichtigung der differenzierten Meldeverpflichtungen die Begriffe \u201eschwerwiegende Nebenwirkungen\u201d und \u201eunerwartete Nebenwirkungen\u201d aufgenommen und Wechselwirkungen als eine Sonderform der Nebenwirkungen klassifiziert.<\/p>\n<p>Durch eine Erg\u00e4nzung in \u00a7 33 AMG werden die zust\u00e4ndigen Bundesoberbeh\u00f6rden nunmehr erm\u00e4chtigt, auch f\u00fcr \u201edie T\u00e4tigkeit im Rahmen der Sammlung und Bewertung von Arzneimittelrisiken\u201d Geb\u00fchren zu erheben. Dies entspricht auch der Praxis in anderen L\u00e4ndern. Dadurch wird die Beh\u00f6rde unabh\u00e4ngiger von den schrumpfenden Staatsfinanzen. Andererseits mu\u00df darauf geachtet werden, da\u00df sich durch diese Geb\u00fchren keine Abh\u00e4ngigkeit von den betroffenen Firmen aufbaut.<\/p>\n<p>Im \u00a7 62 AMG wird die Einbeziehung nationaler Pharmakovigilanzzentren in das Pharmakovigilanzsystem als Grundsatz etabliert. Derzeit basieren in Deutschland das Erkennen und die Bewertung von UAW wesentlich auf der Spontanberichterstattung. Diese ist fest etabliert und hat den unbestreitbaren Vorteil, da\u00df damit grunds\u00e4tzlich alle exponierten Patienten \u00fcberwacht und somit bisher unbekannte Arzneimittelrisiken fr\u00fchzeitig erkannt werden k\u00f6nnen. Die Spontanberichterstattung leidet jedoch an den bekannten und h\u00e4ufig diskutierten Nachteilen (9), wie z.B. der geringen Melderate, der eingeschr\u00e4nkten Beurteilbarkeit der gemeldeten F\u00e4lle auf Grund unvollst\u00e4ndiger Angaben und der Industrielastigkeit. Insbesondere aber kann sie keine Erkenntnisse zur H\u00e4ufigkeit (Inzidenz) auftretender UAW liefern.<\/p>\n<p>Um eine weitere Verbesserung der Arzneimittelsicherheit in Deutschland zu erreichen und die beschriebenen Defizite der Spontanberichterfassung auszugleichen, sollen daher erg\u00e4nzend nationale Pharmakovigilanzzentren aufgebaut werden, wie sie seit langem von den unabh\u00e4ngigen Arzneimittelinformationsbl\u00e4ttern gefordert werden. Diese Zentren k\u00f6nnen bei Krankenhausaufnahmen, schweren Krankheitsbildern oder spezifischen Patientengruppen (z.B. Schwangere, Stillende) gezielt nach UAW suchen und folgende Aufgaben wahrnehmen:<\/p>\n<p>\u00b7 standardisierte Erfassung und Bewertung, besonders schwerwiegender UAW, einschlie\u00dflich einer qualit\u00e4tsgesicherten Weiterleitung der Meldungen an die zust\u00e4ndige Bundesoberbeh\u00f6rde,<\/p>\n<p>\u00b7 Anwendung von Methoden, die eine Sch\u00e4tzung der relativen H\u00e4ufigkeit von UAW erlauben,<\/p>\n<p>\u00b7 Bearbeitung konkreter Fragen der Bundesoberbeh\u00f6rden auf dem Gebiet der Pharmakovigilanz,<\/p>\n<p>\u00b7 Bereitstellung von Beratungsangeboten f\u00fcr die Einzelfall-bezogene Pharmakotherapie,<\/p>\n<p>\u00b7 Beteiligung an der \u00e4rztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung auf dem Gebiet der Pharmakotherapie,<\/p>\n<p>\u00b7 organisatorische Anregungen, z.B. Fokussierung der Spontanmeldungen auf bestimmte Medikamentengruppen, Einbeziehung der Apotheker, speziell der Krankenhausapotheker, und der anderen im Gesundheitswesen t\u00e4tigen Berufsgruppen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kann erwartet werden, da\u00df mit der dauerhaften Etablierung derartiger Zentren die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Fragen der Pharmakovigilanz erh\u00f6ht wird. Ausgehend vom Modellprojekt des Bundesinstituts f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte soll in den n\u00e4chsten Jahren schrittweise ein Netz von zehn bis zw\u00f6lf Zentren aufgebaut werden. Solche Zentren entstehen aber nicht, wenn sie nicht finanziert werden k\u00f6nnen. Die Verantwortlichen sollten ber\u00fccksichtigen, da\u00df durch UAW hohe Kosten entstehen, die gegen die Kosten der Pharmakovigilanz aufgerechnet werden k\u00f6nnen (12). Die Pharmakovigilanz braucht starke Lobbyisten.<\/p>\n<p>Mit dem neuen \u00a7 63b AMG werden differenzierte Meldeverpflichtungen der Beh\u00f6rden \u00fcber UAW geregelt. Damit wird auch die Mitwirkung Deutschlands beim Aufbau eines EU-weiten Datenbanksystems (EudraVigilanz) gesichert. Die zust\u00e4ndige Bundesbeh\u00f6rde hat &#8211; wie die Beh\u00f6rden der anderen EU-Mitgliedsstaaten &#8211; k\u00fcnftig jeden ihr zur Kenntnis gegebenen Verdachtsfall einer schwerwiegenden UAW an das europ\u00e4ische Datenbanksystem zu \u00fcbermitteln. Durch elektronische Kommunikation k\u00f6nnen k\u00fcnftig die dort gespeicherten Meldungen aus allen Mitgliedsstaaten f\u00fcr eigene Bewertungen genutzt werden. Weiterhin wird jedoch die vollst\u00e4ndige Datenbank mit prim\u00e4ren Daten nur den Zulassungsbeh\u00f6rden zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Entgegen der bisherigen Regelung wird das Verfahren zur Meldung von UAW, die bei klinischen Pr\u00fcfungen auftreten, gesondert geregelt. Diese Vorschriften beinhalten insbesondere die Meldeverpflichtungen des Pr\u00fcfers und des Sponsors an die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden und Ethik-Kommissionen.<\/p>\n<p><b>Ausblick:<\/b> Die durch die 12. AMG-Novelle erreichte Harmonisierung in der EG bei der Durchf\u00fchrung klinischer Pr\u00fcfungen und in der Pharmakovigilanz ist grunds\u00e4tzlich zu begr\u00fc\u00dfen, da europaweit vergleichbare Bedingungen f\u00fcr klinische Pr\u00fcfungen geschaffen und zugleich Arzneimittelsicherheit und Probanden-\/Patienten-Schutz verbessert werden. Wichtige Regelungen hinsichtlich der Etablierung von Datenbanken zu klinischen Pr\u00fcfungen (EudraCT) und schwerwiegenden UAW (EudraVigilanz) werden in nationales Recht umgesetzt. Die mit der 12. AMG-Novelle bzw. den Rechtsverordnungen verbundenen Aufgaben f\u00fcr Ethik-Kommissionen und Bundesoberbeh\u00f6rden erfordern die Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur, damit bei Bewertung bzw. Genehmigung der Antr\u00e4ge auf klinische Pr\u00fcfungen wichtige Aspekte, wie Qualit\u00e4t und Probanden-\/Patienten-Schutz, ad\u00e4quat ber\u00fccksichtigt und die vorgesehenen Fristen eingehalten werden k\u00f6nnen. Das N\u00e4here zur Bildung, Zusammensetzung und Finanzierung der Ethik-Kommissionen wird durch Landesrecht bestimmt. Nach vorsichtigen Sch\u00e4tzungen von Experten der Haftpflichtversicherung ist davon auszugehen, da\u00df von PU im Schadensfall infolge zu sp\u00e4t ergangener oder unsachgem\u00e4\u00df ablehnender Bescheide Sch\u00e4den bis in den f\u00fcnfstelligen Millionen-Euro-Bereich entstehen und vor Gerichten geltend gemacht werden k\u00f6nnten. Vor diesem Hintergrund mu\u00df die Haftpflicht der Ethik-Kommissionen und die Finanzierung der ggf. entstehenden Forderungen rasch gekl\u00e4rt werden. Angesichts der zunehmenden Komplexit\u00e4t klinischer Pr\u00fcfungen und der damit verbundenen wissenschaftlichen und ethischen Fragen (9, 10) sollte auch \u00fcber neue Strukturen (z.B. Schaffung speziell ausgerichteter Ethik-Kommissionen) nachgedacht werden, um eine unabh\u00e4ngige Nutzen-\/Risiko-Bewertung auf dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu garantieren.<\/p>\n<p>Auf der europ\u00e4ischen Ebene hat sich die Gesetzgebung bereits weiterentwickelt. Am 30. April 2004 wurden von der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft die Verordnung 726\/2004 und die Richtlinie 2004\/27\/EG ver\u00f6ffentlicht, durch die die Transparenz von Entscheidungen nationaler und europ\u00e4ischer Zulassungsbeh\u00f6rden verbessert, die Forschung auf dem Gebiet der Pharmakovigilanz gef\u00f6rdert und \u00c4nderungen bei den Zulassungsverfahren f\u00fcr Arzneimittel vorgenommen werden sollen (1). Einige wichtige Punkte sollen speziell erw\u00e4hnt werden:<\/p>\n<p>\u00b7 Auch die Mitarbeiter der Zulassungsbeh\u00f6rden und deren Gutachter sollen \u00fcber ihre m\u00f6glichen Interessenkonflikte berichten.<\/p>\n<p>\u00b7 Bei einigen Entscheidungen mu\u00df anders als bisher der zus\u00e4tzliche Nutzen eines Medikaments bei seiner Beurteilung ber\u00fccksichtigt werden. Der Wirksamkeitsnachweis allein gen\u00fcgt nicht mehr f\u00fcr die Zulassung oder die Verl\u00e4ngerung der Zulassung.<\/p>\n<p>\u00b7 In Zukunft m\u00fcssen nicht mehr nur die biotechnologisch hergestellten Medikamente, sondern auch Medikamente zur Behandlung von AIDS, Krebs, Diabetes und neurodegenerativen St\u00f6rungen sowie sehr selten zu verordnende Medikamente durch den zentralen Zulassungsproze\u00df gehen, der \u00fcbersichtlicher ist und nationale Sonderinteressen kompensieren kann.<\/p>\n<p>\u00b7 Die Zulassungsfristen wurden beibehalten und nicht verk\u00fcrzt, wie das von Vertretern der Pharmaindustrie gefordert worden war. Das ist von gro\u00dfer Bedeutung, denn schon bei den z.Z. geltenden Fristen hat die mit der Zulassung festgestellte Unbedenklichkeit einen vorl\u00e4ufigen Charakter (2, 3). Eine k\u00fcrzlich in den USA durchgef\u00fchrte Studie zu potenziell schwerwiegenden UAW in der Onkologie unterstreicht die Notwendigkeit einer verbesserten Pharmakovigilanz f\u00fcr Arzneimittel, die im Rahmen beschleunigter Beurteilungs- und Entscheidungsverfahren von der amerikanischen Zulassungsbeh\u00f6rde (Food and Drug Administration, FDA) zugelassen bzw. Off-Label eingesetzt wurden (4).<\/p>\n<p>\u00b7 Innerhalb der regul\u00e4ren zentralen Zulassung sind Ausnahmeverfahren vorgesehen, die Patienten die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen sollen, schneller innovative Therapie f\u00fcr sich in Anspruch zu nehmen und somit \u201eOff-Label-Use\u201d zu vermeiden. Hierzu z\u00e4hlen beschleunigte Beurteilungs- und Entscheidungsverfahren (150 Tage f\u00fcr die Beurteilung der Antr\u00e4ge auf Zulassung) f\u00fcr Humanarzneimittel mit gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit (z.B. Arzneimittel gegen Krebs) und die kostenlose Bereitstellung noch in der klinischen Pr\u00fcfung befindlicher Arzneimittel schon vor der Zulassung f\u00fcr schwerkranke Patienten (\u201eCompassionate Use\u201d).<\/p>\n<p>\u00b7 Direkte Werbung beim Verbraucher f\u00fcr verschreibungspfllichtige Medikamente bleibt verboten. An der entsprechenden Kampagne hatte sich auch DER ARZNEIMITTELBRIEF beteiligt (13).<\/p>\n<p>\u00b7 Die Zulassung der Medikamente mu\u00df nach f\u00fcnf Jahren \u00fcberpr\u00fcft werden. Bei dieser Gelegenheit mu\u00df das Nutzen\/Risiko-Verh\u00e4ltnis angegeben und ggf. die Verkaufsziffern benannt werden.<\/p>\n<p>\u00b7 Leider m\u00fcssen nach wie vor nicht \u00fcberall neu auf dem Markt gekommene Medikamente als solche gekennzeichnet werden.<\/p>\n<p>Der Arzt bestimmt durch seine Entscheidungen ganz wesentlich die Qualit\u00e4t der Arzneimitteltherapie und einen verantwortungsvollen Patienten-orientierten Ressourceneinsatz. Die Bedingungen f\u00fcr seine Entscheidungen werden durch Gesetze geregelt. Reformen sind kein Schicksal sondern politische Gestaltungsnotwendigkeiten. Es kommt darauf an, sie nicht nur im Einzelnen zu verstehen, sondern an der weiteren Ausgestaltung verantwortlich und kritisch mitzuwirken.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Anonym: Rev. Prescrire 2004, <b>24<\/b>, 542.<\/li>\n<li>Green, M.R.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=15118072&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2004, <b>350<\/b>, 2191<\/a>.<\/li>\n<li>Garattini, S., und Bertele, V.: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12153927&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>325<\/b>, 269<\/a>.<\/li>\n<li>Ladewski, L.A., et al.: J. Clin. Oncol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=14551305&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>21<\/b>, 3859<\/a>.<\/li>\n<li>Boos, J.: Forum. Magazin der Deutschen Krebsgesellschaft: 2004, <b>S 2<\/b>, 18.<\/li>\n<li>Burgardt, C.: Forum. Magazin der Deutschen Krebsgesellschaft: 2004, <b>S 2<\/b>, 10.<\/li>\n<li>Bero, L.A., und Rennie, D.: Int. J. Technol. Assess. Health Care <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=8707496&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996, <b>12<\/b>, 209<\/a>.<\/li>\n<li>Pich, J., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12660062&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>361<\/b>, 1015<\/a>.<\/li>\n<li>Hasford, J., et al.: J. Clin. Epidemiol. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=1239084&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2002, <b>55<\/b>, 945<\/a>.<\/li>\n<li>Garattini, S., et al.: Brit. Med. J. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=12775624&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2003, <b>326<\/b>, 1199<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5646\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2001, <b>35<\/b>, 46<\/a>.<\/li>\n<li>Schneewei\u00df, S., et al.: Eur. J. Clin. 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