{"id":40641,"date":"2005-02-01T12:01:00","date_gmt":"2005-02-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2005\/palifermin-ein-rekombinanter-keratinozyten-wachstumsfaktor-zur-behandlung-der-oralen-mukositis-nach-intensiver-chemo-radiotherapie"},"modified":"2005-02-01T12:01:00","modified_gmt":"2005-02-01T11:01:00","slug":"palifermin-ein-rekombinanter-keratinozyten-wachstumsfaktor-zur-behandlung-der-oralen-mukositis-nach-intensiver-chemo-radiotherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/palifermin-ein-rekombinanter-keratinozyten-wachstumsfaktor-zur-behandlung-der-oralen-mukositis-nach-intensiver-chemo-radiotherapie\/","title":{"rendered":"Palifermin, ein rekombinanter Keratinozyten-Wachstumsfaktor, zur Behandlung der oralen Mukositis nach intensiver Chemo-\/Radiotherapie"},"content":{"rendered":"<p>Die orale Mukositis nach intensiver Chemotherapie bzw. Bestrahlung von Kopf- oder Halstumoren ist Folge der Sch\u00e4digung des Epithels und der Submukosa. Sie f\u00fchrt h\u00e4ufig zu unertr\u00e4glichen Schmerzen, einem erh\u00f6hten Risiko lokaler und systemischer Infektionen und zu einer Verl\u00e4ngerung des Krankenhausaufenthaltes. Eine Standardtherapie der durch Zytostatika und\/oder Bestrahlung ausgel\u00f6sten oralen Mukositis ist nicht bekannt. Klinische Studien mit neuen Therapiestrategien wie TGF beta (Transforming Growth Factor beta), Interleukin-11, Glutamin und topische Kryotherapie verliefen wenig erfolgreich (1).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sind die k\u00fcrzlich im N. Engl. J. Med. publizierten Ergebnisse einer plazebokontrollierten, doppeltblinden Phase-III-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit von Palifermin, einem rekombinanten Keratinozyten-Wachstumsfaktor, von klinischer Bedeutung (2). In dieser von Amgen und den Leitern der klinischen Pr\u00fcfung geplanten, ausgewerteten und publizierten klinischen Studie wurden insgesamt 212 Patienten eingeschlossen, bei denen wegen maligner Lymphome (85-90%), eines Plasmozytoms (8-10%) oder akuter Leuk\u00e4mien (2-5%) eine autologe Stammzelltransplantation nach Konditionierungsbehandlung mit intensiver Chemo-\/Radiotherapie durchgef\u00fchrt wurde. Die Konditionierungsbehandlung bestand aus einer Ganzk\u00f6rperbestrahlung (Gesamtdosis 1200 cGy) und einer intensiven Chemotherapie mit Etoposid sowie Cyclophosphamid. Nach Randomisierung erhielten jeweils 106 Patienten Plazebo oder Palifermin (60 \u00b5g\/kg K\u00f6rpergewicht\/d an drei aufeinander folgenden Tagen unmittelbar vor Beginn der Konditionierungsbehandlung sowie an den Tagen 0, 1 und 2 nach der autologen Stammzelltransplantation). Zus\u00e4tzlich erhielten alle Patienten Filgrastim (Neupogen<sup>\u00ae<\/sup>, 5 \u00b5g\/kg\/d), und bei den meisten Patienten wurde Aciclovir zur Prophylaxe einer Schleimhautsch\u00e4digung durch Herpes-simplex-Virus Typ 1 verabreicht. Genaue Angaben zu den weiteren Ma\u00dfnahmen der prophylaktischen Mundpflege unter Chemo-\/Radiotherapie finden sich in der Arbeit nicht. Der prim\u00e4re Endpunkt dieser kontrollierten klinischen Studie war die Dauer der oralen Mukositis mit WHO-Schweregrad 3 (Unf\u00e4higkeit, feste Nahrungsmittel zu schlucken) oder 4 (keine orale Nahrungszufuhr m\u00f6glich); sekund\u00e4re Endpunkte betrafen u.a. die Inzidenz der oralen Mukositis mit WHO-Grad 3 oder 4, die von Patienten berichteten Auswirkungen der Mund-\/Halsentz\u00fcndung und Schluckbeschwerden, die Gesamtdosis und Dauer der parenteralen oder transdermalen Gabe stark wirksamer Opioide und die H\u00e4ufigkeit einer totalen parenteralen Ern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Die Inzidenz einer oralen Mukositis (Grad 3 oder 4) betrug in der mit Palifermin behandelten Gruppe 63% und in der Plazebo-Gruppe 98% (p < 0,001). Auch die mediane Dauer der oralen Mukositis (Grad 3 oder 4) unterschied sich signifikant zugunsten der mit Palifermin behandelten Gruppe (6 Tage vs. 9 Tage; p < 0,001). Eine orale Mukositis Grad 4 trat bei 20% der Patienten in der Palifermin- und bei 62% in der Plazebo-Gruppe auf (p < 0,001). Dementsprechend ben\u00f6tigten die mit Palifermin behandelten Patienten signifikant weniger stark wirksame Opioide und seltener eine totale parenterale Ern\u00e4hrung. Interessanterweise traten in der Palifermin-Gruppe auch seltener febrile Neutropenien als in der Plazebo-Gruppe auf (75% vs. 92%; p < 0,001). Dieses Ergebnis unterstreicht die wichtige Rolle der oralen Mukosa als Barriere gegen Septik\u00e4mien. Genaue Angaben zu mikrobiologischen Kulturen aus der Mundh\u00f6hle bzw. zur Identifizierung der f\u00fcr die febrilen Neutropenien verantwortlichen Erreger finden sich in der Arbeit jedoch nicht.<\/p>\n<p>In der Palifermin-Gruppe traten verschiedene unerw\u00fcnschte Arzneimittelwirkungen (UAW) h\u00e4ufiger auf, die auf die Substanz zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, z.B. Hautausschlag, Juckreiz, Erythem, Par\u00e4sthesien, Geschmackst\u00f6rungen. Diese UAW waren nicht schwerwiegend, dauerten meistens nicht l\u00e4nger als drei Tage nach Absetzen von Palifermin und f\u00fchrten nicht zur vorzeitigen Beendigung der Gabe des Studienmedikaments.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Palifermin reduziert in dieser vom Hersteller stark unterst\u00fctzten Studie bei Patienten nach intensiver Konditionierungsbehandlung mit Chemo-\/Radiotherapie und autologer h\u00e4matopoetischer Stammzelltransplantation Dauer und Schweregrad der oralen Mukositis. Trotz Gabe dieses in Deutschland noch nicht zugelassenen Keratinozyten-Wachstumsfaktors trat jedoch bei etwa zwei Dritteln der Patienten weiterhin eine schwere orale Mukositis auf, so dass weitere Therapiestrategien n\u00f6tig sind, um die orale Mukositis zu vermeiden oder abzuschw\u00e4chen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen gr\u00f6\u00dfere Studien die Wirksamkeit von Palifermin best\u00e4tigen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Garfunkel, A.A.: N. Engl. J. Med. 2004, <b>351<\/b>, 2649.<\/li>\n<li>Spiegelberger, R., et al.: N. Engl. J. Med. 2004, <b>351<\/b>, 2590.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die orale Mukositis nach intensiver Chemotherapie bzw. Bestrahlung von Kopf- oder Halstumoren ist Folge der Sch\u00e4digung des Epithels und der Submukosa. Sie f\u00fchrt h\u00e4ufig zu unertr\u00e4glichen Schmerzen, einem erh\u00f6hten Risiko lokaler und systemischer Infektionen und zu einer Verl\u00e4ngerung des Krankenhausaufenthaltes. Eine Standardtherapie der durch Zytostatika und\/oder Bestrahlung ausgel\u00f6sten oralen Mukositis ist nicht bekannt. 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