{"id":539,"date":"2000-11-01T12:00:00","date_gmt":"2000-11-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2000\/vergleich-von-glibenclamid-mit-insulin-beim-gestationsdiabetes"},"modified":"2000-11-01T12:00:00","modified_gmt":"2000-11-01T11:00:00","slug":"vergleich-von-glibenclamid-mit-insulin-beim-gestationsdiabetes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/vergleich-von-glibenclamid-mit-insulin-beim-gestationsdiabetes\/","title":{"rendered":"Vergleich von Glibenclamid mit Insulin beim Gestationsdiabetes"},"content":{"rendered":"<p>Die Behandlung des Diabetes mellitus in der Schwangerschaft mit Sulfonylharnstoffen und Metformin ist weltweit tabu. Einerseits wird die teratogene Wirkung in den ersten Schwangerschaftsmonaten gef\u00fcrchtet, andererseits der plazentare Transfer der Medikamente auf den Feten und die Erzeugung einer fetalen Hyperinsulin\u00e4mie. Beim Gestationsdiabetes tritt die Hyperglyk\u00e4mie jedoch erst im zweiten oder dritten Trimenon auf, so da\u00df bei Einnahme von Sulfonylharnstoffen nicht mehr mit einer embryotoxischen Wirkung gerechnet werden m\u00fc\u00dfte. Fr\u00fchere Untersuchungen hatten ergeben, da\u00df z.B. Chlorpropamid, ein \u00e4lteres Sulfonylharnstoff-Pr\u00e4parat, die Plazenta passiert und im Nabelschnurblut in \u00e4hnlich hoher Konzentration wie im m\u00fctterlichen Blut nachweisbar ist. B.D. Elliott et al. wiesen jedoch nach, da\u00df in vitro, an der perfundierten, frisch ausgesto\u00dfenen Plazenta, Glibenclamid (Glyburid) die Plazentaschranke nicht passiert. Dies war die rationale Grundlage f\u00fcr die jetzt im N. Engl. J. Med. (<a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11036118&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <B>243<\/B>, 1134<\/a>) von der gleichen Gruppe (Langer, O., et al.) publizierten Studie, in der die Behandlung des Gestationsdiabetes mit Insulin (Standardtherapie) oder Glibenclamid verglichen wurde. 404 Frauen mit Einlings-Schwangerschaften und Gestationsdiabetes (diagnostiziert aufgrund eines 50 g-Glukose-Screening-Tests und eines anschlie\u00dfenden 100 g-Glukose-Belastungs-Tests) wurden zwischen der 11. und 33. Schwangerschaftswoche in die Behandlungs-Arme Insulin oder Glibenclamid randomisiert. Die N\u00fcchtern-Blutzuckerwerte mu\u00dften zwischen 95 und 140 mg\/dl liegen; Frauen mit N\u00fcchtern-Blutzuckerwerten < 95 mg\/dl konnten sp\u00e4ter in die Studie aufgenommen werden, wenn ihre postprandialen Blutzuckerwerte > 120 mg\/d waren. Als Di\u00e4t wurde normgewichtigen Frauen 35 kcal\/kg K\u00f6rpergewicht empfohlen. Patientinnen mit einem Body-Mass-Index > 27,3 sollten nur 25 kcal\/kg K\u00f6rpergewicht essen. Der Kohlenhydratanteil der empfohlenen Di\u00e4t betrug 40-45% am Kalorienwert. Alle Frauen mu\u00dften viermal am Tag den Blutzucker pr\u00e4prandial bzw. postprandial messen. Nach einer einw\u00f6chigen Vorperiode begann die Behandlung mit drei Injektionen Normal-Insulin vor den Mahlzeiten (initial 0,7 Einheiten\/kg\/d) oder mit Glibenclamid (initial 2,5 mg, danach, wenn n\u00f6tig 5 mg, Maximaldosis 20 mg). Die Insulin-Dosis konnte je nach Bedarf gesteigert werden.<\/p>\n<p>Die Ausgangswerte beider Gruppen, z.B. Alter, K\u00f6rpergewicht, mittlere N\u00fcchtern-Blutzucker oder mittlere Blutzucker im Ein- bis Drei-Stunden-Wert im 100 g-Glukose-Belastungs-Test waren in den beiden Gruppen gleich. Unter Therapie waren die Blutzuckerwerte n\u00fcchtern, pr\u00e4prandial mittags, postprandial und im Tagesdurchschnitt nicht signifikant verschieden. Der mittlere Blutzucker war unter Glibenclamid 105 \u00b1 16 mg\/dl, unter Insulin 105 \u00b1 18 mg\/dl. Allerdings waren diese Werte nur etwa um 10 mg\/dl niedriger als die Tagesmittelwerte w\u00e4hrend der Testwoche vor Behandlungsbeginn. Hypoglyk\u00e4mien waren unter Glibenclamid etwas h\u00e4ufiger als unter Insulin. Acht Patientinnen aus der Glibenclamid-Gruppe (4%) mu\u00dften auf Insulin umgestellt werden. Zw\u00f6lf Prozent der Neugeborenen in der Glibenclamid-Gruppe und 13% in der Insulin-Gruppe waren f\u00fcr das Gestationsalter zu gro\u00df. Sieben Prozent bzw. 4% der Neugeborenen wogen mehr als 4000 g. Lungenkomplikationen, postnatale Hypoglyk\u00e4mien und die Notwendigkeit von Intensivbehandlungen waren in beiden Gruppen nicht unterschiedlich. Die Zahl der fetalen Anomalien (2% in beiden Gruppen) war gleich und unterschied sich nicht von dem Prozentsatz bei nichtdiabetischen M\u00fcttern. Die Insulinkonzentration im Nabelschnurblut war in beiden Gruppen gleich, und Glibenclamid konnte in der entsprechenden Gruppe im Nabelschnurblut nicht nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Die Frage, ob ein leichter Gestationsdiabetes bei h\u00e4ufiger Blutzuckermessung \u00fcberhaupt nur mit Di\u00e4t behandelt werden sollte, ist noch nicht definitiv entschieden. Das Problem der Diagnostik und Therapie des Gestationsdiabetes wird im gleichen Heft des N. Engl. J. Med. (<a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=11036125&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <B>343<\/B>, 1178<\/a>) auch in einem Editorial von M.F. Greene aus Boston dargestellt und diskutiert. Er begl\u00fcckw\u00fcnscht die Autoren zu dieser gut geplanten Studie, die konventionelle \u00dcberzeugungen \u00fcberwindet und zeigt, da\u00df eine Behandlung des Gestationsdiabetes zumindest mit diesem Sulfonylharnstoff ohne gesteigertes Risiko (im Vergleich mit einer Insulin-Therapie) m\u00f6glich ist. Es darf aber nicht vergessen werden, da\u00df Patientinnen mit schwererem Gestationsdiabetes (N\u00fcchternblutzucker > 145 mg\/dl) nicht in diese Studie eingeschlossen wurden. Es wurde auch nicht mitgeteilt, ob perinatal Umstellungen auf Insulin notwendig wurden. In der Stre\u00dfsituation kurz vor und w\u00e4hrend einer Geburt erscheint es zumindest nicht ratsam, ein Sulfonylharnstoff-Pr\u00e4parat mit relativ langer Halbwertszeit zu verordnen.<\/p>\n<p><B>Fazit:<\/B> Die vorliegende Studie zeigt, da\u00df bei sorgf\u00e4ltiger Auswahl der Patientinnen mit Gestationsdiabetes eine gut \u00fcberwachte Therapie mit Glibenclamid zu \u00e4hnlich g\u00fcnstigen Ergebnissen f\u00fchren kann wie eine Therapie mit Normalinsulin. Da die Patientinnen in dieser Studie w\u00f6chentlich von speziell geschulten Schwestern gesehen wurden, sollte man unter Normalbedingungen der Schwangerenberatung die M\u00f6glichkeit der Behandlung des Gestationsdiabetes mit Glibenclamid jedoch nicht auf die leichte Schulter nehmen und zun\u00e4chst nur mit wenigen, genau \u00fcberwachten Patientinnen diese Therapieform ein\u00fcben, bevor man sie in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe anwendet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Behandlung des Diabetes mellitus in der Schwangerschaft mit Sulfonylharnstoffen und Metformin ist weltweit tabu. Einerseits wird die teratogene Wirkung in den ersten Schwangerschaftsmonaten gef\u00fcrchtet, andererseits der plazentare Transfer der Medikamente auf den Feten und die Erzeugung einer fetalen Hyperinsulin\u00e4mie. 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