{"id":634,"date":"1999-10-01T12:00:00","date_gmt":"1999-10-01T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/1999\/modifikationen-des-lebensstils-bei-koronarer-herzkrankheit"},"modified":"1999-10-01T12:00:00","modified_gmt":"1999-10-01T10:00:00","slug":"modifikationen-des-lebensstils-bei-koronarer-herzkrankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/modifikationen-des-lebensstils-bei-koronarer-herzkrankheit\/","title":{"rendered":"Modifikationen des Lebensstils bei Koronarer Herzkrankheit"},"content":{"rendered":"<p>\u00c4nderungen des Lebensstils mit dem Ziel, Risikofaktoren zu vermindern, sind inzwischen fester Bestandteil der Sekund\u00e4rpr\u00e4vention der Koronaren Herzkrankheit (KHK) und haben Eingang in entsprechende Richtlinien gefunden. Als eine der Pionierarbeiten in diesem Bereich ist der von D. Ornish initiierte &#8222;Lifestyle Heart Trial&#8220; anzusehen, dessen Einjahresergebnisse 1990 im Lancet publiziert wurden (1). Damals konnte in der lnterventionsgruppe nach einj\u00e4hriger Lebensstilmodifikation bei Patienten mit angiographisch gesicherter KHK eine signifikante R\u00fcckbildung der > 50%igen Koronarstenosen um im Mittel 5,3% gezeigt werden. Dar\u00fcber hinaus nahm die H\u00e4ufigkeit pektangin\u00f6ser Beschwerden um 90%, die H\u00f6he des LDL-Cholesterins um 37% ab. Allerdings stellte das Behandlungsprogramm nach Ornish gro\u00dfe Anforderungen an die Patienten. Es beinhaltet eine streng fettarme, rein vegetarische Di\u00e4t (10% Fettanteil an den Gesamtkalorien), Stre\u00dfmanagement mit t\u00e4glichen Entspannungs\u00fcbungen von 30 bis 60 Minuten, t\u00e4gliche Bewegung oder Sport von 30 Minuten sowie Gruppenunterst\u00fctzung. Trotz dieser Anforderungen konnte Ornish bei seinen Patienten mit hohem Bildungsstand eine ausgezeichnete Compliance erzielen.<\/p>\n<p>In JAMA wurden nun k\u00fcrzlich die Ergebnisse der 5j\u00e4hrigen Nachbeobachtung des &#8222;Lifestyle Heart Trial&#8220; publiziert (2). Die Daten von 20 der urspr\u00fcnglich 28 Patienten der Experimental-Gruppe und 15 von 20 Patienten der Kontroll-Gruppe konnten komplett, einschlie\u00dflich Kontrollangiographie nach 1 und 5 Jahren, erhoben werden. Bei diesen 35 Patienten fanden sich initial 224 koronarangiographische L\u00e4sionen. Nach Abzug von 24 Gef\u00e4\u00dfverschl\u00fcssen und 14 nicht beurteilbaren Stenosen (durch technische M\u00e4ngel oder erfolgte Koronarintervention) verblieben 186 Gef\u00e4\u00df-abschnitte zur vergleichenden Beurteilung. Die Ausgangsdaten beider Gruppen waren im wesentlichen gleich verteilt. Der Body-Mass-lndex war in der Experimentalgruppe mit 28,4 kg\/m<sup>2 <\/sup>gegen\u00fcber 25,4 kglm<sup>2 <\/sup>in der Kontroll-Gruppe erh\u00f6ht. Bei Studienbeginn betrug das Durchschnittsalter der Patienten 59 Jahre. Bei den meisten Patienten bestand eine koronare Dreigef\u00e4\u00dferkrankung.<\/p>\n<p>Auch noch nach 5 Jahren zeigte sich eine sehr gute Compliance mit den Behandlungsprogrammen. Patienten in der Experimental-Gruppe senkten ihren Fettenergieanteil von 30% auf durchschnittlich 8,5% und erh\u00f6hten ihre w\u00f6chentliche Dauer an Bewegungstraining von 2,2 Stunden auf 3,5 Stunden und die t\u00e4gliche Zeit an Entspannungs\u00fcbungen von 6 Minuten auf erstaunliche 48 Minuten. Die Patienten der Kontrollgruppe zeigten eine \u00e4hnlich gute Compliance mit den herk\u00f6mmlichen Richtlinien der American Heart Association und senkten ihren Fettenergieanteil von 30% auf 25% und f\u00fchrten 2,9 Stunden w\u00f6chentlich Bewegungstraining, aber nur 8 Minuten t\u00e4glich Entspannungs\u00fcbungen durch.<\/p>\n<p>Die Koronarangiographie nach 5 Jahren zeigte gegen\u00fcber dem Ausgangsbefund in der &#8222;Lifestyle&#8220;-Gruppe eine mittlere Reduktion der Stenosen um 3% und in der Kontroll-Gruppe eine mittlere Zunahme der Stenosen um 12%. Hierbei korrelierte in der &#8222;Lifestyle&#8220;-Gruppe die Abnahme der Stenosen signifikant mit der Compliance. Das Patienten-Drittel mit der besten Compliance hatten einen mittleren R\u00fcckgang der Stenosen von 6,8%, die beiden anderen Drittel hingegen nur von 3,0 bzw. 0,4%. Die Daten zu kardialen Ereignissen (Tod, PTCA, Koronar-Bypass, Myokardinfarkt, Krankenhausbehandlung) konnten bei der gesamten Studienpopulation erhoben werden. Es kam zu 45 Ereignissen bei 20 Patienten (2,3\/Patient) in der Kontroll-Gruppe, hingegen nur zu 25 Ereignissen bei 28 Patienten in der Expenmental-Gruppe (0,9\/Patient).<\/p>\n<p>In beiden Gruppen kam es zu einer Blutdrucksenkung von im Mittel 9\/5 mmHg. Das Gesamtcholesterin fiel in der Experimental-Gruppe von initial 225 mg\/dl auf 162 mg\/dl, das LDL-Cholesterin von 143 mg\/dl auf 87 mg\/dl. In der Kontroll-Gruppe blieben Gesamtcholesterin mit 245 mg\/dl und LDL mit 165 mg\/dl, trotz h\u00e4ufiger Verordnung eines Lipidsenkers, weitgehend unver\u00e4ndert. Patienten der Experimental-Gruppe nahmen durchschnittlich 10 kg Gewicht ab, die der Kontroll-Gruppe hingegen 2 kg zu. Nach Ansicht der Autoren zeigen die vorliegenden Ergebnisse des &#8222;Lifestyle Heart Trial&#8220;, trotz der kleinen Studienpopulation, da\u00df intensive Lebensstilmodifikationen erhebliche klinische und prognostische Wirkungen bei Koronarpatienten bewirken k\u00f6nnen. Der Abfall des Gesamtcholesterins um mehr als 60 mg\/dl der Interventions-Gruppe belegt zudem, da\u00df bei konventionellen Studien die di\u00e4tetischen M\u00f6glichkeiten gegen\u00fcber den medikament\u00f6sen Optionen nicht vollst\u00e4ndig genutzt werden. Zu bedenken ist allerdings, da\u00df das von D. Ornish entwickelte Programm erhebliche Anforderungen an die Patienten stellt. Ob in breiteren Bev\u00f6lkerungsschichten eine ebensogute Compliance erreichbar ist, ist fraglich. Ebenso bleibt ungekl\u00e4rt, welchen Anteil die einzelnen Elemente des Programms am Gesamterfolg haben.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang sind die ebenfalls k\u00fcrzlich im JAMA publizierten Ergebnisse einer Studie von A.L. Dunn und Mitarbeitern aus dem Cooper Institute in Dallas von Bedeutung (3). In einer randomisierten prospektiven Studie wurden die Wirkungen zweier verschiedener Programme zur k\u00f6rperlichen Bewegung bei 237 bisher inaktiven Probanden zwischen 35 und 60 Jahren untersucht. Patienten in der konventionellen strukturierten \u00dcbungsgruppe wurden zu 3- bis 5mal w\u00f6chentlichen Sport- und Fitness-Aktivit\u00e4ten unter Anleitung eingeladen. Der Besuch eines physiotherapeutisch geleiteten wohnortnahen Fitness-Zentrums war kostenfrei und galt der Zielsetzung einer individualisierten Auswahl an unterschiedlichen Sportarten. Patienten in der &#8222;Lifestyle&#8220;-Gruppe erhielten hingegen einige Gruppensitzungen, in denen Motivations- und Verhaltensstrategien zur F\u00f6rderung der k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t thematisiert wurden. Ziel war die Implementierung moderater k\u00f6rperlicher Bewegung in allt\u00e4gliche Besch\u00e4ftigungen (z.B. Arbeitswege, Einkaufen), nicht jedoch gezielt die zus\u00e4tzliche Aus\u00fcbung spezieller Sportarten. Am Ende der 2j\u00e4hrigen Studienphase waren beide Gruppen signifikant aktiver, die &#8222;Lifestyle&#8220;-Gruppe durch h\u00e4ufige moderate Belastung, die strukturierte \u00dcbungsgruppe hingegen durch intensive Belastungsgrade. In beiden Gruppen fand sich ein signifikanter Abfall des Blutdrucks (3\/5 mmHg), eine signifikante Abnahme des K\u00f6rperfett-Anteils und ein signifikanter Anstieg des O<sub>2<\/sub>-Verbrauchs und der Belastungsf\u00e4higkeit in der Fahrrad-Spiroergometrie. Im Studienverlauf zeigte sich in der &#8222;Lifestyle&#8220;-Gruppe eine stabilere Compliance bez\u00fcglich der empfohlenen k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t. In einem begleitenden Editorial vom M. Pratt (4) wird auf die praktischen Konsequenzen dieser Arbeit hingewiesen. Fr\u00fchere Studien hatten bereits gezeigt, da\u00df schon eine geringe Intensivierung bei sonst geringer k\u00f6rperlicher Bewegung einen gro\u00dfen pr\u00e4ventiven Nutzen bewirkt, wohingegen maximale sportliche Aktivit\u00e4t teilweise mit negativen Folgen, wie einer erh\u00f6hten Verletzungsgefahr, behaftet ist. Die vorliegende Arbeit zeigt nun, da\u00df auch die Art und Weise einer pr\u00e4ventiv wirksamen k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t sehr breit gefa\u00dft werden kann und nicht in jedem Fall ein zus\u00e4tzlicher Zeitbedarf f\u00fcr den Patienten resultiert. Dies d\u00fcrfte der Motivation zur k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t und dem Ziel langfristiger Verhaltens\u00e4nderungen bei Patienten sehr f\u00f6rderlich sein.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich g\u00fcnstige Resultate wurden k\u00fcrzlich auch aus der gro\u00dfen Nurses Health Study mitgeteilt (72488 Krankenschwestern; 5). Rasches Gehen, aber auch andere k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4ten (Jogging, Golf, Tennis, Squash, Radfahren, Schwimmen, Aerobic u.a.) f\u00fchrten &#8211; positiv korreliert mit der Intensit\u00e4t eines errechneten &#8222;Metabolic Equivalent Score&#8220; &#8211; zu deutlich weniger Auswirkungen einer KHK (nichtt\u00f6dliche Myokardinfarkte, Todesf\u00e4lle durch KHK).<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Durch intensive Ver\u00e4nderungen des Lebensstils (Ern\u00e4hrung, Bewegung) k\u00f6nnen langfristig vaskul\u00e4re Risikofaktoren vermindert und konsekutiv eine Regression von Koronarstenosen bewirkt werden. Von wesentlicher Bedeutung f\u00fcr den klinischen Erfolg ist die Compliance und die Motivation. Zu zeigen ist, ob auch weniger intensive und damit praktikablere Programme zu \u00e4hnlich positiven Ergebnissen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Ornish, D., et al.: Lancet <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=1973470&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1990, <b>336<\/b>, 129<\/a>.<\/li>\n<li>Ornish, D., et al.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9863851&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1998, <b>280<\/b>, 2001<\/a>.<\/li>\n<li>Dunn, A.L., et al.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9929085&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>281<\/b>, 327<\/a>.<\/li>\n<li>Pratt, M.: JAMA <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=9929093&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>281<\/b>, 375<\/a>.<\/li>\n<li>Manson, J.E., et al.: N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10460816&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999, <b>341<\/b>, 650<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4nderungen des Lebensstils mit dem Ziel, Risikofaktoren zu vermindern, sind inzwischen fester Bestandteil der Sekund\u00e4rpr\u00e4vention der Koronaren Herzkrankheit (KHK) und haben Eingang in entsprechende Richtlinien gefunden. Als eine der Pionierarbeiten in diesem Bereich ist der von D. Ornish initiierte &#8222;Lifestyle Heart Trial&#8220; anzusehen, dessen Einjahresergebnisse 1990 im Lancet publiziert wurden (1). 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