{"id":681,"date":"2000-10-01T12:03:00","date_gmt":"2000-10-01T10:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2000\/ausverkauf-der-akademischen-medizin"},"modified":"2000-10-01T12:03:00","modified_gmt":"2000-10-01T10:03:00","slug":"ausverkauf-der-akademischen-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/ausverkauf-der-akademischen-medizin\/","title":{"rendered":"Ausverkauf der akademischen Medizin?"},"content":{"rendered":"<p>Medizinische Forschung ist ohne die pharmazeutische Industrie heute nicht mehr denkbar. Mehr als die H\u00e4lfte aller Gelder, die in Deutschland f\u00fcr die medizinische Forschung aufgewendet werden, stammen aus der Industrie (s. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5692\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2000, <b>34<\/b>, 1<\/a>). Diese Mittel werden von den Firmen nicht aus philanthropischen Motiven ausgegeben; es handelt sich vielmehr um unternehmerische Investitionen, die sich auszahlen m\u00fcssen. Entsprechend gro\u00df ist der Erfolgsdruck, dem alle Beteiligten ausgesetzt sind, z.B. bei der Entwicklung eines Medikaments. Die beteiligten klinisch t\u00e4tigen \u00c4rzte sind in einer besonderen Situation, denn sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Verantwortung f\u00fcr ihre Patienten, die ihrerseits positive Erwartungen haben, den eigenen Karriereinteressen und den positiven Erwartungen der Geldgeber. Immer h\u00e4ufiger werden F\u00e4lle bekannt, da\u00df \u00c4rzte diesem Druck nicht standhalten und Daten f\u00e4lschen. Aber auch jenseits dieser kriminellen Handlungen werden in scheinbar seri\u00f6sen Studien bei der Konzeption, bei der statistischen Auswertung oder bei der Publikation von Studien Manipulationen vorgenommen (Bias), die ein Fachfremder nur sehr schwer oder gar nicht erkennen kann. Es liegt daher in der Verantwortung der medizinischen Fakult\u00e4ten, der Ethikkommissionen und der Fachzeitschriften mit ihren Peer-Reviewern, \u00fcber die Qualit\u00e4t der vorgelegten Forschungsergebnisse zu wachen, auf m\u00f6gliche Manipulationen hinzuweisen und schwarze Schafe streng zu sanktionieren. Wie aber soll eine solche Kontrolle glaubw\u00fcrdig und wirksam sein, wenn die Kontrollorgane ihrerseits von der Industrie abh\u00e4ngig sind?<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund einer von Keller, M.B., et al. \u00fcber Nefazodon publizierten Arbeit (N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10816183&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <b>342<\/b>, 1462<\/a>; s.a. <a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=5775\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2000, <b>34<\/b>, 78b<\/a>) kommentiert die ehemalige Herausgeberin des N. Engl. J. Med., M. Angell, die un\u00fcberschaubar gewordene Verstrickung der medizinischen Forschung und Publizistik mit den wirtschaftlichen Interessen der pharmazeutischen Industrie unter dem Titel \u201dIs academic medicine for sale?\u201d (N. Engl. J. Med. <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/entrez\/query.fcgi?cmd=Retrieve&#038;db=PubMed&#038;list_uids=10816191&#038;dopt=Abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2000, <b>342<\/b>, 1516<\/a>). Im vorliegenden Fall einer multizentrischen, doppeltblinden, randomisierten Testung des Antidepressivums Nefazodon waren die Verflechtungen der 12 Autoren mit der Industrie derart vielf\u00e4ltig, da\u00df die komplette Liste der Beratervertr\u00e4ge aus Platzmangel nur auf der Website des N. Engl. J. Med. publiziert werden konnte. Au\u00dferdem fand sich zun\u00e4chst kein Kommentator f\u00fcr die Studie, da dieser nach den Regeln der Zeitschrift m\u00f6glichst keine finanziellen Verbindungen zur Industrie haben darf. Glaubt man Frau Angell, dann ist es &#8211; zumindest in Bereichen, in denen viel Geld verdient wird &#8211; heutzutage nahezu unm\u00f6glich, einen unabh\u00e4ngigen Kommentator f\u00fcr eine Studie zu finden.<\/p>\n<p>Durch die Kooperation mit der Industrie k\u00f6nnen sich klinische Forscher viele direkte und indirekte Vorteile verschaffen: sie erhalten ein Beraterentgelt oder sind an Patenten beteiligt; sie besitzen Aktien, stehen auf Publikationslisten und werden st\u00e4ndig zitiert; sie reisen durch die Welt und machen sich auf gesponserten Symposien international bekannt; zudem erhalten sie leichter Forschungsgelder usw. Ohne diese Hilfen ist es sehr viel schwerer, eine erfolgreiche Universit\u00e4tskarriere zu machen.<\/p>\n<p>In den USA haben viele medizinische Fakult\u00e4ten Regeln aufgestellt, die solche Verbindungen eingrenzen sollen. So d\u00fcrfen z.B. \u00c4rzte in Harvard nur eine sehr begrenzte Anzahl von Aktien einer Pharmafirma halten, deren Produkte sie beforschen. Um renommierte Wissenschaftler an der Fakult\u00e4t zu halten, wurden diese Regeln jedoch teilweise schon wieder aufgeweicht. Vielerorts ist die N\u00e4he zwischen Industrie und Fakult\u00e4ten so gro\u00df, da\u00df es gemischte Arbeitsgruppen in gemeinsamen R\u00e4umen gibt, und einzelne Wissenschaftler haben sogar zwei Arbeitgeber, die Universit\u00e4t und eine pharmazeutische Firma. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Industrie kann schnell neue Entwicklungen und Bed\u00fcrfnisse erkennen und junge, talentierte Wissenschaftler anwerben. Andererseits erhalten die Universit\u00e4ten Forschungsgelder und -m\u00f6glichkeiten und k\u00f6nnen neue Substanzen und Technologien schneller anwenden. Der Preis, den die Wissenschaft hierf\u00fcr zu zahlen hat, ist allerdings h\u00f6her als die Zuwendungen der Industrie: die Unabh\u00e4ngigkeit der Forschung und die Glaubw\u00fcrdigkeit der akademischen Medizin.<\/p>\n<p>Die Herausgeber des N. Engl. J. Med., der weltweit bedeutendsten medizinischen Fachzeitschrift, appellieren an die Universit\u00e4ten, f\u00fcr Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit der Forschung zu k\u00e4mpfen und ihre engen Verbindungen mit der Industrie zu l\u00f6sen. Es sei vor allem in ihrer Verantwortung, strengere Regeln f\u00fcr die Zusammenarbeit mit der Industrie aufzustellen und Verst\u00f6\u00dfe gegen diese Regeln zu ahnden. Alle \u00c4rzte sollen vorhandene Beratervertr\u00e4ge offenlegen und k\u00fcndigen, Freistellungen zu gesponserten Symposien sollten nicht mehr m\u00f6glich sein und Geschenke oder Einladungen von Firmen prinzipiell abgelehnt werden. Leider ist zu f\u00fcrchten, da\u00df dieser Appell nicht mehr als ein frommer und naiver Wunsch bleibt. Viel eher ist anzunehmen, da\u00df der Schreiber eines Leserbriefs Recht beh\u00e4lt, wenn er auf die Frage \u201dSteht die akademische Medizin zum Verkauf?\u201d antwortet: \u201dNein. Der gegenw\u00e4rtige Eigent\u00fcmer ist ganz zufrieden mit ihr\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medizinische Forschung ist ohne die pharmazeutische Industrie heute nicht mehr denkbar. Mehr als die H\u00e4lfte aller Gelder, die in Deutschland f\u00fcr die medizinische Forschung aufgewendet werden, stammen aus der Industrie (s. AMB 2000, 34, 1). 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