{"id":720,"date":"2004-10-01T12:03:00","date_gmt":"2004-10-01T10:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/der-arzneimittelbrief.com\/artikel\/2004\/einfuehrung-in-die-arzneimittelverbrauchsforschung"},"modified":"2004-10-01T12:03:00","modified_gmt":"2004-10-01T10:03:00","slug":"einfuehrung-in-die-arzneimittelverbrauchsforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/nachrichten\/einfuehrung-in-die-arzneimittelverbrauchsforschung\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung in die Arzneimittelverbrauchsforschung"},"content":{"rendered":"<p>Im Februar 2004 ist vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) die deutsche \u00dcbersetzung der Publikation \u201eIntroduction to Drug Utilization Research\u201d der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ver\u00f6ffentlicht worden (1). Im Vorwort betonen J. Klauber und H. Schr\u00f6der vom WIdO, da\u00df diese Einf\u00fchrung in die Arzneimittelverbrauchsforschung zeigen soll, wie die in Deutschland verf\u00fcgbaren Daten im Arzneimittelbereich sinnvoll zur Herstellung von Transparenz genutzt werden k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus soll das Thema Arzneimittelverbrauchsforschung mit seinen methodischen Grundlagen einem breiteren Publikum vermittelt werden. Die Arzneimittelverbrauchsforschung hat in den letzten 20 Jahren in Deutschland gro\u00dfe Fortschritte gemacht, und Deutschland z\u00e4hlt heute in Europa zu den L\u00e4ndern, die \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte Transparenz im Arzneimittelmarkt verf\u00fcgen. Als einen Meilenstein benennen J. Klauber und H. Schr\u00f6der den im Jahre 1980 begonnenen Arzneimittelindex der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im WIdO, der von den Spitzenverb\u00e4nden der GKV, der \u00c4rzte- und der Apothekerschaft finanziert wird und das Ziel verfolgt, zu einer \u201eVerbesserung der Transparenz auf dem Arzneimittelmarkt zur Sicherstellung einer therapie- und bedarfsgerechten sowie wirtschaftlichen Arzneiversorgung beizutragen\u201d. Ein weiterer Meilenstein ist der seit 1985 erscheinende Arzneiverordnungs-Report unter der Herausgeberschaft von U. Schwabe und D. Paffrath, in dem j\u00e4hrlich auf inzwischen mehr als 1000 Seiten der deutsche Arzneimittelmarkt beschrieben wird, und der Informationen \u00fcber die 3000 verordnungsst\u00e4rksten Arzneimittel, die vom GKV-Arzneimittelindex zur Verf\u00fcgung gestellt werden, enth\u00e4lt (s.a. 2, 3). Der Arzneiverordnungs-Report enth\u00e4lt auch regelm\u00e4\u00dfig ausf\u00fchrliche Analysen des Arzneimittelmarktes in Deutschland sowie der Arzneimittelverordnungen nach Alter, Geschlecht und Arztgruppen (4).<\/p>\n<p>Die Arzneimittelverbrauchsforschung wurde 1977 von der WHO definiert als Forschung zu \u201eVermarktung, Vertrieb, Verordnung und Anwendung von Arzneimitteln in einer Gesellschaft, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der medizinischen, sozialen und \u00f6konomischen Folgen\u201d. Hauptziel der Arzneimittelverbrauchsforschung ist es, eine sinnvolle Arzneimittelanwendung zu f\u00f6rdern und dadurch eine qualitativ hochwertige Leistungserbringung bei begrenzten finanziellen Ressourcen sicherzustellen. Die Arzneimittelverbrauchsforschung liefert nicht unbedingt selbst Antworten, sie tr\u00e4gt jedoch unverzichtbar zu einer sinnvollen Anwendung von Arzneimitteln bei. Um bewerten zu k\u00f6nnen, ob Arzneimittel sinnvoll eingesetzt werden oder nicht, ben\u00f6tigt man Methoden, mit deren Hilfe man die Behandlung mit Arzneimitteln auf ihren therapeutischen Nutzen hin \u00fcberpr\u00fcfen kann. Eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr detaillierte Vergleiche der Arzneimittelverbrauchsdaten aus verschiedenen L\u00e4ndern war die Entwicklung einer rechnerischen Ma\u00dfeinheit, der definierten Tagesdosis (DDD). Hierunter versteht man die angenommene mittlere t\u00e4gliche Erhaltungsdosis f\u00fcr die Hauptindikation eines Arzneimittels bei Erwachsenen, die m\u00f6glichst in DDD pro 1000 Einwohner und Tag angegeben werden sollte. Neben der Definition der DDD war die Einf\u00fchrung eines einheitlichen anatomisch-therapeutisch-chemischen (ATC) Klassifikationssystems ein weiterer Schritt, der aussagekr\u00e4ftige Vergleiche des Arzneimittelverbrauchs in verschiedenen L\u00e4ndern erm\u00f6glichte (s.a. 5). Im ATC-Klassifikationssystem werden Arzneimittel entsprechend dem Organ oder dem Organsystem, auf das sie einwirken, und nach ihren chemischen, pharmakologischen und therapeutischen Eigenschaften in verschiedene Gruppen eingeteilt. Selbstverst\u00e4ndlich sind sowohl die Ma\u00dfeinheit DDD als auch der ATC-Code als ein dynamisches System aufzufassen, das st\u00e4ndigen \u00c4nderungen unterliegt und deshalb regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Die von der WHO vorgelegte Brosch\u00fcre enth\u00e4lt 6 Kapitel, die sich mit Zielen und Daten zur F\u00f6rderung eines sinnvollen Arzneimittelverbrauchs besch\u00e4ftigen, \u00f6konomische Aspekte des Arzneimittelverbrauchs beleuchten und derzeit verwendete Arzneimittelklassifikationssysteme sowie Ma\u00dfzahlen des Arzneimittelverbrauchs und ihre Anwendung diskutieren. Die Kapitel 2 bis 6 enthalten insgesamt 13 interessante, f\u00fcr den klinischen Einsatz von Arzneimitteln relevante \u00dcbungen bzw. Fragen, deren L\u00f6sungen in einem eigenen Kapitel ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert werden. Der Leser ist dadurch in der Lage, seinen eigenen Wissenszuwachs auf dem Gebiet der Arzneimittelverbrauchsforschung zu \u00fcberpr\u00fcfen und L\u00f6sungen, z.B. Vergleich von Antihypertonika oder von Celecoxib und Diclofenac, an praktischen Beispielen zu erarbeiten. Im ersten Kapitel dieser Brosch\u00fcre wird am Beispiel des Arzneimittelverbrauchs in Estland verdeutlicht, wie die Arzneimittelverbrauchsforschung auf die Entwicklungen in der Arzneimittelpolitik unmittelbar Einflu\u00df nehmen kann. Estland ben\u00f6tigte nach Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit Strategien f\u00fcr die Arzneimittelpolitik, und es wurden deshalb Studien zum Arzneimittelverbrauch durchgef\u00fchrt. Hierzu wurde ein eigenes Arzneimittelklassifikationssystem f\u00fcr Estland entwickelt und zwischen 1992 und 1994 ein auf diesem Klassifikationssystem basierendes Berichtssystem \u00fcber die Ums\u00e4tze des Gro\u00dfhandels eingef\u00fchrt, \u00fcberpr\u00fcft und validiert. Die j\u00e4hrlich \u00fcberpr\u00fcften Daten zum Arzneimittelverbrauch wurden u.a. von der Arzneimittel-Aufsichtsbeh\u00f6rde f\u00fcr die Einleitung von Schulungsma\u00dfnahmen oder Beschr\u00e4nkungen bei bestimmten Arzneimitteln (z.B. Beendigung des Imports und Verbrauchs bestimmter gef\u00e4hrlicher Produkte wie Phenacetin, \u00e4lterer Sulfonamide und Pyrazolone) genutzt. Bei der Planung der Kostenerstattungsregelungen wurde das Gesamtvolumen des Arzneimittelverbrauchs in DDD sorgf\u00e4ltig \u00fcberwacht, das in den 1990er Jahren weniger als ein Drittel des Verbrauchs in den skandinavischen L\u00e4ndern betrug. Ein wichtiger Grund hierf\u00fcr war eine Unterdosierung bei bestimmten chronischen Erkrankungen (z.B. Bluthochdruck und Schizophrenie), so da\u00df in der Folge die Verf\u00fcgbarkeit und der Verbrauch von Arzneimitteln zur Behandlung kardiovaskul\u00e4rer Erkrankungen und Psychosen gef\u00f6rdert wurde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich machen Arzneimittelverbrauchsdaten nur einen Teil der Hintergrundinformationen aus, die bei Entscheidungen \u00fcber Therapierichtlinien eine Rolle spielen. Da sie Fehlentwicklungen auf dem Arzneimittelmarkt fr\u00fchzeitig erkennen, sind sie jedoch f\u00fcr unabh\u00e4ngige Informationsbl\u00e4tter wie den ARZNEIMITTELBRIEF und offizielle Gremien wie die Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft unverzichtbar, um einen rationalen und kostenbewu\u00dften Arzneimittelverbrauch zu f\u00f6rdern. Die Arzneimittelverbrauchsforschung setzt eine enge Zusammenarbeit von verordnenden \u00c4rzten, klinischen Pharmakologen, Apothekern und Epidemiologen voraus. Es bleibt zu hoffen, da\u00df Deutschland nicht nur auf dem Gebiet der Arzneimittelverbrauchsforschung, sondern auch bei der Umsetzung der Arzneimittelverbrauchsdaten in eine effiziente und \u00f6konomisch sinnvolle Verordnung von Arzneimitteln bald eine f\u00fchrende Rolle in Europa einnimmt.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b> Die \u201eEinf\u00fchrung in die Arzneimittelverbrauchsforschung\u201d ist eine sehr informative Brosch\u00fcre, die in komprimierter Form wichtige Aspekte der Arzneimittelverbrauchsforschung beleuchtet und allen \u00c4rzten, die Arzneimittel verordnen, zur Lekt\u00fcre empfohlen werden kann.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ol class=\"literatur\">\n<li>Einf\u00fchrung in die Arzneimittelverbrauchsforschung. KomPart Verlagsgesellschaft, Bonn\/Bad Homburg, 2004 (ISBN 3-922093-34-5).<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6237\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2003, <b>37<\/b>,1<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.der-arzneimittelbrief.de\/de\/Artikel.aspx?SN=6358\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AMB 2004, <b>38<\/b>,1<\/a>.<\/li>\n<li>Schwabe, U., und Paffrath, D.: Arzneiverordnungs-Report 2003. Springer, Berlin, Heidelberg, New York.<\/li>\n<li>AMB 1994, <b>28<\/b>, 23.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Februar 2004 ist vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) die deutsche \u00dcbersetzung der Publikation \u201eIntroduction to Drug Utilization Research\u201d der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ver\u00f6ffentlicht worden (1). Im Vorwort betonen J. Klauber und H. 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