Klinische relevante Nebenwirkungen von Antibiotika werden deutlich unterschätzt

Etwa 50% aller stationär aufgenommenen Patienten bekommen während ihres Aufenthalts mindestens ein Antibiotikum. Bei 20-30% besteht keine Indikation, d.h. die Therapie ist überflüssig. Als Gründe gelten u.a. ungenügende Ausbildung, Unsicherheit und ungerechtfertigtes Sicherheitsgefühl bei der Verordnung von Antibiotika. Dabei wird aber häufig vergessen, dass Antibiotika zum Teil erhebliche, klinisch relevante Nebenwirkungen verursachen können. Hierzu gehören allergische Reaktionen, Endorgan-toxische Schädigungen, Ausbreitung von resistenten Keimen, neurologische Symptome mit Verwirrtheit (besonders bei Älteren) und die Clostridium-difficile-assoziierte Erkrankung. Schätzungen zum Ausmaß der durch Antibiotika verursachten NW in Krankenhäusern sind kaum verfügbar. In einer retrospektiven Analyse von Patienten, die wegen NW von Arzneimitteln in Notaufnahmen vorstellig wurden, waren 19% auf Antibiotika zurückzuführen.

 

Zu NW von Antibiotika im Krankenhaus wurde kürzlich eine retrospektive Studie publiziert. Diese wurde an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, USA, durchgeführt. (…) Von den 5.579 in dem oben genannten Zeitraum aufgenommenen Patienten erhielten 1.488 (27%) eine antibiotische Therapie. Den meisten dieser Patienten wurde mehr als ein Antibiotikum verordnet. (..) Die häufigsten Gründe für die Verschreibung eines Antibiotikums waren Harnwegsinfektionen (12%), Haut- und Weichteil-Infektionen (8%) sowie ambulant erworbene Pneumonien (7%).

Von den insgesamt 324 festgestellten NW, traten 57% in den ersten 30 Tagen auf. Der Zeitpunkt bis zum Auftreten von NW in der 30-Tage-Auswertung war im Median 5 Tage. Gastrointestinale (42%), renale (24%) und hämatologische NW (15%) waren am häufigsten. (..) Bei 287 (19%) Patienten, die ein Antibiotikum (oder mehrere Antibiotika) systemisch erhalten hatten, bestand keine Indikation für eine antibiotische Behandlung. (..)

In der 90-Tage-Analyse wurden 138 NW gefunden, davon 29% Clostridium-difficile-assoziierte Erkrankung und 61% Infektionen mit multiresistenten Erregern.

 

Fazit: Antibiotika-assoziierte Nebenwirkungen sind häufig und oft auch klinisch relevant. Antibiotika sollten – auch deswegen – nur bei klarer Indikation verordnet werden.

 

Gekürzt aus DER ARZNEIMITTELBRIEF AMB 2017, 51, 88ÖB02

Klinische relevante Nebenwirkungen von Antibiotika werden deutlich unterschätzt